Die v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel. –
Ist oder war Bethel jemals eine “Kolonie der Würde” ? –
“Colonia Dignidad” ? – und genau was ist darunter zu verstehen ?
War Bethel nicht schon immer, weitgehend, eine “Arbeiterkolonie” für “Zwangsverpflichtete”, die dort malochen mussten ohne entlohnt zu werden ? Und, stand sie, somit – auch – nicht schon immer in Konkurenz zum freien Arbeitsmarkt ?
Die einzige andere Frage:
Ist es nicht – auch – schon immer so gewollt gewesen vom deutschen Staat – unter allen politischen Systemen ?
Rückkehr nach Freistatt nach 43 Jahren –
als selbst-eingeleitete “Tiefentherapie”:
( es bedurfte keinem Psychiater oder Therapeuten – und es ist hoch zu empfehlen ! )
[
Freistätter Wietingsmoor
in Niedersachsen –
ein in 1899 in einem Hochmoor im Hannoverschen gegründetes
massives
Wirtschaftsunternehmen der v.
Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, dass seit 1901
bis Anfang der 1990er Jahre von Bethel zum Zwecke der Torfgewinnung
und Vermarktung mit unentlohnten Arbeitern betrieben wurde (meistens
mit Kindern, Jugendlichen, und jungen Erwachsenen, im Alter von 14
bis 21 Jahren betrieben – und, wo Bethel, zu Kriegszeiten, im
1. und 2. Weltkrieg, auch fremdländische Zivilisten und
Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter eingesetzt
hatte). ]
[
TREIBJAGD - SEITE 195
]
HEILIGENSTATT
LAG IM Moor
Es war bedeutend größer
als das Landesjugendheim [ in Göttingen
]; Heiligenstatt [
bzw. Freistatt ] war eine ganze Gegend, rechts
von der Bundesstraße [ B214 ]
oder links, je nach dem von welcher Seite man kam, lag ein hübsches
Gebäude, eingebettet in güne Rasenflächen unter hohen
Bäumen. Es sah wie ein herrschaftlicher Gutshof aus. Ein breiter
asphaltierter Weg führte von der Bundesstraße [
B214 ] dorthin. Am Anfang des Weges befand sich eine
große Tafel, ähnlich wie bei Wohnungsbauprojekten, auf der
man die ausführenden Firmen nachlesen konnte.
Doch
soviele Namen waren auf der Tafel nicht verzeichnet. Statt dessen
befand sich auf der linken Seite ein Kreuz, ein Christenkreuz, und
rechts stand: »Vereinigte Christliche Heimstätten –
Angeschlossen dem Christlich-Pädagogischen Landesverband –
Leitung: Pastor Heinrich Ballhausen«.
Das war
alles.
Hinter dem Gutshof, wo die Verwaltung war, begann das
Moor, eine weite, mit niedrigen Birken und Büschen bewachsene
Landschaft, in die ein mit Schlaglöchern übersäter Weg
hineinführte. An einer Seite des Wegs verliefen die Schienen
einer Feldbahn. Manchmal zweigte ein anderer Weg ab, zusammen mit
einem Schienenstrang, und an jeder Abzweigung konnte man ein Schild
lesen wie: »Glaube«, »Hoffnung« oder
»Himmelstür«. So waren die Häuser benannt, die
weit versträut im Moor lagen, zu denen der jeweilige Weg
hinführte.
[ ……….
]
[ SEITE 196
]
Ich las ein Schild: »Nächstenliebe«.
Der
Beifahrer grinste.
Geradeaus liefen die Feldbahnschienen in
eine große Baracke. Das Tor war offen. Ich sah einige Loren
darin stehen.
Das Auto hoppelte über eine Weiche und bog
rechts ein.
Hier stand eine andere Baracke. Die Fenster waren
vergittert. Gegenüber war eine kleinere, bunt angemahlt. Auf dem
Teerdach stand eine lange Fernsehantenne, die Fenster waren ohne
Gitter. In dem Garten vor der bunten Baracke arbeiteten mehrere
Jungen. Sie trugen grünen Haarschutz auf dem Kopf, ähnlich
wie sie früher von Fußballspielern getragen wurden, damit
die Haare nicht ins Gesicht fielen. Es war ein gestrickter Rand,
durch dessen Mitte sich ebenfalls zwei gestrickte Streifen zogen,
einmal von vorne nach hinten und dann von einem Ohr zum anderen.
Die
Jungen guckten neugierig zu uns herüber.
Das Auto fuhr
langsam um die große Baracke herum und hielt vor einem Vorbau.
Über der Tür war ein sauber gemaltes Schild:
»Nächstenliebe«. Wir stiegenaus. Ein Man kam
heraus.
»Na, ihr beiden Pißnelken«, sagte er
zu den beiden Erziehern, die mich brachten, »wenn ihr kommt,
dann gibt’s Arbeit, das kenne ich nun schon so langsam.«
»Tag
Schulze! Arbeit macht das Leben süß.«
[
………. ]
[
SEITE 197 ]
[ ……….
]
[Bruder]
Schulze sah auf seinen Bauch und rieb sein Ohrläppchen.
»Rrrroth!«
schrie er dann.
Ein Junge stürzte ins Zimmer. »Gott
zum Gruß!«
Schulze deutete mit dem Zeigefinger in
meine Richtung, sagte: »Sachen fassen.«
Der Junge
winkte mit dem Kopf, ich solle ihm folgen. Wir gingen über einen
Gang zur Bekleidungskammer.
»Draußen warten«,
sagte er und klappte ein Querbrett in die offene Türfüllung.
Ich
zog meine eigenen Sachen, die ich während der Fahrt angehabt
hatte, aus und nahm das verwaschene Zeug entgegen, daß er mir
über die Klappe reichte.
Komischer Verein hier, dachte
ich, wie ein weihrauchbenebelter Meßdiener glotzt der mich an.
Kurze Hosen tragen sie hier. Und bis zum Knie geht die! Viel zu groß,
das ist eine für Loom!
»Gib mir mal ‘ne
andere. Die ist zu groß.«
»Du kriegst einen
Gürtel, und dann paßt sie.«
»Wie?«
Der
Junge erwiderte nichts und warf mir einen Gürtel über die
Klappe. Ich warf die Hose zurück. »Eine andere!«
»Sind
keine da. Du mußt schon nehmen, was ich dir gebe.«
»Du
brauchst was auf die Fresse, wir werden sehen!« Ich tauchte
unter die Klappe hindurch, er wich bis an die Wand zurück.
»Bleib
draußen, bleib draußen«, sagte er schnell und
wütend, griff [ SEITE 198 ]
in ein Regal und warf mir eine andere Hose zu, »hier hast du
eine.«
»Feigling!«
»Wer hier
wem was auf die Fresse haut, das merkst du schon noch.«
»Du
auf keinen Fall, du Blödmann! Paß auf, daß ich nicht
noch mal reinkomme, bist wohl’n Reserveerzieher, was?«
Schulze
kam. Ich nahm meine Bettwäsche, folgte ihm durch einen
Tagesraum, durch einen Waschraum, durch ein Kloh in einen Schlafsaal,
der wie ein Lagerraum für Betten aussah.
Übereinander,
nebeneinander, lang, quer, es gab nur Betten. Die Bezüge lagen
wie gemeißelt auf den Gestellen.
Schluze ging suchend
durch die Gassen und kratzte sich den Hinterkopf.
»Rrrroth!«
Als
dieser angewieselt kam: »Ein Bett!«
Der Junge
brachte ein Feldbett, ein aufklappbares Holzgestell, dazwischen eine
Segeltuchplane. Er schob es in eine Lücke zwischen anderen
Betten.
»Ausziehen«, sagte Schulze zu mir, »und
Nachthemd an.«
Er untersuchte die eine Tasche meiner
Hose, nahm meine angebrochene Zigerettenpackung und mein Feuerzeug
heraus. »Geraucht wird bei uns nicht im Schlafsaal. Wie alt
bist du?«
»Ich werde sechzehn«, erwiderte
ich und dachte daran, daß ich Hunger hatte.
»Dann
wird bei uns gar nicht geraucht«, klärte er mich auf,
steckte sich eine Zigarette aus meiner Packung an, hustete, »und
schon gar nicht so ein Kraut. Halte dir unseren Heiland vor Augen,
der hat sein ganzes Leben lang nicht geraucht. Deine Sachen, komm
mit, die werden hier in den Waschraum gehängt. Vor jedem
Zubettgehen. Heute und morgen bleibst du im Bett. Übermorgen
geht es raus zur Arbeit. Gute nacht in Jesu!« Er wollte
gehen.
»Ich habe Hunger, Herr Schulze!«
»Waas?«
fragte er verblüfft. »Dir ham’se wohl ins Gehirn
geschissen, was!?«
Ich fragte mich, was daran so
ungewöhnlich war. Ich hatte kein Mittagessen gehabt, jetzt war
es Nachmittag.
»Ich bin Bruder Schulze, verstehste!
Herren gibt’s bei uns nicht! Ich bin dein Bruder, Kerl! Alle
Menschen sind Brüder vor dem Herrn, merk dir das! Wenn du mich
noch einmal mit >Herr< anquatschst, [
SEITE 199 ] entziehe ich dir für einen Tag das
Rauchen«, er stockte, »du darfst ja noch nicht rauchen«,
überlegte er laut, »na, ich werde schon was finden! Und
zum Essen kriegst du heute abend was. Bei uns ist noch keiner
verhungert! Gute Nacht in Jesu!«
Er schlurfte durch die
Bettgassen davon. Ich hörte, wie die Tür abgeschlossen
wurde.
Mein Bruder ist das, dachte ich. Wo bin ich hier bloß?
Jesus läßt grüßen, Gott läßt grüßen.
Es wird mir hier sicher nicht gefallen. Ich baute mein Feldbett.
[
………. ]
[
………. ]
[
SEITE 201 ]
Die Tür wurde wieder
aufgeschlossen. Ein anderer Erzieher tauchte zwischen den Betten auf,
er kam ganz langsam. Ich sah, daß er Breeches trug, Reitstiefel
und in der Hand eine Reitpeitsche.
Sieh an! Pferde haben sie
hier auch.
Er blieb am Bettfußende stehen. »Gott
segne deinen Eingang«, sagte er, »ich hoffe, es hat dir
geschmecket.«
»Es geht«, erwiderte ich und
dachte: Der redet wie einer aus dem Mittelalter.
»Ich«,
fuhr der Reitstiefelmann fort, »bin Elias, Oberbruder Elias. Du
darfst mich schlicht Oberbruder nennen. Und wer bist Du?«
»Bruder
Holberg«, sagte ich, »aus Göttingen.«
Er
legte die Stirn in Falten. »Nun ja, wir werden uns noch näher
kennenlernen. Ich bin für die Nächstenliebe
verantwortlich, und ich hoffe, es wird dir hier ebensogut gefallen,
wie all den anderen, die bei uns sind. Die Menschen sollen sich
lieben, so spricht der Herr, und hier lieben sich alle, verstehtst Du
das, mein Sohn?«
Ich zuckte die Schultern und sah ihn
mißtrauisch an. Die Breeches spannten sich stramm um seinen
Bauch, obwohl er nicht dick war. Sein Hals im offnenen Hemdausschnitt
war faltig, wenn er schluckte, rollte sein Adamsapfel unter der Haut
auf und ab. Die Nase über dem schmalen Mund stach etwas vor, sie
hatte oben zwei rote Druckstellen. Er mußte eine Brille tragen,
vielleicht eine Sonnenbrille. Die Haare auf seinem Kopf waren von
einem Ohr quer zum anderen gekämmt, wie Fäden, durch die
man die Kopfhaut sehen konnte.
Ich fand, daß der
Oberbruderkopf etwas klein sei im Vergleich mit der massigen
Gestalt.
»Nun, du wirst dich in unsere Gemeinschaft
einleben, du wirst mich lieben lernen, nur so können sich die
Menschen gegenseitig verstehen, denn diese gegenseitige Liebe ist mit
Freude verbunden, Freude, die man sich bereiten soll, die den grauen
Alltag nicht als solchen erscheinen läßt, sondern einen
freuddurchwebten Sonntag aus ihm macht, dessen Gestaltung wir dir als
deine Brüder am besten zu vermitteln vermögen, du kannst
mir folgen, ja?«
Ich nickte schwach, wußte vor
lauter »Liebe« und »Freude« gar nicht, was er
eigentlich von mir wollte.
[
SEITE 202 ]
»Wunderbar«, sagte der
Oberbruder, »ich liebe intelligente Menschen.« Er starrte
versonnen aus dem Fenster, wobei er auf den Reitstiefelspitzen wippte
und fortwährend mit der Ledergerte gegen einen Schaft
schlug.
»Morgen sei dir noch ein Tag der Ruhe, der
geistigen Sammlung gegeben, und übermorgen wirst du dann frisch,
fromm, fröhlich, frei dein Tagwerk beginnen.«
Der
Junge holte das leere Tablett ab.
Der Oberbruder sah mich eine
Weile lang an und ich ihn.
»Der Herr segne deine Ruhe«,
wünschte er mir und ging. –
***
Es
war etwa neun Uhr, als sich der Schlafsaal füllte. Ich zählte
die auf nackten Beinen hereinspazierenden Nachthemden, die Bruder
Schluze an der Tür vorzählte. Zweiundsechsig Stück.
Das Einundsechzigste erkannte ich sofort.
»Mensch,
Jürgensen«, sagte ich überrascht.
»Heh,
Ben! Wie kommst du denn hierher? Wann haben sie dich gebracht?«
»Na,
so kurz nach Mittag.«
»Bist du getürmt? Ich
meine, ist es deshalb?«
Ich überlegte. »Ich
glaube schon. Sie haben mich erwischt und gleich am anderen Tag, also
heute, hierher gebracht. Ich dachte du wärst in Schweden bei
deiner Mutter?«
»Dachte ich auch. Siehst ja, wo
ich gelandet bin.« Er setzte sich vorsichtig auf die
Bettkannte. »Das ist der letzte Laden hier, Ben. Wenn ich das
nächste Mal rauskomme, dann werde ich erstmal eine Kirche
anzünden oder so, als kleine Entschädigung. Für die
Freude, die sie mir hier bereitet haben.«
Jürgensen
blickte sich unauffällig um. Die Jungen in den nebenanliegenden
Betten redeten ebenfalls leise miteinander.
»Abhauen
liegt hier überhaupt nicht drin«, flüsterte
Jürgensen, »das Scheißmoor, weißt du. Der
einzige Weg ist der Hauptweg, auf dem sie einen herbringen. Aber bis
du an der Straße bist, haben sie dich wieder, ich glaube, das
sind bald zehn Kilometer. Du hast doch die Binden gesehen, die sie
auf dem Kopf tragen …«.
