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Abteilung 1 - Haus Neuwerk ]
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Anstalt Freistatt ]
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Lieber
Bruno!
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15.
September 63
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Nun
möchte ich Dir mal schreiben. Ich dachte ja Du tätst mich
mal besuchen aber jeden Sonntag die Enttäuschung, daß
Du nicht kamst. Hier wurde vor kurzem ein Junge ent- lassen der
hat den Brief mitgenommen und hat ihn an Dich geschickt. Die
Adresse auf dem Umschlag ist nur eine Deckadresse; übrigens
die Adresse wo wir beide in Hannover in dem Altbau gewohnt
haben. Hier werden nämlich alle Briefe die hier rein und
rausgehen gelesen. Sie gehen durch die Zensur. Deswegen habe
ich diesen Brief hier an Dich schwarz rausgegeben. Nun zur
Vergangenheit: Als Du mich damals in Hannover verlassen hattest
und nach Cäsdorf gegangen warst habe ich mich mit „Opa”
zu- sammen getan und wir haben zusammen in dem Alt- bau
gewohnt. Wir verstanden uns aber nicht sehr gut. Wir haben uns
des öfteren gezankt. Einmal kam er Abends und behauptete
er wäre wegen mir bei der Kripo gewesen. Man habe ihn
gefragt ob er einen Martin [Mitchell] und einen Bruno Sell
kenne. Er sagte, er habe gesagt, er wüßte von nichts;
er sei aber zum nächsten Tag wieder hinbestellt.
Er behauptete Du hast mich bei der Polizei angeschissen.
Jeden- falls habe ich nachher herausbekommen, daß er mich
an- gelogen hat. Nachher haben wir uns dann verkracht, und sind
in Unfrieden von einander geschieden. Das kam so: Ich hatte an
einem Sonnabend ungefähr 50 DM Lebensmittel eingekauft die
er nach „Hause” bringen soll- te weil ich noch
etwas zu tun hatte und erst später kom- men wollte. Er
hatte aber auch noch ein paar Mark von mir. Für das Geld
hat er sich betrunken. Als ich Abends nach „Hause”
kam, mußte ich feststellen, daß die ganzen
Lebensmit- tel verdorben waren. Er war noch am helligsten Tage
in den „Bau” gestolpert, war gestürzt und
hatte alles in den Dreck geschmissen. Es war nichts mehr
genießbar außer 2 Toma- ten und 3 Büchsen
Fisch. Ich schimpfte sehr mit ihm. Er sagte er wolle mich bei
der Polizei melden. Tags darauf stahl er mir meine Aktentasche
und noch mehr andere Din- ge. Ich holte mir verschiedenes am
helligsten Tage wieder zu- rück als er schlief. Meinen
Knirps ( Regenschirm ) und ver- schiedene Kleidungsstücke
hatte er versetzt. Jetzt war es ent- gültig aus zwischen
uns. Ich stahl ihm auch seine Kla-
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motten.
Ich traf ihn zwar später noch des öfteren aber
wir grüßten uns nicht und ließen einander in
Ruhe. Ich rich- tete mir auf der anderen Seite des
Treppenhauses das andere kleine Zimmer ein. Ich sicherte das
Zimmer indem ich in die Tür ein Sicherheitsschloss
einbaute und dann auch noch wieder mit dem Schnappriegel und
dem Draht und der rausgezo- genen Türklinke. Dort hatte
ich alle meine Habseligkeiten. Meinen Koffer und alles andere.
Ich hatte dort in dem Zim- mer ein Bett aufgestellt was im
Keller lag und hatte alles was ich brauchte an Decken. Es war
sehr schön und sau- ber. Auch an die Wände hatte ich
gelegentlich Tapete ge- klebt. Ich war nämlich eine Woche
lang arbeitsunfähig. Ich hatte einen Arbeitsunfall, einen
angebrochenen Fuß. Ich konnte ja nicht zum Arzt gehen. Es
verheilte aber wieder von selbst. Nach einer Woche war es
wieder besser sodaß ich wieder arbeiten konnte. Ich habe
zwar noch im Ja- nuar dieses Jahres gehumpelt und habe auch
jetzt noch manchmal Schmerzen aber es geht wieder. Ungefähr
14 Tage war ich alleine. Dann habe ich mich mit Volkmar
Deike zusammengetan. Der hat mich dann später bei der
Polizei angeschissen und hat auch meinen Koffer geklaut. Vorher
war ich aber noch eine ganze Weile mit ihm zusammen. Ich
ar- beitete 2 Wochen bei einer Firma für
Haushaltsmaschinen dann auf dem Viehhof und danach auf dem Bau.
