| Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland) |
Nach der Heimkinder-Anhörung vor dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages
am Montag, den 11. Dezember 2006, in Berlin –
NRZ-online (Neue Ruhr Zeitung) vom Dienstag, den 12. Dezember 2006 –
Artikel von Rosali Kurtzbach: »"Bloß nicht aus der Reihe tanzen."
HEIMKINDER brechen ihr Schweigen: berichten über die damalige Heimerziehung«.
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[ Enthoben aus dem Internet @ http://www.nrz.de/nrz/nrz.politik.volltext.php?kennung=on9nrzOS1OSRNational39057&zulieferer=nrz&kategorie=OS1&rubrik=OSR-T1®ion=National&auftritt=NRZ&dbserver=1 (aber jetzt leider nicht mehr dort auffindbar) ] Bloß nicht aus der Reihe tanzen ERZIEHUNG. Schicksal: Heimkind. Roswitha Weber erzählt von den Schrecken ihrer Kindheit in den 50-er Jahren.AACHEN/ESSEN. Das Schweigen ist gebrochen. "Es ist wie ein Befreiungschlag. Endlich wird über unser Schicksal gesprochen", sagt Roswitha Weber. Vier Jahrzehnte verdrängte die 61-Jährige die Erlebnisse ihrer Jugend, die Erinnerungen an ihre Kindheit im Heim. Bis sie einen Fernsehbericht über den "Verein ehemaliger Heimkinder" sah. "Ich fasste meinen Mut zusammen, rief dort an und brachte kaum ein Wort raus. Ich musste nur heulen", sagt die Leverkusenerin. Doch dann fing sie an zu reden: "Das tat gut. Ich hatte alles so lange in mir verborgen." Ein typisches Verhalten, weiß Michael-Peter Schiltsky, Vereinsvorsitzender. "Viele Betroffene haben nie in ihrem persönlichen Umfeld, nie mit ihren Freunden und Partnern über ihre Erlebnisse gesprochen." Aus Angst, dass sie Abstand nehmen könnten. Aus Scham, Fragen wie, "Heimkind? Was haste denn angestellt?", beantworten zu müssen. Und wenn Schiltsky von Betroffenen spricht, dann meint er Tausende, "die in den 50er und 60er Jahren zwangsweise in ein Heim eingewiesen worden sind. Meist uneheliche Kinder oder Kinder von Alleinerziehenden, die unter der staatlichen Vormundschaft standen". "Du bist nichts und du wirst auch nichts" Unterstützt wird der Verein mittlerweile von Staranwalt Michael Witti, der sich durch seinen Einsatz für die NS-Zwangsarbeiter einen Namen machte und die Einrichtung eines Entschädigungsfonds erreichte. In einer Petition an den Bundestag fordert der Verein, dass die Betroffenen als Opfer von Menschenrechtsverletzungen anerkannt und ihre oft über Jahre geleisteten unbezahlten Arbeitseinsätze auf die Rentenansprüche ![]() Ordnung muss sein: eine Heim-szene aus den frühen 70ern. (Foto: Waldmann) Unterstützt werden die früheren Heimkinder von Staranwalt Michael Witti. (Foto: dpa) Mit zwei Jahren ist sie als Tochter einer Analphabetin in ein Lippstädter, später in ein Dortmunder Heim gekommen. Von klein auf hieß es für sie: "Bloß nicht aus der Reihe tanzen. Gemeinsam aufstehen, gemeinsam baden, gemeinsam essen, gemeinsam schlafen, im Saal mit 20 Eisenbetten." Freundschaften zu schließen, "war fast unmöglich. Wir mussten ruhig sein. Manchmal unterhielten wir uns hinterm Rücken der Schwestern in Zeichensprache", sagt Roswitha Weber, die erst als Teenager erfuhr, dass sie fünf Geschwister hat, die mit ihr im selben Heim aufwuchsen. Warum man ihr das nicht früher sagte? "Ich weiß es nicht". Und sie weiß auch nicht, warum sie als Fünfjährige mit den Beinen am Tischbein angebunden wurde, wenn sie beim Essen nicht still sitzen wollte. Oder warum sie gedemütigt wurde. Noch genau erinnert sie sich an jenen Tag, als sie zum Namenstag einer Nonne ein Gedicht aufsagen sollte. "Ich war acht und vergaß den Text. Da schrie die Nonne: ,Du hast hier nichts verloren, du bist nichts und du wirst nichts´". "In eine fremde Welt rausgeschmissen" Mit 14 lernte Roswitha Weber erstmals ein Leben außerhalb der Heimmauern kennen. "Ich wurde in eine fremde Welt rausgeschmissen" - auf den Bauernhof. "Dort musste ich malochen, im Stall und auf dem Feld. Essen gab´s am Katzentisch abseits der Familie." Aber: "Ich lernte ein Stück Freiheit kennen, durfte alleine Wasser kochen oder baden, wann ich wollte. Das war eine völlig neue Erfahrung für mich". Nach zwei Jahren musste Roswitha Weber zurück ins Heim nach Dortmund. Eine Lehre durfte sie nicht machen. Stattdessen musste sie bügeln. "Stundenlang. Das waren Auftragsarbeiten für Firmen von außen, wie ich viel später rausbekam. Geld habe ich dafür nie bekommen", sagt sie. Mit 20 lernte sie auf einem Gartenfest, auf das sie heimlich ging, ihren ersten Mann kennen. Mit knapp 21 flüchtete sie in die Ehe, die nicht lange hielt. Auch eine zweite Ehe scheiterte Jahre später. "Vielleicht war ich nicht fähig, in einer Beziehung zu leben. Ich habe es ja nie gelernt", sagt die Mutter dreier Kinder selbstzweifelnd. Heute redet sie viel mit Betroffenen, die sie über den Verein kennen gelernt hat. "Das hilft. Im Grunde haben wir ja alle das Gleiche erlebt. Prügel, Demütigung, Missbrauch. Die Schwestern und die Betreuer hatten doch freie Hand. Die kontrollierte doch keiner," sagt sie. Noch heute sind es oft Kleinigkeiten, die sie an die Heimvergangenheit erinnern. Faule Kartoffel zum Beispiel. Dann sieht sie ihn wieder, den dunklen, großen Keller, in dem sie eingesperrt stundenlang Kartoffel schälen musste. (NRZ) 08.12.2006 ROSALI KURTZBACH |
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Siehe auch "Ehemalige Heimkinder" @ heimkinderopfer.blogspot.com und heimkinderopfer2.blogspot.com |
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