»Ich habe eine rote
gekriegt. Das soll ein Haarschutz sein.«
»Ach
Quatsch, die müssen wir aufsetzen, damit sie uns unterscheiden
können. Jeder Neue kriegt eine rote Binde oder die, denen sie
nicht über’n Weg trauen. Die grünen Binden, das sind
die, die hier den Laden saubermachen, die bei Elias im Garten
arbeiten, draußen [ SEITE 203 ]
in der Kolonne sind natürlich auch welche. Die passen mit auf
die Roten auf. Und die Weißbinden, das sind die schlimmsten,
das sind die Vertrauensleute, die Geläuterten, weißt
du, die passen auf die Grünen auf, daß die richtig auf die
Roten aufpassen. Aber wenn wirklich mal einer von den Roten türmt,
dann rennen beide hinterher, die Grünen und die Weißen.
Aber nicht so, wie wir das kennen. Die kommen tatsächlich
hinterher. Weil sie einen Tag nicht rauchen dürfen, wenn einer
abhaut, wenn der das schafft. Und die Drecksau von Oberbruder leitet
die ganze Aktion …«
[
……….. ]
[
SEITE 203 ]
»Ich werde hier trotzdem
abhauen«, sagte ich leise.
»Du wirst dich wundern.
Wenn sie den wieder schnappen, den, der abgehauen ist, dann gibt’s
einen Arschvoll. Dann beugen sie vor, damit er’s nicht nochmal
versucht, weil sie doch dann nicht rauchen dürfen. Und wenn er
von den Bullen geschnappt wird und die bringen ihn zurück, dann
gibt’s auch was auf die Schnauze. Dann durften sie ja nicht
rauchen …«
»Wer haut denn?«
»Nicht
der Oberbruder. Das ist nur das Vorspiel, was der macht. Die
Weißbinden kommen abends mit zwanzig Mann hoch, da kannst du
nichts machen. Kannst dir ja vorstellen, wie sauer die sind. Die
haben den ganzen Tag malocht, und nur weil irgendeiner türmt,
dürfen sie nicht rauchen. Rauchen ist sowieso erst ab Mittag
erlaubt, wird alles eingeschlossen, Tabak und so, Feuer hat niemand,
das gibt dann ein Bruder.«
[
………. ]
[
SEITE 207 ]
Die Kolonne stampfte singend zur
Barackenecke, schwenkte abgezirkelt nach rechts zum Lorenschuppen
hin. Bis nach dort waren es etwa fünfzig Meter. Das erste Glied
blieb vor den Geleisen stehen, stampfte auf der Stelle weiter, bis
alle aufgerückt waren, das gleiche taten.
Der dritte Vers
begann, während drei Jungen die Loren aus dem Schuppen
holten.
»Wunderbar«, sagte Oberbruder Elias laut,
als das Lied zu Ende war und wir weiter mit den Füßen auf
den Boden stampften, »Singen macht froh, ich she’s euch
an, Jungs, ihr wollt natürlich noch eins singen. Ja, ja, singe
wem Gesang gegeben!«
Ich sah in die verdrossenen
Gesichter ringsum.
»Na ja, meinetwegen, Jungs!,«
tönte Elias.
Prompt war aus der letzten Reihe zu hören:
»Das Liiiieben bringt gro-hoß Freud … drei,
vier!«
Mein Nebenmann sang mit knirschenden Zähnen,
es wunderte mich, wie er das konnte. Ich sang nicht. Ich kannte die
Verse nicht, ich hatte auch keine Lust zum Singen.
Oberbruder
Elias stand an der ersten Lore, und ihm war anzusehen, daß ihm
unser Singen Freude bereitete.
»Abteilung …
Halt!«
Es krachte. Stille. Irgendwo in den Büschen
trillerte ein Vogel.
»Holberg«, sagte Oberbruder
Elias, »erinnere mich heute abend daran, daß ich dir die
Liedertexte gebe, ich kann dein betrübtes Gesicht nur allzugut
verstehen. Solche Lieder möchte man mitsingen! Anreiten!«
Die
Jungen verteilten sich gleichmäßig auf die drei Loren. Die
Loren hatten rings um die Plattform ein Holzgeländer. In der
Mitte des Lorenbodens befand sich ein Gestell, mit einem Eisenarm an
beiden Seiten. Der Arm hatte eine Querstange, wie ein »T«,
an dieser [ SEITE 208 ]
Querstange konnten vier Mann mit einer Hand anfassen und pumpen.
Unter dem Lorenboden befand sich ein Gestänge, über das ein
Schwungrad in Bewegung gesetzt wurde, das an einer Achse angebracht
war. Wie eine Draisine aus dem Wilden Westen.
»Mir
nach!« brüllte der Oberbruder und machte mit dem Arm eine
weitausholende Handbewegung. »Abstände einhalten!«
Blöd,
dachte ich, er tut so, als ob die Loren woanders hinfahren könnten.
Ich pumpte in einem Viermannglied.
Die Fahrt ging ein ganzes
Stück den Hauptweg entlang, dann kam eine Abzweigung. Die erste
Lore, auf der der Oberbruder stand, verlangsamte ihre Fahrt. Ein
Junge sprang ab und legte eine Weiche um. Die Fahrt ging weiter.
An
einem großen Torffeld wurde angehalten. Ganz normal und ohne
Gesang gingen wir quer über den weichen Boden zu einem
Förderband, das am Anfang des Feldes stand. Es war ein riesiges
Band, es reichte über die ganze Breite des Feldes und lief auf
Bohlenketten, damit es nicht im Boden einsackte.
Ein Mann in
einer Monteursjacke stand oben auf dem Band, auf einer
Plattform.
»Und nun frisch, fromm, fröhlich und
frei!« rief Oberbruder Elias und kletterte eine eiserne
Steigleiter hoch, zu dem Monteur. »Holberg auf die linke Seite
vor die Kette!«
Die Jungen verteilten sich vor dem Band,
das langsam anruckte. Auf dem Feld standen Torfstapel, soweit man
sehen konnte, immer zu zehn Stück. Die mußte man aufheben
und auf das Förderband werfen. Wenn man das geschickt machte,
mit beiden Händen unter den Stapel faßte und aus den Knien
Schwung mitnahm, dann schaffte man alle zehn Stück auf
einmal.
Bücken, anheben, Seitenschwung, umdrehen,
werfen.
Die Raupenketten standen ein ganzes Stück vor dem
Band; wer vor der Kette arbeitete, befand sich drei bis vier Schritte
vor den anderen Jungen und mußte bedeutend weiter
werfen.
Jürgensen arbeitete neben mir vor der Kette, als
zweiter Mann. Ich schaute ihm zu, wie er das machte, wie er unter den
Torfstapel faßte, die Arme zusammendrückte und somit die
Torfstücke einklemmte, wie er sie dann mit einer Körperdrehung
auf das Laufband warf. Vor der Raupenkette war es schwieriger, alle
zehn Stücke auf einmal zu werfen, meist fielen ein oder zwei
Stücke auf die Kette, die man dann schnell hinterherwarf.
Die
Raupenkette rollte immer dicht hinter unseren Hacken. Ich sah [
SEITE 209 ] mich dauernd nach ihr um, weil ich das
Gefühl hatte, als würde sie jeden Moment draufahren. Doch
das war nur eine Einbildung. Jürgensen war auf gleicher Höhe
wie ich. Manchmal grinste er, wenn ich mich beim Bücken nach der
Kette umsah.
Trotz des frühen Morgens brannte die Sonne.
Es war heiß. Der Schweiß durchfeuchtete das Hemd und zog
den feinen Torfstaub an, der sich überall festsetzte und
juckte.
»Der könnte ruhig mal ein bißchen
langsamer fahren.«
»Wenn das so weitergehen würde,
dann ließe sich das noch aushalten«, erwiderte Jürgensen,
»aber der legt immer etwas mehr zu, du merkst das noch, das ist
Oberbruderakkord hier. Es fällt deshalb nicht so auf, weil wir
langsam anfangen, und dann stellt er die Bandgeschwindigkeit langsam
höher, und du bewegst dich automatisch schneller.«
»Ich
glaube, ich werde hier nicht sehr alt, warum macht niemand was
dagegen, das … «
»Holberg! Konversation
beeinträchtigt deine Freude an der Arbeit, das ist nicht
erfreulich für mich, wenn ich weiß, daß es dir
keinen Spaß macht!« rief Elias von der Plattform des
Förderbandes herunter.
Er saß dort oben breitbeinig
auf einem Sitz, die Hände auf die Knien gestützt, auf der
Nase hatte er eine Sonnenbrille mit Spiegelgläsern. Immer wenn
ich mich umdrehte, den Torf nach hinten warf, dann schielte ich nach
oben, dorthin, wo er saß. Es geschah wie von selbst, als
gehörte dieses Nachobengucken ebenso dazu, wie das Bücken.
Und je öfter ich guckte, desto mehr glaubte ich an einen großen
Vogel, der da oben saß und mit blanken Augen alles beobachtete,
wo sich etwas bewegte, wo jemand sprach, bereit, jeden Augenblick
loszufliegen.
»Diekmann!« rief er jetzt.
»Diekmann, es ist ein Jammer, wenn ich sehe, wieviel Torf du
heute morgen daneben wirfst. Guten, [schwarzen]
Torf. Aromatisches Brennmaterial. Ich glaube, ich werde die für
heute das Rauchen streichen müssen!«
Bei den Worten
sah er mich an, obwohl ich genau wußte, daß derjenige,
der Diekmann hieß, ein ganzes Stück weiter links in der
Reihe arbeitete. Doch es war nur die Brille, die mich ansah. Die
Augen dahinter hatte er sicher zu Diekmann gedreht.
Was war
schon dabei, wenn mal ein Stück Torf liegenblieb. Es blieb immer
was liegen oder wurde zu weit geworfen, so daß es hinter das
Förderband fiel. Hinter dem Band gingen extra drei Weißbinden,
[ SEITE 210 ] um die
einzelnen Stücke aufzulesen.
Was daran wohl aromatisch
war? Torf! Aromatisches Brennmaterial! [Schwarzes]
Brennmaterial! Möchte wissen wer heute noch mit Torf heizt! Die
Bauern vielleicht, die Waschküche oder so. Machen sie auch
nicht. Als Dünger benutzt man ihn vielleicht [
Nicht der schwarze “Brenntorf”; sondern der braune
“Gartentorf” oder “Düngetorf” wird als
Dünger benutzt: ] Die Stücke werden
zermahlen, und der Müll wird in die Ställe gestreut, unters
Vieh. Aroma! Jedenfals nicht vom Torf [
weder vom “Brauntorf” / “Düngetorf” /
“Gartentorf” oder vom schwarzen “Brenntorf”
]. Rauchen entziehen! Ha, mir kann er gar nix
entziehen. Der Diekmann ist jetzt bestimmt sauer, weil er nicht weiß,
ob er nun rauchen darf oder nicht, weil der Elias gesagt hat, er
glaubt, daß er muß … ganz
unverbindlich.
»Früüüüstück!«
Das
Förderband hielt mit einem Ruck.
Die Kolonne ging an den
Feldrand. Die Weißbinde gab jedem aus einer mitgenommenen Kiste
eine Doppelscheibe Brot mit harter Wurst und einem Blechbecher voll
Tee.
Zwei Scheiben! Drei Happen waren das, fand ich. Die hätte
ich schon heute morgen gebraucht. »Ich wünsche einen
gesegneten Appetit!« sagte Oberbruder Elias, dem garnicht
auffiel, daß die meisten schon die letzten Krümel
runterspülten.
»Esset mäßig, Jungs, es
erleichtert die Verdauung, und wie ihr wißt, ist die geregelte
Verdauung für das Wohlbefinden des Körpers
ausschlaggebend.« Elias nagte geziert an seiner Brotscheibe
herum, die er aus einer Butterbrotdose genommen hatte.
Ich
versuchte ganz nüchtern zu überlegen, ob er verrückt
war.
Manchmal wurde so was nur durch Zufall festgestellt. Aber
dann mußten Schulze und die anderen Brüder auch verrückt
sein. Soviel Verrückte auf einen Haufen gab es selten. Das wäre
sicher aufgefallen, wenn man sie eingestellt hätte. Bei einem
oder bei zweien konnte das schon mal passieren – oder der
Anstaltsleiter – , das mußte es sein! Der war verückt!
Daß ich nicht gleich darauf gekommen bin. Und ein Verückter
stellt nur Verückte ein, weil er einen Normalen für
verrückt hält. Verrückte handeln instinktiv. Wie
Tiere.
»Hinrichs, du bist ein großes Arschloch«,
hatte Bruder Schulze heute morgen zu einem Jungen gesagt, »du
sollst meine Thermosflasche abspülen und nicht ausspülen!
Kerl! Was soll ich denn heute trinken! Wenn du das bei unserem Herrn
Jesus gemacht hättest, wärst du in’ Steinbruch
gegangen!«
Gesagt? Gebrüllt hatte er, der Schulze.
Er tat immer so, als wenn der Jesus hier irgendwo rumschwebte. Ob der
Schulze wohl die Bibel kennt? Die Schulzesche Thermosflasche
interessiert Jesus sicher nicht. Der Hinrichs arbeitet auch vor der
Kette, vor der anderen, obwohl er eine Weißbinde ist. Das hatte
er nun davon.
Zum Mittagessen rückte die Kolonne
ein.
Singend und stampfend.
Es gab Nudeln mit Backobst,
daß hieß »Hawaii-Gulasch«.
Nach dem
Essen verteilte Bruder Schulze mit einem Weißbindenvertrauensmann
Tüten, in denen die Rauchwaren eines jeden aufbewahrt wurden.
Die Tüten waren im Bruderzimmerschrank eingeschlossen.
Die
Jungen drehten sich Zigaretten, einige stopften ihre Pfeifen. Schulze
stand in der Tagesraummitte, in der Hand eine
Streichholzschachtel.
»Na, alles fertig?« fragte
er. Er riß ein Streichholz an und hielt es mit angewinkeltem
Arm von sich, wie ein Musiklehrer, der einen Ton angibt; er sah auf
das brennende Hölzchen.
Niemand rührte sich.
»Feuer
frei!« sagte Schulze.
Eine Weißbinde flitzte zu
ihm hin, zündete die Zigarette an, ein zweiter die Pfeife, dann
ließ Schulze das fast abgebrannte Streichholz fallen und ging
in sein Bruderzimmer.
