|
Aus der Geschichte
lernen – die Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren, die
Heimkampagne und die Heimreform
Veranstaltung des
Landeswohlfahrtsverbandes Hessen mit der Internationalen
Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) und
dem SPIEGEL-Buchverlag bei DVA – am 9. Juni 2006 in Idstein
im Taunus
Ausschnitt
aus der Tagungsdokumentation (Kassel, August 2006) ISBN:
3-9251-65-2 ISBN: 13:978-3925146-65-7
[ ERSTE TEIL
(Seite 68): ]
Michael-Peter Schiltsky: Mein Name ist
Michael-Peter Schiltsky, ich bin auch ein ehemaliges Heimkind. Wenn
man die ganze Fragestellung, von Herrn Schrapper [d.h., u.a. von
Prof. Dr. Christian Schrapper, Professor für Pädagogik und
Sozialpädagogik an der Universität Koblenz-Landau] [die
hier] noch einmal [von ihm] aufgeworfen worden ist, reduziert auf die
Frage – warum ist, obwohl es seit 1949 ein Grundgesetz gegeben
hat, in dem Menschenrechte formuliert worden sind, dennoch so
gehandelt worden – dann muss man einfach und klar feststellen:
Wir haben es einerseits mit einem eklatanten Machtmissbrauch zu tun.
Und wir haben es andererseits damit zu tun, dass eine Gesellschaft
bis in die noch nicht so lang zurückliegende Vergangenheit, auch
in Bezug auf die Aufarbeitung dieser Problematik, ein mangelndes
Unrechtsbewusstsein gezeigt hat! Wenn diese Veranstaltung hier etwas
bewirken kann oder soll, dann sollte es sein: Dass allgemein in der
Gesellschaft ein Rechtsbewusstsein entsteht für das, worum es
hier geht. Auch Kinder sind Menschen, auch für Kinder gelten
die Menschenrechte uneingeschränkt!
Danke.
[
ZWEITE TEIL (Seite 70-72): ]
Michael-Peter Schiltsky: Das
Wichtigste, was glaube ich, gelernt werden muss aus dieser
Vergangenheit, ist, dass es notwendig ist, dass wir lernen, ein
Rechtsbewusstsein für Menschenrechte zu entwickeln. Das steht
ganz vorne. Ohne dieses Rechtsbewusstsein in der gesamten
Gesellschaft können wir auch nicht damit rechnen, dass
Politiker, das Funktionäre in den verschiedenen Bereichen von
Kirche und Gesellschaft überhaupt richtig reagieren werden für
die Zukunft.
Wenn man versucht, direkt Erfahrungen aus der
Vergangenheit auf die Gegenwart zu beziehen und sich zu fragen, gibt
es Vergleichbares wie das was hier heute Vormittag vorgetragen worden
ist, heute auch in unserer jetzigen Gesellschaft, dann weiß
wahrscheinlich jeder von Ihnen, dass er diese Frage mit ja
beantworten muss. In jeder Stadt befinden sich Altenheime, von denen
bekannt ist, dass Ursachen auf einem ähnlichen Feld anzusiedeln
sind, wie dies damals der Fall war, nämlich: Es gibt keine
vernünftige Heimaufsicht!
Und wenn man sich die
augenblickliche Situation anschaut, wie sie in verschiedenen
Bundesländern geplant zu sein scheint, dann ist man wieder
dabei, den Täter zu dem zu machen, der der Suchende nach dem
Täter ist. Sprich Heimaufsicht wird Trägern übertragen,
das ist vollkommen Unsinn. Es ist zwingend erforderlich, dass
Heimaufsicht in allen Bereichen von Heimen die es gibt, eine Instanz
von außen ist, die streng und klar auf jeden Hinweis, der aus
den Heimen kommt, reagiert und wirkliche, deutliche Arbeit
leistet.
Wir dürfen bitte auch nicht vergessen, dass wir
auch eine weitere Form von Heimen heute noch in unserer Gesellschaft
haben, in denen ähnliches passiert, wie uns damals passiert ist,
nämlich in den Behinderteneinrichtungen, in denen auch heute
wieder Menschen ausgenutzt werden mit dem Vorwand, dadurch, dass man
sie zur Arbeit führe, wolle man ihnen helfen. In Wirklichkeit
ist es aber so, dass keiner von ihnen unbedingt freiwillig jetzt
diese Tätigkeiten macht, die er dort ausüben muss, sondern
es wird ihm gesagt: "Das machen Sie jetzt." Wenn er sagt:
"Nö, ich will nicht", dann wird ihm das nicht gut
bekommen und es gibt reichliche Klagen aus diesen Bereichen, die auch
uns erreichen.
Was muss man zusätzlich noch tun oder was
ist zu fordern von unserer Seite?
Da gibt es ja so eine
Verquickung von dem, was kann man daraus lernen, was wollen wir, und
was müssen wir einklagen bei der Gesellschaft. Ich sage ganz
bewusst: "bei der Gesellschaft" und nicht "die
Kirche", "die einzelnen Institutionen" oder sonst was,
sondern hier ist die gesamte Gesellschaft gefordert, die Politik, die
einzelnen Einrichtungen und die Menschen, die Bürger im
Land.
