Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

Freistatt – Wirtschaftsunternehmen – Teil II
Zweimalige Flucht eines jugendlichen Zwangsarbeiters aus Freistatt im Wietingsmoor
HOLZNER, MICHAEL – TREIBJAGD – Die Geschichte des Benjamin Holberg
ein auf Fakten bassierender Roman über die Fürsorgeerziehung und ihre Folgen
in der Bundesrepublik Deutschland.
AUSZÜGE.


Die v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel. –
Ist oder war Bethel jemals eine “Kolonie der Würde” ? –
“Colonia Dignidad” ? – und genau was ist darunter zu verstehen ?

War Bethel nicht schon immer, weitgehend, eine “Arbeiterkolonie” für “Zwangsverpflichtete”, die dort malochen mussten ohne entlohnt zu werden ? Und, stand sie, somit – auch – nicht schon immer in Konkurenz zum freien Arbeitsmarkt ?

Die einzige andere Frage: Ist es nicht – auch – schon immer so gewollt gewesen vom deutschen Staat – unter allen politischen Systemen ?



Rückkehr nach Freistatt nach 43 Jahren –
als selbst-eingeleitete “Tiefentherapie”:
( es bedurfte keinem Psychiater oder Therapeuten – und es ist hoch zu empfehlen ! )



[ Freistätter Wietingsmoor in Niedersachsen ein in 1899 in einem Hochmoor im Hannoverschen gegründetes massives Wirtschaftsunternehmen der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, dass seit 1901 bis Anfang der 1990er Jahre von Bethel zum Zwecke der Torfgewinnung und Vermarktung mit unentlohnten Arbeitern betrieben wurde (meistens mit Kindern, Jugendlichen, und jungen Erwachsenen, im Alter von 14 bis 21 Jahren betrieben – und, wo Bethel, zu Kriegszeiten, im 1. und 2. Weltkrieg, auch fremdländische Zivilisten und Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter eingesetzt hatte). ]

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TREIBJAGD - SEITE 195 ]

HEILIGENSTATT LAG IM Moor

Es war bedeutend größer als das Landesjugendheim [ in Göttingen ]; Heiligenstatt [ bzw. Freistatt ] war eine ganze Gegend, rechts von der Bundesstraße [ B214 ] oder links, je nach dem von welcher Seite man kam, lag ein hübsches Gebäude, eingebettet in güne Rasenflächen unter hohen Bäumen. Es sah wie ein herrschaftlicher Gutshof aus. Ein breiter asphaltierter Weg führte von der Bundesstraße [ B214 ] dorthin. Am Anfang des Weges befand sich eine große Tafel, ähnlich wie bei Wohnungsbauprojekten, auf der man die ausführenden Firmen nachlesen konnte.

Doch soviele Namen waren auf der Tafel nicht verzeichnet. Statt dessen befand sich auf der linken Seite ein Kreuz, ein Christenkreuz, und rechts stand: »Vereinigte Christliche Heimstätten – Angeschlossen dem Christlich-Pädagogischen Landesverband – Leitung: Pastor Heinrich Ballhausen«.

Das war alles.

Hinter dem Gutshof, wo die Verwaltung war, begann das Moor, eine weite, mit niedrigen Birken und Büschen bewachsene Landschaft, in die ein mit Schlaglöchern übersäter Weg hineinführte. An einer Seite des Wegs verliefen die Schienen einer Feldbahn. Manchmal zweigte ein anderer Weg ab, zusammen mit einem Schienenstrang, und an jeder Abzweigung konnte man ein Schild lesen wie: »Glaube«, »Hoffnung« oder »Himmelstür«. So waren die Häuser benannt, die weit versträut im Moor lagen, zu denen der jeweilige Weg hinführte.

[ ………. ]

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Ich las ein Schild: »Nächstenliebe«.

Der Beifahrer grinste.

Geradeaus liefen die Feldbahnschienen in eine große Baracke. Das Tor war offen. Ich sah einige Loren darin stehen.

Das Auto hoppelte über eine Weiche und bog rechts ein.

Hier stand eine andere Baracke. Die Fenster waren vergittert. Gegenüber war eine kleinere, bunt angemahlt. Auf dem Teerdach stand eine lange Fernsehantenne, die Fenster waren ohne Gitter. In dem Garten vor der bunten Baracke arbeiteten mehrere Jungen. Sie trugen grünen Haarschutz auf dem Kopf, ähnlich wie sie früher von Fußballspielern getragen wurden, damit die Haare nicht ins Gesicht fielen. Es war ein gestrickter Rand, durch dessen Mitte sich ebenfalls zwei gestrickte Streifen zogen, einmal von vorne nach hinten und dann von einem Ohr zum anderen.

Die Jungen guckten neugierig zu uns herüber.

Das Auto fuhr langsam um die große Baracke herum und hielt vor einem Vorbau. Über der Tür war ein sauber gemaltes Schild: »Nächstenliebe«. Wir stiegenaus. Ein Man kam heraus.

»Na, ihr beiden Pißnelken«, sagte er zu den beiden Erziehern, die mich brachten, »wenn ihr kommt, dann gibt’s Arbeit, das kenne ich nun schon so langsam.«

»Tag Schulze! Arbeit macht das Leben süß.«

[ ………. ]

[ SEITE 197 ]

[
………. ]

[
Bruder] Schulze sah auf seinen Bauch und rieb sein Ohrläppchen.

»Rrrroth!« schrie er dann.

Ein Junge stürzte ins Zimmer. »Gott zum Gruß!«

Schulze deutete mit dem Zeigefinger in meine Richtung, sagte: »Sachen fassen.«

Der Junge winkte mit dem Kopf, ich solle ihm folgen. Wir gingen über einen Gang zur Bekleidungskammer.

»Draußen warten«, sagte er und klappte ein Querbrett in die offene Türfüllung.

Ich zog meine eigenen Sachen, die ich während der Fahrt angehabt hatte, aus und nahm das verwaschene Zeug entgegen, daß er mir über die Klappe reichte.

Komischer Verein hier, dachte ich, wie ein weihrauchbenebelter Meßdiener glotzt der mich an. Kurze Hosen tragen sie hier. Und bis zum Knie geht die! Viel zu groß, das ist eine für Loom!

»Gib mir mal ‘ne andere. Die ist zu groß.«

»Du kriegst einen Gürtel, und dann paßt sie.«

»Wie?«

Der Junge erwiderte nichts und warf mir einen Gürtel über die Klappe. Ich warf die Hose zurück. »Eine andere!«

»Sind keine da. Du mußt schon nehmen, was ich dir gebe.«

»Du brauchst was auf die Fresse, wir werden sehen!« Ich tauchte unter die Klappe hindurch, er wich bis an die Wand zurück.

»Bleib draußen, bleib draußen«, sagte er schnell und wütend, griff [ SEITE 198 ] in ein Regal und warf mir eine andere Hose zu, »hier hast du eine.«

»Feigling!«

»Wer hier wem was auf die Fresse haut, das merkst du schon noch.«

»Du auf keinen Fall, du Blödmann! Paß auf, daß ich nicht noch mal reinkomme, bist wohl’n Reserveerzieher, was?«

Schulze kam. Ich nahm meine Bettwäsche, folgte ihm durch einen Tagesraum, durch einen Waschraum, durch ein Kloh in einen Schlafsaal, der wie ein Lagerraum für Betten aussah.

Übereinander, nebeneinander, lang, quer, es gab nur Betten. Die Bezüge lagen wie gemeißelt auf den Gestellen.

Schluze ging suchend durch die Gassen und kratzte sich den Hinterkopf.

»Rrrroth!«

Als dieser angewieselt kam: »Ein Bett!«

Der Junge brachte ein Feldbett, ein aufklappbares Holzgestell, dazwischen eine Segeltuchplane. Er schob es in eine Lücke zwischen anderen Betten.

»Ausziehen«, sagte Schulze zu mir, »und Nachthemd an.«

Er untersuchte die eine Tasche meiner Hose, nahm meine angebrochene Zigerettenpackung und mein Feuerzeug heraus. »Geraucht wird bei uns nicht im Schlafsaal. Wie alt bist du?«

»Ich werde sechzehn«, erwiderte ich und dachte daran, daß ich Hunger hatte.

»Dann wird bei uns gar nicht geraucht«, klärte er mich auf, steckte sich eine Zigarette aus meiner Packung an, hustete, »und schon gar nicht so ein Kraut. Halte dir unseren Heiland vor Augen, der hat sein ganzes Leben lang nicht geraucht. Deine Sachen, komm mit, die werden hier in den Waschraum gehängt. Vor jedem Zubettgehen. Heute und morgen bleibst du im Bett. Übermorgen geht es raus zur Arbeit. Gute nacht in Jesu!« Er wollte gehen.

»Ich habe Hunger, Herr Schulze!«

»Waas?« fragte er verblüfft. »Dir ham’se wohl ins Gehirn geschissen, was!?«

Ich fragte mich, was daran so ungewöhnlich war. Ich hatte kein Mittagessen gehabt, jetzt war es Nachmittag.

»Ich bin Bruder Schulze, verstehste! Herren gibt’s bei uns nicht! Ich bin dein Bruder, Kerl! Alle Menschen sind Brüder vor dem Herrn, merk dir das! Wenn du mich noch einmal mit >Herr< anquatschst, [ SEITE 199 ] entziehe ich dir für einen Tag das Rauchen«, er stockte, »du darfst ja noch nicht rauchen«, überlegte er laut, »na, ich werde schon was finden! Und zum Essen kriegst du heute abend was. Bei uns ist noch keiner verhungert! Gute Nacht in Jesu!«

Er schlurfte durch die Bettgassen davon. Ich hörte, wie die Tür abgeschlossen wurde.

Mein Bruder ist das, dachte ich. Wo bin ich hier bloß? Jesus läßt grüßen, Gott läßt grüßen. Es wird mir hier sicher nicht gefallen. Ich baute mein Feldbett.

[ ………. ]

[ ………. ]

[ SEITE 201 ]

Die Tür wurde wieder aufgeschlossen. Ein anderer Erzieher tauchte zwischen den Betten auf, er kam ganz langsam. Ich sah, daß er Breeches trug, Reitstiefel und in der Hand eine Reitpeitsche.

Sieh an! Pferde haben sie hier auch.

Er blieb am Bettfußende stehen. »Gott segne deinen Eingang«, sagte er, »ich hoffe, es hat dir geschmecket.«

»Es geht«, erwiderte ich und dachte: Der redet wie einer aus dem Mittelalter.

»Ich«, fuhr der Reitstiefelmann fort, »bin Elias, Oberbruder Elias. Du darfst mich schlicht Oberbruder nennen. Und wer bist Du?«

»Bruder Holberg«, sagte ich, »aus Göttingen.«

Er legte die Stirn in Falten. »Nun ja, wir werden uns noch näher kennenlernen. Ich bin für die Nächstenliebe verantwortlich, und ich hoffe, es wird dir hier ebensogut gefallen, wie all den anderen, die bei uns sind. Die Menschen sollen sich lieben, so spricht der Herr, und hier lieben sich alle, verstehtst Du das, mein Sohn?«

Ich zuckte die Schultern und sah ihn mißtrauisch an. Die Breeches spannten sich stramm um seinen Bauch, obwohl er nicht dick war. Sein Hals im offnenen Hemdausschnitt war faltig, wenn er schluckte, rollte sein Adamsapfel unter der Haut auf und ab. Die Nase über dem schmalen Mund stach etwas vor, sie hatte oben zwei rote Druckstellen. Er mußte eine Brille tragen, vielleicht eine Sonnenbrille. Die Haare auf seinem Kopf waren von einem Ohr quer zum anderen gekämmt, wie Fäden, durch die man die Kopfhaut sehen konnte.

Ich fand, daß der Oberbruderkopf etwas klein sei im Vergleich mit der massigen Gestalt.

»Nun, du wirst dich in unsere Gemeinschaft einleben, du wirst mich lieben lernen, nur so können sich die Menschen gegenseitig verstehen, denn diese gegenseitige Liebe ist mit Freude verbunden, Freude, die man sich bereiten soll, die den grauen Alltag nicht als solchen erscheinen läßt, sondern einen freuddurchwebten Sonntag aus ihm macht, dessen Gestaltung wir dir als deine Brüder am besten zu vermitteln vermögen, du kannst mir folgen, ja?«

Ich nickte schwach, wußte vor lauter »Liebe« und »Freude« gar nicht, was er eigentlich von mir wollte.

[ SEITE 202 ]

»Wunderbar«, sagte der Oberbruder, »ich liebe intelligente Menschen.« Er starrte versonnen aus dem Fenster, wobei er auf den Reitstiefelspitzen wippte und fortwährend mit der Ledergerte gegen einen Schaft schlug.

»Morgen sei dir noch ein Tag der Ruhe, der geistigen Sammlung gegeben, und übermorgen wirst du dann frisch, fromm, fröhlich, frei dein Tagwerk beginnen.«

Der Junge holte das leere Tablett ab.

Der Oberbruder sah mich eine Weile lang an und ich ihn.

»Der Herr segne deine Ruhe«, wünschte er mir und ging. –


***

Es war etwa neun Uhr, als sich der Schlafsaal füllte. Ich zählte die auf nackten Beinen hereinspazierenden Nachthemden, die Bruder Schluze an der Tür vorzählte. Zweiundsechsig Stück. Das Einundsechzigste erkannte ich sofort.

»Mensch, Jürgensen«, sagte ich überrascht.

»Heh, Ben! Wie kommst du denn hierher? Wann haben sie dich gebracht?«

»Na, so kurz nach Mittag.«

»Bist du getürmt? Ich meine, ist es deshalb?«

Ich überlegte. »Ich glaube schon. Sie haben mich erwischt und gleich am anderen Tag, also heute, hierher gebracht. Ich dachte du wärst in Schweden bei deiner Mutter?«

»Dachte ich auch. Siehst ja, wo ich gelandet bin.« Er setzte sich vorsichtig auf die Bettkannte. »Das ist der letzte Laden hier, Ben. Wenn ich das nächste Mal rauskomme, dann werde ich erstmal eine Kirche anzünden oder so, als kleine Entschädigung. Für die Freude, die sie mir hier bereitet haben.«

Jürgensen blickte sich unauffällig um. Die Jungen in den nebenanliegenden Betten redeten ebenfalls leise miteinander.

»Abhauen liegt hier überhaupt nicht drin«, flüsterte Jürgensen, »das Scheißmoor, weißt du. Der einzige Weg ist der Hauptweg, auf dem sie einen herbringen. Aber bis du an der Straße bist, haben sie dich wieder, ich glaube, das sind bald zehn Kilometer. Du hast doch die Binden gesehen, die sie auf dem Kopf tragen …«.

»Ich habe eine rote gekriegt. Das soll ein Haarschutz sein.«

»Ach Quatsch, die müssen wir aufsetzen, damit sie uns unterscheiden können. Jeder Neue kriegt eine rote Binde oder die, denen sie nicht über’n Weg trauen. Die grünen Binden, das sind die, die hier den Laden saubermachen, die bei Elias im Garten arbeiten, draußen [ SEITE 203 ] in der Kolonne sind natürlich auch welche. Die passen mit auf die Roten auf. Und die Weißbinden, das sind die schlimmsten, das sind die Vertrauensleute, die Geläuterten, weißt du, die passen auf die Grünen auf, daß die richtig auf die Roten aufpassen. Aber wenn wirklich mal einer von den Roten türmt, dann rennen beide hinterher, die Grünen und die Weißen. Aber nicht so, wie wir das kennen. Die kommen tatsächlich hinterher. Weil sie einen Tag nicht rauchen dürfen, wenn einer abhaut, wenn der das schafft. Und die Drecksau von Oberbruder leitet die ganze Aktion …«

[ ……….. ]

[ SEITE 203 ]

»Ich werde hier trotzdem abhauen«, sagte ich leise.

»Du wirst dich wundern. Wenn sie den wieder schnappen, den, der abgehauen ist, dann gibt’s einen Arschvoll. Dann beugen sie vor, damit er’s nicht nochmal versucht, weil sie doch dann nicht rauchen dürfen. Und wenn er von den Bullen geschnappt wird und die bringen ihn zurück, dann gibt’s auch was auf die Schnauze. Dann durften sie ja nicht rauchen …«

»Wer haut denn?«

»Nicht der Oberbruder. Das ist nur das Vorspiel, was der macht. Die Weißbinden kommen abends mit zwanzig Mann hoch, da kannst du nichts machen. Kannst dir ja vorstellen, wie sauer die sind. Die haben den ganzen Tag malocht, und nur weil irgendeiner türmt, dürfen sie nicht rauchen. Rauchen ist sowieso erst ab Mittag erlaubt, wird alles eingeschlossen, Tabak und so, Feuer hat niemand, das gibt dann ein Bruder.«

[ ………. ]

[ SEITE 207 ]

Die Kolonne stampfte singend zur Barackenecke, schwenkte abgezirkelt nach rechts zum Lorenschuppen hin. Bis nach dort waren es etwa fünfzig Meter. Das erste Glied blieb vor den Geleisen stehen, stampfte auf der Stelle weiter, bis alle aufgerückt waren, das gleiche taten.

Der dritte Vers begann, während drei Jungen die Loren aus dem Schuppen holten.

»Wunderbar«, sagte Oberbruder Elias laut, als das Lied zu Ende war und wir weiter mit den Füßen auf den Boden stampften, »Singen macht froh, ich she’s euch an, Jungs, ihr wollt natürlich noch eins singen. Ja, ja, singe wem Gesang gegeben!«

Ich sah in die verdrossenen Gesichter ringsum.

»Na ja, meinetwegen, Jungs!,« tönte Elias.

Prompt war aus der letzten Reihe zu hören: »Das Liiiieben bringt gro-hoß Freud … drei, vier!«

Mein Nebenmann sang mit knirschenden Zähnen, es wunderte mich, wie er das konnte. Ich sang nicht. Ich kannte die Verse nicht, ich hatte auch keine Lust zum Singen.

Oberbruder Elias stand an der ersten Lore, und ihm war anzusehen, daß ihm unser Singen Freude bereitete.

»Abteilung … Halt!«

Es krachte. Stille. Irgendwo in den Büschen trillerte ein Vogel.

»Holberg«, sagte Oberbruder Elias, »erinnere mich heute abend daran, daß ich dir die Liedertexte gebe, ich kann dein betrübtes Gesicht nur allzugut verstehen. Solche Lieder möchte man mitsingen! Anreiten!«

Die Jungen verteilten sich gleichmäßig auf die drei Loren. Die Loren hatten rings um die Plattform ein Holzgeländer. In der Mitte des Lorenbodens befand sich ein Gestell, mit einem Eisenarm an beiden Seiten. Der Arm hatte eine Querstange, wie ein »T«, an dieser [ SEITE 208 ] Querstange konnten vier Mann mit einer Hand anfassen und pumpen. Unter dem Lorenboden befand sich ein Gestänge, über das ein Schwungrad in Bewegung gesetzt wurde, das an einer Achse angebracht war. Wie eine Draisine aus dem Wilden Westen.

»Mir nach!« brüllte der Oberbruder und machte mit dem Arm eine weitausholende Handbewegung. »Abstände einhalten!«

Blöd, dachte ich, er tut so, als ob die Loren woanders hinfahren könnten. Ich pumpte in einem Viermannglied.

Die Fahrt ging ein ganzes Stück den Hauptweg entlang, dann kam eine Abzweigung. Die erste Lore, auf der der Oberbruder stand, verlangsamte ihre Fahrt. Ein Junge sprang ab und legte eine Weiche um. Die Fahrt ging weiter.

An einem großen Torffeld wurde angehalten. Ganz normal und ohne Gesang gingen wir quer über den weichen Boden zu einem Förderband, das am Anfang des Feldes stand. Es war ein riesiges Band, es reichte über die ganze Breite des Feldes und lief auf Bohlenketten, damit es nicht im Boden einsackte.

Ein Mann in einer Monteursjacke stand oben auf dem Band, auf einer Plattform.

»Und nun frisch, fromm, fröhlich und frei!« rief Oberbruder Elias und kletterte eine eiserne Steigleiter hoch, zu dem Monteur. »Holberg auf die linke Seite vor die Kette!«


Die Jungen verteilten sich vor dem Band, das langsam anruckte. Auf dem Feld standen Torfstapel, soweit man sehen konnte, immer zu zehn Stück. Die mußte man aufheben und auf das Förderband werfen. Wenn man das geschickt machte, mit beiden Händen unter den Stapel faßte und aus den Knien Schwung mitnahm, dann schaffte man alle zehn Stück auf einmal.

