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28.
Dezember 2006
HEIMKINDER
"Kein
Tag, an dem ich nicht mit Angst ins Bett ging und mit Angst aufstand"
Von
Peter
Wensierski
Viele Heimkinder
wurden in kirchlichen und staatlichen Einrichtungen bis in die frühen
siebziger Jahre misshandelt und psychisch unter Druck gesetzt.
Erstmals beschäftigte sich nun der Bundestag mit ihrem Schicksal
- eine moralische Rehabilitierung der Opfer scheint in greifbare Nähe
gerückt.
Berlin - "Ich kann hier nur sagen, der
Worte sind genug gewechselt, lasst uns endlich Taten sehen!" Mit
dieser Aufforderung beendete der sechzigjährige Wolfgang Focke
dieser Tage seinen Vortrag vor den "sehr verehrten Damen und
Herren des Deutschen Bundestages" und fügte hinzu: "Ich
hoffe nur, dass es so bald geschieht, dass ich es noch erleben
werde."
Wie so viele Kinder der Wirtschaftswunderjahre
Westdeutschlands, die meist aus nichtigen Gründen hinter den
Mauern der Erziehungsanstalten in den fünfziger und sechziger
Jahren verschwanden, so ist es auch ihm ergangen. Er wurde
"arbeitsmäßig ausgenommen, seelisch und moralisch
für's ganze Leben kaputt gemacht".
Fast drei
Stunden lang hörte sich Mitte Dezember der Petitionsausschuss
des Bundestags die Lebensgeschichten ehemaliger Heimkinder an, die
zwischen 1945 und 1975 in kirchlichen und staatlichen
Fürsorgeanstalten Schläge, Demütigungen, Missbrauch,
Schwerarbeit erdulden mussten. "Kein Tag, an dem ich nicht mit
Angst ins Bett ging und mit Angst aufstand", berichtete Wolfgang
Rosenkötter, der als Jugendlicher in Freistatt im Teufelsmoor
frühmorgens mit Holzschuhen zum Torfstechen ausrücken
musste.


Westfälisches
Landesmedienzentrum Unterricht in einem Vincenz-Heim in
Nordrhein-Westfalen (1955): Jahrzehntelanges Schweigen bricht auf
Er weiß bis heute eigentlich nicht so genau, warum er mit 15
überhaupt ins Heim gekommen ist. "Ich kam nach einigen
Zwischenstationen nach Freistatt im Teufelsmoor, einer Einrichtung
der Bethelschen Anstalten, der in den anderen Heimen immer wieder
angedrohten Endstation. Wenn ich geglaubt hatte, viel schlimmer als
in vorherigen Heimen könne es dort nicht sein, hatte ich mich
sehr getäuscht. Es folgte ein Jahr unsäglicher körperlicher
und seelischer Qualen, Erniedrigungen, Schläge und Folterungen."
Dietmar Krone, 52, hat ein lebenslanges Handicap vom Heimaufenthalt
zurückbehalten: "Meine linke Schulter wurde zertreten, nur
weil mir zwei Teller im Speisesaal aus der Hand fielen." Krone
berichtet auch von sexuellem Missbrauch und willkürlicher
Psychiatrisierung.
An die Erziehung durch Arbeit, ganz im
Geiste der Arbeitserziehung im Dritten Reich erinnert sich Wolfgang
Focke noch gut: "Anfang der sechziger Jahre: Im Sommer acht
Stunden Schuften in der Landwirtschaft. Im Herbst im Steinbruch mit
primitiven Mitteln, mit dem zehn Kilo schweren Hammer von Hand Steine
schlagen, dann mit der Brechstange und Eisenkeilen. Wir mussten große
Felsbrocken aus der Wand brechen, andere Jugendliche mussten sie zu
Schotter verarbeiten."
In dem von katholischen Nonnen,
den "Barmherzigen Schwestern", betriebenen Vincenzheim in
Dortmund stand eine 16-Jährige zehn Tage nach der Entbindung im
Bügelsaal, die Brüste hochgebunden, damit sie nicht mehr
stillen konnte. "Des Sonntags durfte ich meine eigene Tochter
nur für eine Stunde sehen", gab Marion L. den Abgeordneten
zu Protokoll.
Petitionsausschuss hörte sich Schicksale
an
"Der Verlauf der Anhörung war für uns
durchaus zufriedenstellend", zieht der Sprecher des Vereins
ehemaliger Heimkinder, Michael-Peter Schiltsky, Bilanz. Im neuen Jahr
soll noch eine weitere Anhörung mit Experten stattfinden, bevor
die Ergebnisse der Bundesregierung vorgelegt werden.
Die
Obleute der einzelnen Fraktionen gaben zu verstehen, dass sie die
Notwendigkeit einer gemeinsamen Vorgehensweise aller Fraktionen
sehen. Sie streben an, eine Fraktionen übergreifende
Entscheidung des Petitionsausschusses zu finden, um der Problematik
ehemaliger Heimkinder und den Forderungen der dazu vorliegenden
Petitionen gerecht zu werden. Die Vortragenden, die für die
verschiedenen Typen von Heimen in staatlicher, kirchlicher und
privater Trägerschaft gesprochen hatten, konnten den Saal in der
Hoffnung verlassen, dass nun auch von staatlicher Seite gesehen wird,
dass eine Aufarbeitung der Problematik ehemaliger Heimkinder auch
seitens des Deutschen Bundestages vorangetrieben werden muss.
