Schläge
im Namen des Herrn
Kirchliche
Kinderheime und ihre Methoden in den 50er und 60er Jahren stehen
am Pranger • Von Wolfgang
Plischke
Es
ist ein düsteres Kapitel aus der seinerzeit noch jungen
Bundesrepublik: Die Zustände in Kinder- und Jugendheimen
waren oft verheerend. Und auch kirchliche Einrichtungen ließen
mitunter alles andere als Barmherzigkeit walten, wie ein neues
Buch zeigt.
Gutes im Sinn aber oft auch schnell mit dem Stock bei Hand: Kirchliche
Kinderheime und ihre Praxis in den 50er und 60er Jahren sind
derzeit in der Kritik. Die Aufnahme zeigt eine Kinderspeisung im
Jahre 1947.
Sie
galten als billige Arbeitskräfte. »Wenn nicht gerade
Choräle gesungen wurden, mussten 14-21-Jährige im Sommer
wie im Winter im Moor Torf stechen und pressen«, hat
Spiegel-Redakteur Peter Wensierski über die Zustände in
einem Heim der Diakonie in Freistatt bei Diepholz in Niedersachsen
in den 50er Jahren herausgefunden [sic
= in den 40er, 50er, 60er und 70er Jahren untersucht und
herausgefunden (die Einrichtung begann ihren Werdegang in 1899,
als eine Idee von ihrem Gründer Fridriech v. Bodelschwingh,
"Vater Bodelschwingh"
*1824 - †1910)]. Wer versuchte, aus der Einrichtung mit
rund 500 jungen Männern [sic
= "Jungens"] zu
fliehen, habe nach der Ergreifung bei der Arbeit schwere
»Kettenhosen«
anziehen müssen: »Selbst
zum [damals für lange, lange Zeit (im Kaiserreich, in der
Weimarer Republik, im Dritten Reich und auch weiterhin im
demokratischen Westdeutschland, obligatorischen] Kirchgang mussten
die Jugendlichen die Beinschellen tragen.«
In
seinem jetzt erschienenen Buch Schläge
im Namen des Herrn analysiert
Wensierski die Lebensbedingungen in rund 3000 staatlichen sowie
evangelischen und katholischen Heimen der bundesrepublikanischen
Nachkriegszeit. »Viele litten
unter schlecht ausgebildeten unbarmherzigen Erziehern, die Idealen
von Zucht und Ordnung anhingen und die Kinder seelisch und
körperlich misshandelten«,
lautet das Fazit.
Viele Jugendliche seien »geschlagen,
erniedrigt und eingesperrt«
worden erläutert Wensierski. Dabei handelte es sich nicht um
Einzelfälle, sondern betreffe Hunderttausende Menschen, die
heute zwischen 40 und 65 Jahre alt seien.
Die Vorwürfe
haben die kirchlichen Wohlfahrtsverbände Diakonie und Caritas
aufgeschreckt. Mit unterschiedlichen Initiativen stellen sich
einzelne Einrichtungen dem historisch dunklen Kapitel. »Es
war schon extrem, was damals passiert ist«,
räumt der Geschäftsführer der Diakonie Freistatt,
Wolfgang Tereick, ein. Eine Aufarbeitung der Geschichte finde
allerdings schon seit Jahren statt. So habe sich die »Kirchliche
Hochschule« in Bethel [bei
Bielefeld] bereits ausführlich mit dem Thema befasst und
werde dies auch weiter tun. [ ٪
] Im
Mai sei zudem eine Veranstaltung in Freistatt mit »Ehemaligen<
geplant.
Auch für Hans-Wilhelm Fricke-Hein, Direktor
des Erziehungsvereins in Neukirchen bei Duisburg, »gibt
es nichts zu beschönigen«.
Zugleich mahnt der Chef eines der größten Kinder- und
Jugendhilfeträger mit diakonischen Einrichtungen in zehn
Bundesländern eine differenzierte Betrachtung an.
Die
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten unter ganz anderen
gesellschaftlichen Voraussetzungen ihren Dienst meist »aus
tiefer Nächstenliebe« für
Kinder in großer Not getan, betont er. [ ٪
] Caritas-Präsident
Peter Neher plädiert ebenfalls für eine offene
Diskussion. »Wir wollen die
heute Erwachsenen nicht mit den in ihrer Kindheit entstandenen
Traumatisierungen alleine lassen«,
sagte er Spiegel online. Er halte es für wichtig, dass in den
jeweiligen Einrichtungen »im
individuellen Gespräch Entschuldigungen ausgesprochen
werden«. [ ٪
] Wer
in die Heime kam, schreibt Wensierski, sei selten ein Waisenkind
oder ein Krimineller gewesen. Meist hätten »nichtige
Gründe« zur Einweisung in
eine Erziehungsanstalt geführt.
»Jede
Minute des Tages wurden wir bewacht, auch während des
Entkleidens zur Nacht oder dem Waschen«,
erinnert sich Gisela Nurthen, die von 1961 bis 1965 in Heimen der
Vincentinerinnen in Dortmund und Hamm lebte, in dem Buch:
»Sämtliche Schamgrenzen
wurden dabei verletzt.« Zur
Heimeinweisung wegen »drohender
Verwahrlosung« sei es gekommen,
als sie 1961 nach einem Tanzabend mit einem Jungen von der Polizei
aufgegriffen wurde, berichtet die Tochter einer alleinerziehenden
Mutter. [ ٪
] Besonders
offensiv, sagt Wensierski, gingen halbstaatliche Verbände wie
der Landwohlfahrtsverband in Hessen oder der Landschaftsverband
Westfalen-Lippe mit dem Thema um. Geplant seien zum Beispiel
Diskussionen und Austellungen.
[Pastor Wolfgang] Tereick
[heutiger Geschäftsführer der Diakonie Freistatt]
versichert: »Jeder Ehemalige
bekommt eine Kopie seiner Akte, wenn er sie haben möchte.«
Zudem stelle die Diakonie Freistatt den Betroffenen, die sich
vielfach bereits dem Rentenalter nähern, Bescheinigungen aus,
dass es sich nach heutigem Verständnis um
»sozialversicherungspflichtige
Arbeit« gehandelt habe.
epd
BUCHTIPP
Großes
Unrecht
[Von
Kriegsende in 1945] Bis in die 1970er Jahre hinein wurden mehr als
eine halbe Millionen Kinder [sic
= mancherseits auf "mehr als über eine Millionen Kinder
/ Minderjährige (vom Säugling bis im Alter von 21
Jahren)" geschätzt] sowohl in kirchlichen wie staalichen
Heimen in [West]Deutschlands oft seelisch und körperlich
misshandelt oder als Arbeitskräfte ausgebeutet. Viele leiden
noch heute unter den Folgen. Die Erlebnisse in Schläge
im Namen des Herrn enthüllen
das wohl größte Unrecht, das jungen Menschen in der
Bundesrepublik angetan wurde. epd
Studie
in Arbeit
Das
Diakonische Werk will eine Studie über ihre Jugendheime in
den 50er und 60er Jahren in Auftrag geben. Auch Tagungen sind
geplant. esz
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