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[ Enthoben aus dem Internet @ http://www.paritaet-berlin.de/artikel/artikel.php?artikel=3292 ]
Dietmar Krone im Interview
Dietmar Krone (53) war auf richterliche Anordnung von 1968 bis 1973 wegen „sittlicher Verwahrlosung“ im staatlichen Jugenderziehungsheim Viersen-Süchteln untergebracht und wurde dort schwer misshandelt. Als 20-Jähriger zog er nach Berlin. Seit einem Jahr engagiert er sich in der bundesweiten Initiative Verein ehemaliger Heimkinder e.V.
Dietmar Krone (Foto: M.Franke)
Herr Krone, vor einem guten Jahr erschien das Buch „Schläge im Namen des Herrn“ von Peter Wensierski. Darin beschreibt der „Spiegel“-Redakteur die katastrophalen Missstände in den kirchlichen und staatlichen Heimen im Wirtschaftswunderland Deutschland. Bitte schildern Sie kurz Ihre eigene Geschichte.
Dietmar Krone: Die familiären Verhältnisse bei uns zuhause waren eine Katastrophe und die Ehe meiner Eltern war die Hölle. Ich war kein Wunschkind und nachdem mein Vater gestorben war, fühlte sich meine Mutter bei ihren Männerbekanntschaften durch mich gestört. Als ich 14 war, holte mich die Polizei und führte mich in Handschellen ab. Nach drei Tagen kam ein Mann in meine Zelle und verkündete im Namen des Volkes: „Der minderjährige Dietmar Krone, geb. am 10.05.1954, wird auf Grund sittlicher Verwahrlosung, bis zur Vollendung seines 21. Lebensjahres, in eine geschlossene Erziehungsanstalt eingewiesen. Es ist Fürsorgeerziehung angeordnet.“
In Medienberichten ist die Rede von einer halben Million Kinder, die als Waisen oder „Schwererziehbare“ ähnliche Schicksale erlitten. Welche Erinnerungen haben Sie persönlich an das Heim in Süchteln?
Wieso man das überhaupt Heim nannte, habe ich nie verstanden, denn ein Gefühl von Geborgenheit oder Zuhausesein gab es dort nicht.
Wir mussten schwerste Kinderarbeit für einen Stundenlohn von 4 Pfennig leisten, an der sich der Heimträger bereichert hat. Unser Heim hat zum Beispiel Rasierapparate für „Braun“ montiert und für „Miele“ und „Rowenta“ gearbeitet. Rentenbeiträge wurden nicht eingezahlt, so dass mir heute fünf Jahre fehlen.
Das Schlimmste war aber die ständige Angst vor Prügel und Vergewaltigungen. Heute ist belegt, dass in dieser Zeit nur vier Prozent der Erzieher eine pädagogische Ausbildung hatten. Ich erinnere mich an unsere Nachtwache, einen ehemaligen Seemann. Der suchte sich abends einen Jungen aus, gab ihm einen Pudding mit Valium und nahm ihn dann mit in sein Büro ...
Als ich mal zwei Teller fallen ließ, wurde ich von einem betrunkenen Erzieher zusammengetreten. Dabei brach mein Schultergelenk und ich hatte Muskel- und Sehnenabrisse. Statt ärztlicher Behandlung bekam ich drei Tage Dunkelzelle. An den Folgen leide ich bis heute.
Wie konnte diese Erziehungspraxis so lange bestehen?
Es gab keinen Kontakt nach außen. Post wurde kontrolliert und wer floh und aufgegriffen wurde, wurde windelweich geprügelt und für zehn Tage in die Dunkelzelle gesperrt. Wenn Besuchergruppen zu uns ins Heim kamen, spielte man heile Welt. Dann wurden wir aus der Werkstatt geholt, tauschten unsere Arbeitskleidung gegen eigene Sachen, die Tische wurden eingedeckt und der Fernseher eingeschaltet. Sobald die Besucher weg waren, mussten wir die Zeit in der Werkstatt nacharbeiten.
Kinder, die wegen ihrer Traumatisierung nicht mehr ansprechbar waren, kamen in die geschlossene Psychiatrie. Wer von dort ins Heim zurückkam, war vogelfrei, weil er ja „aus der Klapse“ kam. Manche haben den Druck nicht ausgehalten und sich umgebracht. Nach der Entlassung wollte natürlich jeder die schrecklichen Erlebnisse so schnell wie möglich vergessen und was Neues anfangen.
Gibt es heute noch Chancen, dieses Unrecht zu ahnden?
Ich habe an den damaligen Heimträger geschrieben, den Landschaftsverband Rheinland. Der betreibt in Süchteln heute eine Einrichtung für geistig Behinderte. Meine Rentenansprüche kann ich nicht nachweisen, weil die Akten 1985 vernichtet wurden. Und von den damals verantwortlichen Erziehern lebt fast keiner mehr oder sie können sich an nichts erinnern. Es soll ja auch Heime gegeben haben, in denen Kinder nicht wie Gegenstände behandelt, gequält oder missbraucht wurden. Aber solche Misshandlungen waren eben auch keine Ausnahme.
