Der Betreiber dieser Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

E-mail Schreiben an einen der von „Kindesmisshandlung“ in Deutschland betroffenen „Ehemaligen Heimkinder“, der jetzt in Australien lebt, von der Bundesministerin, Frau Brigitte Zypries, vom „Mon 15 Dec 2003 16:00:05 +0100“, das Datum an dem die E-mail wirklich bei Martin Mitchell in Australien eintraf.

Bundesministerium der Justiz

Büro der Ministerin
RDn Dr. Stefanie Hubig

Berlin, den 30. Mai 2004 [sic!]
Postanschrift:
Bundesminsterium der Justiz, 11015 Berlin
Haus- und Lieferanschrift:
Mohrenstraße 37, 10117 Berlin
Telefon: (0 30) 20 25 – 70
bei Durchwahl: (0 30) 20 25 – 90 05
Telefax: (0 30) 20 25 – 90 43


Herr
Martin Mitchell
martinidegrossi@yahoo.com.au


Sehr geehrter Herr Mitchell,

vielen Dank für Ihre E-mail vom 5. Dezember 2003 an Frau Bundesministerin Brigitte Zypries. Die Auszüge aus dem kanadischen Bericht zur Frage von Entschuldigungen [ entnommen vom Absender von dem 43-seitigen Bericht der Canadian Law Commision @
http://www.lcc.gc.ca/en/themes/mr/ica/2000/html/apology.asp ] hat sie mit Interesse gelesen. Frau Ministerin hat mich gebeten, Ihnen zu antworten.

Der Vorwurf von Misshandlungen in kirchlichen Heimen vor allem in den 50er, 60er und 70er Jahren ist im Bundesministerium der Justiz bekannt – nicht zuletzt wegen des Zeitungsartikels [„Unbarmherzige Schwestern“ ] in der „Spiegel“-Ausgabe 21/2003.

Die in dem Artikel und auf der homepage „
DiakonieFreistatt.de.vugeschilderten Schicksale von Kindern, die in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren in kirchlichen Kinder- und Jugendheimen aufgewachsen sind, sind jedenfalls aus heutiger Sicht erschütternd. Man stellt sich beim Lesen unwillkürlich die Frage, ob diese Schicksale Extremfälle sind oder ob damit auch ein allgemein gültiges Bild der Situation in kirchlichen und anderen Kinder- und Jugendheimen gezeichnet wird. Frau Ministerin versteht sehr gut, dass ehemalige Heimkinder heute ein Bedürfnis haben, ihre Heim-Erfahrungen aufzuarbeiten und von den Verantwortlichen eine Anerkennung des geschehenen Unrechts verlangen. Allerdings darf dabei die damalige Situation in den Heimen nicht einfach an den heutigen Wert- und Rechtsvorstellungen gemessen werden. Es muss berücksichtigt werden, dass wir in den letzten 50 Jahren gerade in Fragen der Erziehung von Kindern einen grundlegenden Wertewandel erlebt haben.

Eine an der Freiheit und Würde des Kindes orientierte moderne Pädagogik gewann erst seit den 1970er Jahren zunehmende Akzeptanz und Verbreitung. Besonders deutlich zeigt dies ein Blick auf die Frage, inwieweit die Anwendung von Gewalt als Erziehungsmittel akzeptiert wurde. In den hier angesprochenen 1950er, 1960er und 1970er Jahren räumte die Rxexcxhxtxsxpxrxaxxxixsxx Eltern und anderen erziehungsberechtigten Personen das Recht ein, die Kinder körperlich zu züchtigen. Eine erste Einschränkung erfolgte im Jahr 1979 mit der Einführung eines gesetzlichen Verbots „entwürdigender Erziehungsmaßnahmen. Ein absolutes Verbot, Gewalt als Erziehungsmittel einzusetzen, gibt es [ in der Bundesrepublik Deutschland ] erst seit dem Jahr 2000: Mit dem Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung wurde ein Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung im Bürgerlichen Gesetzbuch verankert und die Anwendung von Körperstrafen und seelischen Verletzungen generell für unzulässig erklärt.

Einhergehend mit dieser gesellschaftlichen Fortentwicklung und dem pädagogischen Wissenszuwachs hat sich auch die Erziehung in Kinder- und Jugendheimen gewandelt. In den 1950er und 1960er Jahren genossen die Träger der Heime eine weitreichende autonome, gesetzlich verankerte Befugnis zur Gestaltung der Erziehung auf der Grundlage ihrer jeweiligen Weltanschauung und Wertorientierung. Vorschriften über eine staatliche Aufsicht über die Heime wurden erstmals mit der Novelle von 1961 in das damalige Jugendwohlfahrtsgesetz aufgenommen und waren in der Praxis zunächst schwach ausgeprägt. Öffentlich gemacht und angeprangert wurde die Situation in der Heimerziehung erst Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre durch die so genannte „Heimkampagne“. In zahlreichen Presse-, Rundfunk- und Fernsehberichten wurde damals über die Situation in den Kinder- und Jugendheimen und über den Protest der Studentinnen und Studenten, dem sich eine neue Generation von Pädagogen anschloss, berichtet.

