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SOZIALEXTRA
Dezember 2006 [ Seite 6-11 ]
Interview
„Und
wenn Du nicht brav bist, dann kommst du ins Heim”
Regina Rätz-Heinisch von SOZIALEXTRA im Gespräch mit Peter
Wensierski über sein Buch „Schläge im Namen des
Herrn“
Volker
schlief schon, als einmal mitten in der Nacht im Schlafraum das
Licht angeknipst wurde. Ein Erzieher, vor dem viele Kinder
große Angst hatten, kam herein, trat vor das erstbeste
Bett. „Aufstehen!“ Der Junge, er hieß Heinz,
hatte sich noch nicht erhoben, da traf ihn schon ein Schlag
ins Gesicht. Geht das nicht schneller? Heinz hatte beide Hände
wie einen Schild über seinen Kopf erhoben und schwieg.
„Sonst noch jemand einen Gute-Nacht-Kuss?“
Auszug
aus der Lesung von Peter Wensierki auf der Veranstaltung in
Idstein am 9. Juni 2006, die Lesung ist vollständig
veröffentlicht unter:
http://www.schlaege.com/html/lesung_idstein.html#LesungIdstein

Zu
Beginn des Jahres 2006 erschien das SPIEGEL-Buch „Schläge
im Namen des Herrn“. Der Autor Peter Wensierski lässt
hier Betroffene, die in den fünfziger, sechziger und
siebziger Jahren in der Bundesrepublik Deutschland in
kirchlichen oder staatlichen Heimen unter demütigenden
Bedingungen leben mussten, selbst zu Wort kommen. Viele sprechen
nach über dreißig Jahren zum ersten Mal über
ihre Erfahrungen in der Heimerziehung. Im Buch wird ein bisher
wenig bekanntes Kapitel der Geschichte der Erziehungshilfen
aufgegriffen: „Das größte Unrecht, was an
jungen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland begangen
worden ist“.
SOZIALEXTRA:
Wie kam es dazu, dass Du Dich mit dem Thema „Heimerziehung“
beschäftigst?
Peter Wensierski: Das
ist schnell erzählt. Viele sind überrascht, dass wir
beim SPIEGEL Themen aufgreifen, die von außen an
uns herangetragen werden, wir also oft auf Vorschläge
reagieren. So war es auch in diesem Fall: eine Leserin meldete
sich und fragte, ob ich nicht mal recherchieren könne, warum
denn in den Paderborner Kinos nicht der Film „Die
unbarmherzigen Schwestern“ läuft. Sonst ware doch
der Film über das Schicksal dreier Mädchen in einem von
Nonnen geführten irischen Erziehungsheim überall
angelaufen. Ich fragte: „Warum wollen Sie den Film so
dringend sehen?“. Da erwiderte sie:„Weil ich dasselbe
hier in Deutschland erlebt habe.“ Ich fragte: „Wo?“
Sie: „In Dortmund. Bei den barmherzigen Schwestern, im
Vicenzheim.“ Ich staunte: „Die heißen genau wie
im Film „Die barmherzigen Schwestern“? Erzählen
Sie doch mal!“ Damit begann die Recherche, das war der
Anlass: die Erzählungen der Frau.
SOZIALEXTRA:
Was hat Dich persönlich motiviert?
Peter
Wensierski: Ich
fand das sehr spannend, aber auch sehr bedrückend, was die
Frau erzählte. Die 60er Jahre in der Bundesrepublik, das
ist auch die Zeit, in der ich ein Jugendlicher war, ich
erinnerte mich an den Spruch: „Wenn Du nicht brav bist,
dann kommst Du ins Heim!“ Diese Drohung betraf damals
zwar nicht mich, ist aber für andere Jugendliche bittere
Realität geworden. Und was sie im Heim erlebt haben, das
hat dann nie einer von uns Jugendlichen erfahren. Das habe auch
ich erst jetzt, dreißig, vierzig Jahre später
erfahren, obwohl damals einige hunderttausend Kinder und
Jugendliche hinter den Mauern der meist geschlossenen Heime für
Jahre verschwanden.
