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[
Re: Veranstaltung in der Moorkirche in Diakonie Freistatt,
Donnerstag 4. Mai 2006 ]
Heimkinder-Debatte in der Diakonie Freistatt
„Die Wahrheit darf niemand in Frage stellen“
Die
Moorkirche und der angrenzende Saal sind gut besetzt. In kleinen
Tischgruppen sitzen die Besucher an diesem Abend Anfang Mai
zusammen. Rund 120 Interessierte sind gekommen, um den Autor Peter
Wensierski zu hören, der aus seinem Anfang des Jahres
erschienenen Buch "Schläge im Namen des Herrn"
lesen will.
Die
Stimmung ist gedämpft, eine gewisse Spannung ist zu spüren,
immerhin steht eine problematische Vergangenheit zur Diskussion:
die Situation vieler Heimkinder im Deutschland der Nachkriegszeit
bis Ende der sechziger Jahre. Die Diakonie Freistatt, bis heute
ein großer Anbieter in der Jugendhilfe, nimmt nur wenig Raum
ein im Wensierski-Buch, macht aber bei den problematischen
Zuständen der Jugendhilfe [sic
= "Fürsorgeerziehung" (FE) und
"Freiwilligen Erziehungshilfe" (FEH)
gemäss dem damaligen "Jugendwohlfahrtsgesetz"
(JWG 1924-1991)] in den 50er und 60er Jahren keine
Ausnahme. Es geht um zwangsweise Fürsorgeerziehung aus häufig
kaum nachvollziehbaren Gründen, um Zustände von
Unterdrückung und Brutalität, um Schikanen, Missachtung
und menschenverachtenden Umgang mit Kindern und
Jugendlichen.
Freistatt-Geschäftsführer Pastor
Wolfgang Tereick bezieht denn auch gleich in seiner Begrüßung
deutlich Stellung: "Die Jugendhilfe Freistatt war damals
wahrlich kein Ruhmesblatt, und die Kritik von Peter Wensierski ist
im Wesentlichen berechtigt." [ ٪
] Menschenverachtung
sei besonders auch darin deutlich geworden, dass die Jugendlichen
und jungen Erwachsenen niemanden hatten, zu dem sie mit ihren
Nöten gehen konnten, dem sie vertrauen konnten und wo sie
sich beklagen konnten, so Tereick. Mit Bildern aus der Zeit werden
bei einigen Besuchern schnell Erinnerungen wach: Aufstellung in
Reih und Glied, ob bei Sport, vor der Arbeit oder vor dem
Kirchgang, Bilder von der Arbeit im Moor bei Sommerhitze oder im
eiskalten Winter, kärgliche Essenausgabe im Freien,
Schlafsäle mit 40 Betten ...
Unter den Besuchern in
der Moorkirche sind auch einige ältere Erzieher, die damals
in Freistatt Dienst taten und 15 ehemalige Heimkinder, teilweise
in Begleitung von Angehörigen. Knapp eine halbe Stunde liest
Peter Wensierski aus seinem Buch – bewusst, wie er sagt, ein
Kapitel über junge Frauen, die in einem Heim in der Nähe
von Kassel untergebracht waren [dem in der Bundesrepublik
Deutschland vom Landeswohlfahrtsverband Hessen von 1952 bis 1973
betriebenen gefängnisähnlichen geschlossenen (einem in
Breitenau, zu Nazi-Zeiten betriebenen "Jugendkonzentrationslager
für Mädchen und junge Frauen" ähnelnden)
"Mädchenerziehungsheim" mit
der Bezeichnung "Landesjugendheim Fuldatal". Im Dezember
1973 wurde das "Landesjugendheim Fuldatal" als letztes
geschlossenes Erziehungsheim in Hessen aufgelöst. "Fuldatal"
/ Guxhagen bei Kassel, BRD.], um neue
Einblicke zu geben. Kaum vorstellbare Situationen werden
beschrieben, Angstgefühle, Ohnmacht, Wut, absolute
Überwachung bis hin zu körperlichen Qualen. [ Siehe auch
http://www.gedenkstaette-breitenau.de/1952.htm
und
http://www.gedenkstaette-breitenau.de/rundbrief/RB-25-05.pdf.]
In
Freistatt waren vor allem ältere Jugendliche zwischen 18 und
21 Jahren untergebracht [sic],
teilweise war die Fürsorgeerziehung [FE] gerichtlich
angeordnet statt eines Strafvollzuges; aber auch im Ramen der
Freiwilligen Erziehungshilfe [FEH] kamen Jugendliche auf Wunsch
der Familie oder von Vormündern nach Freistatt. Für die
meisten Betroffenen ist dies bis heute völlig
unverständlich.