Seit den 1970er Jahren hat sich in der Heimerziehung ein grundlegender Wandel vollzogen. Große Anstalten wurden weitgehend zu kleinen, überschaubaren Einrichtungen umstrukturiert, durch Außenwohngruppen und betreutes Einzelwohnen wurde die Integration in die Gesellschaft befördert. Alters- und geschlechtshomogene Gruppen, wie sie die Einsenderin [sic!] [ bzw. Herr Martin Mitchell aus Australien ] schildert, wurden durch altersgemischte Gruppen abgelöst, die das Zusammenleben von Geschwistern ermöglichen und soziales Lernen und Rücksichtnahme fördern. Waren früher langfristige Heimaufenthalte häufig, so stehen heute in der Mehrzahl der Fälle kürzere Zeiträume von ein bis zwei Jahren im Vordergrund.

Begleitet und forciert wurde der Wandel in der Heimerziehung durch das Kinder- und Jugendhilferecht. Rechtliche Grundlage für die Heimerziehung ist heute das Achte Buch des SozialgesetzbuchsKinder- und Jugendhilfe – (SGB VIII), das im Jahr 1990 das frühere Jugendwohlfahrtsgesetz abgelöst hat. Es erkennt jedem jungen Menschen „ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ zu (§ 1 Abs. 1 SGB VIII). Langfristige Maßnahmen wie die Heimerziehung werden nach dem SGB VIII auf der Grundlage eines gemeinsam mit dem jungen Menschen und seinen Eltern ausgearbeiteten individuellen Hilfeplans durchgeführt und das Personal verfügt über eine fundierte sozialpädagogische Ausbildung. Ein gesetzlich normierter Erlaubnisvorbehalt für den Betrieb eines Heimes und die Aufsicht durch die Jugendbehörden sichern das Wohl der Kinder und Jugendlichen.

Fragt man nach einer Aufarbeitung der Situation in den Kinder- und Jugendheimen der 1950er, 1960er und 1970er Jahre, stößt man neben Medienberichten auch auf Veröffentlichungen in der Fachliteratur. Ein wichtiges Zeitdokument stellt der von den Obersten Landesjugendbehörden und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege erarbeitete „Zwischenbericht Heimerziehung“ dar, mit dem ein tief greifender und breit angelegter Wandel in der Heimerziehung eingeleitet wurde (IGfH (Hg): Zwischenbericht Heimerziehung. Heimerziehung und Alternativen – Analysen und Ziele für Strategien, Frankfurt/Main 1977). Hervorheben möchte ich ferner ein Forschungsprojekt der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen, die in einem Ende der 1990er Jahre durchgeführten Forschungsprojekt die Heimerziehung in dieser Zeit beispielhaft für die Region Hessen untersucht und aufgearbeitet hat (Arbeitsgruppe Heimreform, Aus der Geschichte lernen: Analyse der Heimreform in Hessen (1968-1983), IGfH-Eigenverlag, Frankfurt/Main 2000).

Ihrem Schreiben und auch dem Spiegel-Artikel ist zu entnehmen, dass ehemalige Heimkinder vielfach heute noch unter den Folgen ihrer damaligen Erfahrungen leiden. Hier sollten die Heime und ihre Träger die ehemaligen Heimkinder, die sich an sie wenden, nicht abweisen, sondern zu Gesprächen bereit sein. Erweist sich die Belastung als schwerwiegend, kann es darüber hinaus sinnvoll sein, den Kontakt zu einer geeigneten Beratungsstelle zu vermitteln.

Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrag
Dr. Hubig


From: "Gehlich, Anrea" <
Gehlich-An@bmj.bund.de>
To: "'martinidegrossi@yahoo.com.au'" <
martinidegrossi@yahoo.com.au>
Subject:  Schreiben von Frau Dr. Hubig (Bundesministerium der Justiz)
Date: Mon 15 Dec 2003 16:00:05 +0100

Sehr Geehrter Herr Mitchell,

anliegendes Schreiben vom heutigen Tage übersende ich Ihnen im Auftrag von Frau Dr. Hubig.

Mit freundlichen Grüßen

Andrea Gehlich
Bundesministerium der Justiz
– Büro der Ministerin –
Mohrenstraße 37
10117 Berlin
Tel.: 00 49 30/20 25-90 02
Fax: 00 49 30/20 25-90 43

<<rs mitchell.doc>>

Attachment


[ Die Überschrift, kursive, fette, ausgedehnte und in rechteckige Klammern gesetzte und wiedergegebene Schrift, und verschiedene Schriftarten, in diesem Schreiben wurde(n) zum Zwecke der Betonung und Aufklärung von dem jetzigen Redakteur hinzugefügt ]

[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 1. Juni 2004 ]



Bitte nicht vergessen auch "Ehemalige Heimkinder" @ http://heimkinderopfer.blogspot.com zu besuchen.


Wichtiger Hinweis: Diese Seite wird ziemlich häufig aktualisiert. Damit Sie immer die aktuellsten Beiträge präsentiert bekommen, raten wir Ihnen, bei jedem Besuch dieser Seite auf Ihrem Browser den "refresh/aktualisieren" - Button zu drücken!


Home Impressum Kontakt Zurück nach oben