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http://www.hna.de/hessenticker/FORUMDamals_fehlte_die_Kontrolle.html
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"Damals
fehlte die Kontrolle"
LWV-Landes-direktor
Uwe Brückmann über die Heimerziehung in den 50ern und 60ern
Kassel.
Die Verbandsversammlung des Landeswohlfahrtsverbandes (LWV) Hessen
will öffentlich ihr Bedauern darüber erklären, dass
auch in den vom LWV betriebenen Heimen bis in die 70er-Jahre hinein
Kinder und Jugendliche misshandelt wurden. Auslöser war das Buch
"Schläge im Namen des Herrn" von Peter Wensierski, in
dem Betroffene aus ihrer Zeit im Heim von menschenverachtenden
Zuständen berichten. Darüber sprachen wir mit Uwe
Brückmann, Landesdirektor des LWV Hessen.
Der LWV hat angekündigt, sich bei den ehemaligen
Heimkindern zu entschuldigen. Wie sieht diese Entschuldigung konkret
aus? Uwe
Brückmann: Die
Verbandsversammlung wird am 5. April eine Resolution verabschieden,
in der sich der Verband offiziell entschuldigt. Darüber hinaus
hat der LWV auch in der Vergangenheit schon einiges unternommen, um
den Betroffenen bei der Aufarbeitung ihrer Biografien zu helfen.
Zum Beispiel? Brückmann:
Etwa, indem wir gemeinsam mit den
jetzigen Heimleitungen Gesprächskreise organisiert haben oder
den ehemaligen Heimkindern Einsicht in ihre Akten ermöglichten.
Wir standen immer wieder mit Informationen zur Verfügung, zum
Beispiel in der Breitenau. Das wird auch gern genutzt. Seit der
Ankündigung der Entschuldigung haben wir viele Rückmeldungen
ehemaliger Heimkinder bekommen, die sagen: "Das finden wir gut".
Wichtig ist mir auch die Feststellung, dass die Aufarbeitung bei uns
nicht erst jetzt begonnen hat: Bereits 1988 haben wir eine
Untersuchung der Heimerziehung in den Nachkriegsjahren veranlasst und
diese auch publiziert.
An wen können sich ehemalige
Heimkinder wenden, die ihre Biografien aufarbeiten wollen?
Brückmann:
Am besten an unseren zuständigen
Mitarbeiter, Klaus Lehning, unter Tel. 0561 / 10 04-23 86. Inzwischen
hört man in der Diskussion die Forderung nach einem Fonds, um
den Misshandelten auch finanziell helfen zu können.
Werden
Sie so etwas einrichten? Brückmann:
Die Problematik von möglichen
Schadensersatzforderungen stellt sich schwierig dar. Das lässt
sich nur im Einzelfall rechtlich klären. Es kommen auch immer
wieder Nachfragen, wenn es um Rentenansprüche geht. Wir sind da
behilflich, aber letztendlich entscheiden die
Rentenversicherungsträger darüber, ob sie die gearbeitete
Zeit im Nachhinein anerkennen.
Die Grünen im
Schwalm-Eder-Kreis haben es gefordert, Buchautor Wensierski hat es
angeregt: Wird in der Breitenau ein Museum eingerichtet, das an die
Heimkinder der Zeit bis 1970 erinnert? Brückmann:
Die Überlegungen gibt es bei uns
schon länger. Wir haben für den 9. Juni zu einer Fachtagung
in den Kalmenhof nach Idstein eingeladen und haben schon über
100 Anmeldungen. Dort werden der Staatssekretär aus dem
hessischen Sozialministerium, Vertreter hessischer Jugendämter,
des Bundesfamilienministeriums sowie Wissenschaftler gemeinsam mit
Betroffenen über die Aufarbeitung der Heimerziehung in den 50er-
und 60er-Jahren diskutieren. In diesem breiten Forum wollen wir auch
darüber sprechen, ob eine Ausstellung erarbeitet werden soll,
wie sie inhaltlich gestaltet werden könnte und ob eine
Angliederung an die Gedenkstätte Breitenau sinnvoll wäre.
Welche Art von Heimen gibt es heute in der Trägerschaft
des LWV? Brückmann:
Wir haben noch zwei Jugendheime. Eines
in Wabern und eines in Idstein. Die Platzzahlen in den Heimen wie
auch in den Gruppen liegen aber deutlich unter denen vor 30 Jahren.
Seit der Reform ab 1969 ist man auf Alternativen umgestiegen, weg von
der stationären Versorgung und zum Beispiel hin zu
Erziehungsstellen in Familien. Auch gibt es Modelle von dezentralen
Wohngruppen, teilstationäre und ambulante Angebote. Das ist in
vielen Fällen nicht nur kostengünstiger, sondern auch
besser für die Kinder und Jugendlichen. Wir versuchen, immer
mehr dahin zu kommen, dass die Hilfe zu den Betroffenen geht anstatt
umgekehrt.
Die Misshandlungen, die heute angeprangert
werden, waren damals nur möglich, weil niemand hingesehen hat.
Wie werden die Heime heutzutage kontrolliert? Brückmann:
Die Kontrolle fehlte damals, Teilen
des Personals fehlte die fachliche Qualifikation, und die
Gesellschaft insgesamt war viel autoritärer als heute. Heute
sind in den Heimen qualifizierte Pädagogen tätig. Die
Heimaufsicht liegt bei den Jugendämtern, Kinder und Jugendliche
werden gezielt über ihre Rechte aufgeklärt. Ich selbst bin
sehr sensibel, wenn ich Hinweise aus den Einrichtungen bekommen
sollte, gehe ich auch persönlich darauf ein.
Von
Bettina Sangerhausen 31.03.2006
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