Im Gespräch beklagt Peter
Wensierski, dass Betroffene nicht über ihre Erlebnisse reden
konnten, sie seien oft traumatisiert gewesen, andere hätten
ihnen den erlebten Heimalltag nicht geglaubt, häufig hätten
die Heimkinder auch noch Jahre später ihre Erlebnisse
verdrängt, so dass auch Familien nicht Bescheid wussten.
Sprachlosigkeit einerseits und aggressive Wut andererseits seien
so entstanden in einer Lebenssituation der absoluten
Wehrlosigkeit, beklagt ein Betroffener.
Horst Sikora aus
Hamm sitzt an einem der hinteren Tische, hört geduldig zu,
was Mitbetroffene erzählen. Als aber ein älterer Diakon,
ehemals Erzieher in Freistatt, Gewalttätigkeit gegen die
Heimkinder leugnet und versucht, andere Maßnahmen zu
rechtfertigen, platzt ihm der Kragen. Schläge und Lasten
tragen im Laufschritt seien ja wohl keine Erziehungsmethoden und
durch nichts zu rechtfertigen. Die Frage eines Betroffenen, ob
denn der gewaltgeprägte und menschenverachtende Umgang mit
Heimzöglingen in der Nachkriegszeit nicht System gehabt
hätte, wird allseits bejaht. Auch Erzieher berichten, dass
Prügelstrafen und die Verhängung von Arrest von ihnen
erwartet wurden. Freistatt, so ein Betroffener, sei eines der
berüchtigsten Heime gewesen. In anderen Heimen sei mit der
Verlegung nach Freistatt als Strafe gedroht worden.
Nach
zeitweise heftiger und stimmungsgeladener Diskussion sind auch
versöhnliche Töne zu hören. Auch wenn seine
Nachfrage, warum Erzieher denn dem System gefolgt seien und sich
angesichts der Ungerechtigkeit nicht aufgelehnt hätten, keine
konkrete Antwort erfährt, sagt ein Betroffener: "Als
Christ vergebe ich Ihnen, damit Sie in Ruhe leben können und
wir auch!"
Bethel-Vorstandsmitglied Dr. Rolf Engels
ergreift schließlich eindeutig Partei für die
ehemaligen Heimkider: "Alles, was Sie erzählen, muss uns
angehen, die Wahrheit rührt uns an und Ihre Wahrheit darf
niemand in Frage stellen. Wir hören mit tiefer Betroffenheit
zu und verschließen uns Ihnen nicht." Und er berichtet
der Versammlung von der Entscheidung, die Heimkinder-Problematik
für Bethel wissenschaftlich aufzuarbeiten und voraussichtlich
im Herbst 2007 zu veröffentlichen.
Betroffene bedanken
sich zum Schluss der Veranstaltung öffentlich dafür,
ernst genommen worden zu sein. Wolfgang Rosenkötter, von 1962
bis 1963 in Freistatt und anschließend noch in Eckardtsheim,
meint nachdenklich: "Ich gehe jezt etwas ruhiger nach Hause,
ich wusste nicht, was hier auf mich zukommt, und ich habe mich
nach langer Zeit der Verdrängung erst wieder durch
Wensierskis Buch mit meiner Lebensgeschichte auseinandergesetzt.
Bis heute hadere ich mit den Geschehnissen." Seine Akte ist
in Freistatt nicht mehr vorhanden [anzunehmen, weil er von
Freistatt nach Eckardtsheim in der Nähe von Bethel, bei
Bielefeld, verlegt worden war], vielen anderen aber hat Wolfgang
Tereick bereits seit mehreren Jahren ihre Akte zugänglich
gemacht und dabei geholfen, Zeiten bei der Rentenversicherung
anerkannt zu bekommen. [ Hat jemand "diese Zeiten"
schon bei der Rentenversicherung anerkannt bekommen ?
].
Bereits am Nachmittag vor der Lesung hatte die Diakonie
Freistatt die Betroffenen zu einem Rundgang in der Einrichtung und
zum Besuch der noch vorhandenen früheren Heime eingeladen.
"Dabei gab es wohl bedrückende als auch sehr anrührende
Momente, die Betroffenen zeigten sich aber auch sehr zufrieden mit
der heute ganz anderen Jugendhilfe", resumiert Wolfgang
Tereick den guten Verlauf einer für ihn schwierigen
Veranstaltung.
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