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Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)
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Die
schreckliche Seite der Kirche
Institutionelle
Kindesmisshandlung – Das Leiden deutscher
Heimkinder
PETER
WENSIERSKI
KIRCHE
Unbarmherzige Schwestern
Priester
und Nonnen misshandelten in den fünfziger und sechziger Jahren
[in Deutschland] Tausende
Jugendliche, die ihnen in Heimen anvertraut waren. Die damals
Betroffenen wollen den Skandal nun aufklären, stoßen aber
auf eine Mauer des Schweigens.
Die Umerziehung zu einem
wertvollen Mitglied der Gesellschaft begann mit einer Lüge, im
Namen des Herrn.
Im Fond des Autos, erinnert sich Gisela
Nurthen an jenen Tag im Frühjahr 1961, habe eine fremde Frau
gesessen und ihr gesagt: "So, jetzt machen wir einen kleinen
Ausflug nach Dortmund, da triffst du viele Mädchen in deinem
Alter, es wird dir sicher gefallen."
Gisela Nurthen,
damals gerade 15, glaubte ihr und stieg ein. Die Fahrt von Detmold
nach Dortmund war kurz, dann hielt der Wagen in der Oesterholzstraße
85 vor einem düsteren Ziegelsteinbau, umgeben von hohen Mauern.
Eine Nonne führte das Mädchen in einen Raum, in dem es in
wadenlange graue Heimkleidung gesteckt wurde. Der Blick nach draußen
war ebenso trist: An den Fenstern fehlten die Griffe, Gitter
markierten das Ende aller Sehnsüchte. Aus einer Ecke drang
leiser Kirchengesang.
Der Teenager hatte verstoßen
gegen Sitte und Anstand, wie sie die junge und prüde
Bundesrepublik damals definierte. Trotz des Verbots ihrer allein
erziehenden Mutter war Gisela tanzen gegangen, hatte sich am Ende
nicht nach Hause getraut, war mit einem Jungen nach Hannover gefahren
und am nächsten Morgen beim Versuch, zurückzutrampen, von
der Polizei aufgegriffen worden. Nur 24 Stunden später hatte sie
der Vormund beim Jugendamt, "weil weitere Verwahrlosung droht",
in das Dortmunder Heim geschickt - geleitet von den "Barmherzigen
Schwestern vom heiligen Vincenz von Paul".
So begannen
zwei unbarmherzige Lebensjahre, die der erwachsenen Frau noch heute
zu schaffen machen. Zwei Jahre lang war das junge Mädchen mitten
in Dortmund eine Gefangene, ohnmächtig gegenüber einem
perfiden Repressionssystem frommer Schwestern, mit Prügel
gezwungen zu Gebet, Arbeit und Schweigen.
Giselas Schicksal
teilten in den Anfangsjahren des Wirtschaftswunderlandes viele
Gleichaltrige. 1960 trimmten katholische und evangelische Erzieher in
rund 3000 Heimen mit 200 000 Plätzen die ihnen Anvertrauten.
Sobald sich die Tore der konfessionellen Besserungsanstalten hinter
ihnen schlossen, mussten viele von ihnen schmerzhaft erfahren, was
damals Buße bedeutete: Misshandlungen, Ungerechtigkeiten,
soziale Ausbeutung und Menschenrechtsverletzungen im Namen Gottes und
der Kirche, die bis heute unangeklagt und damit ungesühnt sind.
Erst ein Kinofilm beendete die Sprachlosigkeit der
[deutschen]
Opfer: "The Magdalene Sisters" des britischen
Regisseurs Peter Mullan über die Demütigungen und Qualen
"gefallener Mädchen" in katholischen Magdalenen-Heimen
Irlands. Der [irische]
Film ermutigte Gisela Nurthen und viele andere
einst Weggesperrte, ihr jahrzehntelanges Schweigen über die
deutschen Verhältnisse zu brechen: "Die Betreiber der
Heime, die Frauen- und Männerorden, die Verantwortlichen in
Jugendämtern und Kirchen sind uns noch was schuldig."
Viele ehemalige Heimkinder verstanden die Botschaft des
[irischen] Films,
begriffen, dass die Traumata ihrer Kindheit auch deshalb oft noch
heute andauern, weil es hier zu Lande [in
Deutschland] kein breites öffentliches
Bewusstsein, keine Aufarbeitung ihres Schicksals gegeben hat. Jetzt
wollen sie reden über jene, die sie heute noch in ihren Träumen
verfolgen und die der deutsche Filmtitel benennt: "Die
unbarmherzigen Schwestern".