Es gibt einerseits das schon Gesagte, wir brauchen ein
Rechtsbewusstsein für die Menschenrechte. Dann gibt es die
Problematik, dass viele der Betroffenen jahrelang haben erzwungene,
unbezahlte Arbeit leisten müssen, für die keine
Rentenversicherungsbeiträge gezahlt worden sind, und die ihnen
heute fehlen. Das kann im Einzelfall bedeuten, dass jemandem sechs
Jahre Rentenanwartschaften fehlen. Da muss etwas getan werden.
Dann
haben wir das Problem einer vernünftigen Hilfe zur Lebenshilfe.
Viele Betroffene kommen in schwierige Situationen in ihrem Alltag und
haben keine Anlaufstellen, zu denen sie gehen können, um sich
die notwendige Hilfe zu holen.
Selbstverständlich könnte
man jetzt sagen, das gilt für jeden anderen, der Sozialhilfe zu
empfangen hat auch, nur müssen Sie sich klar machen, dass Sie es
mit Menschen zu tun haben, die wirklich Ängste vor Amtsträgern
mit sich führen und Schwierigkeiten haben im Umgang mit dem, was
man Obrigkeit nennt. Sie brauchen Angebote, die für sie
zugänglich sind, und wo sie das Gefühl haben, dass dort
Menschen sitzen und arbeiten, die wissen, worum es geht. Die selber
Kenntnis von den Problemen haben. Wir wissen, dass es solche Stellen
ansatzweise schon gibt, aber sie sind noch nicht bekannt genug und es
ist noch nicht klar genug, wie sie in Zukunft werden finanziert
werden können, und welche Wege dort für die Zukunft
gegangen werden.
Dann: Wir müssen uns heute auch damit
befassen, was damals geschehen ist in Bezug auf Kinderarbeit, die
stattgefunden hat, und an die heute keiner mehr denkt. Es sind Kinder
unter 14 jahren tagtäglich zu Arbeitseinsätzen gezwungen
worden in den Heimen. Das ist etwas, was also noch nicht einmal mit
Rentenanwaltschaften auszugleichen wäre!
Und wir haben
das Problem, dafür zu sorgen, dass die Therapien, die für
Menschen notwendig sind, die betroffen sind, finanziert werden.
Es
bedarf also daher erstens einer Form von, nennen wir es "Stiftung",
die bundesweit getragen werden muss, von allen ehemaligen Trägern,
von dem Staat, von den Kirchen, in die Mittel hineinfließen, um
es möglich zu machen, die notwendigen Forderungen, die da
benannt werden auch irgenwo erfüllen zu können!
Und
zweitens: Wir haben das Problem, dass für die betroffenen
Menschen eine wirkliche Anerkennung ihres Leidens da sein muss, dass
sie anerkannt werden müssen als Opfer von
Menschenrechtsverletzungen!
Und drittens, daraus resultiert,
ist aber auch zwingend die Notwendigkeit zu sehen, Sorge dafür
zu tragen, dass soetwas weder in der Gegenwart noch in der Zukunft
jemals wieder vorkommt. Wir wissen, dass es heute noch Heime gibt, in
welchen solche Probleme auftauchen. Zum Glück ist es so, dass
dem relativ schnell nachgegangen worden ist in der letzten Zeit, aber
wir müssen da auch schon wieder den Anfängen wehren. Denn
den Ideen, die da im Raum stehen, von wegen Wiedereinführung
geschlossener Einrichtungen und neue Kasernierung von "auffälligen"
Jugendlichen, muss Einhalt geboten werden, bevor sie überhaupt
dazu kommen, diskutiert zu werden in den Landtagen oder gar im
Bundestag.
Danke.
[ DRITTE TEIL (Seite 89):
]
Michael-Peter Schiltsky: Seit Januar [2006]
versuchen wir für alle ehemaligen Heimkinder durch Petitionen an
den Bundespräsidenten [Horst Köhler], an die
Bundeskanzlerin [Angela Merkel], an den Deutschen Bundestag und an
die verschiedenen kirchlichen Einrichtungen diesen gerade auch von
Ihnen wieder benannten "Runden Tisch", sowohl Herr Lehmann
[d.h., Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal
Lehmann (Katholische Kirche)], als auch Herr Huber [d.h.,
EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber (Evangelische Kirche)],
als auch Herr Köhler [Bundespräsident], als auch Frau
Merkel [Bundeskanzlerin] und wer da sonst noch in irgendwelchen
verantwortlichen Positionen auch in den einzelnen Bundesländern
ist, [herbeizuführen], denn man könnte sich durchaus
vorstellen, dass solche "Runden Tische" auch in den
einzelnen Ländern arbeiten und von da einander zuarbeiten
können.
Lassen Sie mich zum Schluss einfach nur noch
sagen: Dankeschön! Danke an den Landeswohlfahrtsverband Hessen,
dass er diese Tagung möglich gemacht hat, danke an den
"Spiegel", dass er mitgearbeitet hat an dieser Tagung.