Inzwischen sind die Berichte der damaligen Heimkinder so gut dokumentiert, dass die Heimträger das nicht mehr als Einzelschicksale oder Lügen abtun können. Es hat eben 30, 40 Jahre gebraucht, bis die Betroffenen ihre Scham überwunden haben und erzählen, wie es damals wirklich war.
Ihre Initiative hat sich mit einer Petition an den Deutschen Bundestag gewandt. Am 6. Dezember gab es dazu eine Anhörung. Was sind ihre Forderungen und wie geht es weiter?
Die Anhörung war für uns sehr vielversprechend und der Petitionsausschuss war sichtlich erschüttert von den Berichten. Die nächste Beratung soll am 16. Mai stattfinden. Möglicherweise wird ein Entschädigungsfonds gegründet, an dem sich zum Beispiel auch die Firmen beteiligen könnten, die damals von unserer Arbeit profitiert haben.
Ich bin seit einigen Jahren krebskrank und werde nicht mehr lange leben. Eine monatliche Rente wäre für mich eine große Unterstützung und steht mir ja auch irgendwie zu. Aber uns geht es nicht nur um finanzielle Wiedergutmachung, sondern wir wollen ein Wort der Entschuldigung hören. Das ist für die Verarbeitung wichtig, denn wir haben immer nur zu hören gekriegt: „Ein Heimzögling lügt. Ihr seid nichts wert.“ Unsere Forderungen sind, dass wir als Opfer von Menschenrechtsverletzungen anerkannt werden und dass diese menschenverachtende Erziehungspraxis geächtet wird, damit so etwas Schreckliches nie wieder passieren kann.
Wie gehen ehemalige Heimkinder mit ihren Traumata um?
Wer so ein Heim hinter sich hatte, ist fürs Leben gezeichnet. Viele sind an ihrem Schicksal zerbrochen, auch weil sie überhaupt nicht auf das Erwachsensein vorbereitet wurden. Ich erinnere mich, dass ich Angst hatte mit der U-Bahn oder dem Bus zu fahren, als ich nach Berlin kam. Das musste ich erst richtig lernen.
Außerdem haben viele, wie ich, keinen Schulabschluss machen können. Anfangs musste ich jede Beschäftigung annehmen, die sich mir bot. Wegen meiner Armverletzung aus dem Heim war das nur eingeschränkt möglich. Kein Arbeitgeber hätte einen Fürsorgezögling eingestellt. Deshalb habe ich den Leuten irgendwas erzählt von einer behüteten Kindheit und mich später selbstständig gemacht.
Für mich war die beste Therapie, alles aufzuschreiben. Drei Jahre lang habe ich an meinem Buch „Albtraum Erziehungsheim - Geschichte einer Jugend“ geschrieben, das in wenigen Wochen im Engelsdorfer Verlag erscheint. Ich werde zu Lesungen eingeladen und erzähle von der Zeit im Heim.
Wie reagieren ihre Zuhörer darauf?
Viele können nicht fassen, dass so etwas möglich war. Die Phantasie reicht nicht aus, um sich das vorzustellen. Das zeigen auch die Fragen, die dann gestellt werden, zum Beispiel, ob es keine Beschwerdestelle gab oder warum wir nicht einfach gegangen sind. Wir sind mit der Aufarbeitung ja noch ganz am Anfang.
Im Internet gibt es auch Foren von Betroffenen aus der ehemaligen DDR. Ihr Verein listet aber vor allem westdeutsche Einrichtungen auf. Welche Kontakte gibt es zu früheren DDR-Heimkindern?
Ich bin im Mai zu einer Lesung im Dokumentationszentrum Torgau eingeladen. Der Jugendwerkhof Torgau gehörte ja zu den berüchtigten Heimen in der DDR, die bis 1989 bestanden.
Die Praxis zeigt, dass es dort zwar ähnliche Strukturen gab. Aber sie dauerten 15 Jahre länger als in Westdeutschland und es war eben auch ein ganz anderer Staat mit anderen politischen Verhältnissen. Einige der ehemaligen DDR-Heimkinder sind aber bei uns im Verein organisiert.
maf / 26.03.2007
Das Gespräch führte Martin Franke (c).
Internetauftritt “Sozial-Info” von Martin Franke @ http://www.sozial-info.de/
Siehe, dort, auch u.a. die Rubrik “ZUR PERSON”.
Unter dem Namen "Martin Franke - Redaktionsbüro Gesundheit und Soziales" arbeite ich seit 1997 als freiberuflicher Journalist mit einer Spezialisierung für Gesundheits- und Sozialthemen.
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