Der Betreiber dieser Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

( 08.06.2004 )

Heimkinder prangern Misshandlung an

Kassel (dpa) - Die Vorwürfe wiegen schwer: Von Psychoterror, körperlicher Misshandlung bis zu sexuellem Missbrauch reicht die Liste der Anschuldigungen, die ehemalige Heimkinder bei einem Treffen am Pfingstwochenende gegen Kinderheime in ganz Deutschland erhoben.

Für das, was sie nach ihrer Schilderung zwischen 1950 und 1970 in den kirchlichen und staatlichen Einrichtungen erlitten haben, verlangen sie Entschädigung und Wiedergutmachtung. Die kürzlich gegründete Interessengemeinschaft misshandelter und missbrauchter Heimkinder, die das Treffen in Kassel organisierte, versteht sich zugleich auch als Selbsthilfegruppe.

«Es herrschte militärischer Drill», erinnert sich Heinz Peter Junge an seine Zeit im Kinderheim Kalmenhof in Idstein. Geschlagen worden sei dort mit Ochsziemern, Keilriemen und Gabeln. «Ich hätte fast eine Niere verloren, weil ich mit einer Dachlatte geprügelt wurde, in der ein Nagel steckte.» Als preiswerte Arbeitskräfte seien die Heimkinder in der Landwirtschaft eingesetzt worden. «Wir waren Maschinen, abgestumpft, programmiert.» Nach der Heimentlassung folgten Probleme mit Alkohol und Drogen, zwei Selbstmordversuche und drei gescheiterte Ehen. «Ich wusste nicht, was Liebe, was Zuneigung ist.» Erst später habe er die Kurve gekriegt.

«Wir wurden wie Sklaven gehalten», beschreibt Reiner Baatz seinen Aufenthalt in einem Kinderheim an der Mosel. Bis zu 14 Stunden täglich habe er für ein kleines Taschengeld im Weinberg arbeiten müssen. Von seinen Geschwistern sei er getrennt worden. «Meine Schwester hat sich aufgehängt, die war in einem katholischen Heim in Boppard.»

Dass heute diese Schilderungen keiner glaube, sei für ihn schlimmer als das eigentliche Geschehen. Dirk Friedrich war im St. Hedwig-Kinderheim in Lippstadt in Ostwestfalen. Abstrafungen und ein ständiges Gefühl von Schuld und Angst hätten dort geherrscht, sagt er. «Ich habe angefangen, mich selbst zu verletzen, um Zuneigung zu kriegen.»

«Es ist richtig, was die Interessengemeinschaft sagt», erklärt Jörg Daniel, Sprecher des Landeswohlfahrtsverbandes (LWV) in Kassel, der in Hessen Träger etlicher Kinderheime ist. «Es wurde damals erzieherisch gearbeitet, wie es heute nicht mehr vorstellbar ist.» Vereinzelt sei dabei auch Gewalt angewendet worden. «Es herrschte noch eine autoritäre Nachkriegsstimmung.» Über die Bedingungen speziell in Idstein habe der LWV später eine große Untersuchung anstellen lassen. «Wir sind interessiert daran, dass man weiter darüber redet, wie die Bedingungen waren.»

Die strenge Heimerziehung in Deutschland wurde Ende der sechziger Jahre zur Zielscheibe der Studentenbewegung, die mit der so genannten Heimkampagne ein Umdenken und eine Verbesserung der Zustände in den Heimen in Gang setzte. In Hessen demonstrierten 1969 rund 200 Menschen vor dem Jugendheim Fuldatal bei Kassel, darunter die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. Aktionen linker Gruppen, die zur außerparlamentarischen Opposition (APO) zählten, gab es in weiteren Heimen in Hessen und anderen Bundesländern.

«Durch die großen Institutionen mit großen Gruppen abseits der großen Städte entstanden problematische Bedingungen», sagt der Vorsitzende der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen in Frankfurt, Hans-Ullrich Krause. «Nach den Sechzigern hat sich eine ganze Menge verbessert.» Die Ausbildung der Erzieher habe sich verbessert, viele Großeinrichtungen seien aufgelöst und die Kontrolle der Heime durch die Jugendämter stark verbessert worden. «Das System ist seitdem dezentraler geworden, die Heimunterbringung ist die letzte Möglichkeit», sagt LWV-Sprecher Daniel. Bevorzugt würden heute betreute Wohngemeinschaften.

«Wir wollen eine Wiedergutmachung und eine Anerkennung unserer Arbeit für die Rente», sagte der Vorsitzende der Anfang des Jahres in Paderborn gegründeten Interessengemeinschaft, Jean-Pierre de Picco. Vom Arbeitseinsatz der Heimkinder hätten auch Firmen profitiert. Auch diese sollten ermittelt werden. Rund 400 Ehemalige hätten sich bereits bei der Organisation gemeldet, die Zahl der Betroffenen aber gehe in die Tausende. «Nicht jeder meldet sich, weil viele noch immer Angst haben», sagt er. «Du hattest zu glauben an Gott, Sünde und Strafe.»

© 2004 http://www.schwaebische.de/home_artikel,-_arid,1138350.html

[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 8. Juni 2004 ]


Wichtiger Hinweis: Diese Seite wird ziemlich häufig aktualisiert. Damit Sie immer die aktuellsten Beiträge präsentiert bekommen, raten wir Ihnen, bei jedem Besuch dieser Seite auf Ihrem Browser den "refresh/aktualisieren" - Button zu drücken!


Home Impressum Kontakt Zurück nach oben