Danke an die Referenten, die hier gesprochen haben und, wie ich
finde, deutlich gemacht haben, dass es Menschen in unserem Land gibt,
die sich durchaus mit der Problematik auseinandergesetzt haben und
sie auch ernst nehmen und somit uns, den ehemaligen Heimkindern
gezeigt haben, dass sie auch unsere Problematik ernst nehmen und
danke an Peter Wensierski, der mit seinem Buch etwas geleistet hat,
was 30 Jahre Versuche zu schreien, nicht geschafft haben.
[
Für die vollständige – 102 Seiten umfassende –
Tagungsdokumentation wird ein Unkostenbeitrag von 8.00 Euro erhoben.
Bestelladresse: Landeswohlfahrtsverband Hessen, Pressestelle,
Ständeplatz 6-10, 34117 Kassel, Bunderepublik Deutschland ∙
Germany
Pressestelle Ansprechspartner, u.a.:
Jörg Daniel
Telefon: (05 61) 10 04 - 22 13
joerg.daniel@lwv-hessen.de
]
Leserbrief
zu Herrn Schiltskys Ansprache (erhalten in
Australien am 01.10.2006, als dieses digitale Manuskript noch
in Vorbereitung war):
"Vernünftige
Heimaufsicht" -
ich weiß nicht, wie die aussehen könnte.
Damals,
wenn Besuch kam, war alles gebohnert und geschmückt, die Kinder
hatten ihre Sonntagskleidchen an, führten Reigen auf, und alles
war, ach, so wunderschön und nett. Niemals hätten die
Kinder es gewagt, etwas Böses über die
Schwestern, die so nahe bei Gott waren, außerhalb des Heims zu
sagen. Indoktrination wirkt Wunder, das wissen alle Mächtigen.
Indoktrination schafft sogar artige Schmeichelkatzen, die um
eines kleinen Vorteils willen üble Mächtige umschnurren und
verteidigen. Das war damals so, das ist heute so, und das wird immer
so sein.
Das, was wirken könnte: die Kirchen müssen
zahlen, so viel zahlen, dass es ihnen richtig weh tut - und damit
es als peinlicher Posten im Wirtschaftsteil der Zeitungen erscheint.
Dann werden sie eine Weile aufpassen - um nicht wieder zahlen zu
müssen. Aufpassen wird aber auch bedeuten: raffiniertes
Kaschieren von Schweinereien; denn das Grundübel ist der Mensch;
und damit bin ich bei Bert Brecht.
Heimerfahrene
Leserbrief zu Herrn Schiltskys Ansprache [ vom 09.06.2006 ]
von Marion Jolene Zagermann
(erhalten in Australien am 05.10.2006, nachdem dieses digitale Manuskript auf der Heimkinder-Ueberlebende.org Webseite veröffentlicht worden war):
Die Staatskassen sind leer? Kein Wunder, wenn man bedenkt wohin die Gelder fließen und schon immer geflossen sind:
Die millardenschweren Subventionen des Staates an die Kirchen
Tabelle aus Frerks Buch
Verzicht auf Einnahmen:
3,50 Mrd. Euro - Absetzbarkeit der Kirchensteuer
1,40 Mrd. Euro - Befreiung von Zinsabschlags- und Kapitalertragssteuer
1,20 Mrd. Euro - Befreiung von der Umsatzsteuer
0,15 Mrd. Euro - Sonstige Befreiungen
6,25 Mrd. Euro - Verzicht auf Einnahmen gesamt.
Direkte Subventionen (unvollständig)
2,45 Mrd. Euro - Kofession. Religionsunterricht
0,62 Mrd. Euro - Ausbildung der Theologen
1,00 Mrd. Euro - Ersparnis durch staatl. Einzug der Kirchensteuer
0,04 Mrd. Euro - Denkmalpflege
0,03 Mrd. Euro - Militärseelsorge
0,72 Mrd. Euro - Zahlungen der Bundesländer
2,50 Mrd. Euro - Zahlungen der Kommunen (geschätzt, v.a. Baubereich, Geschenke, Kultur)
0,05 Mrd. Euro - Baulast-Verpflichtungen
0,19 Mrd. Euro - Zuschüsse an Missionswerke u.a.
0,30 Mrd. Euro - Sonstiges, z.B. Orden, Medien, Kirchentage
7,90 Mrd. Euro - Direkte Subventionen (zirka)
Staatliche Subventionen an die Kirchen insgesamt:
14,15 Mrd. Euro
Quelle: C. Frerk, Finanzen und Vermögen der Kirchen, Alibri-Verlag, Aschaffenburg 2002
Es gab auch mal ein PANORAMA Program, diesbetreffend, @ http://www.ndrtv.de/panorama/archiv/20021017/kirchen.html (der Text ist aber leider nicht mehr online; mag aber vielleicht noch gegen Zahlung einer Gebühr beim NDR-TV erhältlich sein).
|