Dann hatte ich Anfang Dezember 1963 keine Arbeit mehr.
Meine Sachen wurden zu der Zeit von Volkmar gestohlen.
Obendrein hatte ich mir noch irgendwo die Läuse zugezogen.
Ich ent- schloss mich aus Hannover zu verschwinden. Mit 10
DM in der Tasche fuhr ich über Köln per Anhalter in
die Pfalz zu Verwandten nach Schopp bei Kaiserlautern.
Sie nahmen mich mit offenen Armen auf. Ich nahm dort
auch Arbeit als Aushilfe in einer Möbelgestellfabrik auf.
Ich gab mich für 19 jährig aus. Ich meldete mich auch
polizeilich an und stellte einen Antrag auf einen
Personalausweiß. Das Weinachtsfest verbrachte ich bei
meinen Verwandten. Dort erfuhr ich auch wo mein Vater ist. Er
ist am 31 Oktober 1962 nach Australien ausgewandert. Er wohnt
jetzt bei Adelaide in Südaustralien. Er hat dort ein Haus
und ein Grundstück und es gefällt ihm dort gut. Seine
Adresse lautet:
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Mr.
John [Mitchell] 42 Brooklyn Avenue Salisbury South
Australia Wenn Du mal von ihm Post bekommst brauchst Du Dich
nicht zu wundern. Ich habe ihm geschrieben, daß ich Dich
hier wieder getroffen habe aber leider so schlecht mit Dir in
Verbindung treten kann. Bei meinen Verwandten war ich bis
zum 10. Januar 1963. Dann flog alles auf. Ich hatte eine
neue Bohrmaschine in der Firma gestohlen; das kam herraus. Ich
wollte diese Bohrmaschine zu Gled machen. Ich hatte schon eine
ganze menge Geld gespart. Damit wollte ich zusam- men mit
meinem Bruder nach England gehen, dort um Asyl bitten und mich
an die dortigen Behörden wenden die mir bestimmt geholfen
hätten. Wie Du weißt bin ich doch Hei- matloser
Ausländer. Ich habe nur einen Fremdenpass und darf keinen
Personalausweiß besitzen. Es scheiterte also alles auch
die Ausstellung des Personalausweises. Ich kam ins
Untersuchungsgefängnis Zweibrücken / Pfalz. Dort war
ich 4 Wochen. Am 6. Februar 1963 hatte ich Termin. Der Richter
hatte Verständnis für mich. Ich hatte ihm mein Schicksal
beiderseitig auf 12 Din A4 Seiten in Kleinschrift beschrieben,
geschildert. Auch die dortige Zeitung hatte über mich
unter dem Thema: „Junge wollte zu seinem Vater nach
Australien.” Etwas geschrieben. Der Richter verhän- gte
lediglich einen 3 wöchigen Jugendarrest den er als verbüßt
erklärte. Nach dem Termin war ich sofort frei. Ich ging zu
meinen Verwandten zurück. Dort wurde ich am 8. Februar
1963 von der Polizei abgeholt. Ich entwich vom Polizeirevier
und begab mich wiederum zu meinen Ver- wandten. Trotzdem ich
krank, bettlägerig war holte mich die Polizei mit
Gewaltanwendung wieder dort ab, am 9. Februar 1963. Ich wurde
42 Std. lang eingesperrt ohne jeg- lichen Befehl der
Justizbehörde. Am 11. Februar 1963 einem Montagmorgen
wurde ich dort um 5.00 Uhr Morgens abge- holt und hier her nach
Freistatt gebracht mit dem Zug unter 2 Mann Bewachung. Ich kam
in das „Haus Moor- hort”. Dort entwich ich nach 14
Tagen. Ich lief die ganze Nacht bei 15° Kälte bis kurz
vor Minden. Dort hielt ich ein Auto an. In dem Auto war jemand
von der Kriminal- polizei. Ich kam wieder nach Freistatt zurück
in das „Haus Neuwerk: das neue Gebäude an der Bahn
hinter „Wegwende”
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Hier
bin ich schon seit 5 Monaten. Am 4. Juli bin ich hier abgehauen.