Von der Glut der Pfeife und der
Zigarette erhielten die nächsten Feuer, dann wieder die
nächsten, bis jeder rauchen konnte. Jürgensen schob mir
eine halbe Zigarette zu. »Paß aber auf, daß es
keiner sieht«, flüsterte er.
Ich ging auf die
Toilette. Als ich wieder herauskam, war ich wie besoffen.
Schulze
sammelte die Tüten ein, er schaute gar nicht nach, ob auch alles
drin war. Es nahm ohnehin niemand etwas heraus. Was sollte man mit
Tabak, wenn kein Feuer vorhanden war.
Dann ging es wieder raus
ins Moor. Der Nachmittag verging schneller als der Vormittag. Als wir
wieder ins Lager einrückten, war es kurz vor fünf Uhr. Ich
konnte es auf der Oberbruderarmbanduhr sehen, weil ich diesmal auf
seiner Lohre pumpte.
Das Singen klang lauter als am Morgen.
Die Kolonne schwenkte nicht nach links, sondern nach rechts um, auf
die bunte Baracke zu. An einer Seite waren mehrere Holzbänke und
Holztische in den Boden eingegraben.
Ich setzte mich so breit
wie möglich hin, um das Sitzen voll auszukosten. Es gab
Roggenkörnerkaffee, zwei Scheiben Brot mit [
SEITE 212 ] Marmelade und hundert oder zweihundert
Wespen. Vielleicht waren es auch fünfhundert. Niemand wollte
sie. Sie wurden von einem zum anderen geschlagen und
gepustet.
Oberbruder Elias wußte Rat. »Jungs, ihr
müßt ganz still sitzen«, rief er aus dem
Barackenfenster, »dann tun die Tierchen niemandem was!«
Frau
Oberbruder Elias kam ein paarmal mit einer großen Kanne heraus
und fragte, ob noch jemand Kaffe wollte, ob auch alle richtig satt
geworden wären.
Satt waren alle. Einer rülpste sogar
bekräftigend. Kaffe wollte niemand mehr. [
………. ]
***
[
SEITE 212 ]
Am Sonntag war Kirchgang. Für
jeden. Freiwillig. Außer für zwei Jungen, die Frau
Oberbruder in der Küche helfen mußten.
Jeder machte
sich fertig. Ich blieb im Tagesraum sitzen.
Schluze kam rein.
»Mensch, zieh dich an, der Heiland wartet«, gab er mir
Bescheid.
»Ich gehe nicht in die Kirche. Bin ich noch
nie gegangen. Außerdem glaube ich nicht an so was.«
»Was?«
fragte Schulze.
»Na ja, was soll ich da?«
Er
musterte mich. »Abtrünniger!« sagte er dann
verächtlich und ließ mich sitzen.
[
SEITE 213 ] Was sollte ich
auch in der Kirche. Der Gottesdienst fand zwar in der Verwaltung
statt, vorne an der Straße, doch abhauen konnte man nicht. Wenn
man zum Klo mußte, ging ein Bruder mit und blieb solange vor
der Tür stehn, bis man fertig war. Aus dem Klofenster kam man
nicht heraus, es war zu klein und obendrein vergittert.
Zur
Kirche kamen auch die anderen Häuser aus dem Moor und eine Menge
Brüder. Jeder paßte auf jeden auf, hatte Jürgensen
gesagt. Also blieb ich hier.
Oberbruder Elias kam in den
Tagesraum. Er war ganz in Schwarz gekleidet und drückte ein
Gesangbuch an seine Brust. »Mein Sohn«, sprach er mich
an, »du dauerst mich.« Er blickte mir tief in die Augen,
und ich sah jetzt, daß seine gar keine richtige Farbe hatten,
sie waren grau oder blau oder grün, wässerig verschwommen,
und die Wimpern standen so vereinzelt, daß ich sie zählen
konnte. Als ich bei acht war, guckte er weg.
»Aber«,
sagte er, »die Erleuchtung kommt nicht immer sofort. Sie kommt
bei jedem Menschen, früh oder spät. Dennoch verzeiht der
Herr allen seinen Sündern.« Er nickte trübe.
Hinter
ihm feixten zwei Jungen, machten sofort Kirchengesichter, als er sich
umwandte und hinausging.
Ich hörte, wie draußen
abgezählt wurde, sah vom Fenster aus zu, wie die Kolonne zum
Lorenschuppen marschierte.
»Das Leben ist ein
Würfelspiel«, sangen sie.
Ich grinste froh vor mich
hin und überlegte, ob ich es schaffte, die Gitter mit Hilfe
einer Bank rauszuwuchten. Sie mußten draußen erst mal weg
sein. Schulze war mit den beiden Küchenhelfern zur anderen
Baracke hinübergegangen. Quer durchs Moor werde ich türmen,
weil er sofort in der Verwaltung anruft. Dort legen sie sich dann auf
die Lauer. Ich werde den Teufel tun! Sollte Elias sich mal erleuchten
lassen, welche Richtung ich genommen hatte.
Die Loren fuhren
ab.
Ich hörte Schlüssel. Bruder Schulze kam
zurück.
»So, mein Sohn, dann wolln wir mal! Stell
schon die Bänke hoch, ich hole Eimer und Schrubber!« Er
ging ins Bruderzimmer, wo die Hausreinigungssachen standen.
Ich
schrubbte den Tagesraum dreimal mit dem Schrubber ohne Stiel. Schulze
konnte den Stiel nicht finden.
Danach begann ich beim
Waschraum.
Auf dem Klo beschloß ich, am nächsten
Sonntag auch in die Kirche zu gehen.
[
SEITE 214 ] In der
folgenden Woche arbeiteten wir auf einem Feld in der nähe der
Bundesstraße [ B214 ].
Ich
besprach mit Jürgensen die Gelegenheit. Denn daß es eine
war, das stand fest. In der Früstückspause, als das Band
still stand, hörten wir die Autos, die auf der nahen Straße
vorbeifuhren. Außer Jürgensen und mir wollten noch zwei
Mann türmen. Und vier Mann auf einmal, das war gut. Dann mußten
die Weißbinden alle hinterher, weil es sonst schlecht für
sie aussehen würde. Einer, der abhaut, ist sowieso immer stärker
als einer, der hinterherkommt, dachte ich. Der, der abhaut, will weg,
er muß weg, weil es sonst bitter für ihn wird, wenn sie
ihn schnappen. Aber der, der hinterherkommt, kann immer sagen, er hat
niemanden gesehen.
***
Als
wir am nächsten Abend einrückten, an den Holztischen saßen
und unser Brot aßen, kam Oberbruder Elias aus seiner bunten
Baracke. Das tat er sonst nicht. In einer Hand hielt er einen langen
dünnen Rohrstock, in der anderen einen Zettel.
Jürgensen
sah zu mir herüber, ich hatte gerade noch Zeit, ein Auge
zuzukneifen.
»Ich rufe Jürgensen!« tönte
Elias.
Jürgensen erhob sich und ging hin.
»Nun,
hast du mir was zu sagen?« fragte der Oberbruder milde.
Nein.
Was sollte ich sagen?«
»Schön, schön,
dann bück dich doch bitte, ja? Ja so, richtig tief und achte auf
deine Fingerspitzen, daß sie deine Fußspitzen nicht
loslassen«, Elias zog die Jürgensensche Hose richtig
stramm, so daß sie schwischen dessen Backen klemmte, holte weit
mit dem Rohrstock aus und stand einen Augenblick auf den
Stiefelspitzen. »Ganz ruhig stehen, du mußt dich
vollkommen entspannen.«
Der Rohrstock pfiff durch die
Luft. Jürgensen schnellte aufstöhnend hoch.
»Ts,
ts, ts, ächem«, machte der Oberbruder, »wer wird
denn gleich. Zweimal noch, dann sei dir eine kleine
Verschnaufungspause bewilligt.« Jürgensen nahm die
folgenden Schläge hin, er mußte abseits
stehenbleiben.
»Dirks!« rief Elias.
Dirks
wollte auch mit abhauen.
»Hast du mir was zu
sagen?«
Dirks schüttelte den Kopf und bückte
sich wortlos.
Elias zog und zupfte fast liebevoll dessen Hose
zurecht, auf die er [ SEITE 215 ]
ebenfalls drei Schläge niedersausen ließ.
Frau
Oberbruder lehnte im offenen Barackenfenster.
»Ach
Jungs«, sagte sie klagend, »warum könnt ihr denn
nicht vernünftig sein, ihr habt es so gut bei uns, nun müßt
ihr wieder die Schmerzen ertragen. Neiiin, neiiin, neiiin«,
stöhnte sie sie bei jedem Schlag, als Diekmann seine Schläge
erhielt. Er war der Dritte von uns. »Das kann man ja nicht mit
ansehen, ohhhh, das kann man ja nicht mit ansehen!«
Dumme
Ziege, dachte ich, warum geht sie nicht weg. Glotzziege! Wenn Elias
von den anderen weiß, dann weiß er auch von mir. Schöner
Mist. Dirks hat sich gleich gebückt. Feiner Kerl. Hätte ja
auch sagen können, wer noch alles dabei war.
So oder
so.
Ich erhob mich und ging nach vorne.
»Hooolberg!«
sagte Elias, in einem Ton, der mich an Karen [ einem
Mädchen das er in dem nahegelegenen Mädchenheim auf dem
Areal des Landesjugendheims in Göttingen kennengelernt hatte
] erinnerte, wenn sie »Jeeeetzt!« gesagt
hatte.
»Du auch!?« Er tat so, als hätte er
mit allem gerechnet, nur nicht mit mir. »Holberg, Holberg! Ich
liebe die Aufrichtigkeit!«
Ich verspürte unbändige
Lust, in seinen großen Reithosenhintern zu treten, da er sich
umgedreht hatte und den anderen erklärte, was Aufrichtigkeit
sei.
»Nun bück dich, mein Sohn«, er fummelte
an meiner Hose herum, »schön tief, wunderbar,
Aurichtigkeit muß belohnt werden.« Ich sah zwischen
meinen Beinen hindurch an seinem linken Bein vorbei Frau Oberbruder
im Barackenfenster, wie sie die Augen zumachte, machte meine auch zu.
Der Schlag trieb mir das Wasser in die Augen. Frau Oberbruder schwamm
im Tränenwasser.
»Du bekommst deshalb nur drei
Besinnungsschläge, nimm sie mit Würde«, fuhr Elias
fort.
Ich setzte mich vorsichtig.
»Und ihr,
Jungs«, wandte er sich bedauernd an die anderen drei, »leider,
leider, damit ihr in Zukunft wißt, daß ich immer eine
aufrichtige Antwort erwarte, komm du zuerst mein Junge.«
Dirks
bückte sich erneut.
»Nur Geduld und dulden machen
den Menschen erhaben über die schnöden Dinge der Welt, und
ihrer gibt es viel. Ich fühle mit Euch«, Elias schlug zu.
Hinter mir stöhnte Frau Oberbruder auf. »Mein Gott, du
armer Junge!«
Elias sprach weiter, zupfte hier und da an
Dirks’ Hose herum. Wenn man nicht gewußt hätte, um
was es ging, hätte man denken können, [
SEITE 216 ] Elias hielte einen Vortrag über
weiche, schwingende Gymnastikübungen. Mittendrin schlug er
plötzlich zu. Dirks schoß hoch, wurde erneut mit sanften
Worten zum dritten Schlag eingeschläfert.
Ich kniff die
Augen zu und versuchte mir vorzustellen, daß es Elias sei, der
sich da bückte, und Jürgensen, der jetzt zuschlug. Mein
Hintern brannte fast gar nicht mehr.
Anschließend wurden
die üblichen Lieder gesungen. Jeder sang laut mit. Wir vier,
weil wir alles überstanden hatten. Die anderen, weil sie nichts
damit zu tun gehabt hatten, und der Oberbruder, weil er nicht noch
mehr hatte schlagen müssen.
Nach dem Einrücken, dem
Waschen und dem Abendbrot hockte ich im Tagesraum in einer Ecke. An
der Wand hing ein fast mannsgroßer Jesus an einem Kreuz.
Jesus
sagt, behauptet Elias, alle Menschen sind Brüder. Das war so’n
Oberbruder. Dirks meinte, in Wirklichkeit hieße er Lehmann,
Elias sei sein Künstlername. Ob Lehmann oder Elias. Petrus war
auch so ein Oberbruder gewesen. Vorarbeiter. Wenn der Elias mich noch
mal schlägt, dann schlage ich zurück. Mistkerl.
[
………. ]
[
SEITE 219 ]
»So, und nun laßt uns
noch schnell ein Gutenachtlied singen und uns in Frieden
auseinandergehen.«
Wir sangen »Guten Abend, gute
Nacht«, danach »Der Mond ist aufgegangen«, danach
Weißt du, wieviel Sternlein stehn«, danach Abendstille,
danach »Nun schlafen alle Blümelein«, danach das
Lied von den reitenden Dragonern, weil wir keine Abendlieder mehr
kannten, daß das Lieben Freude macht, dann das Lied vom
jagenden Tiroler und dem freien Wildbrettschützen, daß
märkischer Sand die Freude eines Märkers sei, wir sangen
vom Wasser, das von den Bergen rauscht, von der Heimat, zu der wir
alle gerne wollten, und vom Kurpfalzjäger…, wir
sangen.
Ich döste im Stehen vor mir hin.
Elias
dirigierte mit beiden Armen. Ich dachte wieder an einen Vogel, an
einen häßlichen grauen Vogel, mit spitzem Schnabel, der
nach mir hackte, er schlug mit den Flügeln, um mich zu
erreichen, er würde es schafffen, jeden Augenblick konnte er vom
Boden abheben …
»So Jungs, jetzt müßt
ihr aber ins Bett«, sagte Elias tadelnd, »morgen früh,
dann singen wir wieder. Solange werdet ihr’s ja wohl aushalten
können, was?«
Er tat so, als hätten wir
unbedingt singen wollen, als könnten wir nicht genug kriegen.
Dabei hatte er nach jedem Lied in Befehlsform gefragt, ob wir nicht
noch eins singen wollten. Und jedesmal hatte eine Weißbinde neu
angestimmt. Es war zum Kotzen!
»Der Herr segne euren
Schlaf.«
»Anreiten!« brüllte Bruder
Bolm.
Wir wankten in den Schlafsaal. Ich war Nummer
drei.
»Wenn wir das Schwein erwischen«, fluchten
einige Weißbinden.
Ich fluchte mit.
Die beiden
Jungen, die neben mir in dem einen doppelstöckigen Bett lagen,
unterhielten sich leise darüber, wieviel Gefängnis es wohl
geben würde, wenn sie den Oberbruder ins Moor schubsen
täten.