Bücken, anheben, Seitenschwung, umdrehen, werfen.

Die Raupenketten standen ein ganzes Stück vor dem Band; wer vor der Kette arbeitete, befand sich drei bis vier Schritte vor den anderen Jungen und mußte bedeutend weiter werfen.

Jürgensen arbeitete neben mir vor der Kette, als zweiter Mann. Ich schaute ihm zu, wie er das machte, wie er unter den Torfstapel faßte, die Arme zusammendrückte und somit die Torfstücke einklemmte, wie er sie dann mit einer Körperdrehung auf das Laufband warf. Vor der Raupenkette war es schwieriger, alle zehn Stücke auf einmal zu werfen, meist fielen ein oder zwei Stücke auf die Kette, die man dann schnell hinterherwarf.

Die Raupenkette rollte immer dicht hinter unseren Hacken. Ich sah [ SEITE 209 ] mich dauernd nach ihr um, weil ich das Gefühl hatte, als würde sie jeden Moment draufahren. Doch das war nur eine Einbildung. Jürgensen war auf gleicher Höhe wie ich. Manchmal grinste er, wenn ich mich beim Bücken nach der Kette umsah.

Trotz des frühen Morgens brannte die Sonne. Es war heiß. Der Schweiß durchfeuchtete das Hemd und zog den feinen Torfstaub an, der sich überall festsetzte und juckte.

»Der könnte ruhig mal ein bißchen langsamer fahren.«

»Wenn das so weitergehen würde, dann ließe sich das noch aushalten«, erwiderte Jürgensen, »aber der legt immer etwas mehr zu, du merkst das noch, das ist Oberbruderakkord hier. Es fällt deshalb nicht so auf, weil wir langsam anfangen, und dann stellt er die Bandgeschwindigkeit langsam höher, und du bewegst dich automatisch schneller.«

»Ich glaube, ich werde hier nicht sehr alt, warum macht niemand was dagegen, das … «

»Holberg! Konversation beeinträchtigt deine Freude an der Arbeit, das ist nicht erfreulich für mich, wenn ich weiß, daß es dir keinen Spaß macht!« rief Elias von der Plattform des Förderbandes herunter.

Er saß dort oben breitbeinig auf einem Sitz, die Hände auf die Knien gestützt, auf der Nase hatte er eine Sonnenbrille mit Spiegelgläsern. Immer wenn ich mich umdrehte, den Torf nach hinten warf, dann schielte ich nach oben, dorthin, wo er saß. Es geschah wie von selbst, als gehörte dieses Nachobengucken ebenso dazu, wie das Bücken. Und je öfter ich guckte, desto mehr glaubte ich an einen großen Vogel, der da oben saß und mit blanken Augen alles beobachtete, wo sich etwas bewegte, wo jemand sprach, bereit, jeden Augenblick loszufliegen.

»Diekmann!« rief er jetzt. »Diekmann, es ist ein Jammer, wenn ich sehe, wieviel Torf du heute morgen daneben wirfst. Guten, [schwarzen] Torf. Aromatisches Brennmaterial. Ich glaube, ich werde die für heute das Rauchen streichen müssen!«

Bei den Worten sah er mich an, obwohl ich genau wußte, daß derjenige, der Diekmann hieß, ein ganzes Stück weiter links in der Reihe arbeitete. Doch es war nur die Brille, die mich ansah. Die Augen dahinter hatte er sicher zu Diekmann gedreht.

Was war schon dabei, wenn mal ein Stück Torf liegenblieb. Es blieb immer was liegen oder wurde zu weit geworfen, so daß es hinter das Förderband fiel. Hinter dem Band gingen extra drei Weißbinden, [ SEITE 210 ] um die einzelnen Stücke aufzulesen.

Was daran wohl aromatisch war? Torf! Aromatisches Brennmaterial! [Schwarzes] Brennmaterial! Möchte wissen wer heute noch mit Torf heizt! Die Bauern vielleicht, die Waschküche oder so. Machen sie auch nicht. Als Dünger benutzt man ihn vielleicht [ Nicht der schwarze “Brenntorf”; sondern der braune “Gartentorf” oder “Düngetorf” wird als Dünger benutzt: ] Die Stücke werden zermahlen, und der Müll wird in die Ställe gestreut, unters Vieh. Aroma! Jedenfals nicht vom Torf [ weder vom “Brauntorf” / “Düngetorf” / “Gartentorf” oder vom schwarzen “Brenntorf” ]. Rauchen entziehen! Ha, mir kann er gar nix entziehen. Der Diekmann ist jetzt bestimmt sauer, weil er nicht weiß, ob er nun rauchen darf oder nicht, weil der Elias gesagt hat, er glaubt, daß er muß … ganz unverbindlich.

»Früüüüstück!«

Das Förderband hielt mit einem Ruck.

Die Kolonne ging an den Feldrand. Die Weißbinde gab jedem aus einer mitgenommenen Kiste eine Doppelscheibe Brot mit harter Wurst und einem Blechbecher voll Tee.

Zwei Scheiben! Drei Happen waren das, fand ich. Die hätte ich schon heute morgen gebraucht. »Ich wünsche einen gesegneten Appetit!« sagte Oberbruder Elias, dem garnicht auffiel, daß die meisten schon die letzten Krümel runterspülten.

»Esset mäßig, Jungs, es erleichtert die Verdauung, und wie ihr wißt, ist die geregelte Verdauung für das Wohlbefinden des Körpers ausschlaggebend.« Elias nagte geziert an seiner Brotscheibe herum, die er aus einer Butterbrotdose genommen hatte.

Ich versuchte ganz nüchtern zu überlegen, ob er verrückt war.

Manchmal wurde so was nur durch Zufall festgestellt. Aber dann mußten Schulze und die anderen Brüder auch verrückt sein. Soviel Verrückte auf einen Haufen gab es selten. Das wäre sicher aufgefallen, wenn man sie eingestellt hätte. Bei einem oder bei zweien konnte das schon mal passieren – oder der Anstaltsleiter – , das mußte es sein! Der war verückt! Daß ich nicht gleich darauf gekommen bin. Und ein Verückter stellt nur Verückte ein, weil er einen Normalen für verrückt hält. Verrückte handeln instinktiv. Wie Tiere.

»Hinrichs, du bist ein großes Arschloch«, hatte Bruder Schulze heute morgen zu einem Jungen gesagt, »du sollst meine Thermosflasche abspülen und nicht ausspülen! Kerl! Was soll ich denn heute trinken! Wenn du das bei unserem Herrn Jesus gemacht hättest, wärst du in’ Steinbruch gegangen!«

Gesagt? Gebrüllt hatte er, der Schulze. Er tat immer so, als wenn der Jesus hier irgendwo rumschwebte. Ob der Schulze wohl die Bibel kennt? Die Schulzesche Thermosflasche interessiert Jesus sicher nicht. Der Hinrichs arbeitet auch vor der Kette, vor der anderen, obwohl er eine Weißbinde ist. Das hatte er nun davon.

Zum Mittagessen rückte die Kolonne ein.

Singend und stampfend.

Es gab Nudeln mit Backobst, daß hieß »Hawaii-Gulasch«.

Nach dem Essen verteilte Bruder Schulze mit einem Weißbindenvertrauensmann Tüten, in denen die Rauchwaren eines jeden aufbewahrt wurden. Die Tüten waren im Bruderzimmerschrank eingeschlossen.

Die Jungen drehten sich Zigaretten, einige stopften ihre Pfeifen. Schulze stand in der Tagesraummitte, in der Hand eine Streichholzschachtel.

»Na, alles fertig?« fragte er. Er riß ein Streichholz an und hielt es mit angewinkeltem Arm von sich, wie ein Musiklehrer, der einen Ton angibt; er sah auf das brennende Hölzchen.

Niemand rührte sich.

»Feuer frei!« sagte Schulze.

Eine Weißbinde flitzte zu ihm hin, zündete die Zigarette an, ein zweiter die Pfeife, dann ließ Schulze das fast abgebrannte Streichholz fallen und ging in sein Bruderzimmer.

Von der Glut der Pfeife und der Zigarette erhielten die nächsten Feuer, dann wieder die nächsten, bis jeder rauchen konnte. Jürgensen schob mir eine halbe Zigarette zu. »Paß aber auf, daß es keiner sieht«, flüsterte er.

Ich ging auf die Toilette. Als ich wieder herauskam, war ich wie besoffen.

Schulze sammelte die Tüten ein, er schaute gar nicht nach, ob auch alles drin war. Es nahm ohnehin niemand etwas heraus. Was sollte man mit Tabak, wenn kein Feuer vorhanden war.

Dann ging es wieder raus ins Moor. Der Nachmittag verging schneller als der Vormittag. Als wir wieder ins Lager einrückten, war es kurz vor fünf Uhr. Ich konnte es auf der Oberbruderarmbanduhr sehen, weil ich diesmal auf seiner Lohre pumpte.

Das Singen klang lauter als am Morgen. Die Kolonne schwenkte nicht nach links, sondern nach rechts um, auf die bunte Baracke zu. An einer Seite waren mehrere Holzbänke und Holztische in den Boden eingegraben.

Ich setzte mich so breit wie möglich hin, um das Sitzen voll auszukosten. Es gab Roggenkörnerkaffee, zwei Scheiben Brot mit [ SEITE 212 ] Marmelade und hundert oder zweihundert Wespen. Vielleicht waren es auch fünfhundert. Niemand wollte sie. Sie wurden von einem zum anderen geschlagen und gepustet.

Oberbruder Elias wußte Rat. »Jungs, ihr müßt ganz still sitzen«, rief er aus dem Barackenfenster, »dann tun die Tierchen niemandem was!«

Frau Oberbruder Elias kam ein paarmal mit einer großen Kanne heraus und fragte, ob noch jemand Kaffe wollte, ob auch alle richtig satt geworden wären.

Satt waren alle. Einer rülpste sogar bekräftigend. Kaffe wollte niemand mehr. [ ………. ]


***

[ SEITE 212 ]

Am Sonntag war Kirchgang. Für jeden. Freiwillig. Außer für zwei Jungen, die Frau Oberbruder in der Küche helfen mußten.

Jeder machte sich fertig. Ich blieb im Tagesraum sitzen.

Schluze kam rein. »Mensch, zieh dich an, der Heiland wartet«, gab er mir Bescheid.

»Ich gehe nicht in die Kirche. Bin ich noch nie gegangen. Außerdem glaube ich nicht an so was.«

»Was?« fragte Schulze.

»Na ja, was soll ich da?«

Er musterte mich. »Abtrünniger!« sagte er dann verächtlich und ließ mich sitzen.

[ SEITE 213 ] Was sollte ich auch in der Kirche. Der Gottesdienst fand zwar in der Verwaltung statt, vorne an der Straße, doch abhauen konnte man nicht. Wenn man zum Klo mußte, ging ein Bruder mit und blieb solange vor der Tür stehn, bis man fertig war. Aus dem Klofenster kam man nicht heraus, es war zu klein und obendrein vergittert.

Zur Kirche kamen auch die anderen Häuser aus dem Moor und eine Menge Brüder. Jeder paßte auf jeden auf, hatte Jürgensen gesagt. Also blieb ich hier.

Oberbruder Elias kam in den Tagesraum. Er war ganz in Schwarz gekleidet und drückte ein Gesangbuch an seine Brust. »Mein Sohn«, sprach er mich an, »du dauerst mich.« Er blickte mir tief in die Augen, und ich sah jetzt, daß seine gar keine richtige Farbe hatten, sie waren grau oder blau oder grün, wässerig verschwommen, und die Wimpern standen so vereinzelt, daß ich sie zählen konnte. Als ich bei acht war, guckte er weg.

»Aber«, sagte er, »die Erleuchtung kommt nicht immer sofort. Sie kommt bei jedem Menschen, früh oder spät. Dennoch verzeiht der Herr allen seinen Sündern.« Er nickte trübe.

Hinter ihm feixten zwei Jungen, machten sofort Kirchengesichter, als er sich umwandte und hinausging.

Ich hörte, wie draußen abgezählt wurde, sah vom Fenster aus zu, wie die Kolonne zum Lorenschuppen marschierte.

»Das Leben ist ein Würfelspiel«, sangen sie.

Ich grinste froh vor mich hin und überlegte, ob ich es schaffte, die Gitter mit Hilfe einer Bank rauszuwuchten. Sie mußten draußen erst mal weg sein. Schulze war mit den beiden Küchenhelfern zur anderen Baracke hinübergegangen. Quer durchs Moor werde ich türmen, weil er sofort in der Verwaltung anruft. Dort legen sie sich dann auf die Lauer. Ich werde den Teufel tun! Sollte Elias sich mal erleuchten lassen, welche Richtung ich genommen hatte.

Die Loren fuhren ab.

Ich hörte Schlüssel. Bruder Schulze kam zurück.

»So, mein Sohn, dann wolln wir mal! Stell schon die Bänke hoch, ich hole Eimer und Schrubber!« Er ging ins Bruderzimmer, wo die Hausreinigungssachen standen.

Ich schrubbte den Tagesraum dreimal mit dem Schrubber ohne Stiel. Schulze konnte den Stiel nicht finden.

Danach begann ich beim Waschraum.

Auf dem Klo beschloß ich, am nächsten Sonntag auch in die Kirche zu gehen.

[ SEITE 214 ] In der folgenden Woche arbeiteten wir auf einem Feld in der nähe der Bundesstraße [ B214 ].

Ich besprach mit Jürgensen die Gelegenheit. Denn daß es eine war, das stand fest. In der Früstückspause, als das Band still stand, hörten wir die Autos, die auf der nahen Straße vorbeifuhren. Außer Jürgensen und mir wollten noch zwei Mann türmen. Und vier Mann auf einmal, das war gut. Dann mußten die Weißbinden alle hinterher, weil es sonst schlecht für sie aussehen würde. Einer, der abhaut, ist sowieso immer stärker als einer, der hinterherkommt, dachte ich. Der, der abhaut, will weg, er muß weg, weil es sonst bitter für ihn wird, wenn sie ihn schnappen. Aber der, der hinterherkommt, kann immer sagen, er hat niemanden gesehen.


***

Als wir am nächsten Abend einrückten, an den Holztischen saßen und unser Brot aßen, kam Oberbruder Elias aus seiner bunten Baracke. Das tat er sonst nicht. In einer Hand hielt er einen langen dünnen Rohrstock, in der anderen einen Zettel.

Jürgensen sah zu mir herüber, ich hatte gerade noch Zeit, ein Auge zuzukneifen.

»Ich rufe Jürgensen!« tönte Elias.

Jürgensen erhob sich und ging hin.

»Nun, hast du mir was zu sagen?« fragte der Oberbruder milde.

Nein. Was sollte ich sagen?«

»Schön, schön, dann bück dich doch bitte, ja? Ja so, richtig tief und achte auf deine Fingerspitzen, daß sie deine Fußspitzen nicht loslassen«, Elias zog die Jürgensensche Hose richtig stramm, so daß sie schwischen dessen Backen klemmte, holte weit mit dem Rohrstock aus und stand einen Augenblick auf den Stiefelspitzen. »Ganz ruhig stehen, du mußt dich vollkommen entspannen.«

Der Rohrstock pfiff durch die Luft. Jürgensen schnellte aufstöhnend hoch.

»Ts, ts, ts, ächem«, machte der Oberbruder, »wer wird denn gleich. Zweimal noch, dann sei dir eine kleine Verschnaufungspause bewilligt.« Jürgensen nahm die folgenden Schläge hin, er mußte abseits stehenbleiben.

»Dirks!« rief Elias.

Dirks wollte auch mit abhauen.

»Hast du mir was zu sagen?«

Dirks schüttelte den Kopf und bückte sich wortlos.

Elias zog und zupfte fast liebevoll dessen Hose zurecht, auf die er [ SEITE 215 ] ebenfalls drei Schläge niedersausen ließ.

Frau Oberbruder lehnte im offenen Barackenfenster.

»Ach Jungs«, sagte sie klagend, »warum könnt ihr denn nicht vernünftig sein, ihr habt es so gut bei uns, nun müßt ihr wieder die Schmerzen ertragen. Neiiin, neiiin, neiiin«, stöhnte sie sie bei jedem Schlag, als Diekmann seine Schläge erhielt. Er war der Dritte von uns. »Das kann man ja nicht mit ansehen, ohhhh, das kann man ja nicht mit ansehen!«

Dumme Ziege, dachte ich, warum geht sie nicht weg. Glotzziege! Wenn Elias von den anderen weiß, dann weiß er auch von mir. Schöner Mist. Dirks hat sich gleich gebückt. Feiner Kerl. Hätte ja auch sagen können, wer noch alles dabei war.

So oder so.

Ich erhob mich und ging nach vorne.

»Hooolberg!« sagte Elias, in einem Ton, der mich an Karen [ einem Mädchen das er in dem nahegelegenen Mädchenheim auf dem Areal des Landesjugendheims in Göttingen kennengelernt hatte ] erinnerte, wenn sie »Jeeeetzt!« gesagt hatte.

»Du auch!?« Er tat so, als hätte er mit allem gerechnet, nur nicht mit mir. »Holberg, Holberg! Ich liebe die Aufrichtigkeit!«

Ich verspürte unbändige Lust, in seinen großen Reithosenhintern zu treten, da er sich umgedreht hatte und den anderen erklärte, was Aufrichtigkeit sei.

»Nun bück dich, mein Sohn«, er fummelte an meiner Hose herum, »schön tief, wunderbar, Aurichtigkeit muß belohnt werden.« Ich sah zwischen meinen Beinen hindurch an seinem linken Bein vorbei Frau Oberbruder im Barackenfenster, wie sie die Augen zumachte, machte meine auch zu. Der Schlag trieb mir das Wasser in die Augen. Frau Oberbruder schwamm im Tränenwasser.

»Du bekommst deshalb nur drei Besinnungsschläge, nimm sie mit Würde«, fuhr Elias fort.

Ich setzte mich vorsichtig.

»Und ihr, Jungs«, wandte er sich bedauernd an die anderen drei, »leider, leider, damit ihr in Zukunft wißt, daß ich immer eine aufrichtige Antwort erwarte, komm du zuerst mein Junge.«

Dirks bückte sich erneut.

»Nur Geduld und dulden machen den Menschen erhaben über die schnöden Dinge der Welt, und ihrer gibt es viel. Ich fühle mit Euch«, Elias schlug zu. Hinter mir stöhnte Frau Oberbruder auf. »Mein Gott, du armer Junge!«

Elias sprach weiter, zupfte hier und da an Dirks’ Hose herum. Wenn man nicht gewußt hätte, um was es ging, hätte man denken können, [ SEITE 216 ] Elias hielte einen Vortrag über weiche, schwingende Gymnastikübungen. Mittendrin schlug er plötzlich zu. Dirks schoß hoch, wurde erneut mit sanften Worten zum dritten Schlag eingeschläfert.

Ich kniff die Augen zu und versuchte mir vorzustellen, daß es Elias sei, der sich da bückte, und Jürgensen, der jetzt zuschlug. Mein Hintern brannte fast gar nicht mehr.

Anschließend wurden die üblichen Lieder gesungen. Jeder sang laut mit. Wir vier, weil wir alles überstanden hatten. Die anderen, weil sie nichts damit zu tun gehabt hatten, und der Oberbruder, weil er nicht noch mehr hatte schlagen müssen.

Nach dem Einrücken, dem Waschen und dem Abendbrot hockte ich im Tagesraum in einer Ecke. An der Wand hing ein fast mannsgroßer Jesus an einem Kreuz.

Jesus sagt, behauptet Elias, alle Menschen sind Brüder. Das war so’n Oberbruder. Dirks meinte, in Wirklichkeit hieße er Lehmann, Elias sei sein Künstlername. Ob Lehmann oder Elias. Petrus war auch so ein Oberbruder gewesen. Vorarbeiter. Wenn der Elias mich noch mal schlägt, dann schlage ich zurück. Mistkerl.