Man erwischte mich aber in Sulingen wieder. Ich habe mich
anständig gewehrt und um mich geschlagen Ich wollte nicht
mehr hier her zurück. Man hat mich ge- würgt und
mißhandelt. Man brachte mich unter Zwang mit Handschellen
wieder hier her zurück. Ich habe mir na- türlich
vorgenommen sobald wie möglich wieder abzuhau- en. Aber
ich hatte noch keine Gelegenheit. Mein Vater will un- bedingt
daß ich zu ihm komme und ich will auch unbe- dingt zu
ihm. Auch die Auswanderungsbehörde hat mir geschrieben ich
soll mich bei ihr vorstellen, aber man läßt mich
nicht hin. Das Jugendamt will nicht. Nun bitte ich Dich mir zu
helfen. Ich habe doch damals auch einen guten Plan entworfen
als ich in dem Heim bei Kassel war und hab ihn dann nach Haus
geschrieben besser gesagt hätte ihn weggeschickt aber es
war nicht mehr nötig da ich ja schon vorher wieder
abgehauen bin und nach Hannover kam. Ich hab Dir dort den
Brief zum lesen gegeben; kannst Du Dich noch dran erinnern? war
er nicht gut durchdacht? Er hätte bestimmt geklappt. Was
mein Hirn ersinnt klappt immer; dazu bin ich ja
„schwererziehbar” wie das Jugendamt immer behauptet.
Wenn ich draußen bin werde ich Dich mit Geld irgendwie
unterstützen. Ich kann Dir hier aber keine Geldsummen
versprechen da ich nicht weiß wie ich später bei
Kasse bin denn ich brauche ja auch Geld für die Über- fahrt
nach Australien. Wenn Du aber diese meine Wünsche die ich
Dir jetzt gleich nennen werde zur Befriedigung er- füllst
kannst Du meinem Vater schreiben und ich werde ihm dann auch
schreiben, daß er Dir etwas Geld hier nach Deutschland
überweist. Wohlgemerkt! Ich möchte hier keine großen
Versprechungen machen die ich viel- leicht später nicht
halten kann. Meine Wünsche an Dich: Besorge mir
schnellstens ein Eisensägeblatt. Ferner benötige ich
1 Hose, 1 Jacke, 1 Paar Schuhe Größe 42 oder
Gummistiefel und einen Hut. Ein Hemd, Strümpfe und
Unterwäsche wäre ja auch ange bracht aber ich weiß
ja nicht ob Du sowas entbehren kannst. Wohlgemerkt die Sachen
brauchen nicht neu zu sein; sie brau- chen nur zum arbeiten gut
sein. Den Hut brauche ich
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nur eine halbe Seite ]
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unbedingt
damit ich gleich etwas älter aussehe. Die Eisensäge
kannst Du mir auf dem Sportplatz unauf fällig übergeben.
Wir spielen Sonntags immer Fußball, ich selbst nicht;
kommst einfach dort hin und wir un- terhalten uns ein bißchen
und dann gibst Du mir un- auffällig die Säge. Denk
dran und vergess mich nicht. Wenn Du es nicht tun willst so
komme aber trotzdem zum Sportplatz um Bescheid zu geben. Ich
weiß aber daß Du es tust!? Ich kann mich doch auf
Dich verlassen!? Wir sind doch alte Freunde. Ich rechne sehr
stark auf Deine Hilfe. Du kannst mich doch bestimmt verstehen.
Ich habe Heimweh! Ich muß unbedingt zu meinen Eltern. Die
Klamotten lege an einer bestimmten Stelle zurecht und sage mir
dann wo sie sind. Wenn Du Deine Sache gut machst bin ich bald
wieder einer freier Mensch. Eins ver- spreche ich Dir: Du
kannst Dich auf mich verlassen. Ich werde nie kundtun wer mir
geholfen hat. Wir haben doch immer und in aller Not
zusammengehalten.
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(Ab)schluss und Postscript ]
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Bitte
tue mir den Gefallen !
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Es
grüßt Dich herzlich
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Dein
treuer Freund
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Martin
[ Mitchell ]
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PS.
Ich rechne damit, daß Du am Sonntag den 22. September 63
zum Sportplatz kommst. Sollten wir aber dann gerade nicht
spielen so versuche es den nächsten Sonntag darauf noch
einmal.
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