Bei der Recherche, durch die
Erzählungen der ehemaligen Heimkinder, habe ich rasch
gemerkt, dass dieses Thema uns alle betrifft, dass es mich
betrifft, dass es unser Land betrifft. Ich habe auch nicht
ohne Grund geschrieben, dass ich auf das größte
Unrecht gestoßen bin, was an jungen Menschen begangen
worden ist – im Westen unseres Landes. Ich habe mich als
Journalist sehr lange und intensiv mit dem Unrecht in der DDR
beschäftigt. Jetzt bin ich auf ein ganz großes Unrecht
gestoßen, das im Westen begangen wurde und gar nicht
bekannt ist. Dieser weiße Fleck in unserer Geschichte
hat mich sehr überrascht und es hat mich besonders
erschüttert, dass die, die dafür verantwortlich
waren, die ehemaligen Betreiber der Heime, die staatlichen
Kontrolleure und Institutionen, die Kinder und Jugendlichen
dort massenweise eingewiesen haben, die Jugendämter, die
Vormundschaftsrichter, die kirchlichen Institutionen, die die
Heime betrieben haben, die Orden, die katholische, die
evangelische Kirche, dass die alle auch seit dreißig,
vierzig Jahren dazu geschwiegen haben. Die betroffenen Männer
und Frauen sagten mir: „Wir existieren gar nicht, für
niemanden. Unser Problem existiert nicht. Aber wir sind da.
Wir haben das Problem.“
SOZIALEXTRA:
Wie ging es dann weiter?
Peter
Wensierski: Ich
wollte dann immer mehr wissen. Ich habe Gisela Nurthen, die Frau
aus Paderborn gefragt, ob sie noch andere Menschen aus ihrem Heim
kennt. Sie selber hat das Thema ihr Leben lang verdrängt
und wollte nun aber endlich, dass darüber geschrieben und
gesprochen wird, dass darüber aufgeklärt wird, was
geschehen ist und dass es nicht länger ein Tabu-Thema
bleibt. Das spürte ich auch bei vielen anderen ehemaligen
Heimkindern, dass es Ihnen offenbar ein großes Bedürfnis
ist, endlich darüber zu reden. Da existierte so ein
immenser Druck bei den Leuten, dreißig, vierzig Jahre
nach den Ereignissen, da musste endlich etwas raus. Verdrängung
funktioniert ja auf Dauer nicht gut, schon gar nicht das ganze
Leben lang. Verdrängung macht ja auch krank.
SOZIALEXTRA:
Worin bestanden Deine ersten Erkenntnisse?
Peter
Wensierski: Was
mich sehr erstaunte war die Tatsache, dass in den letzten dreißig
Jahren nichts über Heimkinder und was aus ihnen geworden ist,
erschienen war. Die letzten Veröffentlichungen sind die
wenigen Bücher, die nach der Heimrevolte in den 70er
Jahren erschienen sind.
SOZIALEXTRA:
Wie gelang es, gerade jetzt das Schweigen zu brechen?
Peter
Wensierski: Neu an
der jetzigen Situation ist, dass diejenigen Menschen sich
erstmals zu Wort melden, die bis heute direkt betroffen sind.
Einige hatten sogar fertige oder halbfertige Manuskripte über
ihre Leidenserfahrungen in den Heimen in der Schublade. Doch
sie hatten Angst vor einer Veröffentlichung. Sie haben ja
sogar vor Verwandten, Bekannten, Ehepartner und Kindern
darüber geschwiegen: Die Heimkinder haben auch
geschwiegen, weil sie immer dachten, die Geschichten glaubt ihnen
niemand. Sie galten ja schon als Kinder immer als Lügner oder
als unglaubwürdig. Wenn sie damals versucht haben, sich
zu beschweren, dann hat sie keiner ernst genommen: Das
Jugendamt nicht, der Heimdirektor nicht und die Eltern nicht.
Dieses Gefühl hat sie ihr Leben lang bis heute begleitet. Es
war für viele ein richtig befreiendes Erlebnis, als ich
bei einigen auf sozusagen objektive Akten stieß, die das
belegten, was sie mir erzählten. Das ist ganz wichtig für
die Glaubwürdigkeit der biographischen Erzählungen.