Vieleicht lebenslänglich«, sagte der
untere.
»Quatsch«, entgegnete der, der oben lag,
»wir sind doch noch jugendlich. Mehr als zehn Jahre können
sie uns nicht aufbrummen. Das ist die Höchststrafe. Drei oder
vier Jahre kriegen wir dafür, wenn es rauskommt. Erinnere dich
mal an die beiden, die vor zwei Jahren aus der »Seligkeit«
abgehauen sind, die hat ein Bruder überrascht, da haben sie ihm
eins mit’m Stuhlbein über’n Tünnes gehauen …
«
»Der tote Bruder?«
»Na ja,
als er sie überraschte, da hat er noch gelebt, aber als er sie
festhalten wollte, ist er von einer Seligkeit in die andere Welt
marschiert. Der eine hat später dreieinhalb und der andere vier
Jahre gekriegt.«
»Trotzdem noch ganz schön
viel, wenn man bedenkt, wieviele Brüder die hier haben«,
der untere schwieg. »Es müßte wie ein Unfall
aussehen«, sagte er dann, »wir kriegen garnichts
dafür.<
»So schlau bin ich auch«,
flüsterte der oben Liegende unwillig.
»Wir können
es nur machen, wenn wir Torf stechen, weil er dann zwischen uns
rumrennt. Wo wir jetzt arbeiten, da ist es sowieso trocken. Wenn wir
ihn so reinschubsen, dann brüllt er, und die Weißbinden
ziehen ihn wieder raus. Überall versackt man ja auch [
SEITE 221 ] nicht. Am besten, er kriegt vorher einen
kleinen Tupfer mit’m Torfspaten ins Genick, damit er still
bleibt, bis er versackt ist.«
»Die Agenten machen
das mit der Handkannte, zack – und er kippt um wie ein Sack
Wurzeln.«
Ach, dann mußt du schon genau treffen.
So’n Torfspaten tut’s besser, würden die Agenten
auch nehmen, aber sie können so’n Ding ja schlecht mit
sich rumschleppen. Deshalb behelfen sie sich mit der
Handkannte.«
»Was auch noch ginge, wären
Kreuzottern. Ich gehe doch Samstags immer in die Küche, dann
lasse ich sie in die Oberbruderwohnnung. Die können genausogut
von draußen reingekommen sein, und bis der Arzt hier ist, das
dauert seine Zeit.«
»Die beißen nicht, die
hauen durch die nächste offene Tür wieder ab.«
Die
Jungen schwiegen. Ich drehte mich auf die andere Seite.
***
Nach
dem Essen verteilte Bruder Schulze mit einem Weißbindenvertrauensmann
Tüten, in denen die Rauchwaren eines jeden aufbewahrt wurden.
Die Tüten waren im Bruderzimmerschrank eingeschlossen.
Die
Jungen drehten sich Zigaretten, einige stopften ihre Pfeifen. Schulze
stand in der Tagesraummitte, in der Hand eine
Streichholzschachtel.
»Na, alles fertig?« fragte
er. Er riß ein Streichholz an und hielt es mit angewinkeltem
Arm von sich, wie ein Musiklehrer, der einen Ton angibt; er sah auf
das brennende Hölzchen.
Niemand rührte sich.
»Feuer
frei!« sagte Schulze.
Eine Weißbinde flitzte zu
ihm hin, zündete die Zigarette an, ein zweiter die Pfeife, dann
ließ Schulze das fast abgebrannte Streichholz fallen und ging
in sein Bruderzimmer.
Von der Glut der Pfeife und der
Zigarette erhielten die nächsten Feuer, dann wieder die
nächsten, bis jeder rauchen konnte. Jürgensen schob mir
eine halbe Zigarette zu. »Paß aber auf, daß es
keiner sieht«, flüsterte er.
Ich ging auf die
Toilette. Als ich wieder herauskam, war ich wie besoffen.
Schulze
sammelte die Tüten ein, er schaute gar nicht nach, ob auch alles
drin war. Es nahm ohnehin niemand etwas heraus. Was sollte man mit
Tabak, wenn kein Feuer vorhanden war.
Dann ging es wieder raus
ins Moor. Der Nachmittag verging schneller als der Vormittag. Als wir
wieder ins Lager einrückten, war es kurz vor fünf Uhr. Ich
konnte es auf der Oberbruderarmbanduhr sehen, weil ich diesmal auf
seiner Lohre pumpte.
Das Singen klang lauter als am Morgen.
Die Kolonne schwenkte nicht nach links, sondern nach rechts um, auf
die bunte Baracke zu. An einer Seite waren mehrere Holzbänke und
Holztische in den Boden eingegraben.
Ich setzte mich so breit
wie möglich hin, um das Sitzen voll auszukosten. Es gab
Roggenkörnerkaffee, zwei Scheiben Brot mit [
SEITE 212 ] Marmelade und hundert oder zweihundert
Wespen. Vielleicht waren es auch fünfhundert. Niemand wollte
sie. Sie wurden von einem zum anderen geschlagen und
gepustet.
Oberbruder Elias wußte Rat. »Jungs, ihr
müßt ganz still sitzen«, rief er aus dem
Barackenfenster, »dann tun die Tierchen niemandem was!«
Frau
Oberbruder Elias kam ein paarmal mit einer großen Kanne heraus
und fragte, ob noch jemand Kaffe wollte, ob auch alle richtig satt
geworden wären.
Satt waren alle. Einer rülpste sogar
bekräftigend. Kaffe wollte niemand mehr. [
………. ]
***
[
SEITE 212 ]
Am Sonntag war Kirchgang. Für
jeden. Freiwillig. Außer für zwei Jungen, die Frau
Oberbruder in der Küche helfen mußten.
Jeder machte
sich fertig. Ich blieb im Tagesraum sitzen.
Schluze kam rein.
»Mensch, zieh dich an, der Heiland wartet«, gab er mir
Bescheid.
»Ich gehe nicht in die Kirche. Bin ich noch
nie gegangen. Außerdem glaube ich nicht an so was.«
»Was?«
fragte Schulze.
»Na ja, was soll ich da?«
Er
musterte mich. »Abtrünniger!« sagte er dann
verächtlich und ließ mich sitzen.
[
SEITE 213 ] Was sollte ich
auch in der Kirche. Der Gottesdienst fand zwar in der Verwaltung
statt, vorne an der Straße, doch abhauen konnte man nicht. Wenn
man zum Klo mußte, ging ein Bruder mit und blieb solange vor
der Tür stehn, bis man fertig war. Aus dem Klofenster kam man
nicht heraus, es war zu klein und obendrein vergittert.
Zur
Kirche kamen auch die anderen Häuser aus dem Moor und eine Menge
Brüder. Jeder paßte auf jeden auf, hatte Jürgensen
gesagt. Also blieb ich hier.
Oberbruder Elias kam in den
Tagesraum. Er war ganz in Schwarz gekleidet und drückte ein
Gesangbuch an seine Brust. »Mein Sohn«, sprach er mich
an, »du dauerst mich.« Er blickte mir tief in die Augen,
und ich sah jetzt, daß seine gar keine richtige Farbe hatten,
sie waren grau oder blau oder grün, wässerig verschwommen,
und die Wimpern standen so vereinzelt, daß ich sie zählen
konnte. Als ich bei acht war, guckte er weg.
»Aber«,
sagte er, »die Erleuchtung kommt nicht immer sofort. Sie kommt
bei jedem Menschen, früh oder spät. Dennoch verzeiht der
Herr allen seinen Sündern.« Er nickte trübe.
Hinter
ihm feixten zwei Jungen, machten sofort Kirchengesichter, als er sich
umwandte und hinausging.
Ich hörte, wie draußen
abgezählt wurde, sah vom Fenster aus zu, wie die Kolonne zum
Lorenschuppen marschierte.
»Das Leben ist ein
Würfelspiel«, sangen sie.
Ich grinste froh vor mich
hin und überlegte, ob ich es schaffte, die Gitter mit Hilfe
einer Bank rauszuwuchten. Sie mußten draußen erst mal weg
sein. Schulze war mit den beiden Küchenhelfern zur anderen
Baracke hinübergegangen. Quer durchs Moor werde ich türmen,
weil er sofort in der Verwaltung anruft. Dort legen sie sich dann auf
die Lauer. Ich werde den Teufel tun! Sollte Elias sich mal erleuchten
lassen, welche Richtung ich genommen hatte.
Die Loren fuhren
ab.
Ich hörte Schlüssel. Bruder Schulze kam
zurück.
»So, mein Sohn, dann wolln wir mal! Stell
schon die Bänke hoch, ich hole Eimer und Schrubber!« Er
ging ins Bruderzimmer, wo die Hausreinigungssachen standen.
Ich
schrubbte den Tagesraum dreimal mit dem Schrubber ohne Stiel. Schulze
konnte den Stiel nicht finden.
Danach begann ich beim
Waschraum.
Auf dem Klo beschloß ich, am nächsten
Sonntag auch in die Kirche zu gehen.
[
SEITE 214 ] In der
folgenden Woche arbeiteten wir auf einem Feld in der nähe der
Bundesstraße [ B214 ].
Ich
besprach mit Jürgensen die Gelegenheit. Denn daß es eine
war, das stand fest. In der Früstückspause, als das Band
still stand, hörten wir die Autos, die auf der nahen Straße
vorbeifuhren. Außer Jürgensen und mir wollten noch zwei
Mann türmen. Und vier Mann auf einmal, das war gut. Dann mußten
die Weißbinden alle hinterher, weil es sonst schlecht für
sie aussehen würde. Einer, der abhaut, ist sowieso immer stärker
als einer, der hinterherkommt, dachte ich. Der, der abhaut, will weg,
er muß weg, weil es sonst bitter für ihn wird, wenn sie
ihn schnappen. Aber der, der hinterherkommt, kann immer sagen, er hat
niemanden gesehen.
***
Als
wir am nächsten Abend einrückten, an den Holztischen saßen
und unser Brot aßen, kam Oberbruder Elias aus seiner bunten
Baracke. Das tat er sonst nicht. In einer Hand hielt er einen langen
dünnen Rohrstock, in der anderen einen Zettel.
Jürgensen
sah zu mir herüber, ich hatte gerade noch Zeit, ein Auge
zuzukneifen.
»Ich rufe Jürgensen!« tönte
Elias.
Jürgensen erhob sich und ging hin.
»Nun,
hast du mir was zu sagen?« fragte der Oberbruder milde.
Nein.
Was sollte ich sagen?«
»Schön, schön,
dann bück dich doch bitte, ja? Ja so, richtig tief und achte auf
deine Fingerspitzen, daß sie deine Fußspitzen nicht
loslassen«, Elias zog die Jürgensensche Hose richtig
stramm, so daß sie schwischen dessen Backen klemmte, holte weit
mit dem Rohrstock aus und stand einen Augenblick auf den
Stiefelspitzen. »Ganz ruhig stehen, du mußt dich
vollkommen entspannen.«
Der Rohrstock pfiff durch die
Luft. Jürgensen schnellte aufstöhnend hoch.
»Ts,
ts, ts, ächem«, machte der Oberbruder, »wer wird
denn gleich. Zweimal noch, dann sei dir eine kleine
Verschnaufungspause bewilligt.« Jürgensen nahm die
folgenden Schläge hin, er mußte abseits
stehenbleiben.
»Dirks!« rief Elias.
Dirks
wollte auch mit abhauen.
»Hast du mir was zu
sagen?«
Dirks schüttelte den Kopf und bückte
sich wortlos.
Elias zog und zupfte fast liebevoll dessen Hose
zurecht, auf die er [ SEITE 215 ]
ebenfalls drei Schläge niedersausen ließ.
Frau
Oberbruder lehnte im offenen Barackenfenster.
»Ach
Jungs«, sagte sie klagend, »warum könnt ihr denn
nicht vernünftig sein, ihr habt es so gut bei uns, nun müßt
ihr wieder die Schmerzen ertragen. Neiiin, neiiin, neiiin«,
stöhnte sie sie bei jedem Schlag, als Diekmann seine Schläge
erhielt. Er war der Dritte von uns. »Das kann man ja nicht mit
ansehen, ohhhh, das kann man ja nicht mit ansehen!«
Dumme
Ziege, dachte ich, warum geht sie nicht weg. Glotzziege! Wenn Elias
von den anderen weiß, dann weiß er auch von mir. Schöner
Mist. Dirks hat sich gleich gebückt. Feiner Kerl. Hätte ja
auch sagen können, wer noch alles dabei war.
So oder
so.
Ich erhob mich und ging nach vorne.
»Hooolberg!«
sagte Elias, in einem Ton, der mich an Karen [ einem
Mädchen das er in dem nahegelegenen Mädchenheim auf dem
Areal des Landesjugendheims in Göttingen kennengelernt hatte
] erinnerte, wenn sie »Jeeeetzt!« gesagt
hatte.
»Du auch!?« Er tat so, als hätte er
mit allem gerechnet, nur nicht mit mir. »Holberg, Holberg! Ich
liebe die Aufrichtigkeit!«
Ich verspürte unbändige
Lust, in seinen großen Reithosenhintern zu treten, da er sich
umgedreht hatte und den anderen erklärte, was Aufrichtigkeit
sei.
»Nun bück dich, mein Sohn«, er fummelte
an meiner Hose herum, »schön tief, wunderbar,
Aurichtigkeit muß belohnt werden.« Ich sah zwischen
meinen Beinen hindurch an seinem linken Bein vorbei Frau Oberbruder
im Barackenfenster, wie sie die Augen zumachte, machte meine auch zu.
Der Schlag trieb mir das Wasser in die Augen. Frau Oberbruder schwamm
im Tränenwasser.
»Du bekommst deshalb nur drei
Besinnungsschläge, nimm sie mit Würde«, fuhr Elias
fort.
Ich setzte mich vorsichtig.
»Und ihr,
Jungs«, wandte er sich bedauernd an die anderen drei, »leider,
leider, damit ihr in Zukunft wißt, daß ich immer eine
aufrichtige Antwort erwarte, komm du zuerst mein Junge.«
Dirks
bückte sich erneut.
»Nur Geduld und dulden machen
den Menschen erhaben über die schnöden Dinge der Welt, und
ihrer gibt es viel. Ich fühle mit Euch«, Elias schlug zu.