[ ………. ]

[ SEITE 219 ]

»So, und nun laßt uns noch schnell ein Gutenachtlied singen und uns in Frieden auseinandergehen.«

Wir sangen »Guten Abend, gute Nacht«, danach »Der Mond ist aufgegangen«, danach Weißt du, wieviel Sternlein stehn«, danach Abendstille, danach »Nun schlafen alle Blümelein«, danach das Lied von den reitenden Dragonern, weil wir keine Abendlieder mehr kannten, daß das Lieben Freude macht, dann das Lied vom jagenden Tiroler und dem freien Wildbrettschützen, daß märkischer Sand die Freude eines Märkers sei, wir sangen vom Wasser, das von den Bergen rauscht, von der Heimat, zu der wir alle gerne wollten, und vom Kurpfalzjäger…, wir sangen.

Ich döste im Stehen vor mir hin.

Elias dirigierte mit beiden Armen. Ich dachte wieder an einen Vogel, an einen häßlichen grauen Vogel, mit spitzem Schnabel, der nach mir hackte, er schlug mit den Flügeln, um mich zu erreichen, er würde es schafffen, jeden Augenblick konnte er vom Boden abheben …

»So Jungs, jetzt müßt ihr aber ins Bett«, sagte Elias tadelnd, »morgen früh, dann singen wir wieder. Solange werdet ihr’s ja wohl aushalten können, was?«

Er tat so, als hätten wir unbedingt singen wollen, als könnten wir nicht genug kriegen. Dabei hatte er nach jedem Lied in Befehlsform gefragt, ob wir nicht noch eins singen wollten. Und jedesmal hatte eine Weißbinde neu angestimmt. Es war zum Kotzen!

»Der Herr segne euren Schlaf.«

»Anreiten!« brüllte Bruder Bolm.

Wir wankten in den Schlafsaal. Ich war Nummer drei.

»Wenn wir das Schwein erwischen«, fluchten einige Weißbinden.

Ich fluchte mit.

Die beiden Jungen, die neben mir in dem einen doppelstöckigen Bett lagen, unterhielten sich leise darüber, wieviel Gefängnis es wohl geben würde, wenn sie den Oberbruder ins Moor schubsen täten.

Vieleicht lebenslänglich«, sagte der untere.

»Quatsch«, entgegnete der, der oben lag, »wir sind doch noch jugendlich. Mehr als zehn Jahre können sie uns nicht aufbrummen. Das ist die Höchststrafe. Drei oder vier Jahre kriegen wir dafür, wenn es rauskommt. Erinnere dich mal an die beiden, die vor zwei Jahren aus der »Seligkeit« abgehauen sind, die hat ein Bruder überrascht, da haben sie ihm eins mit’m Stuhlbein über’n Tünnes gehauen … «

»Der tote Bruder?«

»Na ja, als er sie überraschte, da hat er noch gelebt, aber als er sie festhalten wollte, ist er von einer Seligkeit in die andere Welt marschiert. Der eine hat später dreieinhalb und der andere vier Jahre gekriegt.«

»Trotzdem noch ganz schön viel, wenn man bedenkt, wieviele Brüder die hier haben«, der untere schwieg. »Es müßte wie ein Unfall aussehen«, sagte er dann, »wir kriegen garnichts dafür.<

»So schlau bin ich auch«, flüsterte der oben Liegende unwillig.

»Wir können es nur machen, wenn wir Torf stechen, weil er dann zwischen uns rumrennt. Wo wir jetzt arbeiten, da ist es sowieso trocken. Wenn wir ihn so reinschubsen, dann brüllt er, und die Weißbinden ziehen ihn wieder raus. Überall versackt man ja auch [ SEITE 221 ] nicht. Am besten, er kriegt vorher einen kleinen Tupfer mit’m Torfspaten ins Genick, damit er still bleibt, bis er versackt ist.«

»Die Agenten machen das mit der Handkannte, zack – und er kippt um wie ein Sack Wurzeln.«

Ach, dann mußt du schon genau treffen. So’n Torfspaten tut’s besser, würden die Agenten auch nehmen, aber sie können so’n Ding ja schlecht mit sich rumschleppen. Deshalb behelfen sie sich mit der Handkannte.«

»Was auch noch ginge, wären Kreuzottern. Ich gehe doch Samstags immer in die Küche, dann lasse ich sie in die Oberbruderwohnnung. Die können genausogut von draußen reingekommen sein, und bis der Arzt hier ist, das dauert seine Zeit.«

»Die beißen nicht, die hauen durch die nächste offene Tür wieder ab.«

Die Jungen schwiegen. Ich drehte mich auf die andere Seite.


***

Nach dem Essen verteilte Bruder Schulze mit einem Weißbindenvertrauensmann Tüten, in denen die Rauchwaren eines jeden aufbewahrt wurden. Die Tüten waren im Bruderzimmerschrank eingeschlossen.

Die Jungen drehten sich Zigaretten, einige stopften ihre Pfeifen. Schulze stand in der Tagesraummitte, in der Hand eine Streichholzschachtel.

»Na, alles fertig?« fragte er. Er riß ein Streichholz an und hielt es mit angewinkeltem Arm von sich, wie ein Musiklehrer, der einen Ton angibt; er sah auf das brennende Hölzchen.

Niemand rührte sich.

»Feuer frei!« sagte Schulze.

Eine Weißbinde flitzte zu ihm hin, zündete die Zigarette an, ein zweiter die Pfeife, dann ließ Schulze das fast abgebrannte Streichholz fallen und ging in sein Bruderzimmer.

Von der Glut der Pfeife und der Zigarette erhielten die nächsten Feuer, dann wieder die nächsten, bis jeder rauchen konnte. Jürgensen schob mir eine halbe Zigarette zu. »Paß aber auf, daß es keiner sieht«, flüsterte er.

Ich ging auf die Toilette. Als ich wieder herauskam, war ich wie besoffen.

Schulze sammelte die Tüten ein, er schaute gar nicht nach, ob auch alles drin war. Es nahm ohnehin niemand etwas heraus. Was sollte man mit Tabak, wenn kein Feuer vorhanden war.

Dann ging es wieder raus ins Moor. Der Nachmittag verging schneller als der Vormittag. Als wir wieder ins Lager einrückten, war es kurz vor fünf Uhr. Ich konnte es auf der Oberbruderarmbanduhr sehen, weil ich diesmal auf seiner Lohre pumpte.

Das Singen klang lauter als am Morgen. Die Kolonne schwenkte nicht nach links, sondern nach rechts um, auf die bunte Baracke zu. An einer Seite waren mehrere Holzbänke und Holztische in den Boden eingegraben.

Ich setzte mich so breit wie möglich hin, um das Sitzen voll auszukosten. Es gab Roggenkörnerkaffee, zwei Scheiben Brot mit [ SEITE 212 ] Marmelade und hundert oder zweihundert Wespen. Vielleicht waren es auch fünfhundert. Niemand wollte sie. Sie wurden von einem zum anderen geschlagen und gepustet.

Oberbruder Elias wußte Rat. »Jungs, ihr müßt ganz still sitzen«, rief er aus dem Barackenfenster, »dann tun die Tierchen niemandem was!«

Frau Oberbruder Elias kam ein paarmal mit einer großen Kanne heraus und fragte, ob noch jemand Kaffe wollte, ob auch alle richtig satt geworden wären.

Satt waren alle. Einer rülpste sogar bekräftigend. Kaffe wollte niemand mehr. [ ………. ]


***

[ SEITE 212 ]

Am Sonntag war Kirchgang. Für jeden. Freiwillig. Außer für zwei Jungen, die Frau Oberbruder in der Küche helfen mußten.

Jeder machte sich fertig. Ich blieb im Tagesraum sitzen.

Schluze kam rein. »Mensch, zieh dich an, der Heiland wartet«, gab er mir Bescheid.

»Ich gehe nicht in die Kirche. Bin ich noch nie gegangen. Außerdem glaube ich nicht an so was.«

»Was?« fragte Schulze.

»Na ja, was soll ich da?«

Er musterte mich. »Abtrünniger!« sagte er dann verächtlich und ließ mich sitzen.

[ SEITE 213 ] Was sollte ich auch in der Kirche. Der Gottesdienst fand zwar in der Verwaltung statt, vorne an der Straße, doch abhauen konnte man nicht. Wenn man zum Klo mußte, ging ein Bruder mit und blieb solange vor der Tür stehn, bis man fertig war. Aus dem Klofenster kam man nicht heraus, es war zu klein und obendrein vergittert.

Zur Kirche kamen auch die anderen Häuser aus dem Moor und eine Menge Brüder. Jeder paßte auf jeden auf, hatte Jürgensen gesagt. Also blieb ich hier.

Oberbruder Elias kam in den Tagesraum. Er war ganz in Schwarz gekleidet und drückte ein Gesangbuch an seine Brust. »Mein Sohn«, sprach er mich an, »du dauerst mich.« Er blickte mir tief in die Augen, und ich sah jetzt, daß seine gar keine richtige Farbe hatten, sie waren grau oder blau oder grün, wässerig verschwommen, und die Wimpern standen so vereinzelt, daß ich sie zählen konnte. Als ich bei acht war, guckte er weg.

»Aber«, sagte er, »die Erleuchtung kommt nicht immer sofort. Sie kommt bei jedem Menschen, früh oder spät. Dennoch verzeiht der Herr allen seinen Sündern.« Er nickte trübe.

Hinter ihm feixten zwei Jungen, machten sofort Kirchengesichter, als er sich umwandte und hinausging.

Ich hörte, wie draußen abgezählt wurde, sah vom Fenster aus zu, wie die Kolonne zum Lorenschuppen marschierte.

»Das Leben ist ein Würfelspiel«, sangen sie.

Ich grinste froh vor mich hin und überlegte, ob ich es schaffte, die Gitter mit Hilfe einer Bank rauszuwuchten. Sie mußten draußen erst mal weg sein. Schulze war mit den beiden Küchenhelfern zur anderen Baracke hinübergegangen. Quer durchs Moor werde ich türmen, weil er sofort in der Verwaltung anruft. Dort legen sie sich dann auf die Lauer. Ich werde den Teufel tun! Sollte Elias sich mal erleuchten lassen, welche Richtung ich genommen hatte.

Die Loren fuhren ab.

Ich hörte Schlüssel. Bruder Schulze kam zurück.

»So, mein Sohn, dann wolln wir mal! Stell schon die Bänke hoch, ich hole Eimer und Schrubber!« Er ging ins Bruderzimmer, wo die Hausreinigungssachen standen.

Ich schrubbte den Tagesraum dreimal mit dem Schrubber ohne Stiel. Schulze konnte den Stiel nicht finden.

Danach begann ich beim Waschraum.

Auf dem Klo beschloß ich, am nächsten Sonntag auch in die Kirche zu gehen.

[ SEITE 214 ] In der folgenden Woche arbeiteten wir auf einem Feld in der nähe der Bundesstraße [ B214 ].

Ich besprach mit Jürgensen die Gelegenheit. Denn daß es eine war, das stand fest. In der Früstückspause, als das Band still stand, hörten wir die Autos, die auf der nahen Straße vorbeifuhren. Außer Jürgensen und mir wollten noch zwei Mann türmen. Und vier Mann auf einmal, das war gut. Dann mußten die Weißbinden alle hinterher, weil es sonst schlecht für sie aussehen würde. Einer, der abhaut, ist sowieso immer stärker als einer, der hinterherkommt, dachte ich. Der, der abhaut, will weg, er muß weg, weil es sonst bitter für ihn wird, wenn sie ihn schnappen. Aber der, der hinterherkommt, kann immer sagen, er hat niemanden gesehen.


***

Als wir am nächsten Abend einrückten, an den Holztischen saßen und unser Brot aßen, kam Oberbruder Elias aus seiner bunten Baracke. Das tat er sonst nicht. In einer Hand hielt er einen langen dünnen Rohrstock, in der anderen einen Zettel.

Jürgensen sah zu mir herüber, ich hatte gerade noch Zeit, ein Auge zuzukneifen.

»Ich rufe Jürgensen!« tönte Elias.

Jürgensen erhob sich und ging hin.

»Nun, hast du mir was zu sagen?« fragte der Oberbruder milde.

Nein. Was sollte ich sagen?«

»Schön, schön, dann bück dich doch bitte, ja? Ja so, richtig tief und achte auf deine Fingerspitzen, daß sie deine Fußspitzen nicht loslassen«, Elias zog die Jürgensensche Hose richtig stramm, so daß sie schwischen dessen Backen klemmte, holte weit mit dem Rohrstock aus und stand einen Augenblick auf den Stiefelspitzen. »Ganz ruhig stehen, du mußt dich vollkommen entspannen.«

Der Rohrstock pfiff durch die Luft. Jürgensen schnellte aufstöhnend hoch.

»Ts, ts, ts, ächem«, machte der Oberbruder, »wer wird denn gleich. Zweimal noch, dann sei dir eine kleine Verschnaufungspause bewilligt.« Jürgensen nahm die folgenden Schläge hin, er mußte abseits stehenbleiben.

»Dirks!« rief Elias.

Dirks wollte auch mit abhauen.

»Hast du mir was zu sagen?«

Dirks schüttelte den Kopf und bückte sich wortlos.

Elias zog und zupfte fast liebevoll dessen Hose zurecht, auf die er [ SEITE 215 ] ebenfalls drei Schläge niedersausen ließ.

Frau Oberbruder lehnte im offenen Barackenfenster.

»Ach Jungs«, sagte sie klagend, »warum könnt ihr denn nicht vernünftig sein, ihr habt es so gut bei uns, nun müßt ihr wieder die Schmerzen ertragen. Neiiin, neiiin, neiiin«, stöhnte sie sie bei jedem Schlag, als Diekmann seine Schläge erhielt. Er war der Dritte von uns. »Das kann man ja nicht mit ansehen, ohhhh, das kann man ja nicht mit ansehen!«

Dumme Ziege, dachte ich, warum geht sie nicht weg. Glotzziege! Wenn Elias von den anderen weiß, dann weiß er auch von mir. Schöner Mist. Dirks hat sich gleich gebückt. Feiner Kerl. Hätte ja auch sagen können, wer noch alles dabei war.

So oder so.

Ich erhob mich und ging nach vorne.

»Hooolberg!« sagte Elias, in einem Ton, der mich an Karen [ einem Mädchen das er in dem nahegelegenen Mädchenheim auf dem Areal des Landesjugendheims in Göttingen kennengelernt hatte ] erinnerte, wenn sie »Jeeeetzt!« gesagt hatte.

»Du auch!?« Er tat so, als hätte er mit allem gerechnet, nur nicht mit mir. »Holberg, Holberg! Ich liebe die Aufrichtigkeit!«

Ich verspürte unbändige Lust, in seinen großen Reithosenhintern zu treten, da er sich umgedreht hatte und den anderen erklärte, was Aufrichtigkeit sei.

»Nun bück dich, mein Sohn«, er fummelte an meiner Hose herum, »schön tief, wunderbar, Aurichtigkeit muß belohnt werden.« Ich sah zwischen meinen Beinen hindurch an seinem linken Bein vorbei Frau Oberbruder im Barackenfenster, wie sie die Augen zumachte, machte meine auch zu. Der Schlag trieb mir das Wasser in die Augen. Frau Oberbruder schwamm im Tränenwasser.

»Du bekommst deshalb nur drei Besinnungsschläge, nimm sie mit Würde«, fuhr Elias fort.

Ich setzte mich vorsichtig.

»Und ihr, Jungs«, wandte er sich bedauernd an die anderen drei, »leider, leider, damit ihr in Zukunft wißt, daß ich immer eine aufrichtige Antwort erwarte, komm du zuerst mein Junge.«

Dirks bückte sich erneut.

»Nur Geduld und dulden machen den Menschen erhaben über die schnöden Dinge der Welt, und ihrer gibt es viel. Ich fühle mit Euch«, Elias schlug zu. Hinter mir stöhnte Frau Oberbruder auf. »Mein Gott, du armer Junge!«

Elias sprach weiter, zupfte hier und da an Dirks’ Hose herum. Wenn man nicht gewußt hätte, um was es ging, hätte man denken können, [ SEITE 216 ] Elias hielte einen Vortrag über weiche, schwingende Gymnastikübungen. Mittendrin schlug er plötzlich zu. Dirks schoß hoch, wurde erneut mit sanften Worten zum dritten Schlag eingeschläfert.

Ich kniff die Augen zu und versuchte mir vorzustellen, daß es Elias sei, der sich da bückte, und Jürgensen, der jetzt zuschlug. Mein Hintern brannte fast gar nicht mehr.

Anschließend wurden die üblichen Lieder gesungen. Jeder sang laut mit. Wir vier, weil wir alles überstanden hatten. Die anderen, weil sie nichts damit zu tun gehabt hatten, und der Oberbruder, weil er nicht noch mehr hatte schlagen müssen.

Nach dem Einrücken, dem Waschen und dem Abendbrot hockte ich im Tagesraum in einer Ecke. An der Wand hing ein fast mannsgroßer Jesus an einem Kreuz.

Jesus sagt, behauptet Elias, alle Menschen sind Brüder. Das war so’n Oberbruder. Dirks meinte, in Wirklichkeit hieße er Lehmann, Elias sei sein Künstlername. Ob Lehmann oder Elias. Petrus war auch so ein Oberbruder gewesen. Vorarbeiter. Wenn der Elias mich noch mal schlägt, dann schlage ich zurück. Mistkerl.

[ ………. ]

[ SEITE 219 ]

»So, und nun laßt uns noch schnell ein Gutenachtlied singen und uns in Frieden auseinandergehen.«

Wir sangen »Guten Abend, gute Nacht«, danach »Der Mond ist aufgegangen«, danach Weißt du, wieviel Sternlein stehn«, danach Abendstille, danach »Nun schlafen alle Blümelein«, danach das Lied von den reitenden Dragonern, weil wir keine Abendlieder mehr kannten, daß das Lieben Freude macht, dann das Lied vom jagenden Tiroler und dem freien Wildbrettschützen, daß märkischer Sand die Freude eines Märkers sei, wir sangen vom Wasser, das von den Bergen rauscht, von der Heimat, zu der wir alle gerne wollten, und vom Kurpfalzjäger…, wir sangen.

Ich döste im Stehen vor mir hin.

Elias dirigierte mit beiden Armen. Ich dachte wieder an einen Vogel, an einen häßlichen grauen Vogel, mit spitzem Schnabel, der nach mir hackte, er schlug mit den Flügeln, um mich zu erreichen, er würde es schafffen, jeden Augenblick konnte er vom Boden abheben …

»So Jungs, jetzt müßt ihr aber ins Bett«, sagte Elias tadelnd, »morgen früh, dann singen wir wieder. Solange werdet ihr’s ja wohl aushalten können, was?«

Er tat so, als hätten wir unbedingt singen wollen, als könnten wir nicht genug kriegen. Dabei hatte er nach jedem Lied in Befehlsform gefragt, ob wir nicht noch eins singen wollten. Und jedesmal hatte eine Weißbinde neu angestimmt. Es war zum Kotzen!

»Der Herr segne euren Schlaf.«

»Anreiten!« brüllte Bruder Bolm.

Wir wankten in den Schlafsaal. Ich war Nummer drei.

»Wenn wir das Schwein erwischen«, fluchten einige Weißbinden.

Ich fluchte mit.

Die beiden Jungen, die neben mir in dem einen doppelstöckigen Bett lagen, unterhielten sich leise darüber, wieviel Gefängnis es wohl geben würde, wenn sie den Oberbruder ins Moor schubsen täten.

Vieleicht lebenslänglich«, sagte der untere.

»Quatsch«, entgegnete der, der oben lag, »wir sind doch noch jugendlich. Mehr als zehn Jahre können sie uns nicht aufbrummen. Das ist die Höchststrafe. Drei oder vier Jahre kriegen wir dafür, wenn es rauskommt. Erinnere dich mal an die beiden, die vor zwei Jahren aus der »Seligkeit« abgehauen sind, die hat ein Bruder überrascht, da haben sie ihm eins mit’m Stuhlbein über’n Tünnes gehauen … «

»Der tote Bruder?«

»Na ja, als er sie überraschte, da hat er noch gelebt, aber als er sie festhalten wollte, ist er von einer Seligkeit in die andere Welt marschiert. Der eine hat später dreieinhalb und der andere vier Jahre gekriegt.«

»Trotzdem noch ganz schön viel, wenn man bedenkt, wieviele Brüder die hier haben«, der untere schwieg. »Es müßte wie ein Unfall aussehen«, sagte er dann, »wir kriegen garnichts dafür.<

»So schlau bin ich auch«, flüsterte der oben Liegende unwillig.