In Amerika und England
verlangen seit kurzem ehemalige Opfer katholischer Heime
Entschuldigung und Wiedergutmachung. Sollten sich auch die deutschen
Heimkinder dazu entschließen, müssen sie sich wohl auf
einen schweren Kampf gegen die Institution Kirche einrichten. Der
Vatikan reagierte bislang ähnlich abweisend wie vor zehn Jahren,
als die ersten Missbrauchsvorwürfe gegen Priester laut wurden.
Und bei der Deutschen Bischofskonferenz, den Ordensgemeinschaften,
bei Caritas und Diakonie will man angeblich nicht wissen, was
jahrzehntelang unter ihrer Verantwortung geschehen ist.
Dabei
liegen die letzten dieser Fälle gar nicht so lange zurück.
So wurden Kinder im "St. Joseph-Haus" in Seligenstadt noch
1992 blutig geschlagen. Und im katholischen Stift zu Eisingen bei
Würzburg wurden sie noch im Jahr 1995 beispielsweise zur Strafe
in Badewannen mit kaltem Wasser gesteckt.
Doch vor allem von
1945 bis etwa 1970 wurden die schlimmsten Pädagogikvorstellungen
der Nazi-Zeit in der kasernierten Fürsorgeerziehung nahezu
ungebrochen fortgesetzt. Erst die "Heimkampagne" der APO
und vereinzelte, auch von Ulrike Meinhof unterstützte
"Befreiungsaktionen" leiteten Reformen ein.
Auf
einer Tagung über katholische Heimerziehung beschrieb 1959 der
Frankfurter Jesuitenpater Karl Erlinghagen seinen Brüdern und
Schwestern Erziehern, mit wem sie es in den Heimen zu tun hätten:
"Die Menschen [Babies,
Kleinkinder, Kinder, Jugendliche, Heranwachsende und junge
Erwachsende], die Sie vor sich haben, seien sie
nun Psychopathen, seien sie kriminell, seien sie irgendwie
sinnesgeschädigt, auch ganz normal, diese Menschen leiden unter
dem gleichen Fluch der Erbsünde, unter dem die ganze Menschheit
leidet."
Den Fluch der Erbsünde bekämpften die
unbarmherzigen Schwestern in Dortmund vor allem mit akkordähnlicher
Arbeit. Gisela Nurthen wurde schon bald in jenen Trakt beordert, in
dem Dutzende Mädchen mit gesenktem Blick nähten und
stopften, wuschen, mangelten und bügelten. Dabei herrschte
Sprechverbot, nur Marienlieder waren erlaubt. Arbeitsbeginn war sechs
Uhr. Bis zu zehn [täglich]
Stunden schuftete die 15-Jährige fortan im
immer gleichen Takt - erst beten, dann mangeln.
Schon die
geringsten Verfehlungen, erinnert sich die Frau, hätten Schläge
oder andere Bestrafungen durch die Nonnen nach sich gezogen. "Wir
wurden nummeriert und durften nur in Zweierreihen durchs Haus
marschieren - zur Kirche, zur Toilette, zum Essen." Als sie im
Schlafraum ein Elvis-Lied summte, musste Nurthen zur Einzelhaft in
die "Klabause", eine Isolationskammer mit Pritsche und
Eimer. Dem Essen wurden Medikamente untergemischt - welche das waren,
hat sie nie erfahren.
Die hauseigene Großwäscherei
war für die Schwestern ein lukratives Geschäft. Die Arbeit
bringe, so der "Kirchliche Anzeiger", einen "nicht
unerheblichen Teil" der Kosten ein. Dortmunder Hotels, Firmen,
Krankenhäuser und viele Privathaushalte zahlten gut - und
fragten nicht, wer da fürs Reinwaschen missbraucht wurde. "Die
Kunden bekamen uns nie zu sehen, es gab einen Abholraum, zu dem war
uns der Zutritt streng verboten." Lohn für die Mädchen
gab es keinen, nicht mal Taschengeld - und als Folge auch keinen
Rentenanspruch für diese Jahre. "Wir waren jugendliche
Zwangsarbeiter", sagt Gisela Nurthen. "Mein Platz war an
der großen Heißmangel. Das stundenlange Stehen in großer
Hitze, das ständige Falten großer Bettwäsche ließ
sämtliche Glieder schmerzen. In Zweierreihen trotteten wir
abends schweigend in den Gängen zurück wie geprügelte
Hunde."
"Die
Kinder waren uns, unseren Launen, unserer Macht hilflos
ausgeliefert."
