Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

Die Leidensgeschichte des damalig staatenlosen Jugendlichen Martin Mitchell
in westdeutscher "Fürsorgeerziehung" in den 1960er Jahren, geschildert und
belegt an Hand von aktuellen Schriftstücken aus der "Fürsorgeerziehungsakte"
damalig geführt von der Anstaltsleitung der Betheler Zweiganstalten Freistatt –
Anstalt Freistatt im Wietingsmoor
(Kreis Diepholz, Niedersachsen) – Teilanstalt
der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel
(bei Bielefeld, Nordrhein-Westfalen).
( Akte erhalten in Australien am 16. Mai 2006. )

Subindex 15

Martin Mitchell – Fotos aus seiner Kindheit und Jugendzeit
(chronologisch arrangiert – 1946-1964 – von unten aufwärts - "aufsteigend")


Die Leidensgeschichte des damalig staatenlosen Jugendlichen Martin Mitchell in westdeutscher "Fürsorgeerziehung" in den 1960er Jahren, geschildert und belegt an Hand von aktuellen Schriftstücken aus der "Fürsorgeerziehungsakte" damalig geführt von der Anstaltsleitung der Betheler Zweiganstalten Freistatt – Anstalt Freistatt im Wietingsmoor (Kreis Diepholz, Niedersachsen) – Teilanstalt der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel (bei Bielefeld, Nordrhein-Westfalen).
( Akte erhalten in Australien am 16. Mai 2006. )

Erste Analyse von Martin Mitchell der über ihn in Anstalt Freistatt geführten "Fürsorgeakte".

Es war mir möglich jetzt erstmalig anhand meiner Akte festzustellen, und ich bin mir ganz sicher, dass jede "Fürsorgezöglingsakte" in Anstalt Freistatt eine schriftliche Bescheinigung enthält, die zur Zeit der Einweisung eines jeden Jungen (oder kurz danach) – angeblich von einem praktischen Arzt – ausgestellt wurde; eine Bescheinigung, die aussagt, dass jeder betreffende Junge "arbeitsfähig" ist.

Nach telefonischer Konsultation meinerseits mit anderen ehemaligen "Fürsorgezöglingen" (die auch in den 60er Jahren in "Haus Neuwerk", sowohl wie auch in anderen Häusern in Anstalt Freistatt interniert waren), wird mir bestätigt, dass auch in ihren Akten eine solche Bescheinigung über sie, als "arbeitsfähig", zu finden ist.

In meinem Fall, wird mit Dokument – "Aufnahme-Untersuchung" – anscheinend unterzeichnet in Freistatt am 21.03.1963, von einem Dr. Med. K. Berend, prakt. Arzt, 2839 Varrel, bescheinigt, dass ich "arbeitsfähig" bin.

Aufgenommen wurde ich jedoch, in "Haus Moorhort", schon am 11.02.1963, woraufhin ich auch sofort zur schweren Arbeit mit Spitzhacke, Schaufel und Schubkarre zum Parkplatzbau, bei gefrorenem Boden, hinter der Bahnlinie direkt an der Hauptstrasse ins Moor und gegenüber dem Eingangstor zum Torfwerk, eingesetzt, bzw. gezwungen, wurde. Diese Arbeit wurde nicht bezahlt, wie an verschiedenen Stellen in meiner Akte selbst sogar schriftlich bestätigt wird.

Am 26.02.1963 entfernte ich mich spät Abends durch Flucht von "Haus Moorhort", wurde aber am folgenden Morgen, den 27.02.1963, in Minden, wieder aufgegriffen und daraufhin in das "Haus Neuwerk" eingeliefert. Am darauf folgenden Tag, wurde ich sofort zum Torfstechen und Abbau von nassem Weißtorf, bei gefrorenem Boden, im Moor eingesetzt, bzw. gezwungen. Auch diese Arbeit wurde nicht bezahlt, wie an verschiedenen Stellen in meiner Akte selbst sogar schriftlich bestätigt wird.

Meines Erachtens heute – und das war meine Meinung auch damals schon – war der Zweck des Einsperrens in Anstalt Freistatt der Jungen im Alter von 14 bis 21 Jahren, vorwiegend, der Einsatz zur Arbeit im Moor.

Hauptbestandteil dieses Wirtschaftsunternehmens war die "Arbeitsfähigkeit" der jugendlichen Insassen und die Ausnutzung ihrer unentlohnten Arbeitskraft.

Anstalt Freistatt war (seit 1901), mindestens, über 8 Jahrzehnte hinweg eine mit "billigen Arbeitskräften" betriebene "Arbeiterkolonie", eine "Bewahrungsanstalt", eine "Arbeitserziehungsanstalt", ein "Arbeitszwangslager", ein marktrechtliches mit Parochialrechten versehenes Wirtschaftsunternehmen, ein Torfgewinnungsunternehmen der Evangelisch-Lutherischen Kirche / Bethel / Innere Mission / Diakonie – "gut aufgebaut" und mit System.

Dazu kamen die "Pflegegelder", die im Jahre 1963 3.960,25 DM per Jahr, per Insasse, betrugen (wie aus meiner Akte hervorgeht und daraus ersichtlich ist).

Die "Zwangsarbeit im Moor", "in der Landwirtschaft" oder "im Straßenbau und Parkplatzbau" soll – so wird heute von den damals Verantwortlichen und auch von ihren heutigen Rechtsnachfolgern behauptet – "Therapie" für die Jungens gewesen sein.

Die Bescheinigungen zur "Arbeitsfähigkeit", jedoch, wurden von keinem Facharzt, Psychiater, Psychologen oder zumindest einem Pädagogen ausgestellt oder die "Zwangsarbeit" von Fachleuten empfohlen. Und "Zwangsarbeit" war auch damals nicht in der Gesetzgebung der Bundesrepublik Deutschland oder der Länder, ein schriftlich niedergelegter Bestandteil der "Fürsorgeerziehung".

Ein psychologisches Gutachten, was meine Person betreffend ungefähr drei Wochen vor meinem fünfzehnten Geburtstag von Diplom Psychologe Albert Tamborini, in West-Berlin, ausgestellt wurde, beschreibt mich, u. a., als einen "gutmütigen, außerordentlich liebebedürftigen und anlehnungsbereiten Jugendlichen" aber auch als einen "außerordentlich gehemmten und durch seine schwierigen Umweltverhältnisse in seiner Entwicklung beeinträchtigten Jugendlichen".

Ich bin mir auch ganz sicher, dass dieser Psychologe, Herr Tamborini, ganz bestimmt keine "Zwangsarbeit","Geschlossene Unterbringung" und "Gewaltanwendung" für mich empfohlen hätte, und auch, dass er wenn er davon gewusst hätte welchen Misshandlungen ich im evangelisch-lutherischen Burschenheim Beiserhaus in Rengshausen bei Kassel und später in der evangelisch-lutherischen Anstalt Freistatt im Wietingsmoor ausgesetzt werden würde, ganz bestimmt Einwendung dagegen erhoben hätte.

Die gewalttätigen Methoden die von der Leitung und dem Personal der Anstalt Freistatt und anderen solchen Anstalten in West-Deutschland damalig gegen ihre Insassen angewendet wurden um überall den "Arbeitszwang" durchzusetzen, waren nicht nur auch damalig schon völlig gesetzwidrig aber auch durchaus strafbar.

Aber niemand setzte sich für die Rechtlosen ein um ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen.


[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 30. Mai 2006 ]