Viele Akten sind ja inzwischen vernichtet worden. Meine
Recherchen bei den Vormundschaftsgerichten etwa, sind im Sande
verlaufen, weil dort alles weggeworfen wurde und man glaubte,
sich damit auch der Verantwortung für die einst
anvertrauten Menschen entzogen zu haben.
SOZIALEXTRA:
Was haben die Betroffenen an Erlebnissen und Erfahrungen aus
den Erziehungsheimen berichtet?
Peter
Wensierski: Viele
erzählten mir, dass sie ihnen nicht bekannte Medikamente
einnehmen mussten. Ein ungeheuerlicher Vorwurf, den ich aber
in den Akten bestätigt fand. Dort steht drin, dass die
Kinder offenbar wahllos Psychopharmaka bekommen haben, sogar
über Jahre, aus Bequemlichkeit, weil man abends Ruhe haben
wollte, oder weil man einfach anders mit „Störenfrieden“
nicht fertig wurde. In den Akten steht auch, dass die Kinder
eingesperrt wurden, in so genannte „Besinnungszimmer“.
Praktisch in jedem dieser Heime gab es mindestens einen, häufi
g mehrere solcher Räume. Manche waren wie Gefängniszellen
eingerichtet. Manche wurden sporadisch genutzt: auf Dachböden,
in Wäschekammern, Schränken oder Kellerräumen.
Kinder wurden zur Strafe geschlagen und eingesperrt, häufig
aus nichtigem Anlass. Das fi ndet sich auch in den Akten
dokumentiert.
Es gibt solche Zimmer auch heute noch, etwa
in der „Diakonie Freistatt“ in der Nähe von
Diepholz, da, wo Fürsorgekinder im Moor arbeiten mussten. Da
sind diese Zellen noch vorhanden. Dort bemühen sich jetzt
ehemalige Heimkinder darum, einen Gedenkort aufzubauen. Auch
in Breitenau, 10 km von Kassel entfernt, wo das berühmte
Mädchenheim Fuldatal in Guxhagen liegt, über das schon
Ulrike Meinhof 1969 Rundfunkreportagen gemacht hat, gibt es
noch wie im Dornröschenschlaf erhalten gebliebene Räume
des Mädchenheims, die fast noch so sind, wie sie 1970
verlassen wurden. Dort sind die „Besinnungsstübchen“,wie
sie die Erzieher damals nannten, noch im Original erhalten. An
den Wänden sind die verzweifelten Schriften der Mädchen
eingeritzt.
SOZIALEXTRA:
Was veränderte sich für die ehemaligen Heimkinder durch
die jetzige öffentliche Wahrnehmung und Diskussion?
Peter
Wensierski: Es ist
ein Prozess der Aufarbeitung. Es ist dabei wichtig, auf andere
ehemalige Heimkinder zu stoßen. Heute hat mich jemand
angerufen, weil er gerade darüber sehr glücklich
ist. Er besaß bisher drei Fotos aus seiner dieser Fotos
ist. Da haben sie sich in den Armen gelegen, was nicht
selbstverständlich ist, denn in vielen Heimen durften
keine Freundschaften zwischen den Kindern entstehen. Zu dem
größten Unrecht zählt für mich auch, dass in
den Heimen systematisch Geschwister voneinander getrennt
worden sind, ganz bewusst. Es gibt Menschen, die versuchen
verzweifelt bis heute, die Reste ihrer Familie wieder zu finden
und zusammen zu bringen. Sie haben in der Heimzeit sämtliche
soziale Beziehungen zu ihren eigenen Brüdern oder
Schwestern verloren.
Viele Menschen trauen sich nun
endlich, in ihrem persönlichen Umfeld darüber zu reden.
Sie fühlen sich ermutigt, gegenüber den Betreibern der
Heime ihre Stimme zu erheben, Wiedergutmachung zu fordern. Es
geht auch um eine Anerkennung der Zeiten, in denen sie dort
gearbeitet haben, wenigstens als Rentenjahre. Sie fordern
vehement Einsicht in ihre Akten, sie wollen Bekannte fi nden.