Hinter mir stöhnte Frau Oberbruder auf. »Mein Gott, du
armer Junge!«
Elias sprach weiter, zupfte hier und da an
Dirks’ Hose herum. Wenn man nicht gewußt hätte, um
was es ging, hätte man denken können, [
SEITE 216 ] Elias hielte einen Vortrag über
weiche, schwingende Gymnastikübungen. Mittendrin schlug er
plötzlich zu. Dirks schoß hoch, wurde erneut mit sanften
Worten zum dritten Schlag eingeschläfert.
Ich kniff die
Augen zu und versuchte mir vorzustellen, daß es Elias sei, der
sich da bückte, und Jürgensen, der jetzt zuschlug. Mein
Hintern brannte fast gar nicht mehr.
Anschließend wurden
die üblichen Lieder gesungen. Jeder sang laut mit. Wir vier,
weil wir alles überstanden hatten. Die anderen, weil sie nichts
damit zu tun gehabt hatten, und der Oberbruder, weil er nicht noch
mehr hatte schlagen müssen.
Nach dem Einrücken, dem
Waschen und dem Abendbrot hockte ich im Tagesraum in einer Ecke. An
der Wand hing ein fast mannsgroßer Jesus an einem Kreuz.
Jesus
sagt, behauptet Elias, alle Menschen sind Brüder. Das war so’n
Oberbruder. Dirks meinte, in Wirklichkeit hieße er Lehmann,
Elias sei sein Künstlername. Ob Lehmann oder Elias. Petrus war
auch so ein Oberbruder gewesen. Vorarbeiter. Wenn der Elias mich noch
mal schlägt, dann schlage ich zurück. Mistkerl.
[
………. ]
[
SEITE 219 ]
»So, und nun laßt uns
noch schnell ein Gutenachtlied singen und uns in Frieden
auseinandergehen.«
Wir sangen »Guten Abend, gute
Nacht«, danach »Der Mond ist aufgegangen«, danach
Weißt du, wieviel Sternlein stehn«, danach Abendstille,
danach »Nun schlafen alle Blümelein«, danach das
Lied von den reitenden Dragonern, weil wir keine Abendlieder mehr
kannten, daß das Lieben Freude macht, dann das Lied vom
jagenden Tiroler und dem freien Wildbrettschützen, daß
märkischer Sand die Freude eines Märkers sei, wir sangen
vom Wasser, das von den Bergen rauscht, von der Heimat, zu der wir
alle gerne wollten, und vom Kurpfalzjäger…, wir
sangen.
Ich döste im Stehen vor mir hin.
Elias
dirigierte mit beiden Armen. Ich dachte wieder an einen Vogel, an
einen häßlichen grauen Vogel, mit spitzem Schnabel, der
nach mir hackte, er schlug mit den Flügeln, um mich zu
erreichen, er würde es schafffen, jeden Augenblick konnte er vom
Boden abheben …
»So Jungs, jetzt müßt
ihr aber ins Bett«, sagte Elias tadelnd, »morgen früh,
dann singen wir wieder. Solange werdet ihr’s ja wohl aushalten
können, was?«
Er tat so, als hätten wir
unbedingt singen wollen, als könnten wir nicht genug kriegen.
Dabei hatte er nach jedem Lied in Befehlsform gefragt, ob wir nicht
noch eins singen wollten. Und jedesmal hatte eine Weißbinde neu
angestimmt. Es war zum Kotzen!
»Der Herr segne euren
Schlaf.«
»Anreiten!« brüllte Bruder
Bolm.
Wir wankten in den Schlafsaal. Ich war Nummer
drei.
»Wenn wir das Schwein erwischen«, fluchten
einige Weißbinden.
Ich fluchte mit.
Die beiden
Jungen, die neben mir in dem einen doppelstöckigen Bett lagen,
unterhielten sich leise darüber, wieviel Gefängnis es wohl
geben würde, wenn sie den Oberbruder ins Moor schubsen
täten.
Vieleicht lebenslänglich«, sagte der
untere.
»Quatsch«, entgegnete der, der oben lag,
»wir sind doch noch jugendlich. Mehr als zehn Jahre können
sie uns nicht aufbrummen. Das ist die Höchststrafe. Drei oder
vier Jahre kriegen wir dafür, wenn es rauskommt. Erinnere dich
mal an die beiden, die vor zwei Jahren aus der »Seligkeit«
abgehauen sind, die hat ein Bruder überrascht, da haben sie ihm
eins mit’m Stuhlbein über’n Tünnes gehauen …
«
»Der tote Bruder?«
»Na ja,
als er sie überraschte, da hat er noch gelebt, aber als er sie
festhalten wollte, ist er von einer Seligkeit in die andere Welt
marschiert. Der eine hat später dreieinhalb und der andere vier
Jahre gekriegt.«
»Trotzdem noch ganz schön
viel, wenn man bedenkt, wieviele Brüder die hier haben«,
der untere schwieg. »Es müßte wie ein Unfall
aussehen«, sagte er dann, »wir kriegen garnichts
dafür.<
»So schlau bin ich auch«,
flüsterte der oben Liegende unwillig.
»Wir können
es nur machen, wenn wir Torf stechen, weil er dann zwischen uns
rumrennt. Wo wir jetzt arbeiten, da ist es sowieso trocken. Wenn wir
ihn so reinschubsen, dann brüllt er, und die Weißbinden
ziehen ihn wieder raus. Überall versackt man ja auch [
SEITE 221 ] nicht. Am besten, er kriegt vorher einen
kleinen Tupfer mit’m Torfspaten ins Genick, damit er still
bleibt, bis er versackt ist.«
»Die Agenten machen
das mit der Handkannte, zack – und er kippt um wie ein Sack
Wurzeln.«
Ach, dann mußt du schon genau treffen.
So’n Torfspaten tut’s besser, würden die Agenten
auch nehmen, aber sie können so’n Ding ja schlecht mit
sich rumschleppen. Deshalb behelfen sie sich mit der
Handkannte.«
»Was auch noch ginge, wären
Kreuzottern. Ich gehe doch Samstags immer in die Küche, dann
lasse ich sie in die Oberbruderwohnnung. Die können genausogut
von draußen reingekommen sein, und bis der Arzt hier ist, das
dauert seine Zeit.«
»Die beißen nicht, die
hauen durch die nächste offene Tür wieder ab.«
Die
Jungen schwiegen. Ich drehte mich auf die andere Seite.
***
Die
Kirche in Heiligenstatt war ein Anbau neben der Verwaltung.
Heute war Sonntag, und der Anbau war bis auf den letzten Platz
besetzt.
Der Heimleiter und Pastor stand oben auf der Kanzel
und erzählte uns im großen, was uns Oberbruder Elias
täglich im kleinen erzählte.
Manchmal stand einer
der Jungen auf, weil er austreten mußte. An der Tür saßen
mehrere Brüder, von denen sich einer erhob und als Begleitung
mitging. Auch dann, wenn es eine Weißbinde war.
Die
Weißbinden bekamen ihr Vertrauen erst nach dem Gottesdienst
wieder zu spüren. Je tiefer wir ins Moor zurückkehrten,
desto tiefer wurde ihnen vertraut. Und wenn wir in der Nächstenliebe
angekommen waren, dann war es wieder richtiges Vertrauen.
Ich
mußte auch.
Fünfzig Meter entfernt verlief die
Bundesstraße [ B214 ].
Daran dachte ich. Auf der anderen Seite befand sich eine Wiese, dann
kam Wald. So dicht an die Freiheit gelangte man nur beim
Kirchgang.
Das wußte der Oberbruder auch.
Auf der
Kanzel wurde jetzt von Liebe, von Hoffnung, von Glauben und von
Gottvertrauen gepredigt. In jedem Satz kamen diese Wörter
mehrmals vor, mal laut, mal leise, mal predigte der Pfarrer mit
erhobenen Händen, mal mit seitlich ausgestreckten, so daß
die schwarzen Ärmel wehten. Das war ein sicheres Zeichen dafür,
daß die predigt gleich zu Ende war. Dann wurde noch gesungen,
Segen [ SEITE 222 ]
verteilt, und wir fuhren zurück ins Moor.
Ich erhob mich
und ging zwischen den Reihen entlang zur Tür, an Elias vorbei,
der mich mit verklärtem Gesicht ansah.
»Ich muß«,
sagte ich zu dem Bruder, der direkt an der Tür stand.
»Ist
doch gleich Schluß!«
»Ich muß
trotzdem.«
Er ging hinter mir her auf den Flur, der wie
ein langer Schlauch war. Auf der linken Seite endete er vor einem
großen Fenster. Vorher zweigten zwei oder drei Türen ab,
die verschlossen waren. Ich wußte das von Dirks. Ein Junge
hatte schon einmal versucht, in eines der Zimmer zu flitzen, um dann
aus dem Fenster zu springen. Doch eine verschlossene Tür war zu.
Der Klohbegleitbruder hatte den Jungen sofort festgehalten und um
Hilfe gebrüllt. Rechts, ein paar Schritte weiter, führte
die Treppe nach unten, die unteren Türen waren auch
abgeschlossen.
Gegenüber befand sich die
Toilette.
»Beeil dich«, sagte der Bruder und
stellte sich breitbeinig an den Treppenabsatz. Die Kirche lag im
ersten Stock.
Ich ging in die Toilette und pinkelte. Es kamen
aber nur ein paar Tropfen.
Wenn ich dem Bruder einen Haken
gebe, dann kullert er die Treppe runter. Aber ich komme unten sowieso
nicht raus. Aber ich muß raus, ich muß weg! Ich springe
durch das Fenster! Einfach durch die Scheibe, da traut er sich nicht
hinterher. Jetzt singen sie, da hört man den Krach nicht so. Ich
muß weg!
Ich streifte die schweren Holzbotten ab, zog
die Socken aus, damit ich nicht ausrutschte.
Ich legte eine
Hand auf den Türgriff und zögerte einen Augenblick. In mir
kribbelte alles.
Wenn ich es nun nicht schaffe? Quatsch, ich
muß nur denken, daß ich es schaffe, dann schaffe ich’s
auch.
Ich riß die Tür auf. Ein Ruck! Sie knallte
gegen die Wand. Ich sah für einen Augenblick das überraschte
Gesicht des Bruders, als ich an ihm vorbeiflitzte, den Flur
runter.
Vielleicht dachte er, ich wollte ganz schnell wieder
in die Kirche, um den Segen mitzubekommen, denn er schrie erst, als
ich an der Kirchentür vorbei war.
»Haaalt!
Haaalt!!«
Das Fenster! Ich sprang aus vollem Lauf auf
die niedrige Fensterbank, riß meine Arme hoch. Glas splinterte.
Ich fiel nach unten, auf [ SEITE 223 ]
einen Rasen, überschlug mich und krachte in ein
Sonnenblumenbeet. Einen Augenblick war mir, als könne ich mich
nicht mehr bewegen, dann funktionierte wieder alles. Ich rappelte
mich auf und rannte über den Rasen zur Straße. Ich konnte
sie sehen.
Bloß nicht umdrehen!
Ich sprang über
einen Graben, überquerte den heißen Asphalt, wieder ein
Graben, wälzte mich unter einem Weidezaun durch und lief auf die
Wiese. Im Laufen riß ich mir den roten Haarschutz vom Kopf. Als
ich die Wiese zur Hälfte hinter mir hatte, drehte ich mich um.
Aus dem Verwaltungsgebäude quollen die Jungen wie ein dicker
Brei, der sich nach allen Seiten verteilte. Das erste Rudel hatte die
Straße fast erreicht.
***
Ich
lief jetzt langsamer, gleichmäßiger.
Die würden
auch noch langsamer werden, dachte ich. Ich könnte auf einen
Baum klettern, aber Elias würde auch die Bäume absuchen
lassen. Fluchen wird er, heilige Flüche wird er ausstoßen.
Hatte ja selbst Schuld. Warum schickte er mich in die Kirche. Ich
wollte von Anfang an nicht hin. In vier Tagen wäre ich einen
Monat hier gewesen. Mir kommt das wie ein Jahr vor.
Ich hatte
den Wald erreicht, lief geradeaus in das Unterholz, bog dann seitlich
ab. Ich lief so, daß ich den Waldrand noch sehen konnte. Wütend
werden sie sein. Heute war Sonntag und dann nichts zum Rauchen! Oha,
sie dürfen mich nicht erwischen.
Halb habe ich es schon
geschafft. Ich darf nicht stehenbleiben. Wie die Indianer das wohl
machten? Indianertrab. Hatte ich doch mal irgendwo gelesen: Wo war
das denn? Da hatte so ein Bandit einen Häuptling erschossen und
war mit dem Pferd abgehauen. Der Sohn vom Häuptling hinterher.
Der Bandit hatte sich auf die Lauer gelegt und das
Häuptlingssohnpferd abgeschossen. Aber der Sohn war zu Fuß
weitergelaufen, damit hatte der Bandit nicht gerechnet. Indianertrab.
Hundert Yards Spurt, dann hundert Yards im Schritt, dann wieder
spurten, dann wieder gehen, und immer so weiter. Beim Gehen ruhte der
Sohn sich vom Spurten aus und sammelte gleichzeitig Kraft für
den nächsten. So was ließ sich verdammt lange durchhalten.
Der Sohn hatte den Banditen erwischt und die Rechnung mit dem Beil
beglichen.
Die hatten gut reden, die Indianer. Wenn ich jetzt
langsam gehe, komme ich nicht wieder in Gang.
Die Straße
hatte einen großen Bogen gemacht und führte jetzt [
SEITE 224 ] durch den Wald. Ich wechselte auf die
andere Seite über und bemerkte, daß meine linke Hand mit
Blut besudelt war. Am Gelenk klaffte ein Schnitt. Ich wickelte mein
Taschentuch darum.
Ein Stoppelfeld kam. Ich schlurfte im Trab
über die angeschnittenen Halme, damit sie nicht so zwischen
meine Zehen stießen. Doch die ganz kurzen ließen sich
nicht umtreten, sie fühlten sich an wie ein Nagelbrett.
Ich
versuchte nicht daran zu denken. Ich dachte an Ingrid [
eine andere seiner Freundinnen, ein älteres Mädel ].
Zu ihr konnte ich hin. Dort suchten sie mich nicht, sie würde
auch verstehen, wie blöd der Verein hier war. Was Benno [
ein alter gleichaltriger Freund seiner, den er im Landesjugendheim in
Göttingen kennegelernt hatte ] jetzt wohl machte?
Der hätte dem Elias schon lange eine geknallt, ganz brüderlich,
wäre ihm egal gewesen.
Ich stellte mir Elias mit einem
blauen Auge vor und vergaß die schmerzenden Füße. So
einen sauren Sonntag hatte er schon lange nicht gehabt. Der Herr
konnte ihm da auch nicht viel helfen, beim Suchen. Na ja, dann hatten
die Jungen mal richtigen Auslauf. Vielleicht hauten dabei noch ein
paar ab. Aber es paßte einer auf den anderen auf, das war
garnicht so einfach.
