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[ Der hier aufgeführte Artikel erschien erstmals am Dienstag, 29. Mai 2007 und Mitwoch, 30. Mai 2007 in vielen lokalen Internetauftritten im Schleswig-Holsteiner Zeitungsverlag - GmbH, sowie auch in vielen aktuellen lokalen Zeitungen in Schleswig-Holstein ]
[ Enthoben aus dem Internet @ http://www.shz.de/?RUBRIKID=890&MID=30&REDID=1356851 ]
"Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Heim"

Weihnachten 1970 hinter Gittern: Selbst von dem Besucherzimmer des Landesfürsorgeheims sind Otto Behncks Eltern derart entsetzt, dass sie die Freilassung ihres Sohnes beantragen. Fotos/ Repro: Staudt
Glückstadt / sh:z - Einweisungsgrund: Sittliche Verwahrlosung. So muss es in den Papieren der Behörden gestanden haben. "Ich hatte keine Straftat begangen", sagt Otto Behnck (55) mit Nachdruck. Eigentlich hatte er nur ein anderes Leben führen wollen als seine Eltern. Eingesperrt wurde er als 18-Jähriger trotzdem. Von Oktober 1970 bis Januar 1971 war Behnck im Landesfürsorgeheim in Glückstadt.
Was Otto Behnck dort erlebte, mussten viele Heimkinder der 50er und 60er Jahre erleiden. Noch bis in die frühen Siebziger wurde in vielen kirchlichen und staatlichen Heimen geschlagen, gedemütigt, missbraucht. Aus Schleswig-Holstein waren bisher noch keine Fälle bekannt. Jetzt aber gerät auch das ehemalige Landesfürsorgeheim in Glückstadt in die Kritik.
Otto Behnck will, dass darüber gesprochen wird. Leicht fällt es ihm nicht. Eigentlich wollte er mit 18 nur ein bisschen das Leben genießen. Er lässt sich die Haare lang wachsen, bricht die Ausbildung ab, jobbt, lebt in einer Wohngemeinschaft, verbringt einige Monate in Dänemark.
Die Eltern in Bargteheide (Kreis Stormarn) sind entsetzt und informieren das Kreisjugendamt in Bad Oldesloe. Er hat ihre Mahnungen noch in den Ohren. "Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Heim." Sie wollen, dass ihr Sohn "wieder in die Gesellschaft eingegliedert wird". Als Behnck eines Tages nach Hause kommt, um Papiere abzuholen, lassen die Eltern ihn von der Polizei abführen. "Die haben mich auf direktem Weg nach Glückstadt gefahren", sagt der Markthändler.
Harte Arbeit wartet dort auf ihn. Sechs Tage die Woche knüpft er Fischernetze. Geld gibt es dafür nicht. Kontakt zur Außenwelt auch nicht. Prügel dafür jede Menge. Otto Behnck: "Du merkst nur die ersten zwei, drei Schläge, danach hörst du es nur noch klatschen". Mit Zucht und Ordnung sollte aus Behnk und tausenden anderen Kindern in westdeutschen Heimen bessere Menschen gemacht werden. Erziehungsmethoden, die weder Widerspruch noch Ungehorsam dulden. Dreimal versucht Behnk auszubrechen. Einmal wird er zur Bestrafung in die Isolierzellen im Keller gesperrt. Otto Behnck will eine Entschuldigung vom Land. Er will, dass Akten offen gelegt und das Unrecht anerkannt wird, das ihm und vielen anderen damals widerfahren ist.
Auch in dem Buch des Spiegel-Autoren Peter Wensierski - "Schläge im Namen des Herrn" - gibt es eine Passage über das Landesfürsorgeheim in Glückstadt. Dort ist von einem Aufstand der Jugendlichen gegen die Heimbedingungen die Rede. Er soll von der Polizei mit Tränengasgranaten niedergeschlagen worden sein. "Es liegt der Verdacht nahe, dass das Landesfürsorgeheim zu den schlimmsten in Deutschland gehört hat", sagte Wensierski gegenüber unserer Zeitung. "Das Land Schleswig-Holstein trägt die Verantwortung dafür. Es muss dringend aufgeklärt werden, was dort passiert ist."
Verschiedene Quellen erwähnen Selbstmorde unter den "Zöglingen". Auch die damalige "Kreisrundschau" berichtet 1969 über die Zustände in Glückstadt. Gegenüber dem "Spiegel" bekundete das Sozialministerium Ende der 60er Jahre, die Lage in Glückstadt wäre "nicht ideal", aber "notwendig".
"Wir haben die anfangs geschlagen und was weiß ich was", sagt ein ehemaliger Erzieher, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Der 80-Jährige, der von 1960 bis 1975 dort arbeitete, bestätigt, dass Gewalt als Erziehungsmethode angewendet wurde. "Das waren ja alles schwer erziehbare Jugendliche, die musste man unter Verschluss halten, das waren Kriminelle."
Akten gibt es nach Auskunft des Sozialministeriums über das ehemalige Landesfürsorgeheim keine mehr. Die Aufbewahrungsfrist sei abgelaufen. "Das Schicksal dieser Heimkinder ist aber ein ganz Besonderes. Es berührt mich noch heute", sagt Ministerin Gitta Trauernicht. "Wenn diese Menschen mit einer heute in der politischen Verantwortung stehenden Person sprechen möchten, stehe ich zur Verfügung."
Tanja Nissen
[ Desweiteren, siehe auch @ http://www.shz.de/index.php?MID=30&TEMPLATEID=60&LIVETICKER=1&RUBRIKID=890&REDID=1356849&LIVETICKER=1 ]
"Schläge im Namen des Herrn"
"Wertvolle Mitglieder der Gesellschaft" sollten sie werden. Dafür wurden sie eingesperrt, schikaniert und zu Schwerstarbeit gezwungen. Die Heimkinder der bundesdeutschen Nachkriegsära erzählen auch heute nur ungern über ihre Kindheit, denn oft war sie qualvoll und mit sozialer Ächtung verbunden. Spiegel-Reporter Peter Wensierski hat in seinem Buch "Schläge im Namen des Herrn" die "verdrängte Geschichte" der Heimkinder ans Licht der Öffentlichkeit gebracht. Inzwischen hat sich auch der Bundestag damit beschäftigt. Die Grünen-Fraktion im Bundestag fordert die Errichtung einer Bundesstiftung, die Entschädigungen an ehemalige Heimkinder zahlen soll. (lno)
Peter Wensierski: Schläge im Namen des Herrn - Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik. Deutsche Verlags-Anstalt, 19,90 Euro
Kontakt Otto Behnck: www.landesfuersorgeheim-glueckstadt.de, Tel: 04308/183747
Verein ehemaliger Heimkinder, www.vehev.org, Tel: 05535/91038
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