Vor allen Dingen wollen sie selbst wieder als vollwertige
Menschen anerkannt werden und nicht mehr länger das
Stigma „Heimkind“ mit sich herumschleppen. Es hat für
sie bedeutet, irgendwie schuldig, irgendwie kriminell,
unglaubwürdig und nichts wert zu sein. Das war das
entscheidende Lebensgefühl, das viele bis heute durch die
Erziehung von damals begleitet hat. Das Gefühl: „Du
taugst nichts, Du bist nichts wert, aus Dir kann nichts
werden“. Dieses Lebenstrauma soll endlich durchbrochen
werden. Für viele Beteiligte ist es heute ein dringendes
Bedürfnis, das jetzt noch, an dieser Stelle ihres Lebens,
zu lösen.
SOZIALEXTRA:
Du hast erwähnt, dass der biographische Zugang auch schwer
war: Da waren Erinnerungen, aber auch Verdrängungen, da waren
schmerzvolle Erfahrungen, teilweise die Übernahme von
Stigmatisierungen und Attributionen, der Scham, die Angst,
dass einem keiner glaubt, das jahrelange Verschweigen vor den
engsten Angehörigen usw. usf. Wie ist es gelungen, dass
die Leute ihre Erfahrungen erzählen konnten?
Peter
Wensierski: Zuhören,
ganz einfach! Also erst einmal den Opfern der Erziehung zu
Zucht und Ordnung zuhören und nicht gleich alles anzweifeln
oder relativieren. Man kann es anschließend nachprüfen,
was sie erlebt haben, das gehört klar zur Aufgabe des
Journalisten. Aber es tat vielen Leuten gut, dass ihnen endlich
jemand zuhörte. Es ist auch gut, dass jetzt einige
Heimkinder eingeladen werden in die Universitäten, an die
Fachhochschulen, zu sozialpädagogischen Seminaren, zu
denjenigen, die heute Pädagogik studieren. Es tut ihnen
gut, dass sie ihre Erfahrungen dort erzählen können,
bei den Leuten, denen demnächst Kinder anvertraut werden.
Das geschieht noch viel zu wenig. Die Medien haben zwar viel
über mein Buch berichtet, aber Politiker etwa haben das
Thema kaum aufgegriffen. In den Parteien fühlt sich dafür
kaum einer zuständig. Noch in diesem Jahr soll es erstmals zu
einer Anhörung von Heimkindern vor dem Petitionsausschuss
des Bundestages kommen. Ich hoffe, dass es wirklich dazu kommt
und nicht dauernd verschoben wird.
Es gibt keinen einzigen
Vormundschaftsrichter und keinen Juristen, der sich zum Thema
geäußert hat. Die haben damals die Kinder am Fließband
in die Heime geschickt, oft, ohne diese Kinder überhaupt
anzusehen, nach Aktenlage entschieden. Jugendamtsmitarbeiter
haben mir das an verschiedenen Orten geschildert, wie sie
vormittags die Anträge eingereicht und bereits am frühen
Nachmittag die Kinder abgeholt haben. Viele Betroffene wissen
bis heute nicht, warum sie eigentlich ins Heim gekommen sind.
Bei den biographischen Interviews kamen viele Erinnerungen
hoch. Meine Gesprächspartner haben oft weinen müssen.
Viele haben einen speziellen therapeutischen Bedarf, denn sie
sind zwar mit ihren Problemen zu Therapeuten gegangen, aber
fühlten sich dort in den meisten Fällen nicht
verstanden. Da gibt es auch bei den Psychologen und
Therapeuten einen Nachholbedarf an Informationen darüber,
was damals eigentlich in der staatlichen und kirchlichen Erziehung
passiert ist. Viele Leute haben ganz vieles davon in sich
verschlossen, sie haben auch mir nicht alles erzählt. Vom
sexuellen Missbrauch in diesen Heimen ist wahrscheinlich bisher
nur die Spitze des Eisberges bekannt geworden.
SOZIALEXTRA:
Fällt Dir eine Geschichte ein, die Dich besonders bewegt
hat?