»Wir können es nur machen, wenn wir Torf stechen, weil er dann zwischen uns rumrennt. Wo wir jetzt arbeiten, da ist es sowieso trocken. Wenn wir ihn so reinschubsen, dann brüllt er, und die Weißbinden ziehen ihn wieder raus. Überall versackt man ja auch [ SEITE 221 ] nicht. Am besten, er kriegt vorher einen kleinen Tupfer mit’m Torfspaten ins Genick, damit er still bleibt, bis er versackt ist.«

»Die Agenten machen das mit der Handkannte, zack – und er kippt um wie ein Sack Wurzeln.«

Ach, dann mußt du schon genau treffen. So’n Torfspaten tut’s besser, würden die Agenten auch nehmen, aber sie können so’n Ding ja schlecht mit sich rumschleppen. Deshalb behelfen sie sich mit der Handkannte.«

»Was auch noch ginge, wären Kreuzottern. Ich gehe doch Samstags immer in die Küche, dann lasse ich sie in die Oberbruderwohnnung. Die können genausogut von draußen reingekommen sein, und bis der Arzt hier ist, das dauert seine Zeit.«

»Die beißen nicht, die hauen durch die nächste offene Tür wieder ab.«

Die Jungen schwiegen. Ich drehte mich auf die andere Seite.


***

Die Kirche in Heiligenstatt war ein Anbau neben der Verwaltung. Heute war Sonntag, und der Anbau war bis auf den letzten Platz besetzt.

Der Heimleiter und Pastor stand oben auf der Kanzel und erzählte uns im großen, was uns Oberbruder Elias täglich im kleinen erzählte.

Manchmal stand einer der Jungen auf, weil er austreten mußte. An der Tür saßen mehrere Brüder, von denen sich einer erhob und als Begleitung mitging. Auch dann, wenn es eine Weißbinde war.

Die Weißbinden bekamen ihr Vertrauen erst nach dem Gottesdienst wieder zu spüren. Je tiefer wir ins Moor zurückkehrten, desto tiefer wurde ihnen vertraut. Und wenn wir in der Nächstenliebe angekommen waren, dann war es wieder richtiges Vertrauen.

Ich mußte auch.

Fünfzig Meter entfernt verlief die Bundesstraße [ B214 ]. Daran dachte ich. Auf der anderen Seite befand sich eine Wiese, dann kam Wald. So dicht an die Freiheit gelangte man nur beim Kirchgang.

Das wußte der Oberbruder auch.

Auf der Kanzel wurde jetzt von Liebe, von Hoffnung, von Glauben und von Gottvertrauen gepredigt. In jedem Satz kamen diese Wörter mehrmals vor, mal laut, mal leise, mal predigte der Pfarrer mit erhobenen Händen, mal mit seitlich ausgestreckten, so daß die schwarzen Ärmel wehten. Das war ein sicheres Zeichen dafür, daß die predigt gleich zu Ende war. Dann wurde noch gesungen, Segen [ SEITE 222 ] verteilt, und wir fuhren zurück ins Moor.

Ich erhob mich und ging zwischen den Reihen entlang zur Tür, an Elias vorbei, der mich mit verklärtem Gesicht ansah.

»Ich muß«, sagte ich zu dem Bruder, der direkt an der Tür stand.

»Ist doch gleich Schluß!«

»Ich muß trotzdem.«

Er ging hinter mir her auf den Flur, der wie ein langer Schlauch war. Auf der linken Seite endete er vor einem großen Fenster. Vorher zweigten zwei oder drei Türen ab, die verschlossen waren. Ich wußte das von Dirks. Ein Junge hatte schon einmal versucht, in eines der Zimmer zu flitzen, um dann aus dem Fenster zu springen. Doch eine verschlossene Tür war zu. Der Klohbegleitbruder hatte den Jungen sofort festgehalten und um Hilfe gebrüllt. Rechts, ein paar Schritte weiter, führte die Treppe nach unten, die unteren Türen waren auch abgeschlossen.

Gegenüber befand sich die Toilette.

»Beeil dich«, sagte der Bruder und stellte sich breitbeinig an den Treppenabsatz. Die Kirche lag im ersten Stock.

Ich ging in die Toilette und pinkelte. Es kamen aber nur ein paar Tropfen.

Wenn ich dem Bruder einen Haken gebe, dann kullert er die Treppe runter. Aber ich komme unten sowieso nicht raus. Aber ich muß raus, ich muß weg! Ich springe durch das Fenster! Einfach durch die Scheibe, da traut er sich nicht hinterher. Jetzt singen sie, da hört man den Krach nicht so. Ich muß weg!

Ich streifte die schweren Holzbotten ab, zog die Socken aus, damit ich nicht ausrutschte.

Ich legte eine Hand auf den Türgriff und zögerte einen Augenblick. In mir kribbelte alles.

Wenn ich es nun nicht schaffe? Quatsch, ich muß nur denken, daß ich es schaffe, dann schaffe ich’s auch.

Ich riß die Tür auf. Ein Ruck! Sie knallte gegen die Wand. Ich sah für einen Augenblick das überraschte Gesicht des Bruders, als ich an ihm vorbeiflitzte, den Flur runter.

Vielleicht dachte er, ich wollte ganz schnell wieder in die Kirche, um den Segen mitzubekommen, denn er schrie erst, als ich an der Kirchentür vorbei war.

»Haaalt! Haaalt!!«

Das Fenster! Ich sprang aus vollem Lauf auf die niedrige Fensterbank, riß meine Arme hoch. Glas splinterte. Ich fiel nach unten, auf [ SEITE 223 ] einen Rasen, überschlug mich und krachte in ein Sonnenblumenbeet. Einen Augenblick war mir, als könne ich mich nicht mehr bewegen, dann funktionierte wieder alles. Ich rappelte mich auf und rannte über den Rasen zur Straße. Ich konnte sie sehen.

Bloß nicht umdrehen!

Ich sprang über einen Graben, überquerte den heißen Asphalt, wieder ein Graben, wälzte mich unter einem Weidezaun durch und lief auf die Wiese. Im Laufen riß ich mir den roten Haarschutz vom Kopf. Als ich die Wiese zur Hälfte hinter mir hatte, drehte ich mich um. Aus dem Verwaltungsgebäude quollen die Jungen wie ein dicker Brei, der sich nach allen Seiten verteilte. Das erste Rudel hatte die Straße fast erreicht.


***

Ich lief jetzt langsamer, gleichmäßiger.

Die würden auch noch langsamer werden, dachte ich. Ich könnte auf einen Baum klettern, aber Elias würde auch die Bäume absuchen lassen. Fluchen wird er, heilige Flüche wird er ausstoßen. Hatte ja selbst Schuld. Warum schickte er mich in die Kirche. Ich wollte von Anfang an nicht hin. In vier Tagen wäre ich einen Monat hier gewesen. Mir kommt das wie ein Jahr vor.

Ich hatte den Wald erreicht, lief geradeaus in das Unterholz, bog dann seitlich ab. Ich lief so, daß ich den Waldrand noch sehen konnte. Wütend werden sie sein. Heute war Sonntag und dann nichts zum Rauchen! Oha, sie dürfen mich nicht erwischen.

Halb habe ich es schon geschafft. Ich darf nicht stehenbleiben. Wie die Indianer das wohl machten? Indianertrab. Hatte ich doch mal irgendwo gelesen: Wo war das denn? Da hatte so ein Bandit einen Häuptling erschossen und war mit dem Pferd abgehauen. Der Sohn vom Häuptling hinterher. Der Bandit hatte sich auf die Lauer gelegt und das Häuptlingssohnpferd abgeschossen. Aber der Sohn war zu Fuß weitergelaufen, damit hatte der Bandit nicht gerechnet. Indianertrab. Hundert Yards Spurt, dann hundert Yards im Schritt, dann wieder spurten, dann wieder gehen, und immer so weiter. Beim Gehen ruhte der Sohn sich vom Spurten aus und sammelte gleichzeitig Kraft für den nächsten. So was ließ sich verdammt lange durchhalten. Der Sohn hatte den Banditen erwischt und die Rechnung mit dem Beil beglichen.

Die hatten gut reden, die Indianer. Wenn ich jetzt langsam gehe, komme ich nicht wieder in Gang.

Die Straße hatte einen großen Bogen gemacht und führte jetzt [ SEITE 224 ] durch den Wald. Ich wechselte auf die andere Seite über und bemerkte, daß meine linke Hand mit Blut besudelt war. Am Gelenk klaffte ein Schnitt. Ich wickelte mein Taschentuch darum.

Ein Stoppelfeld kam. Ich schlurfte im Trab über die angeschnittenen Halme, damit sie nicht so zwischen meine Zehen stießen. Doch die ganz kurzen ließen sich nicht umtreten, sie fühlten sich an wie ein Nagelbrett.

Ich versuchte nicht daran zu denken. Ich dachte an Ingrid [ eine andere seiner Freundinnen, ein älteres Mädel ]. Zu ihr konnte ich hin. Dort suchten sie mich nicht, sie würde auch verstehen, wie blöd der Verein hier war. Was Benno [ ein alter gleichaltriger Freund seiner, den er im Landesjugendheim in Göttingen kennegelernt hatte ] jetzt wohl machte? Der hätte dem Elias schon lange eine geknallt, ganz brüderlich, wäre ihm egal gewesen.

Ich stellte mir Elias mit einem blauen Auge vor und vergaß die schmerzenden Füße. So einen sauren Sonntag hatte er schon lange nicht gehabt. Der Herr konnte ihm da auch nicht viel helfen, beim Suchen. Na ja, dann hatten die Jungen mal richtigen Auslauf. Vielleicht hauten dabei noch ein paar ab. Aber es paßte einer auf den anderen auf, das war garnicht so einfach.

Das Feld lag hinter mir. Ich befand mich wieder in einem Föhrenwald. Meine Fußsohlen brannten. Ich fühlte jede einzelne Kiefernadel, wie sie sich eindrückte. Bis zum Abend konnte ich laufen. Ich sah nirgengs Bohrtürme. Dirks hatte gesagt, ganz in der Nähe seien Bohrtürme.

Wenn es dunkel ist, werde ich auf einen Lastwagen aufspringen, auf einen Hänger. In den Dörfern sind die Kreuzungen nicht so gut beleuchtet. Es gibt bestimmt eine, an der die Autos halten mußten. Oder an einem Bahnübergang. Dann konnte ich schnell zwischen Maschinenwagen und Hänger auf die Deichsel springen. Irgendwie kam ich schon weiter. Ich mußte einen alten Lastzug nehmen. Bei den modernen ließen sich die Planen sehr schlecht öffnen.

Bis nach Hause sind es hundert Kilometer oder so. Ich werde dort vorbeigehen, meine Sachen anziehen und dann weiter. Mann würde schon begreifen, daß ich nicht mehr in die Anstalt zurück will. Und was Mama begriff, begriff auch der zweite Vater.

Aber sicher würden sie wieder reden, daß es nicht für immer sei, in der Anstalt, daß ich wenigstens eine Zeit lang durchhalten solle. Wenn man sich gut führt, wird man auch schnell entlassen, »mach uns doch keinen Kummer«, »denk doch mal an uns«, daß sagten sie so.

Vielleicht war es ihnen auch egal, sie sagten es, weil sie Eltern sind. Eltern müssen so was sagen. Es ist ihre Rolle. Eltern glauben immer, was so ein Lokusmüller erzählt oder ein Wälzer. Das ist richtig. Staatlich ausgebildete Psychologen sind das, sagte Mama. Und der Elias ist noch ein christlicher dazu. Ich bin nur ein Sohn.

Wenn ich damals nichts ausgefressen hätte. – Wenn, dummes Wort. Bei »wenn« war es meistens zu spät. Jezt bin ich drin. Lernen, sagte der zweite Vater, einen Beruf ergreifen, so was gäbe es nur in deutschen Anstalten, und ich sollte froh sein, daß ich nicht in einer kommunistischen Anstalt wäre. Was hatte das für einen Sinn! So herrlich duftender Torf.

Aromatischer Torf! Eine wunderbare braune Farbe! So ein würziger Duft!

Scheißtorf! Ganz gewöhnlicher Scheißtorf! Und Jesus oben drüber, meinte Elias. Von der Erde kommt alles, zur Erde geht es alles, sagte Jesus, sagt Elias.

Elias wird für Sprüchekloppen bezahlt. Schulze auch. Alle Brüder! Und der Anstaltspastor.

Ich hasse Elias! Elias, das Torfschwein!

»So, liebe Kinder«, sagte der Lehrer in der Schule, »heute wollen wir mal über das Moor sprechen, über die verschiedenen Tierarten, die es dort gibt, nun, was meint ihr?«

»Torfschweine, Herr Lehrer, Torfschweine!«

»Ja, richtig. Könnt ihr mir denn auch andere Tiere nennen?«

»Jaaaa! Große Torfschweine, große, Herr Lehrer!«

»Na fein! Fassen wir also zusammen: Es gibt große Torfschweine und normale Torfschweine. Sie leben vorwiegend im Moor, an sogenannten heiligen Stätten. Könnt ihr mir denn auch die besondere Bezeichnung verschiedener Arten sagen … ?«

»Jaaaa! Elias heißen die großen Torfschweine, und Schulze und Bolm und Matthes sind normale Torfschweine!!«

»Na, wunderbar! Und jezt sagt mir noch eine spezielle Eigenart …«

»Alle sind heilig, Herr Lehrer, alle sind heilig!«


***

[ SEITE 226 ] Das Auto schaukelte von Schlagloch zu Schlagloch wie vor ein paar Wochen der Landesjugendheimvolkswagen.

Es war abends halb sieben und ich fragte mich, warum ich überhaupt abgehauen war, wenn ich jetzt – einen Tag später – freiwillig wieder zurückkehrte.

»Ist ja ein furchtbarer Weg hier!« Der zweite Vater sah mich an. Als wenn das mein Weg wäre.

Ich war so prima weggekommen. Von einer Wäscheleine hatte ich mir ein Hemd und eine Hose gehakt und war nachmittags unbemerkt auf einen Lastwagen geklettert. Es war einer ohne Hänger gewesen, an dem hinten die Plane hochgerollt war. Der Lastwagen war in einem Dorf aus einer Einfahrt gekommen, hatte erst den Verkehr vorbeigelassen, und ich war in aller Ruhe hinten aufgestiegen, hatte mich zwischen die Fässer und Kisten gesetzt.

Der Lkw war durch mehrere Orte gefahren, und ich konnte erst absteigen, als er gegen Abend auf einem Fabrikhof hielt. Der Fahrer hatte mich bemerkt und kam sofort hinterhergerannt, doch ihm fiel wohl ein, daß er mich nicht mit aufgeladen hatte, er gab die Verfolgung nach einem kurzen Stück auf.

Dann hatte mich ein Motorradfahrer mitgenommen. Ich war noch am selben Tag zu Hause angekommen. Für Sonntag war das eine Leistung, dann klappte der Anschluß nur mit viel Glück.

Richtig aufgeregt waren sie zu Hause gewesen.

Dabei war garnichts passiert.

Mama hatte geredet. Gerade in diesem Heim, wenn ich mich da gut führte, dann würde ich nach kurzer Zeit entlassen. Höchstens ein halbes Jahr brauchte ich dort bleiben, sie wüßte das ganz genau, sie hätte mit dem Heimleiter telefoniert, der sei Pastor und hätte so eine vernüftige Stimme gehabt. Was’n Wunder! Als Pastor.

Und wenn ich jetzt freiwillig zurückginge, gerade dann würde ich denen ja beweisen, daß ich Einsicht zeigte und so.

Der zweite Vater hatte zwischendurch »jawoll« und »stimmt« und »ich weiß das auch« gesagt, und »werde selbst mit dem Heimleiter sprechen«. Und zuletzt glaubte ich selbst, daß es das beste sei, wenn ich zurückginge.

»Ich bringe dich morgen mit dem Wagen zurück«, hatte der zweite Vater [ SEITE 227 ] gesagt. Jetzt hatte er es fast getan. Das Auto bog an dem Schild »Nächstenliebe« eine.

Ich machte noch schnell ein paar Züge aus der Zigarette und drückte sie aus. Bis zur nächsten würde es wieder eine ganze Zeit dauern.

Oberbruder Elias stelzte in seinem Gemüsegarten herum und kam heran, als der zweite Vater hielt.

»Nein«, sagte Elias, »der Benjamin! Wie schön, mein Junge, daß du wieder da bist!«

Er sagte nicht »Benjamin«, sondern »Beeenjamin!«, nicht »schön«, sondern »schööön!«, mit viel Wärme, Freude und Erstaunen. Ich fragte mich, woher er wohl so schnell meinen Rufnamen kannte.

»Na siehste« murmelte der zweite Vater.

Elia quetschte erst meine, dann seine Hand.

»Junge, du glaubst ja gar nicht, was ich mir für Sorgen um dich gemacht habe! Und deine Kameraden haben dauernd nach dir gefragt, wann du wohl zurückkommen würdest! Nun bist du schon da!«

Elias schaute mich ergriffen an.

Meine Kameraden! Die hatten Sonntag nicht rauchen dürfen. Kein Wunder, daß sie nach mir gefragt hatten.

»Nun geh mal ins Haus, du wirst bestimmt hungrig sein. Und sag deinem Vater auf Wiedersehen.«

»Tschüs. Grüß Mama«, sagte ich zu dem, drehte mich um und ging an Schulze vorbei in die Baracke. Schulze schloß hinter mir ab.

»Hat ja nicht lange gedauert, mit dir«, stieß er zusammen mit einer Teefahne aus, »Mensch, am siebenten Tag sollst du ruhn, und du haust einfach ab! Und dann noch während der Predigt! Gottlosigkeit!«

Er setzte sich hinter seiner Bruderschreibtisch, nahm ein paar lange Züge aus seiner Thermosflasche, scheuerte seine Hüfte und rülpste nach Fuhrknechtart.

Draußen fuhr das Auto weg. Elias kam herein.

»Holberg, Holberg«, sagte er, »wie kann man nur, wie kann man nur! Der Kelch war bitter, den ich trank, desgleichen auch du feststellen wirst, denn ich reiche ihn dir weiter, auf daß er bis zur Neige geleeret werde.« Er betrachtete mich ziemlich lange, als sähe er mich zum ersten Mal. Er betrachtete mich mit mildem Bruderblick, der aus dem Kopf kam wie die Worte.

[ SEITE 228 ] Als ich in den Schlafsaal kam, empfing mich eisiges Schweigen. Jeder sah mich an, sah mir nach. Ich fühlte das. Ich legte mich in mein Feldbett, das noch bezogen war, fühlte wieder die Querstrebe im Rücken und überlegte, daß sich nichts geändert hatte. Gegen die Prügel konnte ich nichts unternehmen. Ganz sicher gab es sie. Ich merkte es an der Stille im Saal. Sonst war es zwar auch still, doch die übliche Stille war anders, nicht so anklagend.

Ich bemühte mich, wach zu bleiben. Wenn ich den ersten und den zweiten richtig erwischte, dann hatten die anderen vielleicht keine Lust mehr. Ich ließ mich doch nicht einfach so verprügeln! Nicht mal so ein billiger Hocker war im Saal, mit bloßen Fäusten ließ sich gegen eine ganze Horde wenig ausrichten.

Mir war richtig unwohl. Ich schlief ein.

Sie kamen erst am anderen Abend.

Ich hatte am Tage von einigen, die nicht mitmachten, einen Tip bekommen. Es war wie eine Bestätigung.

Elias hatte mir den ganzen Tag lang christliche Ermutigungen hoch oben vom Förderband aus zugerufen. Ich solle ihm ja zeigen, wie ich arbeiten könne, weil ich die Arbeit liebe, was er liebe, und deshalb könne ich frisch den Tag bewältigen.