"Jede
Minute des Tages wurden wir bewacht, auch während des
Entkleidens zur Nacht, jede Schamgrenze wurde verletzt. Sie spielten
mit Schlüsseln oder Rosenkränzen und fixierten unsere
jungen Körper." Die "Barmherzigen Schwestern"
referierten dann gern darüber, wie man sich wirklich "unten
reinwäscht", und kontrollierten es auch.
Den jungen
"Sünderinnen" wurden immer wieder die heiligen
Vorbilder vor Augen geführt, die "Blutmale der heiligen
Therese von Konnersreuth", Märtyrer, die lieber Folter
ertrugen, als sich vom Glauben abzuwenden, oder die heilige Agnes,
die sich geopfert habe, um ihre "Unversehrtheit" zu
bewahren.
In ihrer Not empfanden es die Jugendlichen schon
als Wohltat, zur Arbeit in die Großküche im Keller
abkommandiert zu werden. "Das war der Traum aller, denn dort
hielten sich die wenigsten Nonnen auf. Man konnte miteinander
flüstern, wenigstens bis man die rasselnden Schlüsselbunde
der verhassten Spitzhauben hörte", erzählt Gisela
Nurthen.
Aber fast immer sei es um das alltägliche Elend
gegangen, um geplante Ausbrüche, um Selbstmordversuche, etwa mit
geschmuggelten Scheren aus der Nähstube oder Messern aus der
Küche, um Sprünge aus den Fenstern oder auch um
tatsächliche Suizide.
Es gibt heute kaum noch
zugängliche Unterlagen über die düstere Realität
in den Erziehungsheimen, die so friedfertige Namen trugen wie
"Jugendheim Marienhausen" oder "Zum guten Hirten".
Der Münchner Monsignore Alois Hennerfeind pries 1959 das
Engagement der katholischen Drillmeister euphemistisch: "Welch
unendlicher Wert an Liebe ist in den 22 400 Personen dargestellt, die
in unseren 1500 Heimen Tag für Tag erzieherisch wirken."
Während die Deutschen unter Konrad Adenauer und Ludwig
Erhard draußen neue Freiheit und Wirtschaftswunder erlebten,
verbrachten von 1945 bis 1970 schätzungsweise eine halbe Million
Kinder und Jugendliche ihre besten Jahre in solchen Anstalten.
"Wer
damals misshandelt und in vielen Fällen auch sexuell missbraucht
wurde, hat es später in seinem Leben mitunter weitergegeben",
sagt der Aachener Herbert Kersten. In dieser Hinsicht hätten
sich "die Ordensmänner und -frauen eigentlich am meisten
schuldig gemacht".
Kersten gehört zu einer Gruppe
von rund 25 ehemaligen Bewohnern des Eschweiler Kinderheims. Sein
Bruder, ebenfalls ein Heimkind, wurde als Erwachsener zum
Sexualstraftäter. Weil er glaubte, immer nur rückfällig
werden zu können, brachte er sich 1998 um. "Daran sind die
Nonnen schuld", habe sein Bruder im letzten Gespräch mit
ihm geklagt, ehe er aus dem Fenster sprang, sagt Kersten.
Nur
vereinzelt waren bisher Täter von damals bereit, mit ihren
Opfern zu sprechen. Eine Dernbacher Nonne vom Orden der "Armen
Dienstmägde Jesu Christi", die in verschiedenen
katholischen Heimen gearbeitet hatte, ließ sich auf das
Wiesbadener Ex-Heimkind Alexander Homes ein, als dieser für sein
Buch "Gottes Tal der Tränen" recherchierte.
Sie
gab zu, mit ihren Mitschwestern "im Namen Jesu Christi"
Kinder körperlich und seelisch gequält, gedemütigt und
bestraft zu haben: "Auch ich fing an, Kinder zu schlagen, zu
bestrafen. Und ich wusste - wie alle anderen Nonnen und Erzieher auch
-, dass die Kinder sich nicht wehren konnten. Sie waren uns, unseren
Launen, unserer Macht hilflos ausgeliefert."
Man habe
bei den Kindern eine große Angst verbreitet, die "ihre
Seele und ihren kleinen Körper und ihr junges Leben"
beherrschte. Als Unterdrückungsinstrument habe der
[religiöse] Glaube
gedient. "Durch die Drohung mit Gott", gestand die
Schwester, "hatten wir die Kinder unter Kontrolle, auch ihre
Gedanken und Gefühle."
Ein Entkommen war kaum
möglich. "Nach draußen sind die Türen zu",
beschreibt der "Kirchliche Anzeiger" in seiner
Weihnachtsausgabe von 1964 vieldeutig das Dortmunder St. Vincenzheim.