Peter
Wensierski: Ich
habe vor allem viel dazu gelernt über Erziehung: selbst
scheinbare Kleinigkeiten haben oft lebenslange Folgen. Ich
habe mich nach der Veröffentlichung des Buches oft
gefragt, warum Nonnen, die früher Kinder erzogen haben,
es heute so heftig abwehren, dass sie da etwas falsch gemacht
haben. Erzieher und Kinder erleben dieselben Dinge einfach
anders. Ein Erzieher, der ein Kind die Treppe hochschleift,
die Tür aufreißt und es ins Besinnungszimmer einsperrt,
erinnert sich da nicht so daran wie das Kind, das dort dann 48
Stunden im Halbdunkel hockt und vielleicht Selbstmordgedanken
entwickelt oder immer wieder sich die bohrende Frage stellt:
Vielleicht bin ich doch irgendwie schuldig? Vielleicht bin ich
schlecht? Die Auswirkungen auf die Betroffenen sind andere,
als das, was die Täter in Erinnerung haben. Ich bin froh,
dass manche Betreiber der Heime nicht völlig ablehnend
auf das Buch reagiert haben und die Geschichten der Betroffenen
für Ausnahmefälle halten. Das ermöglicht die
dringend nötige Aufarbeitung mit den Opfern.
SOZIALEXTRA:
Was kann durch Lesen des Buches über Erziehung gelernt
werden?
Peter
Wensierski: Ich
denke, man wird sensibilisiert für Fragen der Erziehung, wenn
man dieses Buch liest. Man erkennt, welche lebenslangen Folgen
die Unachtsamkeiten von Erziehern haben können, all diese
kleinen Gemeinheiten, Gedankenlosigkeiten oder eine bestimmte
Kombination von all dem. Oder welche Folgen es haben kann,
dass es keine Stellen gibt, an die Kinder sich wenden können:
Beschwerdestellen, Rettungsanker. Es hat mich sehr berührt,
dass Jugendliche, die in den besten Jahren ihrer Jugend
eigentlich nur erwachsen werden wollten, sich vielleicht
verlieben oder schlicht das Leben kennen lernen wollten,
gedankenlos weggesperrt wurden. Es waren ja Erziehungsheime,
keine Gefängnisse. Die Jugendlichen, die dahin kamen,
sollten nicht bestraft werden, es sollte ihnen eigentlich
geholfen werden. Aber sie wurden dort der besten Jahre ihres
Lebens und vieler Chancen beraubt. Sie bekamen eine schlechte
medizinische Versorgung. Sie bekamen eine schlechte Bildung.
Sie wurden mit Medikamenten voll gestopft. Es gab sexuellen
Missbrauch. Es gab Gewalt. Sie wurden als billige Arbeitskräfte
ausgebeutet. Staat und Kirchen haben diese Heime nicht gut
kontrolliert. Sie haben es geduldet, denn sie haben genau
gewusst, was da vor sich geht. Es ist allen Verantwortlichen
klar gewesen. Es gibt in den Akten genug Material, das belegt,
dass bekannt gewesen ist, was da läuft.
Aber
Kinder und Jugendliche waren ohnehin in den 50er und 60er Jahren
in der Gesellschaft viel wertloser als heute und diese Kinder,
die dort in den Heimen waren, galten als besonders wertlos. Es
waren die so genannten „gefallenen Mädchen“,die
vielleicht zu früh Kinder bekamen. Es waren uneheliche
Kinder, die als Kinder der Sünde galten. In den
kirchlichen Heimen, egal, ob katholisch oder evangelisch, kamen
noch besondere Erniedrigungen hinzu, wie die Unterdrückung
von Sexualität. Ein Beispiel: Der Umgang mit den ersten
Monatsblutungen der Mädchen, der Umgang mit Mädchen
überhaupt, denen ständig unterstellt wurde, sie seien
verdorben durch und durch, womöglich geschlechtskrank. Es
gab entwürdigende Untersuchungen auf den
Gynäkologenstühlen, demütigende Szenen beim
Waschen. Das waren Spezialitäten der Nonnenheime. Der
sexuelle Missbrauch in Heimen von katholischen Brüdern
war besonders hoch; Dinge wie das Schweigegebot und Beten und
Beichten spielten dort eine große Rolle. Daran ist schon der
eine oder andere Jugendliche verrückt geworden. Es kam zu
Selbstmorden oder Selbstmordversuchen. Bis heute ist nicht
klar, wie viele in diesen Jahren so gestorben sind. Obendrein
haben viele auch wenige Jahre, nachdem sie aus dem Heim
gekommen waren, Selbstmord verübt.