Das Band fuhr an diesem Tag besonders schnell, es trieb uns schon nach den ersten zwanzig Metern den Schweiß aus den Poren. Manchmal begleitete Elias meine Arbeit mit Zurufen. Wenn ich Schwung holte und den Torf auf das Band warf, brüllte er »Hau ruck!« Machte ich langsamer, dann zog er das »Hau« in die Länge, und das »Ruck« kam immer in dem Moment, wenn der Torf flog. »Geht es so besser, Holberg?« fragte er dann. Ich erwiderte nichts und arbeitete verbissen weiter. Und Elias rief der ganzen Kolonne zu, daß sie auf sein »Hau ruck« achten sollten, weil ich meinte, dann ginge die Arbeit besser, und wenn einer nicht auf das »Hau ruck« achten würde, dann müßte er leider das Rauchen für den Tag sperren.

Die Kolonne warf genau im Takt.

Wie im Zirkus, dachte ich, wenn im Musiktakt die Manage geharkt wird; ich glaube, daß es falsch von mir gewesen war, nach Hause zu gehen.


Ich lag im Bett und überlegte, wie schön es sein müßte, wenn die ganze Sache erst mal vorbei war. Ich lauschte in das Dunkel. [ SEITE 229 ] Dauernd tappte einer auf nackten Füßen an meinem Bettfußende vorbei zum Klo.

Vielleicht wolten sie nur nachsehen, ob ich schon schlief. Aber ich schlief nicht. Ich hob jedesmal den Kopf hoch, damit sie sehen konnten. Aber die ganze Nacht konnte ich nicht wachbleiben. Ich war müde von der Arbeit. Mein Körper war schwer wie ein großes Gewicht aus Blei. Manchmal knipsten meine Augen zu, waren jedoch sofort wieder offen, wenn ich ein Geräusch hörte.

Ich merkte, daß es schon eine ganze Weile still war. Niemand ging mehr zum Klo. In einem Grab mußte es auch so still sein. Oder in einer leeren Kirche.

Plötzlich quollen sie aus den Gassen zwischen den Betten, die weißen Nachthemden.

Ich schoß so schnell und heftig hoch, daß das Feldbett umkippte, ich trat in ein Nachthemd, jemand schrie unterdrückt auf, ich kam hoch und schlug voll in ein Gesicht, wurde wieder zu Boden gerissen, ich konnte mich nicht mehr bewegen, sie saßen auf mir, hielten mich überall fest.

Sie schleiften und zerrten mich zum Klo, in dem die ganze Nacht ein Notlicht brannte und zwangen mich auf die Knie.

Ich kniete wie ein Mekkabeter, den Kopf auf dem Boden, der in eine Beinschere festgeklemmt war. Meine Arme waren seitwärts ausgestreckt, als wolle ich jeden Augenblick losfliegen. Sie konnten mich so besser festhalten, nur mein Hintern war frei.

Sie schoben das Hemd hoch, und beim ersten Schlag drückte die Beinschere meinen Hals zu. Ich konnte nur stöhnen. Sie schlugen mit ihren Pantoffeln [ bzw., Latschen ], deren Sohlen aus alten Fahrradmänteln waren, und je fester sie schlugen, desto geringer wurde der Schmerz. Ich hörte die Geräusche verschwommen, wie von ganz weit her.

Als ich wieder denken konnte, kniete ich allein im Klo. Es stank nach Urin. Ich stand auf. Meine Beine zitterten, ich hielt mich an der Wand fest. Ich faßte an meinen Hintern, ich fühlte gar nichts. Dann merkte ich, wie es an meinen Beinen runterlief, ich sah, daß meine Finger blutig waren. Ich stützte mich auf den Waschbeckenrand und starrte auf die braunrissige Emaille.

Luft brauchte ich! Luft!

Ich ließ das Becken los und stakste zum offenen Fenster und stockte.

Draußen stand Elias!

Ich machte die Augen zu, wieder auf.

Er stand immer noch da. Ich ging ganz dicht an das Fenster, [ SEITE 230 ] umklammerte mit den Händen die Gitterstäbe und glotzte.

Er stand nur einen Schritt entfernt, milde lächelnd.

»Denke daran, auch in der Not bist Du nicht allein«, sagte er.

Ich schloß erneut die Augen, öffnete sie wieder, glotzte.

Das war tatsächlich Elias! Geister reden nicht. Geister lächeln nicht. Er trug ein gestreiftes Hemd, es sah wie eine Pyjamajacke aus.

Geister trugen weiß, schlicht einfach weiß. Die hatten auch nicht so eine Nase.

»Du mußt ins Bett, mein Sohn, du wirst dich sonst erkälten, und«, sein Kopf beugte sich etwas vor, »vergiß nicht, dein Nachtgebet zu sprechen.«

Nachtgebet sprechen … Nachtgebet sprechen … Nachtgebet sprechen. Seine Worte hallten wider, obwohl er ganz normal gesprochen hatte, fast leise.

In mir löste sich etwas.

Als kleiner Junge hatte ich nach langem Regen große Pfützen abgedämmt, mit Erde und mit Graßplacken. Das Wasser sammelte sich dann zu einem richtigen See. Wenn es dicht unter der Damm krone stand, bohrte ich mit einem Stock ein Loch in den Damm, durch das das Wasser hervorschoß. Das Loch wurde sehr schnell größer, bröckelte auseinander, Erde und Grasplacken wurden gelockert, bis plötzlich der ganze Damm brach und alles wegspülte und mitriß, was vorher im Wege gewesen war.

Ich fühlte meinen Hintern gar nicht mehr. Es war so, als sei ich nur mal eben aufgestanden, zur Toilette gegangen, als hätte ich den Oberbruder getroffen, der draußen vor dem Fenster stand und der mir nach dem Pinkeln ein nettes Wort sagen wollte. Und ich ihm.

»Du Schwein«, sagte ich. Und als er nichts erwiderte, nur milde lächelte, sagte ich es noch einmal.

»Ts, ts, ts«, machte er und schüttelte tadelnd den Kopf.

Ich schrie. »Du Schwein! Du Dreckschwein! Du Torfschwein! Du elendes Torfschwein!!«

Er schüttelte immer nur den Kopf. Ich rüttelte an den Gitterstäben und begann noch lauter zu schreien. Da ging er schnell weg, in die Dunkelheit hinein. Ich schrie hinter ihm her, bis ich keine Luft mehr bekam, nur da stand und in die Dunkelheit starrte.

Ich wußte nicht wie lange.

Als ich in den Schlafsaal schlurfte, war es totenstill. Mir fiel auf, daß niemand nachgesehen hatte, aus welchem Grund ich so geschrien hatte. Ich legt mich bäuchlings auf die Querstrebe.

[ SEITE 231 ] Am anderen Morgen blieb ich liegen.

Bruder Schulze ging mit der nicht lügenden [Mess-]Latte an meinem Bett vorbei, er blieb erst beim dritten Mal stehen und sah mich an, nickte mehrmals.

»Du hast Fieber, mein Sohn«, sagte er schlicht, »aber mit unserer und Gottes Hilfe wird das bald überwunden sein.«

Das war alles. Ich dachte daran, wie er neulich rumgebrüllt hatte, als einer morgens liegengeblieben war, wegen eines verstauchten Fußes. »Deshalb wird trotzdem aufgestanden«, hatte Schulze gebrüllt, wir sind doch hier kein Sanatorium für verstauchte Füße nich!«

Nach einer Weile kam er wieder, hinter ihm eine Weißbinde mit dem Frühstücksbrot. Er schob mir ein Fieberthermometer unter den Arm. »Mein Gott, Kranke dauern mich«, sagte er und zog es wieder raus. »Neununddreißig. Bis auf weiteres Bettruhe.« Er kramte in seiner Jackentasche und fischte erst eine, dann noch eine Tablette heraus, pustete einige Krümel ab und ließ sie in meinen Kaffee plumpsen. »Du kriegst gleich noch ‘ne Schüssel mit essigsaurer Tonerde, damit machst Du Umschläge an deinen Fieberstellen. In drei Tagen bist du wieder gesund. Länger als drei Tage hat bei uns noch nie einer Fieber gehabt.«

Dann war ich allein im Schlafsaal, mit einer Schüssel essigsaurer Tonerde.

Das Nachthemd war an meinem Hintern festgeklebt, und es dauerte lange, bis ich Stück um Stück gelöst hatte. Ich kippte die Schüssel durch das Fenster aus. Die Morgensonne schien herein. Ich trug mein Bett dorthin und legte mich auf den Bauch, ließ meinen Hintern bescheinen. Sonne heilte.

Nach dem Mittagessen erschien Oberbruder Elias. Ich hatte mich gerade wieder auf den Bauch gedreht und blieb so liegen.

»Nun, mein lieber Holberg, von Bruder Schulze habe ich erfahren, daß es dir heute nicht vorbehalten ist, zu schaffen. Du hast Fieber? «

Er wollte nach meinem Handgelenk greifen, doch ich riß es weg.

»Wenn Sie mich anfassen … «, sagte ich böse und ließ offen, was dann passieren könnte.

Er zuckte zurück. Dann wiegte er bedächtig den Kopf. »Im Sommer sind die Grippen am gefährlichtsten«, sagte er und starrte konzentriert auf den Boden.

»Ich habe kein Fieber«, sagte ich.

»Ich weiß, ich weiß. Du willst es nicht zugeben, das ist bei allen [ SEITE 232 ] Kranken so, das ist auch verständlich, bei dem wunderbaren Wetter, das uns der Herr schickt. Da will man raus in die Natur, da will man schaffen, voller Kraft und Lebensfreude werken! Aber ein paar Tage mußt du ruhen, mein Lieber, auch wenn es dir schwerfällt. Du brauchst dir keine Sorgen um deinen Arbeitsplatz zu machen, selbstverständlich kommst du wieder vor deine Kette.«

Ich sah ihn schräg von unten her an und verspürte plötzlich den fast unbändigen Wunsch, ihn anzuspringen, einfach so, wie ein Tier. Er konnte sich gegen mich nicht wehren, seine Peitsche würde nicht viel helfen, ich würde in seine Kehle beißen, in diese faltige adamsapfeltragende Oberbruderkehle, und er würde vor Angst schreien.

In Jesus, meine Kehle, meine Kehle, würde er schreien. Mal sehen, ob er ihm dann helfen würde.

Elias ging ein paar Schritte zurück, als wollte er ohnehin gehen. Er blieb am Fenster stehn und sah nach draußen, da ich ihn immer noch anstarrte.

»Ich werde für dich beten«, sagte er, ohne sich nach mir umzudrehen. »Möge es dir bald besser gehen, mein Sohn.« Er wippte auf den Stiefelspitzen und ging ganz schnell aus dem Saal.

***

»Abzählen!«

»Eins!« »Zwei!« »Drei!« »Vier!«< »Fünf!« Pause. »Sechs«, sagte ich.

»Von vorne Jungs!« Elias stand mit auf dem Rücken verschränkten Händen vor der Gruppe.

»Eins!« »Zwei!« »Drei!« »Vier!« »Fünf!« Pause. »Sechs.« Das war ich wieder.

Abgezählt wurde an jedem Morgen. Bis sechzehn. Mal drei waren das achtundvierzig Mann. Heute war der vierte Tag nach der Prügelaktion und der erste, an dem ich wieder mit rausging, zur Arbeit. Durch einen dummen Zufall stand ich in der ersten Reihe, die immer abzählte.

Immer, wenn ich »Sechs« sagte, stoppte Elias und verlangte das Abzählen von vorne, und jedesmal sagte ich langsamer »S-e-c-h-s«.

»Zähl doch’n bißchen schneller Mensch!« zischte mein Hintermann.

»Ich schlag dir gleich das andere Auge auch noch zu!« sagte ich laut und drehte mich zu ihm um. Er schwieg. Sein rechtes Auge war gelb-grün und vollkommen zu. Es war der, den ich in der Nacht [ SEITE 233 ] ins Gesicht getroffen hatte, hatte mir Jürgensen erzählt.

»Aber Holberg, warum bist du so aggresiv?« fragte Elias. »Von vorne, Jungs!«

Als ich zum wer weiß wievielten Male »Sechs« sagte, ließ Elias weiterzählen.

»Reeeechts um!« brüllte eine Weißbinde. »Im Gleichschriiiitt … marrrrsch!«

Wir stampften zum Lorenschuppen.

»Ein Lied!«

»Das Leben ist ein Würfelspiel … drei … vier!«

»Das Le-ben ist ein Wür-fel-spiiiel, wir wür-feln al-le Tage, dem einen bringt das Schick-sal viel, dem an-dern Müh und Pla-ge … «

Elias marschierte im Gleichschritt neben uns und schlug im Takt mit der Gerte an seinen Stiefel. Sein Gesicht glänzte in der Morgensonne.

Wir rückten am Lorenschuppen auf, stampften auf der Stelle weiter und sangen »Märkische Heide«, »Wohlauf in Gottes schöne Welt« und »Ein Tiroler«.

Beim »Tiroler« bekam ich ein Lachkrampf, weil ich mir Elias in Lederhosen und Reitstiefeln vorstellte. Je mehr ich den Krampf zu unterdrücken versuchte, desto lauter brüllte ich los. Ich schüttelte mich richtig vor Lachen, weil sich jeder nach mir umwandte und mich blöde singend ansah.

Elias schrie mich an, er war ganz rot im Gesicht.

»Holberg! Ich entziehe dir für drei Tage das Rauchen!!« Er zitterte. »Ah … du schälst jeden Abend einen Eimer Kartoffeln! Zwei Eimääär!! Drei!!«

Das brachte mich wieder zur Besinnung. Ich gluckste vor mich hin.

»Was, so frage ich dich, veranlaßte dich so zu lachen!?«

Alles war still, begierig zu hören, was der Grund gewesen war.

»Ich hab’ mir vorgestellt, Sie in Lederhosen und Stiefeln.«

Die Kolonne kicherte, dann nur noch ein paar Nichtraucher in den hinteren Reihen.

Elias’ Stirn legte sich in Falten, als dächte er nach. »Wie spaßig«, er lächelte schief, »ich mag humorvolle Menschen.« Und die, die vorher aufgehört hatten, lachten mit.

»Und nun, Jungs, möchte ich noch ein schönes Lied hören. Ihr dürft auch heute abend etwas länger machen.«

»Das Lieben bringt groß Freud …, drei, vier!« stimmte eine Weißbinde an.

[ SEITE 234 ] Ich stand wieder an der Lorenpumpe, pumpte und bewegte die Zehen in den neuen Holzbotten hin und her. Die Botten waren mindestens zwei Nummern zu groß, ich hatte sie mir extra geben lassen, damit ich schneller herausschlüpfen konnte, wenn es drauf ankam. Ich konnte die Füße rausziehen, ohne daß sich die Holzschuhe vom Boden hoben. Ehe die anderen etwas bemerken würden, konnte ich einfach losrennen. Merken würden sie es schon, doch dann hatte ich schon einen kleinen Vorsprung, weil sie die eigenen Botten erst ausziehen mußten. Die mußten richtig abgezerrt werden, weil jeder Fußlappen tragen mußte. Ich trug keine Lappen.


***

Das ich wieder abhauen würde, das stand fest. Und diesmal ging ich nicht nach Hause. Heute waren es fünf Wochen in Heiligenstatt [ bzw., Freistatt ], sie kamen mir wie fünf Jahre vor.

Niemanden würde ich etwas sagen. Auch Jürgensen nicht. Ich mußte es schaffen. Ich werde dann losrennen, wenn keiner damit rechnete. Mama. Die hatte gut reden. Und der zweite Vater erst!. Der hatte mich einfach wieder abgeliefert und damit basta. Damit hatte sich’s. Mit dem Leiter sprechen, sagte er. Dabei sprach er nicht mal mit dem eigenen Vater, wenn es um etwas ging.

Vor diese verdammte Kette muß ich wieder. Wenn sie mir auf die Hacken rollt, dann bin ich ein Torfbild. Ob Elias dann anhalten läßt? Sicher, das muß er. Aber er kann warten, bis ich auf der Rückseite wieder zum Vorschein komme.

Am Abend rückten wir eine halbe Stunde später ein, und den meisten war anzusehen, daß sie gerne geflucht hätten, doch jeder sang. Es hörte sich an, als sei ein Gesangverein von einer Wanderung zurückgekommen. Ein bißchen Blaubeeren suchen, ein bißchen Blindekuh spielen, in einem Gasthaus einkehren, eine lustige Gesellschaft, es war ein schöner Tag gewesen, stramm, forsch. Der Abend nahte. Doch als »Abteilung halt!« ertönte, war das Stramme und Forsche weg. Es war wie eine Gruppe Bergarbeiter, die von der Spätschicht kam, schlurfend, verdreckt, mit Mienen, in denen man »Scheiße«, »Mist«, »Dreck«, »Alles egal«. »Ich mache das nicht mehr mit« und »Bloß weg hier« lesen konnte.

Nach dem Essen änderten sich die Mienen. »Junge, war das heiß heute«, »Wenn man wenigstens mal baden könnte«, »Jetzt ‘ne Zigarette« und »Ich bin Müde«.

Dann gab es »Feuer frei«. Jeder, fast jeder rauchte, und die Gesichter [ SEITE 235 ] drückten Zufriedenheit aus. Es wurde gelacht, wenn Bruder Bolm einen Witz machte, der gar keiner war.

Ich saß in einer Ecke und dachte Bergarbeitergedanken. Der Oberbruder hatte mir ein Liederbuch gegeben, weil ich nie mitsang. Das Buch war wie neu, vor zweiunddreißig Jahren in Leipzig gedruckt worden.

»Nimm und lerne«, hatte er gesagt, »böse Menschen kennen keine Lieder.«

Dem Singen nach müßten schon alle entlassen sein, dachte ich. Die einzigen, die noch mehr sangen, das waren die Engel, meinte Bruder Bolm. Bei dem gab es die noch. Bei Schulze auch. Wenn er zuviel Tee gesoffen hatte.

[ ………. ]

[ ………. ] [ SEITE 237 ] »Das ist doch nicht mein Tee!« brüllte er. »Was ist das!?« Er hielt Hinrichs die Thermosflasche unter die Nase, die er kraus zog, damit Schulze auch sehen konnte, wie er schnüffelte.

»Das ist Tee«, sagte er vorsichtig. Was sollte er sonst sagen. Wäre es Teer gewesen, so hätte er ebenfalls sagen müssen, es sei Tee. Schließlich hatte er die ganze Zeit danebengestanden. Schnaps durfte er auch nicht sagen. Das wäre eine Beleidigung gewesen und eine Lüge auch. Schulze trank nur Tee. Ostfriesischen.

»Schweinerei!« grollte Schulze. Er schien zu merken, daß seine Ermittlungen in eine Sackgasse gerieten. Er nahm wieder einen langen prüfenden Schluck.

»Na gut, heute abend Rauchverbot«, sagte er zu Hinrichs, »damit du lernst, wie in Zukunft Tee zu kühlen ist. Und morgen abend auch! Feuer einstellen!« rief er in den Tagesraum. »Material einsammeln!« Er dachte nach. »Und du wirst das Vaterunser zwanzigmal [ SEITE 238 ] aufschreiben«, weitete er die Bestrafung aus.

»Ich fange sofort an«, sagte Hinrichs schnell.

»Vierzigmal«, sagte Schulze und schlurfte ins Bruderzimmer.

Ich überlegte. Vierzigmal das Vaterunser, dafür hätte ich lieber eine Woche nicht geraucht.

Hinrichs brauchte für das Schreiben zwei Abende. Er hatte nur einen kleinen Bleistiftstummel zur Verfügung. Am dritten Abend bekam er seine Rauchwaren wieder ausgehändigt.


***

Ich schälte immer noch an dem ersten Eimer Kartoffeln.

In drei Tagen achtundzwanzig Stück.

Der Eimer kam abends ins Bruderzimmer. Ich sollte jetzt schon morgens nach dem Früstück mit dem Schälen beginnen, hatte Elias gesagt, die Kartoffeln würden gebraucht.

Morgen werde ich türmen. Egal wie. Ich werde das Schälmesser heute abend nicht in den Eimer legen, überlegte ich. Bolm hatte Dienst, der achtete nicht so drauf. Das Messer ist nicht sehr lang, doch ich werde mich damit wehren können.


Am anderen Tag fuhren wir mit den Loren zu einem neuen Feld. Es lag auf der anderen Seite wie das alte Feld, weit im Moor. Dort stand ein gleiches Förderband, das von demselben Monteur bedient wurde; die gleiche Arbeit, der gleiche Torf.