Und sagt auch ungeniert, warum: Die Mädchen seien "zu
schwach für die Freiheit". Ihnen seien "Verantwortung
und Pflicht fremde Begriffe", hier würden sie endlich
"ordnende Maßstäbe" erfahren. Bei den
Eingesperrten entlud sich die Wut über die Unterdrückung
mitunter in Verzweiflungstaten. So würgte 1961 eine 18-Jährige
die Wachhabende mit den Händen, um an Schlüssel für
die Flucht zu kommen.
Heute sind in den meisten dieser Häuser
die Spuren der Vergangenheit wegrenoviert, sowohl bei den Fassaden
als auch in der Geschichtsschreibung. In Jubiläumsbroschüren
wird die Zeit gern übersprungen, und in Ordnern existieren nur
noch selten Aktenvermerke oder Fotos, die die dunklen Kapitel belegen
könnten.
Der Aachener Jürgen Schubert - bis zum 18.
Lebensjahr im St. Johannesstift in Marsberg/Sauerland, das die
Barmherzigen Vincenz-Schwestern aus Paderborn unterhielten -
scheiterte beim Versuch, seine früheren Peiniger zu verklagen.
Er sagt: "Ich wurde immer wieder misshandelt, mit Fäusten
und schweren Gegenständen traktiert." Aber es gab keine
gerichtsverwertbaren Beweise. Die Nonnen ließen ihn nicht in
ihr Archiv.
Auch Gisela Nurthen hat sich vergebens bemüht,
irgendeine Spur ihrer Leidenszeit im Dortmunder Vincenzheim zu
finden. Die Akten der beteiligten Institutionen - vom Jugendamt bis
zum Vormundschaftsgericht - sind unauffindbar oder vernichtet worden.
Nur im Paderborner Mutterhaus der "Kongregation der
Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vincenz von Paul", die sich
Ende 1994 aus der Erziehungsarbeit zurückzog, könnten sich
womöglich noch Unterlagen finden lassen. Doch hinter den dicken
Mauern dürfen, so eine Order von Generaloberin Schwester
Mediatrix, Interessierte nur bis ins Besucherzimmer. Dort führt
dann Sprecherin Schwester Gabriele ein ganz besonderes
Schweigegelübde vor.
"Wir haben keine Akten",
wiederholt Schwester Gabriele nur monoton das Credo des Ordens.
"Unsere alten Schwestern, die in den Heimen waren, wollen heute
in Ruhe gelassen werden, die möchten wir nicht mehr in solche
Gespräche einbeziehen." Schwester Gabriele war in den
achtziger Jahren selbst in leitender Stellung im Dortmunder
Vincenzheim und will angeblich nichts über die Jahre davor
wissen. Eine Auseinandersetzung über die Zustände in den
Heimen der Vincentinerinnen fand nicht statt. "Darüber
haben wir nie gesprochen. Es hat uns ja auch bis heute keiner
gefragt."
Auch viele der ehemaligen Heimkinder haben die
schlimmen Jahre einfach nur vergessen wollen. Manche verschwiegen sie
selbst dem Lebenspartner und den Kindern - wie Marion L., heute 49
Jahre alt.
"Ich hatte eine große Scham, darüber
mit jemandem zu sprechen", berichtet sie. "Selbst meinem
Sohn habe ich es lange Zeit verschwiegen, auch bei Nachfragen."
Dabei hatte der Sohn Gründe nachzubohren: Schreie der Mutter in
der Nacht, ihre unmotivierten Gefühlsausbrüche, eine
lebenslange Tablettensucht als Folge der dem Essen beigemischten
Medikamente, mit denen Kinder ruhig gestellt worden waren.
Marion
L. lebte in kirchlichen Heimen, bis sie 19 wurde, im Paderborner
"Erzbischöflichen Kinderheim" der Vinzentinerinnen und
in einem [anscheinend
damals zu Bethel gehörenden] Diakonissen-Heim
im westfälischen Scherfede. Dort, erinnert sie sich, zischten
allabendlich die Weidenruten auf die Kinder nieder, die vor dem
Prügelzimmer wegen ihrer tagsüber begangenen
"Verfehlungen", zu denen schon das Bohren in der Nase
zählte, Schlange stehen mussten.
Marion und viele der
hundert anderen Heimkinder wurden immer wieder eingesperrt in eine
heute noch erhaltene Dachbodenabseite. Im Zwielicht der Kammer
entwarf sie schon als Zwölfjährige wiederholt
Selbstmordpläne. Einmal versuchte sie, vom Balkon zu springen,
ein andermal legte sie sich auf die Gleise - und rollte dann doch
beim Geräusch des nahenden Zuges zur Seite. "Ich wollte
einfach nur noch, dass alles aufhört, denn die frommen
Schwestern haben uns Kinder nicht als Menschen behandelt."
