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Re: Veranstaltung in der Moorkirche in Diakonie Freistatt,
Donnerstag 4. Mai 2006 ]
Schläge
im Namen des Herrn
Diakonie
Freistatt stellt sich ihrer dunklen Vergangenheit: Ehemalige
Zöglinge berichten von ihren Qualen
"Ein
paar Schläge haben noch niemandem geschadet" mag früher
die Devise gewesen sein. "Doch!", hält Pastor
Wolfgang Tereick, Geschäftsführer der Diakonie
Freistatt, dagegen. In der Nachkriegszeit (und bis in die 70er
Jahre hinein) wurden in Freistatt "Fürsorgezöglinge"
geschlagen und zu schwerer Arbeit missbraucht. Ähnlich erging
es bis zu einer Millionen Jugendlicher in 3000 Heimen. Freistatt
und ihre Trägergesellschaft Bethel stellen sich jetzt dieser
dunklen Vergangenheit.
"Hier
waren die Toiletten und in diesem Bereich war früher unser
Gemeinschaftsraum". Der heute 61-jährige Willi Komnick
erinnert sich trotz der baulichen Veränderungen nur zu gut an
die damalige Zeit, als er in der Diakonie Freistatt von 1961 bis
1963 als Fürsorgezögling im Haus Neuwerk untergebracht
war. Viele Jahre hat er diese Erinnerungen verschwiegen und konnte
nicht darüber reden. Nach mehr als 40 Jahren steht er jetzt
vor seinem ehemaligen Fürsorgeheim und will die Vergangenheit
noch einmal verarbeiten. "Als ich nach dieser langen Zeit in
meine Akte schauen konnte, war ich überwältigt. Da kamen
so viele schlimme Erinnerungen aus meiner Kindheit in mir
hoch."
Für Willi Komnick stellte sich in diesen
Momenten immer wieder nur die Frage: Warum haben sie mich mit acht
Jahren in ein Heim gesteckt? Seine Frau Gerda spürt, wie
aufgewühlt er im Inneren ist, so ruhig er sich äußerlich
auch zeigt. "Ich merke, wie ihn diese Eindrücke auch
nach 40 Jahren noch belasten. Um das zu verarbeiten, braucht er
sicherlich einige Tage." Aber genau aus diesem Grund ist
Willi Komnick nach Freistatt gefahren: "Ich finde es toll,
dass das heutige Bethel und die Geschäftsführung der
Diakonie Freistatt uns helfen, die damalige Zeit
aufzuarbeiten."
Mehrere Dutzend ehemaliger Bewohner
waren dieser Tage nach Freistatt gekommen, um die Stätte
ihrer Qualen wiederzusehen. Sie durften auch ihre persönlichen
Akten einsehen, zum Teil auch Kopien mitnehmen. Damit versuchen
sie unter anderem, Rentenansprüche geltend zu machen. "Damit
sich wenigstens im Nachhinein unsere Schufterei auszahlt",
sagt ein ehemaliger Zögling, der drei Jahre lang im Moor Torf
abgebeut hat. Sein Wochenlohn war Tabak für eine Handvoll
Zigaretten.
Um die Vergangenheitsbewältigung in Gang
zu bringen, hatte die Freistatt-Geschäftsführung Peter
Wensierski zu einer Autorenlesung eingeladen. Der
Spiegel-Redakteur hat das Buch "Schläge im Namen des
Herrn" geschrieben, in dem er Lebensberichte von ehemaligen
Zöglingen aus kirchlichen Heimen darstellt. Immer wieder wird
darin von Schlägen aus nichtigsten Anlässen berichtet,
vom Einsperren in dunklen, engen Kammern, vom Zwang, eklige Suppen
aufzuessen, schlimmstenfalls samt dem schon Erbrochenen, von
härtester Arbeit bei prügelnden Bauern . . .
"Freistatt
war der Vorhof zur Hölle", berichtet ein aufgebrachter
Ex-Zögling. Seine Jugend hat er als Findelkind in 14
verschiedenen Heimen verbracht, in Coburg und Freistatt sei es am
schlimmsten gewesen. Kurz vor seiner Entlassung hat er den Bauern,
der ihn schon als Neunjährigen zu harter Knochenarbeit
prügelte, mit dem Messer bedroht. Doch "ich war zu
feige. Aber drei Kumpels nicht. Am nächsten Tag brannte der
Hof."
Die Wut über sklavenähnliche
Ausbeutung bricht sich bis heute Bahn. Unter den Zuhöhrern
saßen auch drei ehemalige "Erzieher". Als einer
von ihnen beteuert, er habe nie geschlagen ("nur einmal habe
ich zurückgeschlagen, als mich ein Jugendlicher angegriffen
hat"), hält es ein Ex-Zögling nicht mehr aus. Der
massige Mann springt auf: "Wenn Du nicht so alt wärst,
würde ich dich in die Tonne treten." Autor Wensierski
weiß, dass andere Zöglinge anders reagierten. Etliche
haben Selbstmord begangen, andere meistern ihr Leben bis heute nur
mit Psychopharmaka. Viele verließen Deutschland
fluchtartig.
Deutlich wurde, dass die Heime nach dem Krieg
die böse Tradition der Nazi-Herrschaft fast ungebrochen
fortführten. Die Reformpädagogik der 20-er Jahre blieb
vergessen. Erst Mitte der 70er-Jahre wurden fast alle Heime
geschlossen. Jetzt erst wurde auch auf eine pädagogische
Ausbildung der Erzieher und Diakone Wert gelegt. In den 30 Jahren
zuvor galt auch für sie vor allem "Zucht und Ordnung“
– bei einer Bezahlung, die kaum mehr als freie Kost und
Logis für die eigene Familie bedeutet.
"In
Freistatt waren auch einige Jugendliche untergebracht, die als
Erwachsene ins Zuchthaus gemusst hätten", berichtet
Pastor Tereick. Nur: "Den Erziehern wurde nicht gesagt,
welche Jugendliche das waren. Sie haben alle gleich behandelt,
allerdings nicht als Unschuldige, sondern wie
Schwerverbrecher."
Der Bethel-Vorstand hat jetzt eine
wissenschaftliche Untersuchung zur Aufarbeitung dieser bösen
Vergangenheit in Auftrag gegeben. Sie soll schon im kommenden Jahr
vorgelegt werden. Und man will den ehemaligen Zöglingen
helfen, ihre Rentenansprüche aus dieser Zeit geltend zu
machen.
Die erste Einladung zu einem Wiedersehen mit der
Stätte ihrer Qualen hat einigen geholfen, ihre eigene
Geschichte aufzuarbeiten. "Ich verzeihe meinen Erziehern",
erklärt einer der ehemaligen Zöglinge, "so wie ich
hoffe, dass auch Gott mir verzeiht." Und Willi Komnick stieg
"mit einem ganz anderen Gefühl in mein Auto – auch
deswegen, weil ich miterleben konnte, wie sich alles verändert
hat. Dass den Jugendlichen in den heutigen Einrichtungen geholfen
und ihnen Menschlichkeit entgegengebracht wird." min/red
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