Ich hatte das Schälmesser unterm Hemd im Hosenbund stecken. Als wir vor dem Band Aufstellung nahmen, schob ich es unauffällig nach hinten, weil es beim Bücken hinderlich war.

Das Förderband ruckte an.

Ich überlegte fieberhaft. Je eher, desto besser. Wir befanden uns hier in einer ganz anderen Gegend. Zu beiden Seiten des Feldes verlief ein breiter Wassergraben.

Ich müßte jetzt sofort losrennen, nach hinten weg, doch hinter dem Band gingen die Weißbinden, das würde ich nicht schaffen. Ich könnte es am Feldende versuchen, aber bis wir dort waren, das konnte zwei Tage dauern.

Der Schweiß lief mir über den Rücken.

Das Messer scheuerte. Wenn ich mich ein paarmal gebückt hatte, mußte ich es wieder hochschieben, damit es mir nicht durch die Hose rutschte.

»Holberg!« rief Elias von oben. »Komm doch mal rauf!«

Das Band stoppte.

Hatte er was gemerkt? Aber er konnte doch nichts gemerkt haben. [ SEITE 239 ] Nur ich wußte, was los war. Ich kletterte über die Raupenkette über eine schmale Eisenleiter auf die Plattform.

»Deine Kartoffelausbeute, die geschälte, mein Lieber, ist mäßig, sehr mäßig«, sagte Elias, »sie ist saumäßig. So saumäßig, wie meine Freude ist. Und das willst du doch nicht, oder? Wahre Freude ist … «

Ich stand da und sah an ihm vorbei auf die Reihe der Jungen, die sich ein ganzes Stück vorarbeitete, da das Band nicht fuhr. Mein Streifen blieb wie eine schmale Straße liegen. Ich sah über den einen Wassergraben auf die dahinter befindliche Böschung, hinter der mannshohe Birken standen und Buschwerk, so weit ich sehen konnte. Unten vom Feld konnte man nur die Spitzen der Birken erkennen.

Wenn ich erst dort drüben in dem Busch war. Nur einen ganz kleinen Vorsprung brauchte ich.

» … und deshalb schaffe mit Liebe und mit Freude, mein Sohn!« Ich stieg wieder nach unten. Die Jungenreihe hatte sich gut zehn Meter vorgearbeitet und wartete, während ich mich bückte. Das Förderband rollte an. Ich schob die Hände unter einen Torfstapel, hob ihn an, drehte mich halb herum und warf den Stapel mit Schwung auf das Band; ich bückte mich, schob die Hände unter einen Stapel, hob ihn an, drehte mich halb um und warf den Stapel mit Schwung auf das Band; ich bückte mich, Hände drunterschieben, Schwung holen, werfen; bücken, heben, drehen, werfen, bücken, heben, drehen, werfen.

Jedesmal beim Umdrehen sah ich den großen Vogel auf der Plattform, der mit spiegelnden Augen alles beobachtete.

Bis zum Mittag mußte ich noch sechsmal auf die Plattform klettern, weil Elias mir dauernd etwas zu sagen hatte.

Ich mußte an die beiden im Schlafsaal neben mir denken, die Elias ins Moor schubsen wollten.

Am Nachmittag mußte ich austreten. Ich ging in einen Graben, neben dem Feld. Vielleicht konnte ich geduckt in ihm entlanglaufen. Doch Bruder Schulze, der unten zwischen den Jungen stand, folgte mir sofort.

»Du sollst kacken, in Christi«, sagte er, »und nicht Pause machen!«

Er blieb stehen und guckte zu. Da konnte ich nicht mehr.

Ich arbeitete vor der linken Kette des Bandes. Bei jeder Drehung, [ SEITE 239 ] wenn ich den Torf nach hinten warf, linste ich zu dem an dieser Seite liegenden Graben. Er war drei oder vier Meter breit, mit senkrechten Torfwänden. Der Graben war voll Wasser, ich hatte es am Vormittag vom Band aus gesehen.

An der [dem Graben] gegenüberliegenden Torfwand verlief eine schmale Torfleiste, so breit, wie ein Schuh lang war, dann stieg die Böschung schräg empor. Es war die Erde, die früher von dem Feld abgetragen worden war. Im Laufe der Zeit war diese Erde mit Gras und kleinen Sträuchern bewachsen.

Ich müßte mich ein Stück vorarbeiten, dachte ich, dann kann niemand sehen, wenn ich aus den Botten schlüfte, die Torfstapel reichen bis an die Knien, und dann renne ich los, springe über den Graben auf der anderen Seite, auf die Torfleiste, ich fasse gleich in das Gras, am besten in einen Strauch, die Leiste wird unter mir abbrechen, wenn ich in den Graben falle, ist es aus, da komme ich nicht wieder raus, bloß nicht dran denken.

Mein Hintern tat ein bißchen weh, obwohl er gut verheilt war. Ich begann schneller zu arbeiten, ich warf die Stapel schneller auf das Band.

»Was ist denn mit dir los?« zischte Jürgensen neben mir. »Ist dir die Hitze in die Birne gestiegen?«

Ich grinste schwach.

»Oder meinst du, jezt bist’n Pferd?«

»Wieso Pferd? Freuen soll er sich, der Elias, er sagte doch, wenn man zügig schafft, dann freut er sich. Und lieben tut er uns dann auch.«

»Du bist verrückt! Du bist tatsächlich verrückt geworden!«

»Aber Jungs«, rief Elias von oben, »ich sehe mich gezwungen, eine letzte Verwarnung auszusprechen! Arbeiten macht glücklich, Schwatzen betrübt! Und ihr wollt doch nicht betrübt sein!«

»Nun hör dir das Vieh an!« knirschte Jürgensen.

»Wunderbar, Holberg«, ließ Elias’ Stimme sich wieder vernehmen, »ich mag solche Menschen wie dich. Du arbeitest prächtig! Jürgensen! Nimm dir mal an Holberg ein Beispiel!«

Ich hatte mich gut zwei Meter vorgearbeitet, ich schafte es noch eben, den Torf bis auf das Band zu schmeißen. Ich wartete einen Moment, arbeitete weiter und streifte meine Botton ab, machte zwei Schritte auf Socken.

Jetzt mußte ich loslaufen. So oder so. Wenn Elias merkte, daß ich auf Socken lief, dann wußte er, was los war. Und die Botton konnte [ SEITE 241 ] ich auch nicht wieder anziehen, weil ich dann zurück gehen mußte. Einen Strauch gab es hier an der Böschung nicht, doch das Gras war dicht und hoch:

Ich renne ein Stück geradeaus und dann im rechten Winkel auf den Graben zu, ich muß richtig Schwung haben …

Das Denken dauert nur wenige Sekunden.

Ich rannte los. Zwischen den Stapeln entlang.

Fünf Schritte … zehn … zwanzig …

»Haaalt! Haaalt! Haaaaaalt!!«

Es hörte sich an wie ein Tier, das unter ein Auto gekommen ist. Es war der Oberbruder, der da schrie.

»Daaa! Daaa! Festhalten sage ich! Festhalten! Hinterher!«

Ich rannte mit angewinkelten Armen, weit nach voren gebeugt. Sie ziehen jetzt ihre Botten aus, denken wohl, ich will bis ans Feldende laufen.

Ich schlug einen Haken, riß eine Reihe Torfstapel um, raste auf den Graben zu.

Beine unter den Bauch, Brust vor, dann Hände und Beine vor, es ist nur eine Weitsprungübung, Elias hat gesagt: Jungs, wer von euch als erster über den Graben springt, der darf nach Hause … Und ich versuche es eben als erster. Ein ganz normaler Sprung, so ein Grabensprung – da war der Rand! Ich flog richtig über den Graben, über das Wasser, kam mit den Füßen auf die Torfleiste an der anderen Seite, meine vorgestreckten Hände krallten sich in die Grassoden, unter meinen Füßen brach der Torf weg, ich trat wie ein Rasender nach, griff mit einer Hand höher, fand ein wenig Halt, griff wieder nach, trat und stemmte mich mit den Knien höher, dann ging es besser.

Meine Ohren waren wie taub gewesen. Jetzt hörte ich das Geschrei hinter und über allem Elias’ grölende Stimme.

Ich erreichte den oberen Rand der Böschung, hörte, wie unter mir die ersten Jungen in den Graben plumpsten und wild durcheinander schrien.

Ich drehte mich kurz um. Noch hatte es niemand geschafft. Ich rannte die Böschung runter in die niedrigen Birken.

Sie würden es vielleicht an einer anderen Stelle versuche. Elias würde nicht locker lassen. Sollte er es doch selbst versuchen, mit seinem Herrn.

Ich keuchte durch das hohe Gras. Manchmal quatschte der Boden feucht unter mir, und ich dachte, daß es gut sei, wo der Boden [ SEITE 242 ] unsicher war, dort würden sie nicht so suchen. Ich könnte mich verstecken, doch sie würden an jeder Stelle nachsehen. Laufen war besser. Sie würden trotzdem alles absuchen, ob ich lief oder ob ich mich versteckte. Ich lief aber, und sie verloren durch das Suchen Zeit. Mein Atem wurde immer knapper.

Ich blieb stehen und lauschte nach hinten, ich konnte jedoch nichts hören, weil meine Ohren zu sehr rauschten.

Vielleicht war es garnicht hinten? Vielleicht war es vorne oder rechts oder links? Ich würde es merken, wenn ich im Kreis lief, sie verständigen sich durch Zurufe beim Suchen, ich hatte es beim ersten Abhauen gehört:

Ich gehe einfach immer weiter ins Moor, einmal mußte es ja zu Ende sein, ich würde irgendwo rauskommen. Hier gibt es Schlangen. Aber die sind meistens dort, wo es trocken ist. Außerdem tue ich ihnen ja nichts. Tiere merken so was. Ohne Grund beißt kein Hund. Wieso dann eine Schlange?

Die Socken hatte ich unterwegs verloren.

Ich sackte immer öfters bis über die Knöchel in den nassen Boden ein, und es strengte an, die Füße herauszuziehen. Dann schmatzte es. Ich ruhte mich erst aus, als ein dunkler Streifen am Horizont die Dämmerung ankündigte. In dieser Richtung mußte auch der Hauptweg sein, so meinte ich, nach dort mußte ich zurück.

Ich legte mich hin, mit den Füßen nach Westen, ich starrte in den Himmel, der zusehends dunkler wurde.

Im Dunkeln findet mich hier nicht mal eine Armee, dachte ich. Jetzt müßte ich eine Zigarette haben, das wäre gut.

Ich schob die Hände unter den Kopf und dachte an Ingrid [ eine andere seiner Freundinnen, ein älteres Mädel ]. Dort konnte ich mich ausruhen und essen und rauchen. Brötchen mit ganz dicker Erdbeermarmelade. Und schwarzen Kaffee. Ich esse eine ganze Tüte voller Brötchen, na ja, und wenn ich Lust habe, dann esse ich eben noch eine. Eigentlich habe ich Hunger.

Über mir schob sich eine Wolke langsam vorbei. Wie eine Brust mit einer langen Warze.

Ingrid hatte lange Warzen. Ein bißchen lang waren sie, so wie ein Radiergummi an einem Schulbleistifft. Ganz hart wurden sie, wenn sie zärtlich war. Oder waren sie doch etwas kürzer? Schöne Brüste hatte sie, ihre Haut war so glatt …

Als ich erwachte, war es Nacht.

Irgendwo zirpte eine Grille, dann eine andere. Sonst war nichts zu hören. Ich hopste mich warm.

[ SEITE 243 ] Ich überlegte, wie spät es wohl sein könnte und merkte mir ein paar große Birken, nach dort mußte ich gehen, dort hatten meine Füße gelegen.

Es war windig. Der Mond tauchte manchmal zwischen Wolkenbänken auf und leuchtete bleich. Oft versackte ich bis zu den Knien, ich machte immer größere Umwege. Auf einmal waren mehrere Birken da, rechts und links, ich wußte nicht mehr, welche nun die richtigen waren.

Dabei hätte ich schwören können, daß die, die ich gesehen hatte, die einzigen seien. So schnell wuchsen die doch gar nicht. Ich suchte festere Stellen, auf denen ich besser vorankam. Hin und wieder blieb ich stehen und lauschte. Dann raschelte es nicht mehr. Nur dort, wo ich gegangen war, gluckste es leise.

Dem Laufen nach müßte ich schon lange auf festem Boden sein, dachte ich. Eine Wiese. Wiesen sind gefährlich im Moor, weil es keine richtigen Wiesen sind, heißt es.

Bis jetzt hatte ich immer einen großen Bogen um die Grasflächen gemacht.

Ich kann ja vorsichtig sein. Wie naß hier alles ist. Die ganze Woche knallt die Sonne runter, aber hier ist es naß.

Ich probierte ein paar vorsichtige Schritte. Es war eine ganz normale Wiese, tiefer als bis zu den Knöcheln versackte ich nicht. Das Suchen werden sie aufgegeben haben. Kalte Füße habe ich nicht. Das Wasser ist richtig warm. Aha, noch eine Wiese. Ich fand, daß der Boden fester geworden war, ich stakste schneller vorwärts. Auf der anderen Seite standen niedrige Krüppelkiefern und Gräser. Die Wiesen lagen wie Teppiche dazwischen.

Plötzlich gab der Boden unter mir nach.

Fast am Rande der Wiese. Es geschah so unvermittelt, so schnell. Ich wollte mich nach vorne schmeißen, doch ich war bereits bis an den bauch versackt und bekam nur noch einen Grasbüschel zu fassen. Nur Ruhe, ganz ruhig mußte ich sein.

Ich drehte meine Körper etwas, um mit der anderen Hand ebenfalls zufassen zu können. Ganz langsam mußte ich mich herausziehen. Gaaaaz langsam, ein bißchen nur, dann kann ich mit der anderten Hand zufassen.

Das Gras knackte, dann nochmal, dann riß das Büschel mit einem Ruck aus dem Boden. Ich fühlte richtig, wie ich ein ganzes Stück tiefer versackte. Ich versuchte erneut an das Gras heranzukommen, doch es waren nur die Spitzen, die ich erreichte. Jedesmal rissen sie [ SEITE 244 ] ab, es wurden immer weiniger.

Verdammt! Ich kann doch hier nicht einfach absaufen! So ein blödsinniges Moor!

Ich versuchte es immer wieder. Bis an die Brust reichte mir jetzt der Schlamm. Wie ein enges Hemd.

Ich muß doch raus hier! Ich kann doch nicht einfach so versaufen! Nicht mal’n vernünftiges Ertrinken ist das! Sumpf! Ersticken tut man da. Mensch, Ingrid, Inge. Was wird die sagen? Sie sagt nichts, sie weiß nicht mal, daß ich verreckt bin. Vielleicht werde ich erst in zehn Jahren gefunden? Oder in hundert? Jürgensen hatte gesagt, dann hätten sie sicher das ganze Moor trockengelegt. Vielleicht sucht Elias noch? Ich muß schreien. Der läßt mich bestimmt versacken. Aber die Jungen, die ziehen mich raus, wenn sie mich hören. Ich krieg’n Arschvoll. Aber dann kann ich weiterleben, dann kann ich wieder abhauen. Ich muß laut schreien.

»Hiiilfe!«

Das war zu leise.

»Hiiiiiilfeeeee!«

Ich lauschte. Nichts.

Ich sinke nur tiefer, wenn ich schreie. Die hören extra nicht hin, da kann ich lange brüllen. Rote Haare werde ich haben, später, wenn sie mich mal rausziehen. Wie die Moorköppe im Museum. Ekelhaft, Die haben sie auch irgendwo gefunden. Sommersprossen haben sie. Jetzt ist es fast unter meinen Armen, nein, es ist höher.

Ich hob die Arme in die Luft und starrte in den nachtdunklen Himmel. Was würde Elias jetzt machen? Beten? Ich kann nicht beten. Beten nützt nichts, verrecken tue ich doch. Wenn der Herr tagsüber nie zu erreichen ist, dann erst recht nicht in der Nacht. Ich kann nicht mal heulen. Mama. Ob die heulen wird? Was soll sie machen? Ich sacke gar nicht mehr … Oder bin ich schon tot und weiß es nicht, nein, ich lebe. Ich fühle unter den Füßen was Hartes, eine Wurzel? Oder ein Ast? Es gibt nicht nach. Ich sehe den Mond. Jetzt eine Wolke. Wie eine Lokomotivwolke. Der Zug ist weg und sie hängt noch in der Luft. Es muß ein Ast sein, ich kann drauf stehen. Daneben ist es weich, ich kann es mit dem anderen Fuß fühlen.

Ich schob erst den einen Fuß vor, ganz langsam, der Halt blieb. Es ging so schwer, daß mir der Schweiß über die Stirn lief, daß ich meinte, ich würde es nie schaffen. Ich holte den anderen Fuß nach, [ SEITE 245 ] arbeitete mit den Zehen wie eine Raupe, die Graskannte der Wiese kam immer näher.

Dann konnte ich in das Gras fassen, ruhte mich aus, machte weiter. Ich bohrte die gespreizten Finger durch das Gras in den Boden. Das half. Ich konnte mich dichter an den Rand ziehen, das Loch, in dem ich steckte, war ein riesiges Loch, mit fast senkrechten Wänden, die weich und astig waren. Ich fand Halt mit den Zehen, griff mit den Händen nach und hatte schon die Brust frei, ich arbeitete mich bis zum Bauch raus und lag keuchend auf dem Rand, zerrte, schob und zog mich weiter.

Als ich ein Bein rauszog, schmatzte es laut und gluckerte nach, wie bei einem leeren Blechtopf, in den durch ein Loch im Boden Wasser eindringt.

Ich zog das andere Bein hinterher, blieb liegen und fühlte mein Herz gegen den Boden pochen, ich roch das Gras und den leichten Modergeruch in der Luft. Ich wälzte mich auf den Rücken, lag eine ganze Zeit so und dachte an gar nichts. Ich sah nur auf die Wolken, die über mich vorbeizogen.

Dort, wo ich im Sumpf gesteckt hatte, war nichts zu sehen. Nur eine gleichmäßige gestutzte Wiese. Ich kratzte einen Klumpen Dreck vom Hemd, warf ihn weg. Durch den Grasteppich lief ein Zittern. Ich nahm einen großen Klumpen Erde. Es klatschte. Die Grasnarbe riß auf, ein dunkler Fleck wurde sichtbar, dann schloß er sich wieder.

Scheißmoor.

Ich stand auf, ging vorsichtig weiter.

Vielleicht komme ich überhaupt nicht mehr raus. So was gab es ja. Man rannte immer im Kreis herum. Entweder versackte man oder man verhungerte.

Weit vor mir war ein undeutliches Licht zu sehen. Ich machte die Augen zu. Im Moor hat ein Licht nichts zu sagen, dachte ich. Irrlicht ist das.

Doch als ich wieder hinsah, war es an der gleichen Stelle. Ich ging schneller.

Vielleicht ist es ein Bohrturm? Die Türme stehen am Rand des Moors, das weiß ich. Ich habe es gesehen, als mich der zweite Vater zurückgebracht hat. Oder ist es ein Hof? Ein Bauernhof?

Plötzlich versackte ich mit einem Bein wie in einer gelöschten Kalkschicht, ich ließ mich zur Seite fallen, kroch zurück, tastete mich weiter, da der Mond von Wolken verborgen war.

Ich fand das Licht nicht mehr, nicht die Richtung, in der ich es [ SEITE 246 ] gesehen hatte, ich ging immer der Nase nach, ohne zu wissen wohin. Ich meinte, der Boden sei fester geworden. Es gluckerte auch nicht mehr hinter meinen Schritten.

Der Mond kam wieder durch. Ich sah schräg vor mir einen aufragenden Schatten, zwei waren es, ich erkannte die hohen Masten des Förderbandes, von denen die Stahlseile zu den Auslegern liefen, wie ein Trapez, sah es aus. Ich kam an den Rand eines Torffeldes.

Ich ging an den Stapeln entlang und pfiff ein bißchen vor mich hin, als hätte ich Angst, Band und Feld könnten zusammen mit dem Mond wieder verschwinden. Doch das Feld blieb und das Band auch. Ich brauchte nur das Feld hinuntergehen, dann kam ich an den Weg. An jedem Feld war ein Weg. Und Lorenschienen. Ich kam heraus, aus dem Moor.