Im
Heim zischten allabendlich die Weidenruten auf die Kinder nieder.
Weil ihre Mutter eine Affäre mit einem Ausländer
verleugnen wollte, war Marion bereits mit sechs Monaten ins Heim
gekommen. Den Vormund, der das entschied, hat sie niemals zu Gesicht
bekommen. Sie nennt ihn einen "Schreibtischtäter",
mitschuldig an einem System der unkontrollierten Kindesmisshandlung
durch die vereinte Staats- und Kirchenmacht.
Jugendliche wie
Gisela und Marion wurden auch Opfer eines letzten wertkonservativen
Aufbäumens der bundesdeutschen Gesellschaft für Zucht und
Ordnung. Nachbarn oder Lehrer dienten den Jugendämtern als
Denunzianten, meldeten etwa den "unordentlichen Lebenswandel"
junger Töchter allein erziehender Mütter. Die
Einweisungsgründe hießen: Herumtreiberei,
Arbeitsplatzwechsel, Schuleschwänzen, Renitenz, sexuell haltlos.
Der verbissene Kampf gegen die Jugendkultur von Rockmusik,
Minirock und Opposition, erfuhr Gisela Nurthen schon bei ihren ersten
Recherchen, forderte viele Opfer - "von denen die meisten, heute
um die 50 Jahre alt, im Leben beeinträchtigt wurden".
Kaum dem Dortmunder Vincenzheim entkommen, siedelte sie mit
21 Jahren sofort in die Vereinigten Staaten um, "nur weg von
Deutschland". Erst vor wenigen Jahren kam sie nach Westfalen
zurück. Auf Arbeits- und Sozialämtern, in Therapie- und
Selbsthilfegruppen traf sie ehemalige Heimkinder, die nach und nach
bereit waren, offen über ihr Schicksal zu sprechen. Gemeinsam
wollen sie nun die Konfrontation mit ihrer Vergangenheit suchen.
Dass dies auch neue Demütigungen bedeuten kann, hat
Gerald H., 53, gerade erst erfahren. Ihn hatten seine christlichen
Erzieher im Salvator-Jugendheim im westfälischen Hövelhof
1970 sechs Wochen lang in einen dunklen Bunker gesperrt. Der
Jugendliche hatte versucht, dem Arbeitszwang, den ständigen
Schlägen und Demütigungen der Salvatorianer-Brüder
durch einen Fluchtversuch zu entgehen.
Gerald H. will endlich
über diese Zeit mit den verantwortlichen Kirchenleuten sprechen.
Er hofft auf eine kleine Geste der Entschuldigung, der
Wiedergutmachung. Ein Bruder Martin, erinnert er sich, habe ihn und
die anderen ganz besonders sadistisch gequält. Doch Bruder
Martin ruht heute auf dem Friedhof des Ordens.
Zum ersten Mal
seit 33 Jahren wagte sich der Schweißer Ende März wieder
in das Salvator-Haus hinein. Die Baracken, in denen er einst
schuftete, sind vollkommen renoviert. Der heutige Heimleiter,
Franz-Josef Vullhorst, erlaubte ihm den Zutritt nur bis zur Pforte.
Bunker und Schlafräume blieben tabu, "weil wir hier immer
noch Kinder haben, da kann man nicht einfach so reingehen".
Vullhorst ließ sich immerhin zur Aktensuche im Archiv überreden
- und förderte dabei einen nicht vernichteten Ordner zu Tage.
Gerald H., der kurz darin blättern durfte, war
fassungslos. Die Akte enthält ein Foto von ihm, als er 18 war.
Es prangt auf einem Formular, auf dem fett gedruckt
"Beobachtungsbogen" steht. Rund 100 Dokumente zeigen, wie
nichtig damals die Gründe für seine Heimeinweisung waren.
Obendrein gibt es Originale von Briefen, die er im Heim an seine
Mutter schrieb, die aber offenbar von den Salvatorianer-Brüdern
abgefangen wurden, ebenso liebevolle Briefe seiner Mutter, die ihm
nie ausgehändigt wurden.
Auch eine Art Gutachten seines
letzten Lehrers findet sich. Der schrieb: "Wenn Gerald nun in
ein gutes Milieuumfeld hineinkommt, hat er alle Chancen, ein gutes
und erfolgreiches Leben zu führen."
