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Rubrik 'Brennpunkt' - SWP - 12.12.2006
Nicht nur als Arbeitskräfte missbraucht -
Hoffnung auf Anerkennen der Spätfolgen
Aus Scham haben ehemalige Heimkinder lange geschwiegen. Nun bringen sie die Zustände in staatlichen und kirchlichen Kinderheimen in den 50er und 60er Jahren ans Licht. Unter den Folgen leiden einstige Zöglinge noch heute.
Gestern suchten sie das Gespräch mit der Politik.
"Strenge hat noch keinem geschadet." Einen Satz wie diesen können Menschen, die in den 50er und 60er Jahren in kirchlichen und staatlichen Fürsorgeheimen waren, wohl nicht mehr hören. Strenge, Zucht und Drill mussten sie dort im Übermaß erdulden. Die wenigsten von ihnen hatten sich tatsächlich etwas zu schulden kommen lassen - sieht man davon ab, dass im ein oder anderen Fall der Rock eines Mädchens zu kurz, die Antwort auf einen Kommentar Erwachsener zu frech, das Verhalten zu aufmüpfig war.
Es genügten kleine Anlässe, um in die Fänge staatlicher und kirchlicher Fürsorge zu geraten. "Alleinerziehenden Müttern musste immer gegenwärtig sein, dass das Jugendamt ein Auge auf sie hatte. Behördliche Willkür und Macht-Missbrauch waren an der Tagesordnung", schreibt Michael-Peter Schiltsky vom Verein ehemaliger Heimkinder. Die Spießigkeit der damaligen Zeit war beispiellos, die Ungeduld mit dem unbequemen Nachwuchs wohl auch. Schließlich mussten sich Väter und Mütter ihren Anteil am Wirtschaftswunder im Nachkriegsdeutschland hart verdienen.
Überforderten Eltern und Behörden erschienen die 3000 Heime meist in kirchlicher Trägerschaft als idealer Ort zur innerlichen Kurskorrektur rebellischer Sprößlinge. Doch: "Die wirkliche Verwahrlosung der Kinder und Jugendlichen begann nicht selten erst im Heim", sagen Betroffene von einst heute.
Kinder und Jugendliche waren vor allem als unentgeltliche Arbeitskraft auf Feldern, im Moor oder in den Wäschereien der Heime gern gesehen. Investitionen in die Bildung der Zöglinge wurden vernachlässigt, bei Mädchen ganz besonders. "Wir wurden weder für das Leben, noch zum Leben erzogen, sondern gingen mit dem Gefühl in die Welt, am besten wäre es, Du wärest tot, Du bist doch sowieso zu nichts nutze", schreibt Schiltsky.
Diese Botschaft wurde oft mit größter Brutalität vermittelt. Prügel mit Lederriemen und Schläuchen gehörten in vielen Heimen zum Alltag, die Demütigung von Bettnässern und Essensentzug ebenso. Vom Zwang, Erbrochenes aufessen zu müssen, berichten ehemalige Heiminsassen. Auch die "Besinnungszimmer" haben sich ihnen eingeprägt. Dort wurden Kinder tagelang bei Dunkelheit eingesperrt. Verantwortlich dafür waren so genannte Erzieher: Ordensleute und Geistliche ohne jegliche pädagogische Ausbildung, sadistische Angestellte, im Extremfall auch nachweislich ehemalige Nazischergen, die ihre verquere Weltsicht und Frustration an den Kindern auslebten.
"Mächtig viele Einzelfälle"
Es waren "Einzelfälle, die sich allerdings mächtig häuften", sagt Theo Breul vom Bundesverband katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen (BVkE). Von 500 000 Betroffenen in Deutschland geht der Verein ehemaliger Heimkinder aus.
Ihnen hat diese Form der "Erziehung" sehr geschadet. Viele ehemalige Heimkinder sind traumatisiert - und zwar noch heute. Kleinigkeiten wie eine Gürtelschnalle oder der Geruch einer faulen Kartoffel, die an Misshandlungen oder Karzertage erinnern, können Albträume auslösen, Menschenansammlungen zu Panikattacken führen, Berührungen können als unerträglich empfunden werden, weil sexueller Missbrauch kein Einzelfall war.
Nur wenige Betroffene konnten als Erwachsene mit ihrem Partner oder Freunden über die Jugendzeit sprechen. Sie litten zu sehr unter dem Makel, ein Heimkind gewesen zu sein. Auch die Scham über Erlittenes erstickte für Jahre jedes laute Aufbegehren. Ebenso die Politik, die sich blind und taub gegenüber den Zuständen in den Erziehungsanstalten stellte. "Die zuständigen kirchlichen und staatlichen Aufsichtsbehörden hätten die Einhaltung der Grundrechte in den Heimen gewährleisten müssen", betonen Betroffene. Doch sie versagten.
Die Opfer haben das Unrecht nicht vergessen. Auch weil sie unter den Folgen noch zu leiden haben.
· Wegen der erzwungenen unbezahlten Arbeit im jungen Erwachsenenalter fehlen den 50- bis 60 Jährigen heute Rentenbeitragsjahre.
· Wegen der unzulänglichen Schulbildung blieben Heimkindern qualifizierte und damit auch besser bezahlte Arbeitsplätze verwehrt, mit entsprechenden Folgen für die Altersversorgung.
· Wegen der gesundheitlichen und psychischen Spätfolgen mussten viele Betroffene frühzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Nun drohen sie zu verarmen.
Die Zeit des Schweigens ist vorbei. Gestern haben Vertreter des Vereins ehemaliger Heimkinder dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages erstmals ihr Leid geschildert. Die Betroffenen kämpfen heute um ihre Anerkennung als Opfer von Menschenrechtsverletzungen, sie fordern die Anerkennung ihrer Arbeitszeit bei der Rentenberechnung und gegebenenfalls eine Nachzahlung der nicht geleisteten Sozialversicherungsbeiträge durch die Heimträger, ebenso die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses unrühmlichen Kapitels deutscher Sozialgeschichte. Und sie hoffen auf eine Entschuldigung.
Ein Anfang ist gemacht. Das Diakonische Werk und die Caritas blocken das Thema nicht mehr ab und boten Betroffenen Unterstützung bei der Suche nach Dokumenten über die Jahre unter kirchlicher Fürsorge an. Ein klares Schuldbekenntnis ist das noch nicht. Irland beispielsweise ist da schon weiter. Dort wurde den rund 15 000 Opfern kirchlicher Erziehungsheime bereits eine Entschädigung gezahlt.
VON ELISABETH ZOLL
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