Es war das Torffeld, auf dem wir gearbeitet hatten. Das Förderband stand fast an der Stelle, an der ich über den Graben gesprungen war. Wo, konnte ich nicht mehr sehen, überall waren die Torfleiste und der Grabenrand weggebrochen.

Sie sind also auch rübergekommen, aber zu spät.

Ich kletterte auf eine Raupenkette, über die Eisenleiter nach oben auf die Plattform, auf deren einer Hälfte die Fahrerkabine war, ein Überdach, vorne und hinten eine Blechwand, an den Seiten stand sie offen. Vielleicht hatte der Fahrer sein Frühstücksbrot nicht aufgegessen, und es lag noch irgendwo was rum. Aber der hatte dicke Backen gehabt, der aß sicher alles auf.

Ich fand nichts.

Auf der Plattform befand sich ein drehbarer Eisensitz, wie auf einem Heumäher.

Hier saß er immer, der Elias. Und ein Kissen legte er sich auch noch unter seinen Pferdehintern.

Ich setzte mich.

»So ist s richtig! Nur dem ist Glück gegeben, der mit Freude schafft! Nur weiter so, den duftenden aromatischen Torf gewinnen!«

Wie er schwitzt, der Elias. Ganz rot ist er im Gesicht. Und seine Stiefel, so staubig sind die. Jezt guckte er zu mir hoch, immer wenn er sich umdreht.

»Wunderbar Elias! So gefällst du mir! Die anderen sollten sich ein Beispiel an dir nehmen!«

Er macht weiter. Er ist langsamer geworden. Den Torf schmeißt er auch dauernd daneben. Was ist das denn!? Jetzt quatascht er doch mit [ SEITE 247 ] seinem Nebenmann Schulze! Das ist doch …

»Du sollst arbeiten, Elias! Keine Konversation, Elias! Ich werde dir für heute abend das Rauchen streichen müssen! Du hast mir doch gesagt, du willst mit Freude schaffen, weil du mein Bruder bist! Und du auch Schulze. Ab sofort säufst du keinen Tee mehr. Du kriegst eine Woche lang Petroleum, dann kannst du auch schneller arbeiten, in Christi!«

Elias arbeitet jezt schneller. Schluze auch. Sie gucken nur ganz kurz zu mir hoch, wenn sie den Torf auf’s Band schmeißen. Wie der Schweiß über ihr Gesicht läuft, hahaha, jezt kommt er sogar aus den Stiefeln.

»Brav, Elias! So mag ich dich! So bereitest du mir Freude, und ich habe Grund dich zu lieben!«

Hört er garnicht zu, der Elias? Er tut so, als hörte er nicht zu! Wie ein Roboter bewegt er sich.

»Heh, Elias, hörst du!? Freude sollst du mir bereiten! Und Liebe! Verstehst du!? Diesen wunderbaren [schwarzen] Torf muß man einfach mit Freude gewinnen! Und mit Liebe! Und jetzt sehe ich, daß du deine Arbeit liebst!! Ich liebe dich also auch!! Es ist ein Tag voller Liebe und Freude heute!! Hörst du!!? Freuuuuude!! Elias! Und Liiiiiebe!! Du sollst hören, verdammt noch mal!! Komm doch mal hoch, mein Junge!«

Elias kletterte stumm auf die Kette. Plötzlich war er weg.

Ich schloß die Augen, öffnete sie wieder. Er war weg!

Dabei hatte er eben noch unten gearbeitet, hatte sich gebückt, die Stapel angehoben, sich halb umgedreht und den Torf auf das Band geworfen, den [schwarzen] aromatischen Torf.

Mein Hals tat mir weh.

Morgen früh würde er wieder hier sitzen, mit seiner Spiegelbrille. Wie ein großer, heiliger Vogel. Und zu dem Monteur würde er sagen, mit einem Daumenzeichen: das Band etwas schneller. Nach einer Weile wieder das Daumenzeichen und wieder und wieder, und er würde milde lächeln von oben herabblicken.

Ich erhob mich von dem Sitz.

Morgen nicht. Morgen würde ihm das milde Lächeln vergehen.

Unter dem Überdach waren die Bedienungshebel, die Manometer, die Schalter. Ich umfaßte einen Hebel und bog ihn solange hin und her, bis er abbrach, bis ich die Eisenstange in der Hand hatte. Sie entglitt meiner Hand und rutschte in das Gestänge des Bandes, ich fand sie nicht im Dunkeln. Ich nahm einen anderen Hebel, es ging [ SEITE 248 ] schwer, hin, her, hin, her, hin, her, dann brach er auch ab. Ich schlug mit dem abgebrochenen Ende die kleinen Scheiben ein, stieß die Manometer kaputt, die Schalter, und keuchte, weil es anstrengte. Jezt kann er erstmal auf Freude warten, auf Liebe auch! Jezt war arbeitsfrei auf der ganzen Linie. Ich ordne hiermit an: Morgen ist Sonntag! Ein Sonntag, an dem ihr nicht in die Kirche latschen müßt! Und übermorgen auch, und überübermorgen auch!

Ich hielt erschöpft inne. Ich warf den Hebel fort in das Feld und kletterte nach unten, ging weg, das Feld hinunter, dort wo die Torfstapel schon weggräumt waren. Ich konnte die Richtung zum Weg nicht verfehlen. Dort hatten wir morgens angefangen. Auf dem Weg lief ich. Langsamer Dauerlauf. Der ließ sich am längsten durchhalten.

Ich erreichte den Hauptweg, lief hart an der rechten Seite. Dort war der Boden neben den Lorenschienen festgetreten, ich freute mich über das leichte Klatschen meiner Füße.

Die Verwaltung lag dunkel und wie ausgestorben da. Ich nahm diesmal die entgegengesetzte Straßenrichtung. Manchmal kam ein Auto und ich rutschte in den Straßengraben, wartete, bis es vorbei war.

Eine Brücke tauchte auf. Die Straße führte über einen Wassergraben. Ich zog mich nackt aus und watete im Schutz der Brücke in dem Graben. Das Wasser reichte mir bis an den Bauch, es war warm und roch nach Moor. Ich tauchte unter und bewegte die Arme und fühlte, wie es mich überall weich umschloß.

Ich wusch mir den Dreck ab, ich spülte Hemd und Hose aus. Als ich die Sachen wieder anzog, fröstelte ich.

Auf der Straße hüpfte ich von einem Bein auf das andere, ich schlenkerte mit den Armen, ich überlegte, wann ich das letztemal so gehüpft war.

Die Straße machte jetzt einen Bogen nach dem anderen, führte durch Kiefernwäldchen, an einer Weide vorbei, auf der verstreut Kuhblöcke lagen. Hinter einem Waldstück sah ich Lichtschein. Ich blieb stehen und dachte an meinen Hunger, den ich plötzlich fühlen konnte. Das Licht gehört gewiss zu einem Bauerhof. Wo ein Hof war, da gab es auch was zu essen.

Ein Sandweg zweigte ab. Ich ging zwischen den Bäumen entlang, immer in Höhe des Weges. Der Lichtschein wurde größer. Metall klirrte. Ich hörte eine Männerstimme rufen.

Es war eine Bohrstelle. Sie befand sich neben dem Wald auf einer Weide, wo inmitten von Holzbaracken das Gitterwerk eines Bohrturms aufragte. An so einer Bohrstelle wurde rund um die Uhr gearbeitet. Eine Schicht löste die andere ab.

Ich überlegte, daß die Gegend ziemlich abgelegen war, daß ich ein Moped mitnehmen könnte. Ich ging das kurze Stück Weg bis an das Camp. Unter einem Unterstand parkten zwei Autos und drei Motorräder. Überall steckte der Zündschlüssel. Ich bockte eine Maschine ab und schob sie in den Wald. Ich kehrte zurück und sah in den Autos nach, ob ich vielleicht etwas Eßbares fand.

Nichts.

Aber hier mußte irgendwo eine Frühstücksbude sein, dort war niemand drin, wenn gearbeitet wurde. Ich schlich an der Rückseite der Baracken entlang, doch nirgens fand ich eine Lücke, die breit genug war, um mich hindurch zu lassen. Der Platz inmitten der Baracken war hell erleuchtet, man würde mich sofort sehen an der Haupteinfahrt. Ich umrundete das ganze Camp, kam an einen Bohlenstapel zwischen den Schuppen. Die untere Schicht lag nicht auf der Erde, sie war auf kurzen Zementsockeln gelagert, gerade so hoch, daß ich mich auf dem Bauch darunter entlangschieben konnte, es war zu niedrig.

Dann lag ich am vorderen Rand des Stapels und übersah den Platz.

Das Bohrgerüst war ein Stück entfernt, Männer standen auf einer Plattform und unten auf der Erde.

Ich schob den Kopf heraus und zog ihn sofort wieder ein, da die Männer in meine Richtung kamen; die anderen stiegen von der Plattform, folgten. Sie gingen seitwärts in eine Baracke, und ich fluchte still, weil ich ahnte, daß sie eine Pause machten. So lange konnte ich hier nicht liegenbleiben.

Jetzt kam einer der Männer wieder heraus. Ich konnte nur die Füße und die Beine bis zu den Knien sehen. Er kam genau auf den Stapel zu, blieb vor meinem Gesicht stehen.

Einen Moment lang dachte ich, er habe mich entdeckt.

Die Füße drehten sich, ich hörte, wie er sich ächzend setzte. Eine Flasche wurde geöffnet, es schmatzte hohl und dumpf. Eine Blechdose klapperte, Papier raschelte.

Ich schluckte mehrmals.

Ein zweiter Mann kam aus der Bude. Seine Beine blieben an der [ SEITE 250 ] Stapelecke stehen.

»Mensch«, sagte der über mir, »kannst’ e nicht’n Stück weiter gehn!«

»Wieso?« Vor den Füßen an der Ecke schäumte ein Strahl die Erde auf. »Wegen dem Viertelliter lauf ich doch nicht extra in die Wallachei.«

Der Strahl brach ab. Die Füße gingen weiter.

Ich konnte jetzt den zweiten Mann sehen, wie er sich ein Stück weiter entfernt auf ein Rohr setzte.

»Ach, hinsetzen tust’e dich da, aber hinpissen hier, was!« Mein Übermann fluchte mit vollem Mund.

Ich fragte mich, was er wohl gerade aß. Schwarzbrot mit Kalbsleberwurst. Oder Mortadella.

»Hab dich nicht so, alles der Reihe nach«, erwiderte der Pisser auf dem Rohr. Er öffnete eine Tasche, begann zu essen und sah zum Bohrturm hin.

Über mir klirrte ein Flaschenverschluß. Die Füße vor meiner Nase schurrten. Der Mann stand auf und ging zur Bude hin. Der Pisser sah kurz herüber und rief: »Bring mir auch eine mit!«

Ich schob mich ein Stückchen vor, faßte das Holz an. Der Mann hatte auf einem Vorsprung der unteren Bohlenschicht gesessen. Ich tastete schnell dort herum, sah zum Pisser hin, doch der guckte zum Turm.

Ich fühlte die Butterdose. Das Papier knisterte etwas. Ich bekam mit einem Griff zwei Doppelscheiben und eine Gurke zwischen die Finger, zog mich wieder unter den Stapel zurück. Ich schlang die Gurke hinunter, biß in eine Doppelscheibe.

Was drin ist, ist drin.

Mein Übermann kam wieder, er hatte in einer Hand zwei Flaschen. Ich stopfte meinen Mund voll, schob die zweite Scheibe vorne ins Hemd und kroch Stück für Stück rückwärts.

Mein Übermann setzte sich.

»Was is’n das?« hörte ich ihn verblüfft fragen. Und dann: »Mensch, mach doch nich so’n Scheiß! Gib das Brot her!«

»Spinnst du?« fragte der Pisser.

»Mensch, gib her!«

»Tatsächlich, du hast’n Stich«, der Pisser lachte, »hoffentlich geht das auf Krankenkasse!«

Ich hatte den Bohlenstapel unterquert, erhob mich und lief quer über die Weide zum Wald, wo das Motorrad an einem Baum lehnte. Im Laufen holte ich den Doppelscheibenbrei aus meinem Hemd und schluckte ihn runter. Schmeckt nach Jagdwurst.

Ich schob das Motorrad im Laufschritt bis zur Straße und auf dieser bis zur nächsten Biegung.

Es sprang sofort an.

***

Zu hause war alles dunkel.

Ich hatte tagsüber in einer Schonung geschlafen. Kurz nachdem ich mit dem Motorrad losgefahren war, war es hell geworden. Abends hatte ich die Maschine aus dem Dickicht geholt. Mitten in der Stadt war mir der Sprit ausgegangen. Ich hatte das Krad vor einem Geschäft aufgebockt und war auf Umwegen zu Fuß weitergegangen, bis zum anderen Stadtende, wo wir wohnten.

Jetzt stand ich hinter dem Haus im Garten und überlegte, wie ich unbemerkt hineinkam. Überall waren die Rolläden heruntergelassen.

Ich aß ein paar halbreife Augustäpfel und sah zum Balkon hoch. Oben wohnte der Vater des zweiten Vaters. Mir fiel ein, daß dort die Stubentür im Sommer nie geschlossen wurde. Der Zweitvatervater lehnte die Tür nur an und ließ die Rolläden runter, aber die Sperre legte er nie um. Das Wußte ich.

Ich holte die Leiter aus dem Gartenschuppen, ging zum Haus und stieg auf den Balkon.

Der Rolladen quietschte etwas, ich schob ihn ganz langsam hoch und faßte erstmal mit einer Hand hindurch. Die Tür dahinter war offen. Ich schob den Laden höher und stellte einen Balkonstuhl drunter, machte Licht im Zimmer. Nebenan befand sich die Küche. Auf dem Schrank stand eine Schüssel mit Tomatensalat. Ich aß. Dann schlich ich auf den Flur und lauschte. Alles blieb still. Die Schlafzimmer lagen vorne, und ich konnte mich erinnern, daß nachts selten jemand aufstand. Ich ging dicht am Geländer der Treppe nach unten, nahm immer vier Stuffen auf einmal, weil ich wußte, daß irgendeine Stufe knarrte.

Die Tür zu meinem Zimmer war unverschlossen. Es befand sich alles noch am gleichen Platz, als sei ich nur mal kurz weggewesen und komme jetzt ewas später nach Hause.

Ich zog mich um, nahm ein Paar leichte Schuhe, in denen ich gut laufen konnte, klemmte das alte Zeug unter den Arm und schlich wieder nach oben.

Als ich das Licht ausknipsen wollte, fiel mein Blick auf die Hose des Zweitvatervaters, die über einem Stuhl hing. Er hängte sie immer in die Stube über einen Stuhl, ging dann in seinem Hemd und seinen schlabberigen Unterhosen über den Flur. Die Unterhosen waren an den Knien sehr ausgebeult, als machte er den ganzen Tag Kniebeugen. In der Gesäßtasche befand sich sein Portemonnaie.

Ich nahm einen Fünfziger heraus, steckte es wider weg, ich knotete seine Hosenträger an der unteren Stuhlquerstrebe fest, bis keine Knoten mehr reingingen und hängte die Hosenbeine darüber. Morgen früh würde er wie gewohnt die Hose mit einem Ruck vom Stuhl nehmen wollen.

Ich verließ das Zimmer, brachte die Leiter an ihren Platz zurück und pflückte mir noch ein paar Äpfel ab. Dann bummelte ich durch die Randgebiete der Stadt zur Weser. Unterwegs steckte ich das alte Zeug in eine Mülltonne. In der Nähe des Stadions machte ich es mir im hohen Ufergrass bequeem.

Wenn ich zu Ingrid wollte, dann war der kürzeste Weg über Minden, und die Bundestraße nach Minden verlief auf der anderen Stadionseite. Irgendein Auto würde mich schon mitnehmen, wenn es hell war. Ein Kiosk war vor dem Stadion, dort konnte ich Zigaretten und Brötchen kriegen.

Ich mußte an Karen [ ……….. ] denken. Juni oder Juli hatte sie vor ein paar Wochen gesagt. Dann sollte ich sie abholen. Juli hatte gerade angefangen. Wenn ich noch frei bin, dann hole ich dich ganz bestimmt ab, hatte ich zu ihr gesagt. Hm, jetzt bin ich wieder frei. Benno wird ihr gesagt haben, daß sie mich nach Heiligenstatt [ bzw., Freistatt ] gebracht haben. Vielleicht ist sie inzwischen alleine abgehauen? Und wenn nicht? Sie wird nicht alleine abgehauen sein, ich habe ihr gesagt, daß ich sie holen werde und nun wartet sie, weil ich’s gesagt habe. Ich kann sie nicht einfach hängenlassen, sie weiß zwar nicht, daß ich wieder frei bin, aber daß spielt keine Rolle. Ich muß mich erst um Karen kümmern. Wenn sie schon alleine abgehauen ist, dann kann ich nichts machen, ist sie es nicht, helfe ich ihr. [ ………. ]

================

[ ………. ]


[ SEITE 159 ]

[ Benjamin Holberg, mit fünfzehn und ein halb Jahren, während er noch im Landesjugendheim in Göttingen ist. ] [ Ben meint: ]
»Mensch, ich verlier richtig die Lust, im Heim zu sein.«

[
Hagen, ein anderer, älterer Anstaltsinsasse meint: ] »Lust ist gut. In einer unnormalen Situation hat man unnormale Gedanken. Das ist hier keine Gaukelei sondern Ersatzgaukelei. Man muß das nur nüchtern betrachten. Ich bin jetzt über anderthalb Jahre hier, Ben, erst Schälküche, dann nach hierher verlegt, mit zum Bauern gefahren, Kohlen geschleppt, und jetzt bin ich in der Wäscherei. Vor einem halben Jahr habe ich Wälzer [ den Obererzieher ] mal gefragt, ob ich nicht mein Abi nachmachen könnte. Mein lieber Röhmer, hat er gesagt, das ist hier ein Erziehungsheim und keine Penne. Beweise doch erst einmal, was in dir steckt.

Siehst du, und jetzt bin ich qualifizierter Wäschereihilfsarbeiter. Ich weiß genau, wie viele Bettbezüge und Tischdecken die Alte vom Zigarrenladen im Monat braucht, wie der Anhänger vollgepackt werden muß. Und für den Fall, daß eine Wäscherei, bei der ich nach meiner Entlassung mal anfangen werde, ein anderes Wäscheverteilungssystem hat, dann hat die Anstaltsleitung, vorausblickend wie eine Anstaltsleitung nun mal sein muß, mich im Kartoffelschälen ausgebildet. Oder wie lade ich einen Ackerwagen voll? Oder wie wird ein Kuhstall gesäubert und was ist bei der Säuberung als erstes zu beachten? Daß alle Kühe raus sind, weil sie sonst nämlich im Weg stehen.

Wir sind in erster Linie billige Arbeitskräfte, Ben, das ist alles, eingesperrte Arbeitskräfte. Wir verrichten unsere Arbeit unter Zwang, unsere Arbeitsleistung entspricht der ausgewachsener Männer, und diese Arbeitsleistung wird von der Anstalt verkauft, vermietet. Das andere Wort für uns ist Sklaven, aber es ist verpönt, in unserem Zeitalter noch von Sklaven zu sprechen. Der Bauer oder der Kohlenhändler muß an die Anstalt den vollen Lohn bezahlen, und was bekommst du? Du bekommst pro Tag eine Mark davon auf dein Anstaltskonto. Damit du später etwas bei deiner Entlassung hast. Gut, nicht? Diese Anstalt [ das Landesjugendheim in Göttingen ] ist eine staatliche Einrichtung, es ist eine staatliche Sklavenhalterei. So einfach ist das. Und was viel schlimmer ist – so selbstverständlich ist das. Man ist [ d.h., wir, die Sklaven sind, ] sogar noch dankbar, wenn die Leute [ d.h., die ‘Lohnherren’ / ‘Unternehmer’, uns Sklaven ] hin und wieder ‘ne Mark geben, Geld, das dir sowieso zusteht. Sie geben es dir nur, um dich bei Laune zu halten, damit sie für den Lohn, den sie an die Anstalt entrichten müssen, möglichst viel Arbeitsleistungen bekommen. Verstehst du, das ist ein ewiger Kreislauf.«

[
………. ]




Auszüge aus einer von den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, selbst, unterstützten Veröffentlichung aus dem Jahre 1999das Jahr des 100. Jubiläums von FreistattWOLFGANG MOTZKAU-VALETON : Streiflichter aus der Geschichte der Diakonie Freistatt, SCHRÖDERSCHER BUCHVERLAG, VERLAG FÜR REGIONALKULTUR, Diepholz 1999, ISBN 3-89728-027-2.