Gerald H.
weinte, der Heimleiter guckte betreten und nahm ihm die Akte wieder
ab. Er verlangte einen "ordentlichen" Antrag auf
Akteneinsicht. Gerald H. stellte ihn an Ort und Stelle schriftlich.
Am nächsten Tag wurde der Heimchef vom Hausjuristen der
Caritas in Paderborn gerüffelt. Die Einsicht in die Akte "hätte
nicht geschehen dürfen", sagte der fromme Advokat, "es
könnte ja Negatives drinstehen". Ein paar Tage später
verweigerte das Heim, beraten vom Erzbistum Paderborn, die Herausgabe
der Papiere. Für Gerald begann ein langer Kampf um seine Akte.
Der erste kurze Einblick hat bei ihm die Erinnerung an Pater
Vincens befördert. Der geistliche Herr findet sich heute in
Berlin. Dort ist er seit 1972 ein wohlgelittener Mann, Gefängnis-
und Notfallseelsorger, mit Ehrungen überhäuft, vom
Bundesverdienstkreuz bis zum Verdienstorden des Landes. Vor wenigen
Monaten erst ging Pater Vincens in den Ruhestand, begleitet von
freundlichen Würdigungen.
Vor Kameras und Mikrofonen
redet er immer noch gern und viel, aber nur selten darüber, was
er vor seiner Berliner Zeit gemacht hat. Gerald H. traf ihn im Garten
seines Alterssitzes, dem Salvatorianer-Kloster in Berlin-Lankwitz.
Erst nach wiederholter Nachfrage gab der Pater zu, im Heim von
Hövelhof gewesen zu sein. 300 schwer Erziehbare seien dort
gewesen, erinnerte er sich.
Dabei huschten, als Gerald und
Pater Vincens sich gegenüberstanden, die Augen des
Salvatorianers hin und her, signalisierten Erschrecken über die
unverhoffte Begegnung mit der verdrängten Vergangenheit. Ein
mitgebrachtes Jugendbild des ehemaligen Heimkindes wollte der
Ordensmann schnell wieder abgeben. Ja, räumte er dann ein, man
habe schon mal Störenfriede in einen "Besinnungsraum"
gesteckt. "Aber nur kurz."
Besinnungsraum? Oder
Bunker? Gerald H. erinnerte sein Gegenüber daran, dass er sechs
Wochen in dieser Isolation mit Eimer und matratzenloser Holzpritsche
zubringen musste. "Das hatte ich nicht zu verantworten, und
deswegen muss ich jetzt wohl das Gespräch beenden."
Pater
Vincens ließ seinen Gesprächspartner, der noch so viele
Fragen an ihn hatte, einfach stehen, drehte sich um und zog sich in
sein Kloster zurück. An der Pforte stockte er und rief: "Und
bitte, verlassen Sie das Grundstück."
PETER
WENSIERSKI
© SPIEGEL
ONLINE 2003
[
Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 17. Juni 2003 ]
[
Die Hauptüberschrift wurde von jemand anders im Internet
hinzugefügt und später vom hiesigen Redakteur, Martin
Mitchell, als solche für diesen jetzigen Internet-Auftritt
übernommen; und der weitere Untertitel wurde von ihm selbst
hinzugefügt. ]
[ Die in rechteckige Klammern gesetzten
Worte und Satzteile in diesem hier vollstängig zitierten
SPIEGEL-Artikel wurden zum Zwecke der Betonung und weiteren
Aufklärung von dem hiesigen Redakteur, Martin Mitchell,
hinzugefügt. ]
Subindex Nr. 10
Ehemalige Heimkinder schöpfen neue Hoffnung, bassierend auf ein neues Gerichtsurteil - Kammergericht Berlin-Moabit - 15. Dezember 2004 - zum Thema ***Menschenentwürdigende freiheitenziehende Massnahmen ( Geschlossene Unterbringung ) zuwider dem Grundgesetz und zuwider allen Menschenrechtskonventionen***. Das Urteil kondemniert insbesondere die Vorgehensweise und Zustände in Erziehungseinrichtungen der *Jugendhilfe* in der ehemaligen DDR (Az.: 5 Ws 169/04 REHA) ((551 Rh) 3 Js 322/03 (286/03)).
