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„Eine
Last, mit der wir leben müssen“ Peter
Wensierski schrieb ein Buch über brutale Methoden der
Heimerziehung / Montag Film im NDR
Von
unserem Redakteur Ulrich Tate
FREISTATT.
Norbert Mehler hatte die Diakonie Freistatt vor einigen Jahren im
Weser-Kurier als "Moorhof
zur Hölle" bezeichnet. Als
19-Jähriger war er 1959 dreieinhalb Monate in dem
Erziehungsheim, in dem Prügel und Gewaltandrohungen an der
Tagesordnung, ja pädagogisches Prinzip waren [ Siehe Norbert
Mehlers Schilderung der damaligen Lebensbedingungen in Anstalt
Freistatt im Wietingsmoor @
http://www.heimkinder-ueberlebende.org/Moorhof_zur_Hoelle_-_Freistatt_im_Wietingsmoor_-_1950er_Jahre.html
].
[
٪
] Der
Spiegel Autor Peter Wensierski hat über die Lebensbedingungen in
den rund 3000 staatlichen sowie kirchlichen Heimen der Nachkriegszeit
in Deutschland ein Buch geschrieben. In "Schläge
im Namen des Herrn" kommt auch
die Diakonie Freistatt vor.
"Das
ist so gewesen", bestätigt
der heutige Geschäftsführer Wolfgang Trereick. Er wolle
nichts beschönigen sondern offen über das Thema sprechen.
Frühere Heimkinder, die ihre Akten einsehen möchten,
bekommen von Tereick alle Unterlagen – ohne geschwärzte
Namen.
Über das Buch von Peter Wensierski hat der
NDR-Kulturjournal-Redakteur Tom
Flugmann einen Beitrag hergestellt,
der am Montag 20. März, um 22.30 Uhr gesendet wird. Für
diesen Film hat Flugmann auch in Freistatt gedreht. [ ٪
] Wensierski
ist am Donnerstag, 4. Mai in Freistatt. Ab 18 Uhr wird er dort
Ausschnitte aus seinem Buch vorlesen.
Bis zu 600 Jugendliche
["Jungens";
"14-21Jährige"] lebten
und arbeiteten in den 50er und 60er Jahren in Freistatt [unbezahlt
"im Sommer wie im Winter" im
Moor beim Torfabbau oder in der Landwirtschaft]. Häufig hatten
sie sich nicht mehr zu schulden kommen lassen, als nicht regelmäßig
zur Schule zu gehen, Widerworte gegen die Eltern zu haben, ein Moped
geklaut oder mit einem Mädchen auf einer Parkbank geknutscht zu
haben. Norbert Mehler beispielsweise war mit der 16jährigen
Elke, seiner späteren Ehefrau, durchgebrannt.
Harte
Arbeit im Moor galt als Erziehungsmittel. "Ein
Junge, der am Tage stramm gearbeitet hat, der hat nach dem Feierabend
keine Neigung für dumme Streiche mehr", zitiert
Wensierski Pastor Gustav von Bodelschwingh, den Sohn des
Bethel-Gründers. [ ٪
] Gustav
von Bodelschwingh war 1906 von seinem Vater [Friedrich von
Bodelschwingh, bzw. "Vater
Bodelschwingh“] nach Freistatt geschickt
worden, weil dort sehr hart mit Menschen umgegangen werde.
Doch
die Zustände waren gut 50 Jahre später noch so hart, dass
Norbert Mehler Glassplitter schluckte, damit er ins Krankenhaus kam.
Er rechnete sich aus, dort bessere Fluchtchancen zu haben.
Die
Härte, mit der Heimleiter und Hausväter die Jugendlichen in
Freistatt behandelten, sei kein Phänomen Einzelner, "sondern
System“, urteilte Tereick. Er wisse von Diakonen, die sich mit
den Jugendlichen solidarisiert haben, weil sie genau so viel Angst
vor den Hausvätern hatten wie die Jugendlichen selber.
Bis
1974 war die Prügelstrafe in Freistatt noch an der Tagesordnung.
Mit Pastor Heinz Kämper als Erziehungsleiter änderten sich
die Zeiten. Die Gitter von den Fenstern kamen weg, die Schlafsäle
wurden aufgelöst.
Heute leben die meisten Freistätter
in Wohngemeinschaften. 120 Plätze für Jugendliche bietet
Freistatt an. "Wir haben uns zu einer anerkannten
Jugendhilfeeinrichtung entwickelt, die bundesweit belegt wird",
fasst der Geschäftsführer zusammen. Geschlossene Heime,
kürzlich von Politikern wieder einmal gefordert, werde es in
Freistatt nicht geben, unterstrich Tereick. Für besondere Fälle
gebe es in Freistatt sechs Plätze in einer
intensiv-pädagogischen Wohngruppe.
Die Geschichte der
Heimerziehung sei "eine Last, mit der wir leben müssen",
sagt Tereick. In der Diakonie Freistatt gehe man offen mit dem Thema
um, es werde auch noch von Seiten der Kirchlichen Hochschule Bethel
daran geforscht.
Wolfgang Tereick, Theologe und seit 1999 Geschäftsführer der
Diakonie Freistatt, blättert in alten Akten. Sie belegen, dass
viele Erzieher in den Jugendlichen nur Abschaum sahen.
FOTO: UTA
< Tausend von Jugendlichen mussten jahrelang im Moor rund um Freistatt
schuften. Das Bild von der Früstückspause [Fundament-Ausschachtungen - Haus Neuwerk Baustelle, ca 1959]
enstand vor etwa 40 bis 50 Jahren.
FOTO: FR
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