Anerkennung der moralischen Schuld
Zu den
Hauptforderungen der Betroffenen gehört, so Regina Eppert, die
um 1962 ihre besten Jugendjahre im Dortmunder Vincenzheim verbringen
musste, "die Anerkennung der moralischen Schuld des Staates an
den Vorfällen in den Heimen, die sich aus der Einweisungspraxis
der Jugendämter und die mangelnde Heimaufsicht ergibt. Dazu
gehört eine Erklärung, dass die in den Heimen verlangte und
geleistete Kinderarbeit Unrecht gewesen ist."
Geregelt
werden muss die Finanzierung von Langzeittherapien der Traumata, an
welchen viele der Betroffenen noch heute leiden, ein vergleichsweise
kleineres Projekt wäre eine Ausstellung über die
Lebenssituation ehemaliger Heimkinder in den Heimen der Zeit von 1945
bis 1975 im Bundestag, im Deutschen Historischen Museum oder als
Wanderausstellung, die durch heutige Heime und Pädagogik-Fakultäten
ziehen könnte. In Freistatt und im ehemaligen "Mädchenheim
Fuldatal" bei Kassel sind sogar noch Heimgebäude fast im
Originalzustand erhalten, wie sie Anfang der siebziger Jahre
verlassen wurden. Sie eignen sich ganz besonders als Gedenk- und
Ausstellungsorte. Daher fänden viele Betroffene auch eine
Stiftung angemessen, in die Kirchen und Staat einzahlen, um die
Aufarbeitung dieser Zeit sowie konkrete Hilfen für einzelne
besondere Härtefälle zu ermöglichen.
Damit ist
nun die Politik in der Verantwortung, dieses unrühmliche Kapitel
deutscher Sozialgeschichte der Nachkriegszeit aufzuarbeiten.
Evangelische wie katholische Kirche haben dies schon seit
Jahresanfang mehrfach signalisiert. Schiltsky: "Ein
bemerkenswerter Schritt auf einem gewiss noch langen Weg ist getan
und lässt uns mit Hoffnung weitergehen." Auch wenn der
Heimalltag inzwischen völlig anders aussieht, warnt Schiltsky
vor Rückschritten. Der Trend gehe dahin, Kinder wieder
angepasster zu erziehen.
Eine Konsequenz aus den Missständen
aber müsse sein, sie stark zu machen, damit sie sich wehren
können. Zur erfolgreichen Arbeit des Vereins gehören die
Fragebögen, die an Betroffene verschickt werden. Bisher liegen
etwa 230 Seiten kompakte Informationen über die Geschehnisse in
den unterschiedlichsten Heimen in allen Teilen der Bundesrepublik
vor. Die Auswertung wird noch dauern, dem Verein fehlen ehrenamtliche
Helfer.
Erziehungsmethoden aus der Nazi-Zeit
Über
die fortgesetzten Menschenrechtsverletzungen an Kindern in den
kirchlichen und staatlichen Heimen gibt es aber nicht nur die
Berichte der Betroffenen, sondern auch Akten und Schriftverkehr. Sie
dokumentieren prügelnde Erzieher, das Versagen der Aufsicht,
eine unentrinnbare Rechtlosigkeit von wehrlosen Schutzbefohlenen. Es
finden sich darin auch Ursachen im Geist dieser Zeit der jungen
Bundesrepublik: ein autoritäres Erziehungsverständnis,
Kontinuitäten zur Nazi-Diktatur, die materielle, persönliche,
moralische Überforderung von Eltern, Erziehern oder Heimleitern,
die auf der Schattenseite des aufstrebenden Wirtschaftswunderlandes
lebten.
3000 Heime hat es gegeben, gut 80 Prozent davon waren
konfessionell, über eine halbe Million Kinder sind dort
durchgeschleust worden. Immer mehr Opfer melden sich beim "Verein
ehemaliger Heimkinder" mit ungeheuren Geschichten. Nun gilt es
als eine Frage des Anstands und der politischen Verantwortung, wenn
Bundestag und Bundesregierung Wiedergutmachung in Form von
Rentenanerkennung und Therapiehilfen leisten.
Aber das ist
nicht alles. "Die Gesellschaft ist gut beraten," meint der
Ansprechpartner des Vereins ehemaliger Heimkinder, Michael-Peter
Schiltsky, "die alte Erziehungspraxis als
Menschenrechtsverletzung zu ächten. Davon haben alle etwas, denn
gewisse Probleme, gibt es immer, wenn Menschen ausgegrenzt und
weggesperrt werden. Wir hatten damals selbst keine Lobby, keinen
Anwalt. Aber wir können jetzt mit unseren Erfahrungen die
Anwälte der Kinder, Jugendlichen und Alten von heute sein."
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