SOZIALEXTRA:
Exemplarisch für den Weg in ein Heim in den 50er Jahren
ist im Buch die Geschichte von Gisela, die mit fünfzehn
Jahren einfach enge Hosen tragen, Motorrad fahren, Jungs
treffen und Elvis Presley hören wollte. Aber ein
uneheliches Kind war. Die staatliche Obhut meinte, sie –
vor was auch immer– bewahren zu müssen und so wurde
sie, ohne zu
wissen, was geschieht, in ein Heim eingewiesen.
Peter
Wensierski: Das
ist ein ganz typisches Beispiel: Es gab in der Bundesrepublik ein
Tauziehen zwischen reaktionären Kräften, die an Zucht
und Ordnung und an Gedanken aus der Nazizeit festhalten
wollten und es gab gleichzeitig die Modernisierung der
Gesellschaft, die Westöffnung, die Amerikanisierung und das
Herüberschwappen dieses Lifestyles.
Zahlreiche
Jugendliche sind damals zerschlissen worden zwischen diesen
Reibungspunkten in der Gesellschaft. So etwas hat es ja in
Deutschland auch schon in der Nazizeit gegeben mit den
Edelweißpiraten und den Swingkids. Störenfriede werden
eben zu allen Zeiten und unter allen Systemen am liebsten
ausgegrenzt. Es wird nicht richtig hingeguckt, was los ist:
Mit Ausgrenzen und Wegsperren meint man das Problem zu lösen.
An den Geschichten im Buch kann man gut nachvollziehen, dass
auf diese Weise Probleme überhaupt nicht gelöst werden
können.
Wenn man heute immer nach raschen
Problemlösungen sucht für problematische Jugendliche
und nach Wegsperren, Ausgrenzen und Strenge, Zucht und Ordnung
ruft, kann man nur sagen: Wer so vorgeht, der richtet mehr
Schaden an als ohnehin schon da ist und es kommen am Ende mehr
Kosten auf die Gesellschaft zu, als man damit zu sparen
glaubt.
SOZIALEXTRA:
Was erwartest Du an Reaktionen oder sogar Wiedergutmachungen
von der Gesellschaft?
Peter
Wensierski: Den
ehemaligen Heimkindern muss von denen, die ihr Schicksal mit
verschuldet haben, Gerechtigkeit widerfahren. Da sind in erster
Linie die einstigen Betreiber der Heime gefordert, die
katholische und evangelische Kirche, die für 80 Prozent
der 3000 westdeutschen Erziehungsanstalten verantwortlich sind. Da
ist aber auch der Staat, der es versäumt hat, seiner
Fürsorgepfl icht und seinen Kontrollen nachzukommen. Es
ist die Politik, die die Vorgaben gemacht hat von Zucht und
Ordnung in den 50er, 60er Jahren. Es ist die Justiz, die die
Kinder unbesehen eingewiesen hat in diese Heime.
All
diese Verantwortlichen und noch einige mehr, könnten sich
zusammentun und eine Stiftung, eine
Wiedergutmachungsorganisation, gründen, um damit die
aktuellen Leiden von tausenden Betroffenen zu lindern, in dem
sie ihnen helfen, diese Zeit aufzuarbeiten. Das beginnt
sicherlich mit einer Entschuldigung, indem klar gesagt wird:
„Wir haben ein großes Unrecht an Euch begangen! Ihr
braucht Euch nicht mehr schuldig zu fühlen oder eine
Schuld mit Euch herumzuschleppen, die Euch bis ans Lebensende
belastet. Wir haben Euch wirklich schlecht behandelt. Ihr habt
Euch nicht getäuscht. Es ist wahr, was ihr sagt. Dort
haben wenig ausgebildete Erzieher gearbeitet. Dort waren
schlechte Bedingungen. Es wurde geprügelt, es wurde
gedemütigt. Wir sind an Eurem schlecht verlaufenen Leben
mit schuldig.“ Das ist eine Entlastung, die ist wichtig.
Aber bei solchen warmen Worten darf es nicht bleiben. Zu der
Entschuldigung gehört auch, dass Heimkindern konkret geholfen
wird.