GLEICHERWEISE AUF DEN WESTEN ZUTREFFENDE Auszüge aus dem "Abschlussbericht des Unabhängigen Untersuchungsausschusses zu Vorgängen im ehemaligen Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau [in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik]"
Schwarze Pädagogik in der ehemaligen DDR : Deutsche Demokratische Republik. Artikel diesbetreffend von Helmuth Frauendorfer, in Wochenzeitung RHEINISCHER MERKUR Nr. 47 vom 20.11.2003 : »Der Schock wirkt weiter« - DDR-Vergangenheit - Kommunismus - Jugendwerkhof Torgau - die verschärfteste Form der militaristischen Maßregelung und Umerziehung von Kindern und Jugendlichen, um sie kollektiv dem sozialistischen Menschenbild gleich machen zu können.
"Kinderrechte" existierten in der Bundesrepublik auch schon damals , wurden aber, was "Heimkinder" betraf, von den Verantwortlichen einfach ignoriert!
BESINNLICHES: " W E R..S C H W E I G T..M A C H T..S I C H..M I T S C H U L D I G ! "
"Ehemalige Heimkinder" Deutschlands (1945-1985) schöpfen neue Hoffnung, auf Grund eines Schreibens des deutschen Bundesministeriums der Finanzen vom 5. März 2004. Werden sie trotzdem wieder von der Regierung enttäuscht werden? – Teilweises Zitat des Schreibens. – Betrifft: "Nachricht von den "Ehemaligen Heimkindern" Deutschlands (1945-1985) an die Bundesregierung Deutschland vom 16. Februar 2004".
SUCHE NACH INFORMATION über Moorlager Anstalt Freistatt im Wietingsmoor im Hannoverschen, ein Wirtschaftunternehmen der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, in Niedersachsen. Erste Aufnahmen von Kontakt von Martin Mitchell aus Australien mit Helfern in Deutschland per Luftpostbrief, 18. Februar 2003. Antwort vom 1. April 2003:
DIE RECHTSFRAGE FÜR ALLE EHEMALIGEN "HEIMKINDER" SOLLTE SEIN: – Verfassungsmässigkeit geschlossener Unterbringung – War Deine / meine oft jahrelange Internierung, diese Internierung selbst, in einer geschlossenen Einrichtung, rechtswidrig oder nicht?
"Ehemalige Heimkinder" : Institutionelle "Kindesmisshandlung" als solche war auch "zu damaligen Zeiten" (1945-1985) gesetzwidrig, aber die damaligen minderjährigen Opfer von "Misshandlungen" - was das dann existierende Gesetz betraf - wussten dies natürlich nicht, . . . Anschliessend hierzu, die Wiedergabe eines zutreffenden Urteils: Bundesgerichtshof - BGH ST 3, 105 - BGH, Urteil vom 06.06.52 - 1 StR 708/51 - Misshandlung von Schutzbefohlenen
Die wahre Geschichte der damaligen ANSTALT FREISTATT aufgedeckt und erstmalig im Internet veröffentlicht! ANSTALT FREISTATT, Torfgewinnungsgesellschaft im Bethel eigenen Wietingsmoor, ein privat-kirchliches Wirtschaftsunternehmen und Moorlager Arbeitserziehungslager / Arbeitszwangslager der Diakonie (1899-1991), das noch jahrzehntelang nach dem Zweiten Welt Krieg in der Bundesrepublik Deutschland angewendet wurde, wo 14 bis 21 Jahre alte “schwererziehbare” jugendliche deutsche Zwangsarbeiter systematisch getrimmt und auf das Schlimmste misshandelt wurden.
Das Wirtschaftsunternehmen der Torfgewinnungsgesellschaft im Bethel eigenen Wietingsmoor, im Areal der ANSTALT FREISTATT, im Hannoverschen, in der Bundesrepublik Deutschland, und dessen jugendlichen deutschen Zwangsarbeiter, im Vergleich zu den jugendlichen – und auch älteren – deutschen Zwangsarbeitern im BREMISCHEN TEUFELSMOOR, ein Wirschaftsunternehmen der „Turba“ Torfindustrie G.m.b.H, im Dritten Reich. Was war der Unterschied? Das ersterwähnte wurde (von 1899-1991) von der Diakonie betrieben, das andere (von 1934-1945) vom Staat.
Die Kirchen waren die Täter, die Jugendämter waren die Heeler!