Das Feld lag hinter mir. Ich befand mich
wieder in einem Föhrenwald. Meine Fußsohlen brannten. Ich
fühlte jede einzelne Kiefernadel, wie sie sich eindrückte.
Bis zum Abend konnte ich laufen. Ich sah nirgengs Bohrtürme.
Dirks hatte gesagt, ganz in der Nähe seien Bohrtürme.
Wenn
es dunkel ist, werde ich auf einen Lastwagen aufspringen, auf einen
Hänger. In den Dörfern sind die Kreuzungen nicht so gut
beleuchtet. Es gibt bestimmt eine, an der die Autos halten mußten.
Oder an einem Bahnübergang. Dann konnte ich schnell zwischen
Maschinenwagen und Hänger auf die Deichsel springen. Irgendwie
kam ich schon weiter. Ich mußte einen alten Lastzug nehmen. Bei
den modernen ließen sich die Planen sehr schlecht öffnen.
Bis
nach Hause sind es hundert Kilometer oder so. Ich werde dort
vorbeigehen, meine Sachen anziehen und dann weiter. Mann würde
schon begreifen, daß ich nicht mehr in die Anstalt zurück
will. Und was Mama begriff, begriff auch der zweite Vater.
Aber
sicher würden sie wieder reden, daß es nicht für
immer sei, in der Anstalt, daß ich wenigstens eine Zeit lang
durchhalten solle. Wenn man sich gut führt, wird man auch
schnell entlassen, »mach uns doch keinen Kummer«, »denk
doch mal an uns«, daß sagten sie so.
Vielleicht
war es ihnen auch egal, sie sagten es, weil sie Eltern sind. Eltern
müssen so was sagen. Es ist ihre Rolle. Eltern glauben immer,
was so ein Lokusmüller erzählt oder ein Wälzer. Das
ist richtig. Staatlich ausgebildete Psychologen sind das, sagte Mama.
Und der Elias ist noch ein christlicher dazu. Ich bin nur ein
Sohn.
Wenn ich damals nichts ausgefressen hätte. –
Wenn, dummes Wort. Bei »wenn« war es meistens zu spät.
Jezt bin ich drin. Lernen, sagte der zweite Vater, einen Beruf
ergreifen, so was gäbe es nur in deutschen Anstalten, und ich
sollte froh sein, daß ich nicht in einer kommunistischen
Anstalt wäre. Was hatte das für einen Sinn! So herrlich
duftender Torf.
Aromatischer Torf! Eine wunderbare braune
Farbe! So ein würziger Duft!
Scheißtorf! Ganz
gewöhnlicher Scheißtorf! Und Jesus oben drüber,
meinte Elias. Von der Erde kommt alles, zur Erde geht es alles, sagte
Jesus, sagt Elias.
Elias wird für Sprüchekloppen
bezahlt. Schulze auch. Alle Brüder! Und der Anstaltspastor.
Ich
hasse Elias! Elias, das Torfschwein!
»So, liebe Kinder«,
sagte der Lehrer in der Schule, »heute wollen wir mal über
das Moor sprechen, über die verschiedenen Tierarten, die es dort
gibt, nun, was meint ihr?«
»Torfschweine, Herr
Lehrer, Torfschweine!«
»Ja, richtig. Könnt
ihr mir denn auch andere Tiere nennen?«
»Jaaaa!
Große Torfschweine, große, Herr Lehrer!«
»Na
fein! Fassen wir also zusammen: Es gibt große Torfschweine und
normale Torfschweine. Sie leben vorwiegend im Moor, an sogenannten
heiligen Stätten. Könnt ihr mir denn auch die besondere
Bezeichnung verschiedener Arten sagen … ?«
»Jaaaa!
Elias heißen die großen Torfschweine, und Schulze und
Bolm und Matthes sind normale Torfschweine!!«
»Na,
wunderbar! Und jezt sagt mir noch eine spezielle Eigenart …«
»Alle
sind heilig, Herr Lehrer, alle sind heilig!«
***
[
SEITE 226 ] Das Auto schaukelte von Schlagloch zu
Schlagloch wie vor ein paar Wochen der
Landesjugendheimvolkswagen.
Es war abends halb sieben und ich
fragte mich, warum ich überhaupt abgehauen war, wenn ich jetzt –
einen Tag später – freiwillig wieder zurückkehrte.
»Ist
ja ein furchtbarer Weg hier!« Der zweite Vater sah mich an. Als
wenn das mein Weg wäre.
Ich war so prima weggekommen. Von
einer Wäscheleine hatte ich mir ein Hemd und eine Hose gehakt
und war nachmittags unbemerkt auf einen Lastwagen geklettert. Es war
einer ohne Hänger gewesen, an dem hinten die Plane hochgerollt
war. Der Lastwagen war in einem Dorf aus einer Einfahrt gekommen,
hatte erst den Verkehr vorbeigelassen, und ich war in aller Ruhe
hinten aufgestiegen, hatte mich zwischen die Fässer und Kisten
gesetzt.
Der Lkw war durch mehrere Orte gefahren, und ich
konnte erst absteigen, als er gegen Abend auf einem Fabrikhof hielt.
Der Fahrer hatte mich bemerkt und kam sofort hinterhergerannt, doch
ihm fiel wohl ein, daß er mich nicht mit aufgeladen hatte, er
gab die Verfolgung nach einem kurzen Stück auf.
Dann
hatte mich ein Motorradfahrer mitgenommen. Ich war noch am selben Tag
zu Hause angekommen. Für Sonntag war das eine Leistung, dann
klappte der Anschluß nur mit viel Glück.
Richtig
aufgeregt waren sie zu Hause gewesen.
Dabei war garnichts
passiert.
Mama hatte geredet. Gerade in diesem Heim, wenn ich
mich da gut führte, dann würde ich nach kurzer Zeit
entlassen. Höchstens ein halbes Jahr brauchte ich dort bleiben,
sie wüßte das ganz genau, sie hätte mit dem
Heimleiter telefoniert, der sei Pastor und hätte so eine
vernüftige Stimme gehabt. Was’n Wunder! Als Pastor.
Und
wenn ich jetzt freiwillig zurückginge, gerade dann würde
ich denen ja beweisen, daß ich Einsicht zeigte und so.
Der
zweite Vater hatte zwischendurch »jawoll« und »stimmt«
und »ich weiß das auch« gesagt, und »werde
selbst mit dem Heimleiter sprechen«. Und zuletzt glaubte ich
selbst, daß es das beste sei, wenn ich zurückginge.
»Ich
bringe dich morgen mit dem Wagen zurück«, hatte der zweite
Vater [ SEITE 227 ]
gesagt. Jetzt hatte er es fast getan. Das Auto bog an dem Schild
»Nächstenliebe« eine.
Ich machte noch
schnell ein paar Züge aus der Zigarette und drückte sie
aus. Bis zur nächsten würde es wieder eine ganze Zeit
dauern.
Oberbruder Elias stelzte in seinem Gemüsegarten
herum und kam heran, als der zweite Vater hielt.
»Nein«,
sagte Elias, »der Benjamin! Wie schön, mein Junge, daß
du wieder da bist!«
Er sagte nicht »Benjamin«,
sondern »Beeenjamin!«, nicht »schön«,
sondern »schööön!«, mit viel Wärme,
Freude und Erstaunen. Ich fragte mich, woher er wohl so schnell
meinen Rufnamen kannte.
»Na siehste« murmelte der
zweite Vater.
Elia quetschte erst meine, dann seine
Hand.
»Junge, du glaubst ja gar nicht, was ich mir für
Sorgen um dich gemacht habe! Und deine Kameraden haben dauernd nach
dir gefragt, wann du wohl zurückkommen würdest! Nun bist du
schon da!«
Elias schaute mich ergriffen an.
Meine
Kameraden! Die hatten Sonntag nicht rauchen dürfen. Kein Wunder,
daß sie nach mir gefragt hatten.
»Nun geh mal ins
Haus, du wirst bestimmt hungrig sein. Und sag deinem Vater auf
Wiedersehen.«
»Tschüs. Grüß Mama«,
sagte ich zu dem, drehte mich um und ging an Schulze vorbei in die
Baracke. Schulze schloß hinter mir ab.
»Hat ja
nicht lange gedauert, mit dir«, stieß er zusammen mit
einer Teefahne aus, »Mensch, am siebenten Tag sollst du ruhn,
und du haust einfach ab! Und dann noch während der Predigt!
Gottlosigkeit!«
Er setzte sich hinter seiner
Bruderschreibtisch, nahm ein paar lange Züge aus seiner
Thermosflasche, scheuerte seine Hüfte und rülpste nach
Fuhrknechtart.
Draußen fuhr das Auto weg. Elias kam
herein.
»Holberg, Holberg«, sagte er, »wie
kann man nur, wie kann man nur! Der Kelch war bitter, den ich trank,
desgleichen auch du feststellen wirst, denn ich reiche ihn dir
weiter, auf daß er bis zur Neige geleeret werde.« Er
betrachtete mich ziemlich lange, als sähe er mich zum ersten
Mal. Er betrachtete mich mit mildem Bruderblick, der aus dem Kopf kam
wie die Worte.
[ SEITE 228 ]
Als ich in den Schlafsaal kam, empfing mich eisiges Schweigen. Jeder
sah mich an, sah mir nach. Ich fühlte das. Ich legte mich in
mein Feldbett, das noch bezogen war, fühlte wieder die
Querstrebe im Rücken und überlegte, daß sich nichts
geändert hatte. Gegen die Prügel konnte ich nichts
unternehmen. Ganz sicher gab es sie. Ich merkte es an der Stille im
Saal. Sonst war es zwar auch still, doch die übliche Stille war
anders, nicht so anklagend.
Ich bemühte mich, wach zu
bleiben. Wenn ich den ersten und den zweiten richtig erwischte, dann
hatten die anderen vielleicht keine Lust mehr. Ich ließ mich
doch nicht einfach so verprügeln! Nicht mal so ein billiger
Hocker war im Saal, mit bloßen Fäusten ließ sich
gegen eine ganze Horde wenig ausrichten.
Mir war richtig
unwohl. Ich schlief ein.
Sie kamen erst am anderen Abend.
Ich
hatte am Tage von einigen, die nicht mitmachten, einen Tip bekommen.
Es war wie eine Bestätigung.
Elias hatte mir den ganzen
Tag lang christliche Ermutigungen hoch oben vom Förderband aus
zugerufen. Ich solle ihm ja zeigen, wie ich arbeiten könne, weil
ich die Arbeit liebe, was er liebe, und deshalb könne ich frisch
den Tag bewältigen.
Das Band fuhr an diesem Tag besonders
schnell, es trieb uns schon nach den ersten zwanzig Metern den
Schweiß aus den Poren. Manchmal begleitete Elias meine Arbeit
mit Zurufen. Wenn ich Schwung holte und den Torf auf das Band warf,
brüllte er »Hau ruck!« Machte ich langsamer, dann
zog er das »Hau« in die Länge, und das »Ruck«
kam immer in dem Moment, wenn der Torf flog. »Geht es so
besser, Holberg?« fragte er dann. Ich erwiderte nichts und
arbeitete verbissen weiter. Und Elias rief der ganzen Kolonne zu, daß
sie auf sein »Hau ruck« achten sollten, weil ich meinte,
dann ginge die Arbeit besser, und wenn einer nicht auf das »Hau
ruck« achten würde, dann müßte er leider das
Rauchen für den Tag sperren.
Die Kolonne warf genau im
Takt.
Wie im Zirkus, dachte ich, wenn im Musiktakt die Manage
geharkt wird; ich glaube, daß es falsch von mir gewesen war,
nach Hause zu gehen.
Ich
lag im Bett und überlegte, wie schön es sein müßte,
wenn die ganze Sache erst mal vorbei war. Ich lauschte in das Dunkel.
[ SEITE 229 ] Dauernd
tappte einer auf nackten Füßen an meinem Bettfußende
vorbei zum Klo.
Vielleicht wolten sie nur nachsehen, ob ich
schon schlief. Aber ich schlief nicht. Ich hob jedesmal den Kopf
hoch, damit sie sehen konnten. Aber die ganze Nacht konnte ich nicht
wachbleiben. Ich war müde von der Arbeit. Mein Körper war
schwer wie ein großes Gewicht aus Blei. Manchmal knipsten meine
Augen zu, waren jedoch sofort wieder offen, wenn ich ein Geräusch
hörte.
Ich merkte, daß es schon eine ganze Weile
still war. Niemand ging mehr zum Klo. In einem Grab mußte es
auch so still sein. Oder in einer leeren Kirche.
Plötzlich
quollen sie aus den Gassen zwischen den Betten, die weißen
Nachthemden.
Ich schoß so schnell und heftig hoch, daß
das Feldbett umkippte, ich trat in ein Nachthemd, jemand schrie
unterdrückt auf, ich kam hoch und schlug voll in ein Gesicht,
wurde wieder zu Boden gerissen, ich konnte mich nicht mehr bewegen,
sie saßen auf mir, hielten mich überall fest.
Sie
schleiften und zerrten mich zum Klo, in dem die ganze Nacht ein
Notlicht brannte und zwangen mich auf die Knie.
Ich kniete wie
ein Mekkabeter, den Kopf auf dem Boden, der in eine Beinschere
festgeklemmt war. Meine Arme waren seitwärts ausgestreckt, als
wolle ich jeden Augenblick losfliegen. Sie konnten mich so besser
festhalten, nur mein Hintern war frei.
Sie schoben das Hemd
hoch, und beim ersten Schlag drückte die Beinschere meinen Hals
zu. Ich konnte nur stöhnen. Sie schlugen mit ihren Pantoffeln [
bzw., Latschen ], deren Sohlen aus alten Fahrradmänteln
waren, und je fester sie schlugen, desto geringer wurde der Schmerz.
Ich hörte die Geräusche verschwommen, wie von ganz weit
her.
Als ich wieder denken konnte, kniete ich allein im Klo.
Es stank nach Urin. Ich stand auf. Meine Beine zitterten, ich hielt
mich an der Wand fest. Ich faßte an meinen Hintern, ich fühlte
gar nichts. Dann merkte ich, wie es an meinen Beinen runterlief, ich
sah, daß meine Finger blutig waren. Ich stützte mich auf
den Waschbeckenrand und starrte auf die braunrissige Emaille.
Luft
brauchte ich! Luft!
Ich ließ das Becken los und stakste
zum offenen Fenster und stockte.
