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Die
Veröffentlichung des Buches Schläge
im Namen des Herrn von
Peter Wensierski (siehe Seite 63) hat eine Debatte über die
Heimerziehung auch in diakonischen Einrichtungen in den
Fünfzigerjahren ausgelöst. Im Gespräch mit Kathrin
Jütte äußert sich der Präsident des
Diakonischen Werks der EKD, Jürgen Gohde, zu den
Vorwürfen.
zeitzeichen: Herr
Gohde, das Buch "Schläge im Namen des Herrn" von
Peter Wensierski, in dem es um die Heimunterbringung von Kindern
und Jugendlichen in der Nachkriegszeit auch in konfessionellen
Heimen geht, hat ein großes Medienecho hervorgerufen. Hat
Sie das überrascht?
JÜRGEN GOHDE: Nein,
überhaupt nicht. Das Buch liefert eine Fülle von
Einzelberichten und erzählt sehr anschaulich von Menschen,
die als Kinder in der Heimerziehung oder in der Fürsorgeerziehung
gewesen sind und über ihre bedrückenden Erfahrungen dort
sprechen. Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben,
werden durch das Buch oder die Berichterstattung angeregt, über
ihre Geschichte zu sprechen oder zu schreiben. Vielen Menschen
hilft es, erstmals nach Jahrzehnten ihre Situation in der
Öffentlichkeit thematisiert zu finden. So liegt ein Verdienst
des Buches – auch wenn es nicht historisch aufarbeitet -
darin, dass es einen Prozess angestoßen hat, der es möglich
macht, über Verletzungen und Unrecht öffentlich zu
sprechen.
Welche Erwartungen formulieren die Menschen
nun an die Diakonie?
JÜRGEN GOHDE: Die
Reaktionen, die bei mir ankommen, sind bewegend. Das Buch hat ein
Tabu gebrochen, in dem es die einzelnen Lebensgeschichten ans
Tageslicht geholt hat. Wir sind gefragt, diesen
Aufarbeitungsprozess aktiv anzunehmen.
Wie können
Sie dem gerecht werden?
JÜRGEN GOHDE: Indem
wir uns fragen, wie es zu solchen Übergriffen kam. Wir
bereiten eine Tagung vor, die sich den Fragen des Buches aktiv
stellt. Dort sollen die Beteiligten zu Wort kommen. Ferner werden
wir eine unabhängige Publikation herausgeben, die der Lebens-
und Leidenssituation dieser Menschen gerecht wird. Dabei müssen
die Frage nach Gewalttraditionen in der sozialen Arbeit, aber auch
der Zeitbezug der Ereignisse im Mittelpunkt stehen. Wir haben als
Diakonie in der Vergangenheit dazu sehr viel gearbeitet, unsere
Archive sind offen, und wir werden diese Arbeit auch in den
nächsten Jahren fortsetzen.
Wensierski hatte schon
2003 im "Spiegel" seinen ersten Artikel über
das Schicksal der Heimkinder veröffentlicht. Er hat mit
seinen Recherchen in den Archiven immer wieder deutlich gemacht,
dass er eine Buchveröffentlichung plant. Warum sind ihm die
diakonischen Einrichtungen mit der Aufarbeitung dieses Themas
nicht zuvorgekommen?
JÜRGEN GOHDE: Sie
arbeiten seit vielen Jahren an diesem Thema. In zahlreichen
Festschriften unserer diakonischen Einrichtungen finden Sie
Aufsätze, an vielen Stellen sind historische Aufarbeitungen
nachlesbar. Wie zum Beispiel in unserem Ausstellungskatalog "150
Jahre Diakonie" [bzw. "Die
Macht der Nächstenliebe – Einhundertfünfzig Jahre
Innere Mission und Diakonie 1848-1998"
(ISBN 3-86102-104-8)***]
aus dem Jahr 1998. Das Interesse daran war aber lange nicht
vorhanden.
Diese Veröffentlichungen sind in der
breiten Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen
worden.
JÜRGEN GOHDE: Wir in der
Diakonie haben uns immer wieder mit Strukturreformen, mit
Veränderungen von Konzepten beschäftigt. Aber die
zentrale Frage, wie sich eine bestimmte Erziehungsform, eine
bestimmte Lebenssituation auf den Einzelnen auswirkt, das hat in
dieser Aufarbeitung leider keine Rolle gespielt. Hier setzt das
Buch an, und es bewegt Menschen, die nun endlich zu Recht hoffen,
in ihrer Biographie mit all ihrem Leid gehört und anerkannt
zu werden. Wir müssen endlich die Scham überwinden und
Opfer und Täter zu Wort kommen lassen.
Wie kommt es
Ihrer Meinung nach dazu, dass die Öffentlichkeit besonders
auf gebracht reagiert, wenn kirchliche Einrichtungen und deren
Erziehungsmethoden angeprangert werden, die rückwirkend die
ganze Gesellschaft anklagen?
JÜRGEN GOHDE: Man
erwartet von der Kirche und von Diakonie zu Recht, dass sie sich
dem Evangelium verpflichtet verhalten. Deshalb stoßen wir in
diesem Zusammenhang auf den nahezu unauflöslichen Widerspruch
zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Wir leben nicht im Paradies.
Das sieht man an diesen Berichten sehr deutlich. Zum einen haben
Menschen Fehler gemacht. Zum anderen - ich will nichts beschönigen
- forderte die damalige, teilweise noch durch die NS-Zeit geprägte
Pädagogik Disziplin und Anpassung. Züchtigung und Strafe
waren allgemein akzeptiert. In der Familie, in der Schule und auch
in der Fürsorgeerziehung. Sie müssen sich vorstellen,
dass Erzieher dort gearbeitet haben, die kurz zuvor aus dem Krieg
zurückgekehrt und häufig nicht gut ausgebildet waren.
Sollte man denn nicht an die christlichen Kirchen
andere Maßstäbe anlegen?
JÜRGEN
GOHDE: Sicher. Die Kirche ist in besonderer Weise
herausgefordert, sich immer wieder zu fragen, wie wirkt sich das,
was unseren Glauben, was unser Handeln bestimmt, praktisch aus.
Und da haben Menschen hohe Erwartungen an uns. Die Wirklichkeit
der Fünfziger- und Sechzigerjahre unterscheidet sich deutlich
von dem, was wir heute in der Jugendhilfe vorfinden. Und selbst
damals gab es keinen Grund, alles schwarz-weiß zu malen,
denn wir haben bis zum jetzigen Zeitpunkt keinen Hinweis auf
systematisches oder auf Weisung begangenes Unrecht. Aber wir
müssen uns den Einzelsituationen stellen und sie aufarbeiten.
Es gibt eine Reihe von offenen Fragen, die sich nur so klären
lassen werden.
Wie wappnet sich die Diakonie in ihren
Einrichtungen gegen künftige Anklagen? Wie nutzt sie ihren
Vorsprung vor anderen Anbietern?
JÜRGEN
GOHDE: Wir haben uns in den vergangenen Jahren intensiv um
ein Beschwerdemanagement und die Verbesserung der Qualität
bemüht. Aber wir müssen auch nach den Wirkungen
bestimmter Konzepte fragen. Eine zentrale Frage ist: Welche Rollen
spielen Institutionen im Blick auf die persönlichen
Lebenssituationen, auf die persönliche Freiheit? Menschen
können ihre Lebenswünsche heute stärker einbringen.
Wie verändert das unsere Praxis? Diese Fragen müssen wir
für die Zukunft beantworten.
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