Seite 55, oben:

1978

in dem Buch »Treibjagd« [ – ] [Die Geschichte des Bejamin Holberg] [autobiographischer Roman] von Michael Holzner (Hamburg 1978) [@ 1978 Margit Holzner] [Die Originalausgabe erschien bei Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg] [Veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg, Oktober 1980] [780-ISBN 3-499 14622 3] [ – ] erscheinen zwei Kapitel über Freistatt, die [gemäß Wolfgang Motzkau-Valeton] [»]grob irreführende Angaben[«] enthalten; fußend auf dem Buch wird auch ein Fernsehfilm gedreht.
Buch und Videokopie im [Bethel Haupt]Archiv vorhanden.


[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 24. Januar 2006 ]


Subindex Nr. 1

Ehemalige Heimkinder wollen nicht mit anderen verwechselt werden.
Sie haben ihre eigene Webseite: Heimkinder-Ueberlebende.org @ www.heimkinder-Ueberlebende.org




Martin Mitchell – Fotos aus seiner Kindheit und Jugendzeit
(chronologisch arrangiert – 1946-1964 – von unten aufwärts)


Die Leidensgeschichte des damalig staatenlosen Jugendlichen Martin Mitchell
in westdeutscher “Fürsorgeerziehung” in den 1960er Jahren, geschildert und
belegt an Hand von aktuellen Schriftstücken aus der “Fürsorgeerziehungsakte”
damalig geführt von der Anstaltsleitung der Betheler Zweiganstalten Freistatt –
Anstalt Freistatt im Wietingsmoor
(Kreis Diepholz, Niedersachsen) – Teilanstalt
der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel
(bei Bielefeld, Nordrhein-Westfalen).

( Akte erhalten in Australien am 16. Mai 2006.
)



Intensive Handarbeit im Moor in Anstalt Freistatt, damals – historische Bilder –
( im Oktober 1993 umbenannt in Diakonie Freistatt).
Virtueller Rundgang durch das damalige Freistätter Wietingsmoor in Niedersachsen


Fürsorgeerziehung im Nationalsozialismus –"Bewahrung" und "erbbiologische Aussiebung" von Fürsorgezöglingen.
Vermächtnis und Auswirkungen dieser Ideologien im Nachkriegsdeutschland und in der Bundesrepublik
(1945 - 1985)


Fürsorgeerziehung im Dritten Reich –
Werner Villinger, Chefarzt von Bethel, und seine Ideologien und Karriere
in der Jugendfürsorge und Jugendpsychiatrie
auch in West-Deutschland, nach 1945.


Ein weiterer Beweis für das was den Mächtigen weiterhin in Deutschland wichtig war
sofort nach dem zweiten Weltkrieg,
und ihnen auch weitergehend wichtig war in der Bundesrepublik Deutschland,
nach 1949, besonders in der Fürsorgeerziehung.
Ein Beispiel für die Kontinuität in der Sozialfürsorge: Helene Wessel


Zwangsverpflichtet im Vaterland!
"ZWANGSARBEIT" – "ARBEITSDIENST" – "ARBEITSTHERAPIE" – "KEIN PFENNIG JOBS"
– Fürsorgeerziehung, Jugendwohlfahrt und Arbeiterwohlfahrt und ihre Abarten
in der Geschichte Deutschlands – hier ein Beispiel aus dem Dritten Reich –
und ein Moor,Torfabbau und anstaltseigenes Torfwerk gehörten auch hier wieder mit dazu.


Geschlossene Unterbringung.
Die Geschichte des geschlossenen Mädchenheims Feuerbergstraße in Hamburg-Altona.
Fürsorgeerziehung unter dem Jugendwohlfahrtsgesetz:
Weimarer Republik. Drittes Reich. Bundesrepublik (BRD).


Kinder und Jugendliche als Opfer in 'Erziehungsheimen' / Arbeitserziehungslagern / Arbeitszwangslagern

Damalige Erziehungsanstalten gleicher Art wie jahrzehntelang in Westdeutschland betrieben wurden,
existierten auch in der Bundesrepublik Österreich.
Ein Betroffener aus Österreich meldet sich zu Wort.


Die bisher verdrängte Geschichte der Heimerziehung in der Republik Österreich - Schwarze
Pädagogik der Nachkriegszeit, genauso wie in der Bundesrepublik Deutschland
.
WANDERAUSSTELLUNG zur Geschichte der Heimerziehung in Österreich - Nachkriegszeit.
Ein Heim Namens
"WEGSCHEID", in Linz, Öber-Osterreich, wird vorgestellt:
Ausstellungskatalogue:
Michael John / Wolfgang Reder, "Wegscheid. Von der Korrektionsbaracke
zur sozialpädagogischen Institution"
, Linz 2006, ISBN-10: 3-200-00657-9.


“Der unwerte Schatz” – Roman einer Kindheit – Vernichtung ‘unwerten’ Lebens.
Roman von Tino Hemmann, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2005 – ISBN 3-938288-41-8


DVD 112 / 2005: "LEBENSUNWERT – Paul Brune – NS-Psychiatrie und ihre Folgen
ca. 45 Min. Film plus 15 Min. ergänzendes Material – erhältlich vom Medienshop
des Westfälischen Landesmedienzentrum – Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Münster.


Lebenswert – Lebensunwert – ERNST KLEE : "Deutsche Medizin im Dritten Reich"
S. Fischer Verlag Frankfurt/M., Oktober 2001, ISBN 3-10-039310-4416.
Rezension von dem Soziologen Dr. Robert Krieg (geb. 1949) selbst Autor und Regisseur:


Schutzbefohlene Heimkinder / Insassen Hinter Mauern : Ein Fallbeispiel – Der Leidensweg des Paul Brune

Paul Brune – Fallbeispiel – „Lebensunwert“ – Filmbiographie
über die langen Schatten der Psychiatrie des 'Dritten Reiches',
aber auch ihre dunkle Kontinuität in der Bundesrepublik
bis fast in die Gegenwart –
konzentriert sich hier auf die Situation in Einrichtungen der Provinz Westfalen in der Trägerschaft des Provinzialverbandes,
Vorläufer des Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).


Paul Brune – “Lebensunwert” – Und wer sonst noch? – Eine späte Entschuldigung!
NS-Ideologie im Dritten Reich und ihre Folgen – auch noch für lange Zeit danach.
Beiträge, Erklärungen und Korrespondenz zu diesen Themen – aus dem Jahre 2003.


Gott und die Welt. - Einzelhaft und Zwangsarbeit – Fürsorgeerziehung
in Deutschland [BRD] [50er, 60er, 70er und 80er Jahre] –

im WDR Fernsehen, Sonntag 11.09.2005 um 16:25;
Wiederholung, Dienstag 13.09.2005 um 10:15, (Länge 30 Min.).


WDR FERNSEHEN – Dokumention: "Lebensunwert" – Der Weg des Paul Brune

Zum Thema Antifaschismus:
»Lebensunwert? - NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand« -
Irrsinnige Ideology und ihre Langzeit Folgen im Nachkriegsdeutschland. -
Herausgeber dieses Sachbuches, erstveröffentlicht in 2007, ist

der Freundeskreis Paul Wulf. Erschienen im Graswurzel Verlag. ISBN 3-939045-05-5.


Ein VORWORT von Journalist, Filmmacher und Autor Robert Krieg zum Sachbuch
»Lebensunwert? - NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand«


[ Heimerziehung – Zöglinge - Heimkinder ] Zwischen Disziplinierung und Integration
– Westfälisches Institute für Regionalgeschichte – Landschaftsverband Westfalen-Lippe Münster –
FORSCHUNGEN ZUR REGIONALGESCHICHTE – Markus Köster und Thomas Küster (Hg.)
[ Anstaltserziehung – Fürsorgeerziehung – Weimarer Republik – Drittes Reich – Bundesrepublik ]


Dipl.-Päd. Wolfram Schäfer, Institut für Erziehungswissenschaft, Philipps-Universität Marburg:
Fürsorgeerziehung und Jugendpsychiatrie im Nationalsozialismus
Die erbbiologisch begründete Forderung nach der »Aussonderung Unerziehbarer« aus der Fürsorgeerziehung war von den führenden Vertretern der deutschen Jugendpsychiatrie bruchlos aus der Weimarer Republik über die NS-Diktatur in die Bundesrepublik tradiert worden. Die Auswirkungen auf die Gestaltung der Heimerziehung in der jungen Demokratie waren bekanntermaßen fatal.


Sieglinde WALTRAUD Jung’s Leidensgeschichte als Gefangene
und unentlohnter Arbeitssklave der Rummelsberger Anstalten,
im "Haus Weiher"
(1965-1968)(zugehörend zur Bayrischen Inneren Mission)
"Heim für 'schwererziehbare' Mädchen""Mädchenheim Weiher"
(1938-1972)
in Hersbruck, bei Nürnberg, eine Zweigstelle der Rummelsberger Anstalten, in Bayern,
Bundesrepublik Deutschland – "Wirtschaftsunternehmen" im "Wirtschaftswunder BRD".


Ehemalige Heimkinder schildern »Schwere Schicksale im Bundestag«,
Berichtet im Der Westen (Das Portal der WAZ Mediengruppe), 16.11.2007.
Sabine Nölke: Der Petitionsausschuss des Bundestags befaßte sich
erstmals im Dezember 2006 mit dem Schicksal ehemaliger Heimkinder.


»Die weggesperrten Kinder der Nachkriegszeit.«
»Heimzöglinge der 50er und 60er Jahre haben ihr Schweigen gebrochen -
Jetzt fordern sie eine Entschädigung.
«
Jürgen Potthoff berichtet im Der Westen (Das Portal der WAZ Mediengruppe), 20.11.2007.


Regina Eppert (Regina Page) mit Peter Wensierski vom SPIEGEL berichten
über, und diskutieren, die damalige Heimerziehung der Nachkriegszeit
(ca 1945-1979)
in ihren Sachbüchern "Schläge im Namen der Herrn – Die verdrängte Geschichte
der Heimkinder in der Bundesrepublik"
und "Der Alptraum meiner Kindheit und Jugend –
Zwangseinweisung in deutsche Erziehungsheime"

Berichtet @ westline – in Westfälische Nachrichten – 20. Oktober 2006,
in einem Artikel mit der Überschrift "Lachen und Weinen strengstens verboten".


"Mädchenknast" – Dortmunder Vincenzheim – September 1977 – auch hier werden Heimkinder weitergehend gefangen gehalten und als unentlohnte Arbeitskräfte – Zwangsarbeiter – von der Katholischen Kirche von Deutschland ausgebeutet – hier in einer Waschanstalt / Großwäscherei der Paderborner Vinzentinerinnen.

Das damalige Vincenzheim (für Mädchen) - die heutige Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung "Vincenzheim Ausbildungsstätte" - in Dortmund lehnt den Vorwurf von damaligen Misshandlungen gegen ihre jugendlichen Heim-Insassen ab. Und auch Theo Breul, Abteilungsleiter beim Caritas-Verband in Paderborn, was das Salvator-Jugendheim in Hövelhof - das damalige Salvator-Kollege (für Jungens) - betrifft, weist alle Vorwürfe zurück.

Bundesrepublik Deutschland: Kinder alleinerziehenden Müttern entrissen und in konfessionelle Heime gesperrt, um christlich erzogen zu werden. Heimkinder wegen läppischer „Vergehen“ – nur bei Hinreichung einmal täglich von Wasser und Brot –
in Isolationshaft gesperrt.
Heimkinder-Ueberlebende überall in der Bundesrepublik Deutschland
berichten von jahrelanger unentlohnter „Zwangsarbeit“ und schwerwiegenden Misshandlungen und Entwürdigungen –
und sind noch heute davon traumatisiert.


Heimkinder-Überlebende brechen ihr Schweigen: Schläge und Quälereien von Kindern und Jugendlichen - "Unglaublich. " - "Niemand hat etwas davon gewußt." "Es kann doch nicht möglich sein. " - "Niemand [von den Heim-Insassen] hat sich beschwert. " - Es habe "allerdings keine regelmäßigen Kontrollen gegeben. " - Heute wird von den Verantwortlichen nur geleugnet, bagatellisiert, oder einfach völlig geschwiegen.

„Moorhof zur Hölle“ – Freistatt im Wietingsmoor in den 50er Jahren. Opfer über die damaligen Methoden in dieser Anstalt; berichtet mit Hilfe eines Zeitungsartikels der am 13.5.1999 im Weser-Kurier veröffentlicht wurde – das Jahr des 100. Jubiläumsfestes der Diakonie Freistatt.

Die wahre Geschichte der damaligen ANSTALT FREISTATT aufgedeckt und erstmalig im Internet veröffentlicht! ANSTALT FREISTATT, Torfgewinnungsgesellschaft im Bethel eigenen Wietingsmoor, ein privat-kirchliches Wirtschaftsunternehmen und Moorlager Arbeitserziehungslager / Arbeitszwangslager der Diakonie (1899-1991), das noch jahrzehntelang nach dem Zweiten Welt Krieg in der Bundesrepublik Deutschland angewendet wurde, wo 14 bis 21 Jahre alte “schwererziehbare” jugendliche deutsche Zwangsarbeiter systematisch getrimmt und auf das Schlimmste misshandelt wurden.

Das Wirtschaftsunternehmen der Torfgewinnungsgesellschaft im Bethel eigenen Wietingsmoor, im Areal der ANSTALT FREISTATT, im Hannoverschen, in der Bundesrepublik Deutschland, und dessen jugendlichen deutschen Zwangsarbeiter, im Vergleich zu den jugendlichen – und auch älteren – deutschen Zwangsarbeitern im BREMISCHEN TEUFELSMOOR, ein Wirschaftsunternehmen der TurbaTorfindustrie G.m.b.H, im Dritten Reich. Was war der Unterschied? Das ersterwähnte wurde (von 1899-1991) von der Diakonie betrieben, das andere (von 1934-1945) vom Staat.

Freistatt – Wirtschaftsunternehmen – Teil I
Freistatt – Anstalt Freistatt – Diakonische Heime Freistatt – Diakonie Freistatt – Freistatt im Wietingsmoor – Betheler Zweiganstalten im Wietingsmoor – Arbeiterkolonie Freistatt – Arbeitsdienstlager Freistatt – Moorkolonie Freistatt –
“Zwangsarbeitslager Freistatt”
Was entspricht der Wahrheit, und was nicht?


Freistatt – Wirtschaftsunternehmen – Teil II
Zweimalige Flucht eines jugendlichen Zwangsarbeiters aus Freistatt im Wietingsmoor
HOLZNER, MICHAEL – TREIBJAGD – Die Geschichte des Benjamin Holberg –
ein auf Fakten bassierender Roman über die Fürsorgeerziehung und ihre Folgen
in der Bundesrepublik Deutschland.
AUSZÜGE.


Tatorte schwerwiegender Misshandlung von Kindern und Jugendlichen
im Bethel eigenen Freistatt im Wietingsmoor:
Deckertau, Haus Neuwerk, Heimstatt, Moorburg, Moorhof, Moorhort, Moorpenison, Moorstatt, Wegwende, und Wietingshof.


Bethel-eigene Anstalt Freistatt im Wietingsmoor – Erziehungsziel “Arbeite und Bete!”
Stellungnahme dazu eines weiteren Betroffenen, Peter Remmers (vom 12.01.2006):
“Freistätter Hölle!” – “Das Moor ist die Hölle!”
– Fünf Jahre hatte er dort verbringen müssen! –


Mail (vom 16.02.2006) des heutigen Geschäftsführers der Diakonie Freistatt,
Pastor Wolfgang Tereick, an den ehemaligen Freistatt Insassen, Peter Remmers,
worin der Herr Pastor die Ehrlichkeit des ehemaligen Zöglings in Frage stellt.
.


Ehemaliger Freistatt Insasse, Peter Remmers, am 16.02.2006, antwortete
dem heutigen Geschäftsführer der Diakonie Freistatt, Pastor Wolfgang Tereick,
auf dessen Anschuldigungen, vom 18.02.2006.
.


6. Stellungnahme von Pastor Wolfgang Tereick, Geschäftsführer Diakonie Freistatt, vom 04.03.2006
− in EVANGELISCHE WOCHENZEITUNG FÜR WESTFALEN UND LIPPE: UK "Unsere Kirche" −
folgend der Veröffentlichung des Buches "Schläge im Namen des Herrn".


Der heute 61-jährige ehemalige Fürsorgezögling Willi Komnick
erstmalig nach 40 Jahren, am 5. Mai 2006, besucht die heutige Diakonie Freistatt –
damalige Anstalt Freistatt im Wietingsmoor, gelegen in einem riesigen
Hochmoorgebiet zwischen Diepholz und Sulingen im Hannoverschen, in Niedersachsen –
ein Ableger der „v. BodelschwinghschenAnstalten“ Bethel, bei Bielefeld,
in Nordrhein-Westfalen – wo die damaligen jugendlichen Insassen
systematisch misshandelt und ausgebeutet worden waren.


Warum habt ihr mich geschlagen?, fragen heute die ehemaligen Insassen,
die damals in Anstalt Freistatt im Wietingsmoor, einem riesigen Hochmoorgebiet
zwischen Diepholz und Sulingen im Hannoverschen, in Niedersachsen –
einem Ableger der „v. BodelschwinghschenAnstalten“ Bethel, bei Bielefeld, in
Nordrhein-Westfalen – systematisch misshandelt und ausgebeutet worden waren.


Während sich die Bundesrepublik Deutschland im Wirtschaftswunder befand,
und begann Goldbarren in Manhatten Banken zu stapeln,
wurden Kinder und Jugendliche im ganzen Land in Heimen und Anstalten
meistens kirchlicher Trägerschaft auf das Schlimmste misshandelt,
geknechtet und ausgebeutet,
und dort nicht nur um ihre Kindheit und Jugendzeit gebracht,
aber dort auch um ihre Löhne und ihre ihnen später zustehenden Rentenanteile betrogen.


Ehemaliges Heimkind Wolfgang Rosenkötter erzählt seine Geschichte:
"Mein erster Tag in Freistatt" - [ Freistatt im Wietingsmoor - Diakonie Freistatt ] -
im
SOZIALEXTRA. Zeitschrift für Soziale Arbeit und Sozialpolitik. Dezember 2006
(Seite 18). Auch im "SWR2Eckpunkt" hat Wolfgang Rosenkötter schon am 26. September 2006
unter dem Titel
"Ich habe nur Angst gehabt" von seinen Erfahrungen berichtet.
"Mein erster Tag in Freistatt" veröffentlicht auch auf dieser Webseite: Heimkinder-
ueberlebende.org
mit freundlicher Erlaubnis von dem Autor, Wolfgang Rosenkötter.


Im Heim [ Anstalt Freistatt in den 70er Jahren ]: Gewalt und Zwang weitergehend auf der Tagesordnung. Schwerarbeit ohne Entlohnung in Bethel eigenen Betrieben fortgesetzt. Verpachtung der Zöglinge auch an umliegende Bauerhöfe ohne dass ihrerseits, oder von Seiten der Mutter-Anstalt Bethel, Sozialversicherungsabgaben entrichtet werden.

Die schreckliche Seite der Kirche - SPIEGEL ARTIKEL vom 19.5.2003 - KIRCHE Unbarmherzige Schwestern

Schikanen überall, auch beim "Reichsarbeitsdienst" (RAD) 1940:
Erfahrungsbericht eines Reicharbeitsdienstlers, Werner Mork (*1921),
aus Kronach, aufgezeichnet Juli 2004


[ Nationalsozialistische Ideologie als Hilfe zur Erziehung – der Anfang des Endes. ]

Von der Fürsorgeerziehung zur Kinder- und Jugendhilfe.
Vom Jugendwohlfahrtsgesetz zum Kinder- und Jugendhilfegesetz.
Historischer Wandel der Hilfe zur Erziehung




Bitte nicht vergessen auch "Ehemalige Heimkinder" @ http://heimkinderopfer.blogspot.com zu besuchen.


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