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Lieber
Martin!
Sie haben in der Zwischenzeit eine ganze Reihe von
Briefen an mich geschrieben, und ich komme erst heute dazu,
Ihnen diese zu beantworten. Ich hoffe, daß Sie sich in
der Zwischenzeit ein weinig in Freistatt eingelebt haben,
soweit das den Umständen entsprechend möglich ist,
und sie gleichzeitig ein wenig Gele- genheit gefunden haben
über sich und Ihre Zukunft, auf jeden Fall über Ihre
bewegte Vergangenheit, nachzudenken. [ ٪
] Leider
ging bisher aus Ihren Zeilen nur hervor, welches Unrecht Ihnen die
ganze Welt antut, und ich konnte nie ein Wort Ihrer Einsicht um
die Bemühungen der für Sie verantwortlichen Erwachsenen
er- kennen. [ ٪
] Wie Sie
aus meinem Entschluß, Sie nach Freistatt zu ver- legen,
entnehmen mußten, war ich nicht länger gewillt, das
Hüh und Hott von Ihnen mitzumachen. Sie müßen
sich nun darüber klar werden, daß Sie im Rahmen der
angeordneten Fürsorgeerziehung mei- ner Betreuung und
Weisung bis zu Ihrem 21. Lebensjahr unterstehen. Mir obliegt in
der Ausübung dieser Fürsorgeerziehung für Sie
eine große Verantwortung, und das Ziel meiner Betreuung
wäre eine ab- geschlossene Lehre in einem ordentlichen
Beruf. Nur nach Bendi- gung dieser Lehre wäre ich bereit,
die Fürsorgeerziehung vor Ih- rem 21. Lebensjahr zu
beenden. Sollten Sie dieses Ziel unter Auf- wendung Ihrer
ganzen Kraft erreichen, so steht es Ihnen frei, ebenfalls nach
Australien auszuwandern oder anderweitig Ihre Zu- kunft zu
planen. Aber das ist nur ein Vorschlag von mir, und bis dahin
liegt es jetzt bei Ihnen, endgültig zum letzten Mal
unter Beweis zu stellen, daß Sie als begabter, junger
Mann auch in der Lage sind, Ihren Verstand in guter Weise zu
nutzen. [ ٪
] Es steht
beim Amtsgericht Sulingen [ auf Grund des
Diebstahls, Ihrerseits, (1.) eines Fahrrads des
Gruppenerziehers Schmidt aus einem Werkstattgebäude, am 5.
September 1962, im Burschen- heim "Beiserhaus"
Rengshausen bei Kassel, in Hessen; während Ihres
Entweichens von dort und (2.) auf Grund des
Diebstahls, Ihrerseits, eines alten Mantels und einer
zerschlissenen Jacke, irgendwo aus einer Scheune zwischen
Freistatt und Minden, in Nieder- sachsen, am 26. Februar 1963,
während Ihres Entweichens aus "Haus Moorhort" in
Freitatt ] für Sie erneunt ein Termin an, und das
dort beschlossene Urteil wird sehr richtungsweisend für
Ihre Zukunft sein. [ ٪
] Ich denke,
Sie sind sich darüber klar, daß Sie durchaus mit
Anordnung einer Jugendstrafe zu rechnen haben. Es gibt aber
auch dabei verschiedene Möglichkeiten der Vollstreckung,
und ich kann erst nach dem Urteil genauer dazu Stellung
neh- men. Auf jeden Fall werden Sie noch für einige Zeit
in Freistatt verbleiben, um mir zu zeigen, wie ernst es Ihnen
um eine evtl. Lehre, die nur mit einer Verlegung aus Freistatt
verbunden wäre, ist.
Zum Zeichen, daß es
einem Menschen unter der Betreuung einer Jugendbehörde
möglich ist, eine gute Entwicklung zu nehmen, sollte Ihnen
das Beispiel Ihres Bruders zeigen [mit dem
Sie auf meine Anweisung hin keinen Kontakt haben, und dessen
Aufenthaltsort Ihnen nicht bekannt ist]. [Ihr
Bruder] Peter und auch [Ihre
Schwester] Adelheid leben jetzt beide in Berlin, und ich
konnte Peter aus meiner Betreuung entlassen, so daß er
nur noch seinem Vormund unterstellt ist. Das gute Verhältnis
zu seinem Fürsorger, Herrn Klotz, im Jugendamt
Reinickendorf, hilft Peter sicherlich über viele
Schwie- rigkeiten hinweg. Sollte es Ihnen angenehmer sein, so
könnten auch Sie sich vertrauensvoll an Herrn Klotz
wenden. Entscheidende Maß- nahmen müssen zwar
weiterhin von mir getroffen werden, was aber bei einer guten
Zusammenarbeit mit Herrn Klotz durchaus auch auf diesem Wege
möglich wäre.
Lieber Martin! Sie sehen an der
Länge meines Briefes, daß es mir wirklich eine
Herzensangelegenheit ist, Ihnen den rechten Weg zu zeigen. Ich
bin der Überzeugung, daß ich sicher etwas weiter
sehe, als es Ihnen jetzt möglich ist, und ich denke, daß
Sie sich durch meine Zeilen ein wenig raten lassen. Nach
Regelung des Urteils vom Amtsgericht Sulingen werde ich Ihnen
erneut und bestimmt ziel- sicherer schreiben können. [
٪
] Für
heute grüße ich Sie aus Berlin
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