Martin Mitchell aus Australien, ein Opfer von "Institutioneller Kindesmisshandlung" in kirchlichen Heimen in Deutschland, der jetzt in Australien lebt, stellt diese und viele andere ähnliche Fragen, an alle Leidensgenossen und Leidensgenossinen der "Ehemaligen Heimkinder", und auch an alle Täter und Heeler, die damals für das schwerwiegende Leiden das sie Kindern und Jugendlichen in ihrer Obhut zugefügt haben, verantwortlich waren
[ Heimerziehung – Zöglinge - Heimkinder ] Zwischen Disziplinierung und Integration – Westfälisches Institute für Regionalgeschichte – Landschaftsverband Westfalen-Lippe Münster – FORSCHUNGEN ZUR REGIONALGESCHICHTE – Markus Köster und Thomas Küster (Hg.) [ Anstaltserziehung – Fürsorgeerziehung – Weimarer Republik – Drittes Reich – Bundesrepublik ]
Dorothea S. Buck-Zerchin, Ehrenvorsitzende, Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V.: Offener Brief an den Bundespräsidenten Dr. Horst Köhler aus Anlass der Ausstellung "Tödliche Medizin – Rassenwahn im Nationalsozialismus" in Dresden Oktober 2006; Offener Brief, Hamburg den 9. Oktober 2006.
Dipl.-Päd. Wolfram Schäfer, Institut für Erziehungswissenschaft, Philipps-Universität Marburg: Fürsorgeerziehung und Jugendpsychiatrie im Nationalsozialismus Die erbbiologisch begründete Forderung nach der »Aussonderung Unerziehbarer« aus der Fürsorgeerziehung war von den führenden Vertretern der deutschen Jugendpsychiatrie bruchlos aus der Weimarer Republik über die NS-Diktatur in die Bundesrepublik tradiert worden. Die Auswirkungen auf die Gestaltung der Heimerziehung in der jungen Demokratie waren bekanntermaßen fatal.
Freistatt – Wirtschaftsunternehmen – Teil I Freistatt – Anstalt Freistatt – Diakonische Heime Freistatt – Diakonie Freistatt – Freistatt im Wietingsmoor – Betheler Zweiganstalten im Wietingsmoor – Arbeiterkolonie Freistatt – Arbeitsdienstlager Freistatt – Moorkolonie Freistatt – “Zwangsarbeitslager Freistatt” Was entspricht der Wahrheit, und was nicht?
Opfer von Gewalt und Zwang in deutschen Fürsorgeanstalten (meistens kirchlicher Trägerschaft beider deutschen Amtskirchen) unter allen politischen Systemen, bis in die jüngsten Tage
"Mädchenknast" – Dortmunder Vincenzheim – September 1977 – auch hier werden Heimkinder weitergehend gefangen gehalten und als unentlohnte Arbeitskräfte – Zwangsarbeiter – von der Katholischen Kirche von Deutschland ausgebeutet – hier in einer Waschanstalt / Großwäscherei der Paderborner Vinzentinerinnen.
Braunschweiger Hauszeitschrift des Marienstiftes "Doppelpunkt" - Heft Nr. 3/2000 Aus der Geschichte des Marienstiftes [und anderen solcher Einrichtungen]: So, ungefähr, sah es aus – über einen Zeitraum von zwischen 50 bis 70 Jahren – für ‘verwahrloste’ Mädchen unter dem "Jugendwohlfahrtsgesetz" in allen deutschen (Mädchen)Erziehungsanstalten / Mädchenheimen ( ob evangelisch-lutherisch oder katholisch ! ), also auch in der Nachkriegszeit, im "Wirtschaftswunder Westdeutschland".
Die schreckliche Seite der Kirche - SPIEGEL ARTIKEL vom 19.5.2003 - KIRCHE Unbarmherzige Schwestern
Heft 4 - I. Quartal (Jan 2004) CAMPO-Magazin-Artikel von Martin Mitchell »Präzedenz oder weitere (Ent)täuschung ?«
Leserbrief betreffs Magazin-Artikel »Präzedenz oder weitere (Ent)täuschung«, von Martin Mitchell
Schutzbefohlene Heimkinder / Insassen Hinter Mauern : Ein Fallbeispiel – Der Leidensweg des Paul Brune
DAS SCHWEIGEN DER (UNSCHULDS)LÄMMER : KIRCHE UND STAAT – betreffs Institutioneller Kindesmisshandlung in meistens kirchlichen Heimen in Deutschland
Systematische Kindesmisshandlung in kirchlichen Heimen – Ausbeutung von Kindern in massiven Wirtschaftsunternehmen der Kirchen in Deutschland. – Wer schweigt, macht sich (mit)schuldig
Achtung "Ehemalige Heimkinder"! Gerichtsurteil betreffs unentlohnter "Kinderzwangsarbeit" Präzedenzfall: Jugendlicher Zwangsarbeiter klagt im Landgericht!
Misshandlungen, Missbrauch, und Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen – von Seiten der beiden deutschen Amtskirchen – als sie "Ehemalige Heimkinder" in konfessionellen Heimen waren (in West-Deutschland, 1945-1985).
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