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Der Autor dankt besonders allen ehemaligen
Heimkindern, die bereit waren, ihm ihre Lebensgeschichten
anzuvertrauen, insbesondere Gisela Nurthen, ohne die es dieses Buch
nicht gegeben hätte.
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Bei
vielen ging nicht nur das Selbstvertrauen kaputt, auch die Fähigkeit,
einem anderen Menschen zu vertrauen, wurde lebenslänglich
zerstört. Sie mussten es wieder und wieder erleben: Sobald sie
sich jemanden im Heim anvertraut hatten, ging es am Ende schlecht für
sie aus. Das perfide System von Macht und Ohnmacht, von Stärke
und Schwäche, von Austricksen und Ausgetrickstwerden, von
Konkurrenz und Überlebenskampf übertrug sich quasi
automatisch auf die Kinder, auch das wurde bei den Recherchen
deutlich. Die im Heim erlernten Muster können die [ Seite 196
] Kommunikation Ehemaliger untereinander noch heute stören. „Wir
Heimkinder können die notwendige Aufarbeitung nicht alleine
bewältigen“, schrieb Gisela Nurthen, „wir brauchen
Unterstützung von vielen anderen: von Wissenschaftlern,
Pädagogen, Juristen, Politikern, Traumaforschern, Journalisten
oder Filmmachern,Die unbarmherzigen Schwestern,The Magdalene
Sisters,
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„Die
Menschenwürde zurückgewinnen“
Einige
Erfahrungen bei der Entstehung dieses Buches
In Paderborn,
beklagte sich eine SPIEGEL-Leserin per Email, sei der Film „Die
unbarmherzigen Schwestern“ noch immer nicht zu sehen.
Vielleicht liege das am Erzbistum, schließlich hätte der
Vatikan den Spielfilm über Misshandlungen in irischen
katholischen Heimen am liebsten unterdrückt. Ob der SPIEGEL da
nicht mal recherchieren könne.
Warum sie denn der Film so
sehr interessierte, wollte ich von der Leserin wissen. Ihre Antwort:
„Weil wir in einem Dortmunder Heim Ähnliches durchgemacht
haben, Anfang der sechziger Jahre.“
Wo und bei wem das
denn gewesen sei? „Im Vincenzheim, in der Oesterholzerstrasse,
ein Haus für sogenannte gefallene Mädchen, geführt von
katholischen Ordensschwestern.“
Ich hatte „Die
unbarmherzigen Schwestern“ gerade in einem Berliner Kino
gesehen und wurde neugierig. Prügel, Isolation, Erniedrigung,
harte Arbeit und geradezu hysterische Sauberkeit, so beschrieb der
Film das Schicksal dreier Mädchen in einem Erziehungsheim der
Magdalenenschwestern in Irland. In Deutschland sollte es so etwas
auch gegeben haben?
Unter der angegebenen Adresse in Dortmund
existiert immer noch ein Kinderheim. Nur die „Barmherzigen
Schwestern“ seien nicht mehr da, hieß es am Telefon, die
hätten sich „zurückgezogen“.
Auf der
Internetseite präsentiert sich das 1903 gegründete Haus
heute als moderne Ausbildungsstätte. in dem knappen historischen
Überblick fällt eine bemerkenswerte Lücke ins Auge.
Die Zeit zwischen 1927 und 1966 scheint es nicht gegeben zu haben. In
der Selbstdarstellung („Über uns“) wird zwar die
Erweiterung des Erziehungsheimes um eine Landwirtschaft im Jahr 1927
erwähnt. Doch danach werden 40 Jahre übersprungen.
„Bis
1966“, heißt es lediglich pauschal und nebulös,
„folgte dann [ Seite 184 ] ein grundlegender Umbau nach
neusten Erkenntnissen der Pädagogik und
Sozialwissenschaft.“
Dass Institutionen bei der
Darstellung ihrer Geschichte die NS-Zeit weglassen, ist nicht so
ungewöhnlich. Was aber war in den Jahren nach 1945? Was in den
fünfziger und frühen sechziger Jahren? Jenen Zeiten des
heute so oft gepriesenen „Wirtschaftswunders“, den
Gründerjahren der Bundesrepublik?
Die Leserin, sie hieß
Gisela Nurthen, schrieb weitere E-mails. „Leider kenne ich von
damals keine Zöglinge mehr. Man war ja froh, wenn man mit der
ganzen Sache nichts mehr zu tun hatte.“
Ich begann zu
recherchieren und fand rund um Paderborn und in anderen Städten
immer mehr Betroffene. Alle Gesprächspartner, ehemalige
Fürsorgezöglinge, berichteten haarsträubende Dinge aus
jener Zeit.
Im Mai 2003 erschien im SPIEGEL der Artikel
„Unbarmherzige Schwestern“ über die skandalösen
Zustände in deutschen Erziehungsheimen in den fünfziger und
sechziger Jahren. In der Unterzeile stand der Satz: „Die damals
Betroffenen wollen den Skandal nun aufklären, stoßen aber
auf eine Mauer des Schweigens.“
Das musste ich gemeinsam
mit Gisela Nurthen, ob unterwegs im Jugendamt Detmold auf der Suche
nach ihren Akten, beim Amtsgericht, im heutigen Vincenzheim oder in
der Paderborner Zentrale der Vincentinerinnen, selbst erleben. Alle
Stellen, die einmal für sie als 14-jähriger Fürsorgezögling
zuständig waren und die sie nun wieder aufsuchte, konnten oder
wollten ihr nicht helfen, das Trauma ihrer Jugend aufzuklären.
Ihre
Akten waren verschwunden, die Spuren von Leben und Arbeit im
Dortmunder Vincenzheim offenbar getilgt. Die Nonnen, die sie einst
drangsalierten, lebten zwar noch in Paderborn, wurden von den
jüngeren Ordensschwestern jedoch abgeschirmt.
Einmal war
ich dabei, als Gisela Nurthen erfolglos die Sprecherin des Ordens mit
ihren Fragen bestürmte: Was war mit den Mädchen aus der
Gruppe, die im Vincenzheim einfach spurlos verschwanden? Hatte man
sie in die Psychiatrie gesteckt, aus der sie nicht wieder herauskamen
[ Seite 185 ] und wenn, dann womöglich als gebrochene
Menschen? Was hat man ihr und den anderen jungen Mädchen ins
Essen gemischt? Waren es Beruhigungs- und Schlafmittel, wie dies in
anderen Heimen auch üblich war? Die Vincentinerinnen kniffen die
Lippen zusammen. „Bis auf weiteres“, ließen sie
wissen, würden sie der Presse oder Betroffenen keinerlei Fragen
beantworten. Auch der Zugang zum Archiv des Dortmunder Heimes blieb
versperrt.
Nachdem der Artikel erschienen war, erhielt die
SPIEGEL-Redaktion rund 500 Briefe aus allen Teilen der
Bundesrepublik. Einige erreichten mich sogar aus Übersee –
von Frauen, die nach ihrer Entlassung aus dem Heim Deutschland für
immer verlassen hatten.
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