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13.12.2006
Das Trauma vom
frühen Leid im Heim
Berlin -
Einweisungsgrund: überforderter Vater. Oder frühe
Schwangerschaft. Oder sittliche Verwahrlosung, die sich an
langen Haaren und Lernschwierigkeiten zeigte. Zweieinhalb
Stunden hat sich der Petitionsausschuss des Bundestags am
Montag Lebensgeschichten ehemaliger Heimkinder angehört,
die in den 50er und 60er Jahren in kirchlichen und staatlichen
Fürsorgeanstalten Schläge, Demütigungen,
Missbrauch, Schwerarbeit erdulden mussten. „Kein Tag, an
dem ich nicht mit Angst ins Bett ging und mit Angst aufstand“,
sagt Wolfgang Rosenkötter, der als Halbwüchsiger in
Freistatt im Teufelsmoor frühmorgens mit Holzschuhen zum
Torfstechen ausrücken musste. Dietmar Krone ist
schwerbehindert: „Meine linke Schulter wurde zertreten,
weil mir zwei Teller aus der Hand fielen.“ Er erzählt
von sexuellem Missbrauch und willkürlicher
Psychiatrisierung. Im katholischen Vincenz-Heim, Dortmund,
stand eine 16-Jährige zehn Tage nach der Entbindung im
Bügelsaal, die Brüste hochgebunden, damit sie nicht
mehr stillen konnte. „Des Sonntags durfte ich meine
Tochter für eine Stunde sehen“, erzählt sie den
Abgeordneten. Vorgestellt hat sie sich als M. E.: Bis heute
suchen viele Betroffene Schutz in der Anonymität.
Der
Petitionsausschuss hört Geschichten eines lange verdrängten
Unrechts. Zu Beginn dieses Jahres hat das Buch „Schläge
im Namen des Herrn“ des Journalisten Peter Wensierski
auf das Schicksal dieser Kinder aufmerksam gemacht. Der Verein
der ehemaligen Heimkinder formierte sich und richtete eine
Petition an den Bundestag. Sie fordert die Anerkennung der
erlittenen Menschenrechtsverletzungen, die Ächtung der
damaligen Erziehungspraxis, Wiedergutmachung in Form von
Rentenanerkennungszeiten und Finanzierung von Therapien.
Michael-Peter Schiltsky, Geschäftsführer des
Vereins, betont, dass nicht in allen Heimen solche Praktiken
üblich waren. Alle vom Verein vorgetragenen Fälle
aber seien belegt. Der Hamburger Rechtsanwalt Gerrit Wilmans
spricht von einer Opfergruppe von bis zu 500 000 Betroffenen.
Die kirchlichen Träger Caritas und Diakonie haben
inzwischen eingeräumt, dass vielen Kindern Unrecht
geschehen sei, und eine Aufarbeitung zugesagt. Der hessische
Landeswohlfahrtsverband, Träger zahlreicher
Einrichtungen, hat um Entschuldigung gebeten.
Die
Erfüllung der Petitionsforderungen sei nun „der zweite
und dritte Schritt“, sagt Rosenkötter nach der
Anhörung. Er habe nicht mit so viel „Empathie und
Verständnis“ gerechnet; die Obleute aller
Fraktionen wollten dafür Sorge tragen, dass weitere
Schritte eingeleitet werden. An der Anhörung haben auch
Vertreter der Ministerien für Justiz, Inneres, Familie und
Gesundheit teilgenommen.
Bis heute fehle für die
damalige Erziehungspraxis das Unrechtsbewusstsein, sagt
Schiltsky. Das Argument, Schläge entsprächen nun einmal
dem damaligen Zeitgeist, sei „eine erbärmliche
Verharmlosung“. Er sei rechtlos aufgewachsen. Es handle
sich um Menschenrechtsverletzungen, die anerkannt werden
müssten, auch um künftige zu verhindern, fordert
Schiltsky. Tissy Bruns
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