Draußen stand
Elias!
Ich machte die Augen zu, wieder auf.
Er stand
immer noch da. Ich ging ganz dicht an das Fenster, [
SEITE 230 ] umklammerte mit den Händen die
Gitterstäbe und glotzte.
Er stand nur einen Schritt
entfernt, milde lächelnd.
»Denke daran, auch in der
Not bist Du nicht allein«, sagte er.
Ich schloß
erneut die Augen, öffnete sie wieder, glotzte.
Das war
tatsächlich Elias! Geister reden nicht. Geister lächeln
nicht. Er trug ein gestreiftes Hemd, es sah wie eine Pyjamajacke
aus.
Geister trugen weiß, schlicht einfach weiß.
Die hatten auch nicht so eine Nase.
»Du mußt ins
Bett, mein Sohn, du wirst dich sonst erkälten, und«, sein
Kopf beugte sich etwas vor, »vergiß nicht, dein
Nachtgebet zu sprechen.«
Nachtgebet sprechen …
Nachtgebet sprechen … Nachtgebet sprechen. Seine Worte hallten
wider, obwohl er ganz normal gesprochen hatte, fast leise.
In
mir löste sich etwas.
Als kleiner Junge hatte ich nach
langem Regen große Pfützen abgedämmt, mit Erde und
mit Graßplacken. Das Wasser sammelte sich dann zu einem
richtigen See. Wenn es dicht unter der Damm krone stand, bohrte ich
mit einem Stock ein Loch in den Damm, durch das das Wasser
hervorschoß. Das Loch wurde sehr schnell größer,
bröckelte auseinander, Erde und Grasplacken wurden gelockert,
bis plötzlich der ganze Damm brach und alles wegspülte und
mitriß, was vorher im Wege gewesen war.
Ich fühlte
meinen Hintern gar nicht mehr. Es war so, als sei ich nur mal eben
aufgestanden, zur Toilette gegangen, als hätte ich den
Oberbruder getroffen, der draußen vor dem Fenster stand und der
mir nach dem Pinkeln ein nettes Wort sagen wollte. Und ich ihm.
»Du
Schwein«, sagte ich. Und als er nichts erwiderte, nur milde
lächelte, sagte ich es noch einmal.
»Ts, ts, ts«,
machte er und schüttelte tadelnd den Kopf.
Ich schrie.
»Du Schwein! Du Dreckschwein! Du Torfschwein! Du elendes
Torfschwein!!«
Er schüttelte immer nur den Kopf.
Ich rüttelte an den Gitterstäben und begann noch lauter zu
schreien. Da ging er schnell weg, in die Dunkelheit hinein. Ich
schrie hinter ihm her, bis ich keine Luft mehr bekam, nur da stand
und in die Dunkelheit starrte.
Ich wußte nicht wie
lange.
Als ich in den Schlafsaal schlurfte, war es totenstill.
Mir fiel auf, daß niemand nachgesehen hatte, aus welchem Grund
ich so geschrien hatte. Ich legt mich bäuchlings auf die
Querstrebe.
[ SEITE 231 ]
Am anderen Morgen blieb ich liegen.
Bruder Schulze ging mit
der nicht lügenden [Mess-]Latte
an meinem Bett vorbei, er blieb erst beim dritten Mal stehen und sah
mich an, nickte mehrmals.
»Du hast Fieber, mein Sohn«,
sagte er schlicht, »aber mit unserer und Gottes Hilfe wird das
bald überwunden sein.«
Das war alles. Ich dachte
daran, wie er neulich rumgebrüllt hatte, als einer morgens
liegengeblieben war, wegen eines verstauchten Fußes. »Deshalb
wird trotzdem aufgestanden«, hatte Schulze gebrüllt, wir
sind doch hier kein Sanatorium für verstauchte Füße
nich!«
Nach einer Weile kam er wieder, hinter ihm eine
Weißbinde mit dem Frühstücksbrot. Er schob mir ein
Fieberthermometer unter den Arm. »Mein Gott, Kranke dauern
mich«, sagte er und zog es wieder raus. »Neununddreißig.
Bis auf weiteres Bettruhe.« Er kramte in seiner Jackentasche
und fischte erst eine, dann noch eine Tablette heraus, pustete einige
Krümel ab und ließ sie in meinen Kaffee plumpsen. »Du
kriegst gleich noch ‘ne Schüssel mit essigsaurer Tonerde,
damit machst Du Umschläge an deinen Fieberstellen. In drei Tagen
bist du wieder gesund. Länger als drei Tage hat bei uns noch nie
einer Fieber gehabt.«
Dann war ich allein im Schlafsaal,
mit einer Schüssel essigsaurer Tonerde.
Das Nachthemd war
an meinem Hintern festgeklebt, und es dauerte lange, bis ich Stück
um Stück gelöst hatte. Ich kippte die Schüssel durch
das Fenster aus. Die Morgensonne schien herein. Ich trug mein Bett
dorthin und legte mich auf den Bauch, ließ meinen Hintern
bescheinen. Sonne heilte.
Nach dem Mittagessen erschien
Oberbruder Elias. Ich hatte mich gerade wieder auf den Bauch gedreht
und blieb so liegen.
»Nun, mein lieber Holberg, von
Bruder Schulze habe ich erfahren, daß es dir heute nicht
vorbehalten ist, zu schaffen. Du hast Fieber? «
Er
wollte nach meinem Handgelenk greifen, doch ich riß es
weg.
»Wenn Sie mich anfassen … «, sagte ich
böse und ließ offen, was dann passieren könnte.
Er
zuckte zurück. Dann wiegte er bedächtig den Kopf. »Im
Sommer sind die Grippen am gefährlichtsten«, sagte er und
starrte konzentriert auf den Boden.
»Ich habe kein
Fieber«, sagte ich.
»Ich weiß, ich weiß.
Du willst es nicht zugeben, das ist bei allen [
SEITE 232 ] Kranken so, das ist auch verständlich, bei
dem wunderbaren Wetter, das uns der Herr schickt. Da will man raus in
die Natur, da will man schaffen, voller Kraft und Lebensfreude
werken! Aber ein paar Tage mußt du ruhen, mein Lieber, auch
wenn es dir schwerfällt. Du brauchst dir keine Sorgen um deinen
Arbeitsplatz zu machen, selbstverständlich kommst du wieder vor
deine Kette.«
Ich sah ihn schräg von unten her an
und verspürte plötzlich den fast unbändigen Wunsch,
ihn anzuspringen, einfach so, wie ein Tier. Er konnte sich gegen mich
nicht wehren, seine Peitsche würde nicht viel helfen, ich würde
in seine Kehle beißen, in diese faltige adamsapfeltragende
Oberbruderkehle, und er würde vor Angst schreien.
In
Jesus, meine Kehle, meine Kehle, würde er schreien. Mal sehen,
ob er ihm dann helfen würde.
Elias ging ein paar Schritte
zurück, als wollte er ohnehin gehen. Er blieb am Fenster stehn
und sah nach draußen, da ich ihn immer noch anstarrte.
»Ich
werde für dich beten«, sagte er, ohne sich nach mir
umzudrehen. »Möge es dir bald besser gehen, mein Sohn.«
Er wippte auf den Stiefelspitzen und ging ganz schnell aus dem Saal.
***
»Abzählen!«
»Eins!«
»Zwei!« »Drei!« »Vier!«<
»Fünf!« Pause. »Sechs«, sagte ich.
»Von
vorne Jungs!« Elias stand mit auf dem Rücken verschränkten
Händen vor der Gruppe.
»Eins!« »Zwei!«
»Drei!« »Vier!« »Fünf!«
Pause. »Sechs.« Das war ich wieder.
Abgezählt
wurde an jedem Morgen. Bis sechzehn. Mal drei waren das
achtundvierzig Mann. Heute war der vierte Tag nach der Prügelaktion
und der erste, an dem ich wieder mit rausging, zur Arbeit. Durch
einen dummen Zufall stand ich in der ersten Reihe, die immer
abzählte.
Immer, wenn ich »Sechs« sagte,
stoppte Elias und verlangte das Abzählen von vorne, und jedesmal
sagte ich langsamer »S-e-c-h-s«.
»Zähl
doch’n bißchen schneller Mensch!« zischte mein
Hintermann.
»Ich schlag dir gleich das andere Auge auch
noch zu!« sagte ich laut und drehte mich zu ihm um. Er schwieg.
Sein rechtes Auge war gelb-grün und vollkommen zu. Es war der,
den ich in der Nacht [ SEITE 233 ]
ins Gesicht getroffen hatte, hatte mir Jürgensen erzählt.
»Aber
Holberg, warum bist du so aggresiv?« fragte Elias. »Von
vorne, Jungs!«
Als ich zum wer weiß wievielten
Male »Sechs« sagte, ließ Elias
weiterzählen.
»Reeeechts um!« brüllte
eine Weißbinde. »Im Gleichschriiiitt …
marrrrsch!«
Wir stampften zum Lorenschuppen.
»Ein
Lied!«
»Das Leben ist ein Würfelspiel …
drei … vier!«
»Das Le-ben ist ein
Wür-fel-spiiiel, wir wür-feln al-le Tage, dem einen bringt
das Schick-sal viel, dem an-dern Müh und Pla-ge …
«
Elias marschierte im Gleichschritt neben uns und
schlug im Takt mit der Gerte an seinen Stiefel. Sein Gesicht glänzte
in der Morgensonne.
Wir rückten am Lorenschuppen auf,
stampften auf der Stelle weiter und sangen »Märkische
Heide«, »Wohlauf in Gottes schöne Welt« und
»Ein Tiroler«.
Beim »Tiroler« bekam
ich ein Lachkrampf, weil ich mir Elias in Lederhosen und Reitstiefeln
vorstellte. Je mehr ich den Krampf zu unterdrücken versuchte,
desto lauter brüllte ich los. Ich schüttelte mich richtig
vor Lachen, weil sich jeder nach mir umwandte und mich blöde
singend ansah.
Elias schrie mich an, er war ganz rot im
Gesicht.
»Holberg! Ich entziehe dir für drei Tage
das Rauchen!!« Er zitterte. »Ah … du schälst
jeden Abend einen Eimer Kartoffeln! Zwei Eimääär!!
Drei!!«
Das brachte mich wieder zur Besinnung. Ich
gluckste vor mich hin.
»Was, so frage ich dich,
veranlaßte dich so zu lachen!?«
Alles war still,
begierig zu hören, was der Grund gewesen war.
»Ich
hab’ mir vorgestellt, Sie in Lederhosen und Stiefeln.«
Die
Kolonne kicherte, dann nur noch ein paar Nichtraucher in den hinteren
Reihen.
Elias’ Stirn legte sich in Falten, als dächte
er nach. »Wie spaßig«, er lächelte schief,
»ich mag humorvolle Menschen.« Und die, die vorher
aufgehört hatten, lachten mit.
»Und nun, Jungs,
möchte ich noch ein schönes Lied hören. Ihr dürft
auch heute abend etwas länger machen.«
»Das
Lieben bringt groß Freud …, drei, vier!« stimmte
eine Weißbinde an.
[ SEITE
234 ] Ich stand wieder an der Lorenpumpe, pumpte und
bewegte die Zehen in den neuen Holzbotten hin und her. Die Botten
waren mindestens zwei Nummern zu groß, ich hatte sie mir extra
geben lassen, damit ich schneller herausschlüpfen konnte, wenn
es drauf ankam. Ich konnte die Füße rausziehen, ohne daß
sich die Holzschuhe vom Boden hoben. Ehe die anderen etwas bemerken
würden, konnte ich einfach losrennen. Merken würden sie es
schon, doch dann hatte ich schon einen kleinen Vorsprung, weil sie
die eigenen Botten erst ausziehen mußten. Die mußten
richtig abgezerrt werden, weil jeder Fußlappen tragen mußte.
Ich trug keine Lappen.
***
Das
ich wieder abhauen würde, das stand fest. Und diesmal ging ich
nicht nach Hause. Heute waren es fünf Wochen in Heiligenstatt
[ bzw., Freistatt ],
sie kamen mir wie fünf Jahre vor.
Niemanden würde
ich etwas sagen. Auch Jürgensen nicht. Ich mußte es
schaffen. Ich werde dann losrennen, wenn keiner damit rechnete. Mama.
Die hatte gut reden. Und der zweite Vater erst!. Der hatte mich
einfach wieder abgeliefert und damit basta. Damit hatte sich’s.
Mit dem Leiter sprechen, sagte er. Dabei sprach er nicht mal mit dem
eigenen Vater, wenn es um etwas ging.
Vor diese verdammte
Kette muß ich wieder. Wenn sie mir auf die Hacken rollt, dann
bin ich ein Torfbild. Ob Elias dann anhalten läßt? Sicher,
das muß er. Aber er kann warten, bis ich auf der Rückseite
wieder zum Vorschein komme.
Am Abend rückten wir eine
halbe Stunde später ein, und den meisten war anzusehen, daß
sie gerne geflucht hätten, doch jeder sang. Es hörte sich
an, als sei ein Gesangverein von einer Wanderung zurückgekommen.
Ein bißchen Blaubeeren suchen, ein bißchen Blindekuh
spielen, in einem Gasthaus einkehren, eine lustige Gesellschaft, es
war ein schöner Tag gewesen, stramm, forsch. Der Abend nahte.
Doch als »Abteilung halt!« ertönte, war das Stramme
und Forsche weg. Es war wie eine Gruppe Bergarbeiter, die von der
Spätschicht kam, schlurfend, verdreckt, mit Mienen, in denen man
»Scheiße«, »Mist«, »Dreck«,
»Alles egal«. »Ich mache das nicht mehr mit«
und »Bloß weg hier« lesen konnte.
Nach dem
Essen änderten sich die Mienen. »Junge, war das heiß
heute«, »Wenn man wenigstens mal baden könnte«,
»Jetzt ‘ne Zigarette« und »Ich bin
Müde«.
Dann gab es »Feuer frei«. Jeder,
fast jeder rauchte, und die Gesichter [
SEITE 235 ] drückten Zufriedenheit aus. Es wurde
gelacht, wenn Bruder Bolm einen Witz machte, der gar keiner war.
Ich
saß in einer Ecke und dachte Bergarbeitergedanken. Der
Oberbruder hatte mir ein Liederbuch gegeben, weil ich nie mitsang.
Das Buch war wie neu, vor zweiunddreißig Jahren in Leipzig
gedruckt worden.
»Nimm und lerne«, hatte er
gesagt, »böse Menschen kennen keine Lieder.«
Dem
Singen nach müßten schon alle entlassen sein, dachte ich.