Ich habe als Reaktion auf das Buch oft genug
erlebt, dass von Caritas, Diakonie und staatlichen
Einrichtungen diese Schuld gern ganz allgemein anerkannt wird.
Doch es wurde bisher noch kein einziger Schritt gemacht, in
konkreten Fällen wirklich Heimkindern nachhaltig zu
helfen. Ich denke zum Beispiel an den Fall einer Frau, Elfriede
Schreyer aus Hessen, die Jahrzehnte lang im Idsteiner Kalmenhof
als billige Arbeitskraft ausgebeutet wurde. Sie kam in das
Heim als Zwölfjährige und blieb dreißig Jahre
dort. Solchen Personen muss rasch eine Wiedergutmachung angetragen
werden.
SOZIALEXTRA:
Was hast Du über das pädagogische Milieu erfahren in
den Institutionen? Was hat begünstigt, dass Demütigungen
und Gewalt durch Erziehungspersonen ausgeübt wurde?
Peter
Wensierski: Ich
habe zum Beispiel erfahren, dass Gewalt in einer solchen
Institution begünstigt wird, wenn diejenigen, die sie
betreiben, gedeckt werden: Wenn die Direktoren, die
Verantwortlichen so einer Institutionen, nicht den Opfern glauben
und nicht dem geringsten Vorwurf nachgehen, sondern in erster
Linie um ihre Institution Angst haben, haben, um den Ruf ihrer
Institution – und deshalb ihre Erzieher und ihre
Angestellten in den Schutz nehmen.
SOZIALEXTRA:
Worin siehst Du die Bedeutung Deines Buches für die heutige
Jugendhilfe? Was möchtest Du Menschen, die in den
Erziehungshilfen als SozialarbeiterInnen oder ErzieherInnen
tätig
sind bzw. tätig werden möchten, sagen?
Peter
Wensierski: Ich
glaube, es ist für die Menschen in den Erziehungshilfen sehr
wichtig wahrzunehmen, auf welchen Erfahrungen sie aufbauen, in
welche Fallen sie dabei geraten können: Wir haben hier in
Deutschland über Jahrzehnte eine schlimme öffentliche
Jugendhilfe gehabt. Und ich denke, dass man das zur Kenntnis
nehmen muss aus der Sicht der Betroffenen. Ich habe als
Journalist gesehen, dass die wissenschaftliche Literatur über
diese Zeit nicht ausreichend ist und kein Gefühl dafür
vermittelt, was da wirklich passiert ist. Da werden endlos
Veränderungen von Institutionen und Gesetzen beschrieben.
Da werden pädagogische Ansätze hin und her
beschrieben, nur die Menschen kommen darin eigentlich nicht vor.
Die Auswirkungen, das Ergebnis von Pädagogik, kommt darin
auch selten vor.
Ich denke, man kann nur eine gewisse
Sensibilität für seine Arbeit heute entwickeln, wenn
man die Erfahrungen anderer aufgreift und sieht, welche Folgen was
wie bei den Leuten hinterlässt. Ansonsten habe ich einige
konkrete Anregungen: Es fehlt beispielsweise eine
Wanderausstellung über die verdrängte Geschichte der
Heimkinder, die durch alle Heime, die noch bestehen – es
existieren ja noch 400 dieser damaligen Heime – zieht.
Oder eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum
über die Erziehung in den 50er und 60er Jahren. Es gibt
auch Orte, die zu Gedenkorten umgewandelt werden könnten,
dauerhaft. Dort könnten heutige Pädagogikstudenten
besser verstehen, was sich nicht wiederholen darf. Mir ist es
ja auch so gegangen: Erst als ich in einem dieser
Besinnungszimmer war, habe ich wirklich begriffen, was es für
einen 12jährigen bedeutet haben muss, dort eingesperrt
gewesen zu sein.
Prof. Dr. Regina Rätz-Heinisch,
Jahrgang 1970, ist
Hochschullehrerin für Kinder und
Jugendhilfe an der Alice-
Salomon-Hochschule Berlin
und Beirätin von SOZIALEXTRA.
Kontakt via E-Mail:
raetz@asfh-berlin.de
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