Die einzigen, die noch mehr sangen, das waren die Engel, meinte
Bruder Bolm. Bei dem gab es die noch. Bei Schulze auch. Wenn er
zuviel Tee gesoffen hatte.
[ ……….
]
[
………. ] [
SEITE 237 ] »Das ist doch nicht mein Tee!«
brüllte er. »Was ist das!?« Er hielt Hinrichs die
Thermosflasche unter die Nase, die er kraus zog, damit Schulze auch
sehen konnte, wie er schnüffelte.
»Das ist Tee«,
sagte er vorsichtig. Was sollte er sonst sagen. Wäre es Teer
gewesen, so hätte er ebenfalls sagen müssen, es sei Tee.
Schließlich hatte er die ganze Zeit danebengestanden. Schnaps
durfte er auch nicht sagen. Das wäre eine Beleidigung gewesen
und eine Lüge auch. Schulze trank nur Tee.
Ostfriesischen.
»Schweinerei!« grollte Schulze. Er
schien zu merken, daß seine Ermittlungen in eine Sackgasse
gerieten. Er nahm wieder einen langen prüfenden Schluck.
»Na
gut, heute abend Rauchverbot«, sagte er zu Hinrichs, »damit
du lernst, wie in Zukunft Tee zu kühlen ist. Und morgen abend
auch! Feuer einstellen!« rief er in den Tagesraum. »Material
einsammeln!« Er dachte nach. »Und du wirst das Vaterunser
zwanzigmal [ SEITE 238 ]
aufschreiben«, weitete er die Bestrafung aus.
»Ich
fange sofort an«, sagte Hinrichs schnell.
»Vierzigmal«,
sagte Schulze und schlurfte ins Bruderzimmer.
Ich überlegte.
Vierzigmal das Vaterunser, dafür hätte ich lieber eine
Woche nicht geraucht.
Hinrichs brauchte für das Schreiben
zwei Abende. Er hatte nur einen kleinen Bleistiftstummel zur
Verfügung. Am dritten Abend bekam er seine Rauchwaren wieder
ausgehändigt.
***
Ich
schälte immer noch an dem ersten Eimer Kartoffeln.
In
drei Tagen achtundzwanzig Stück.
Der Eimer kam abends ins
Bruderzimmer. Ich sollte jetzt schon morgens nach dem Früstück
mit dem Schälen beginnen, hatte Elias gesagt, die Kartoffeln
würden gebraucht.
Morgen werde ich türmen. Egal wie.
Ich werde das Schälmesser heute abend nicht in den Eimer legen,
überlegte ich. Bolm hatte Dienst, der achtete nicht so drauf.
Das Messer ist nicht sehr lang, doch ich werde mich damit wehren
können.
Am
anderen Tag fuhren wir mit den Loren zu einem neuen Feld. Es lag auf
der anderen Seite wie das alte Feld, weit im Moor. Dort stand ein
gleiches Förderband, das von demselben Monteur bedient wurde;
die gleiche Arbeit, der gleiche Torf.
Ich hatte das
Schälmesser unterm Hemd im Hosenbund stecken. Als wir vor dem
Band Aufstellung nahmen, schob ich es unauffällig nach hinten,
weil es beim Bücken hinderlich war.
Das Förderband
ruckte an.
Ich überlegte fieberhaft. Je eher, desto
besser. Wir befanden uns hier in einer ganz anderen Gegend. Zu beiden
Seiten des Feldes verlief ein breiter Wassergraben.
Ich müßte
jetzt sofort losrennen, nach hinten weg, doch hinter dem Band gingen
die Weißbinden, das würde ich nicht schaffen. Ich könnte
es am Feldende versuchen, aber bis wir dort waren, das konnte zwei
Tage dauern.
Der Schweiß lief mir über den
Rücken.
Das Messer scheuerte. Wenn ich mich ein paarmal
gebückt hatte, mußte ich es wieder hochschieben, damit es
mir nicht durch die Hose rutschte.
»Holberg!« rief
Elias von oben. »Komm doch mal rauf!«
Das Band
stoppte.
Hatte er was gemerkt? Aber er konnte doch nichts
gemerkt haben. [ SEITE 239 ]
Nur ich wußte, was los war. Ich kletterte über die
Raupenkette über eine schmale Eisenleiter auf die
Plattform.
»Deine Kartoffelausbeute, die geschälte,
mein Lieber, ist mäßig, sehr mäßig«,
sagte Elias, »sie ist saumäßig. So saumäßig,
wie meine Freude ist. Und das willst du doch nicht, oder? Wahre
Freude ist … «
Ich stand da und sah an ihm vorbei
auf die Reihe der Jungen, die sich ein ganzes Stück
vorarbeitete, da das Band nicht fuhr. Mein Streifen blieb wie eine
schmale Straße liegen. Ich sah über den einen Wassergraben
auf die dahinter befindliche Böschung, hinter der mannshohe
Birken standen und Buschwerk, so weit ich sehen konnte. Unten vom
Feld konnte man nur die Spitzen der Birken erkennen.
Wenn ich
erst dort drüben in dem Busch war. Nur einen ganz kleinen
Vorsprung brauchte ich.
» … und deshalb schaffe
mit Liebe und mit Freude, mein Sohn!« Ich stieg wieder nach
unten. Die Jungenreihe hatte sich gut zehn Meter vorgearbeitet und
wartete, während ich mich bückte. Das Förderband
rollte an. Ich schob die Hände unter einen Torfstapel, hob ihn
an, drehte mich halb herum und warf den Stapel mit Schwung auf das
Band; ich bückte mich, schob die Hände unter einen Stapel,
hob ihn an, drehte mich halb um und warf den Stapel mit Schwung auf
das Band; ich bückte mich, Hände drunterschieben, Schwung
holen, werfen; bücken, heben, drehen, werfen, bücken,
heben, drehen, werfen.
Jedesmal beim Umdrehen sah ich den
großen Vogel auf der Plattform, der mit spiegelnden Augen alles
beobachtete.
Bis zum Mittag mußte ich noch sechsmal auf
die Plattform klettern, weil Elias mir dauernd etwas zu sagen
hatte.
Ich mußte an die beiden im Schlafsaal neben mir
denken, die Elias ins Moor schubsen wollten.
Am Nachmittag
mußte ich austreten. Ich ging in einen Graben, neben dem Feld.
Vielleicht konnte ich geduckt in ihm entlanglaufen. Doch Bruder
Schulze, der unten zwischen den Jungen stand, folgte mir sofort.
»Du
sollst kacken, in Christi«, sagte er, »und nicht Pause
machen!«
Er blieb stehen und guckte zu. Da konnte ich
nicht mehr.
Ich arbeitete vor der linken Kette des Bandes. Bei
jeder Drehung, [ SEITE 239 ]
wenn ich den Torf nach hinten warf, linste ich zu dem an dieser Seite
liegenden Graben. Er war drei oder vier Meter breit, mit senkrechten
Torfwänden. Der Graben war voll Wasser, ich hatte es am
Vormittag vom Band aus gesehen.
An der [dem
Graben] gegenüberliegenden Torfwand verlief eine
schmale Torfleiste, so breit, wie ein Schuh lang war, dann stieg die
Böschung schräg empor. Es war die Erde, die früher von
dem Feld abgetragen worden war. Im Laufe der Zeit war diese Erde mit
Gras und kleinen Sträuchern bewachsen.
Ich müßte
mich ein Stück vorarbeiten, dachte ich, dann kann niemand sehen,
wenn ich aus den Botten schlüfte, die Torfstapel reichen bis an
die Knien, und dann renne ich los, springe über den Graben auf
der anderen Seite, auf die Torfleiste, ich fasse gleich in das Gras,
am besten in einen Strauch, die Leiste wird unter mir abbrechen, wenn
ich in den Graben falle, ist es aus, da komme ich nicht wieder raus,
bloß nicht dran denken.
Mein Hintern tat ein bißchen
weh, obwohl er gut verheilt war. Ich begann schneller zu arbeiten,
ich warf die Stapel schneller auf das Band.
»Was ist
denn mit dir los?« zischte Jürgensen neben mir. »Ist
dir die Hitze in die Birne gestiegen?«
Ich grinste
schwach.
»Oder meinst du, jezt bist’n
Pferd?«
»Wieso Pferd? Freuen soll er sich, der
Elias, er sagte doch, wenn man zügig schafft, dann freut er
sich. Und lieben tut er uns dann auch.«
»Du bist
verrückt! Du bist tatsächlich verrückt
geworden!«
»Aber Jungs«, rief Elias von
oben, »ich sehe mich gezwungen, eine letzte Verwarnung
auszusprechen! Arbeiten macht glücklich, Schwatzen betrübt!
Und ihr wollt doch nicht betrübt sein!«
»Nun
hör dir das Vieh an!« knirschte Jürgensen.
»Wunderbar,
Holberg«, ließ Elias’ Stimme sich wieder vernehmen,
»ich mag solche Menschen wie dich. Du arbeitest prächtig!
Jürgensen! Nimm dir mal an Holberg ein Beispiel!«
Ich
hatte mich gut zwei Meter vorgearbeitet, ich schafte es noch eben,
den Torf bis auf das Band zu schmeißen. Ich wartete einen
Moment, arbeitete weiter und streifte meine Botton ab, machte zwei
Schritte auf Socken.
Jetzt mußte ich loslaufen. So oder
so. Wenn Elias merkte, daß ich auf Socken lief, dann wußte
er, was los war. Und die Botton konnte [
SEITE 241 ] ich auch nicht wieder anziehen, weil ich
dann zurück gehen mußte. Einen Strauch gab es hier an der
Böschung nicht, doch das Gras war dicht und hoch:
Ich
renne ein Stück geradeaus und dann im rechten Winkel auf den
Graben zu, ich muß richtig Schwung haben …
Das
Denken dauert nur wenige Sekunden.
Ich rannte los. Zwischen
den Stapeln entlang.
Fünf Schritte … zehn …
zwanzig …
»Haaalt! Haaalt! Haaaaaalt!!«
Es
hörte sich an wie ein Tier, das unter ein Auto gekommen ist. Es
war der Oberbruder, der da schrie.
»Daaa! Daaa!
Festhalten sage ich! Festhalten! Hinterher!«
Ich rannte
mit angewinkelten Armen, weit nach voren gebeugt. Sie ziehen jetzt
ihre Botten aus, denken wohl, ich will bis ans Feldende laufen.
Ich
schlug einen Haken, riß eine Reihe Torfstapel um, raste auf den
Graben zu.
Beine unter den Bauch, Brust vor, dann Hände
und Beine vor, es ist nur eine Weitsprungübung, Elias hat
gesagt: Jungs, wer von euch als erster über den Graben springt,
der darf nach Hause … Und ich versuche es eben als erster. Ein
ganz normaler Sprung, so ein Grabensprung – da war der Rand!
Ich flog richtig über den Graben, über das Wasser, kam mit
den Füßen auf die Torfleiste an der anderen Seite, meine
vorgestreckten Hände krallten sich in die Grassoden, unter
meinen Füßen brach der Torf weg, ich trat wie ein Rasender
nach, griff mit einer Hand höher, fand ein wenig Halt, griff
wieder nach, trat und stemmte mich mit den Knien höher, dann
ging es besser.
Meine Ohren waren wie taub gewesen. Jetzt
hörte ich das Geschrei hinter und über allem Elias’
grölende Stimme.
Ich erreichte den oberen Rand der
Böschung, hörte, wie unter mir die ersten Jungen in den
Graben plumpsten und wild durcheinander schrien.
Ich drehte
mich kurz um. Noch hatte es niemand geschafft. Ich rannte die
Böschung runter in die niedrigen Birken.
Sie würden
es vielleicht an einer anderen Stelle versuche. Elias würde
nicht locker lassen. Sollte er es doch selbst versuchen, mit seinem
Herrn.
Ich keuchte durch das hohe Gras. Manchmal quatschte der
Boden feucht unter mir, und ich dachte, daß es gut sei, wo der
Boden [ SEITE 242 ]
unsicher war, dort würden sie nicht so suchen. Ich könnte
mich verstecken, doch sie würden an jeder Stelle nachsehen.
Laufen war besser. Sie würden trotzdem alles absuchen, ob ich
lief oder ob ich mich versteckte. Ich lief aber, und sie verloren
durch das Suchen Zeit. Mein Atem wurde immer knapper.
Ich
blieb stehen und lauschte nach hinten, ich konnte jedoch nichts
hören, weil meine Ohren zu sehr rauschten.
Vielleicht war
es garnicht hinten? Vielleicht war es vorne oder rechts oder links?
Ich würde es merken, wenn ich im Kreis lief, sie verständigen
sich durch Zurufe beim Suchen, ich hatte es beim ersten Abhauen
gehört:
Ich gehe einfach immer weiter ins Moor, einmal
mußte es ja zu Ende sein, ich würde irgendwo rauskommen.
Hier gibt es Schlangen. Aber die sind meistens dort, wo es trocken
ist. Außerdem tue ich ihnen ja nichts. Tiere merken so was.
Ohne Grund beißt kein Hund. Wieso dann eine Schlange?
Die
Socken hatte ich unterwegs verloren.
Ich sackte immer öfters
bis über die Knöchel in den nassen Boden ein, und es
strengte an, die Füße herauszuziehen. Dann schmatzte es.
Ich ruhte mich erst aus, als ein dunkler Streifen am Horizont die
Dämmerung ankündigte. In dieser Richtung mußte auch
der Hauptweg sein, so meinte ich, nach dort mußte ich
zurück.
Ich legte mich hin, mit den Füßen nach
Westen, ich starrte in den Himmel, der zusehends dunkler wurde.
Im
Dunkeln findet mich hier nicht mal eine Armee, dachte ich. Jetzt
müßte ich eine Zigarette haben, das wäre gut.
Ich
schob die Hände unter den Kopf und dachte an Ingrid [
eine andere seiner Freundinnen, ein älteres Mädel ].
Dort konnte ich mich ausruhen und essen und rauchen. Brötchen
mit ganz dicker Erdbeermarmelade. Und schwarzen Kaffee. Ich esse eine
ganze Tüte voller Brötchen, na ja, und wenn ich Lust habe,
dann esse ich eben noch eine. Eigentlich habe ich Hunger.
Über
mir schob sich eine Wolke langsam vorbei. Wie eine Brust mit einer
langen Warze.
Ingrid hatte lange Warzen. Ein bißchen
lang waren sie, so wie ein Radiergummi an einem Schulbleistifft. Ganz
hart wurden sie, wenn sie zärtlich war. Oder waren sie doch
etwas kürzer? Schöne Br&uu |