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[ Enthoben aus der aktuellen Ausgabe der Frankfurter Rundschau vom 7. März 2006; eingescannt als ein PDF-Dokument @ http://www.wensierski.info/html/aktuelles.html ]
„Wir
wollen nichts beschönigen“
Fälle,
wie der Spiegel-Autor Peter Wensierski beschreibt, gab es auch bei
der Diakonie, bestätigt deren Präsident
–––
Frankfurter Rundschau: Herr Gohde, was ist Ihnen durch den
Kopf gegangen, als Sie das soeben erschienene Buch, „Schläge
im Namen des Herrn“ von Peter Wensierski gelesen haben? Hatten
Sie Mitleid mit den Zöglingen in den geschlossenen Kinder- und
Jugendheimen der 50er und 60er Jahre?
Jürgen Gohde:
Ja, natürlich. Ich bedauere sehr, was in der Vergangenheit auch
in Heimen der Diakonie Schlimmes geschehen ist. Das Buch bricht Tabu.
Es gehört für mich zu den erstaunlichsten Phänomenen,
dass das Thema immer mal wieder hochgekommen ist, aber es ist
politisch nie systematisch bearbeitet worden.
–––
Wie sollte das geschehen?
Wir müssen uns fragen, wie
konnte es damals zu solchen Ausgrenzungen junger Menschen und
Übergriffen kommen? Da waren auch Richter beteiligt, Lehrer,
Jugendämter, Nachbarn und Eltern. Dahinter steckt ein ganzes
Wertgefüge. Die Erzieher beispielsweise waren junge Leute, die
aus dem Krieg zurückkamen, häufig ohne gute Ausbildung und
viele sicher traumatisiert, was aber niemanden interessierte. Sie
mussten bis zu 80 Stunden in der Woche arbeiten. Die Pädagogik
orientierte sich an Anpassung und Disziplinierung. Es war die
Rückkehr in eine wilhelminische Erziehungstradition.
Verhaltensweisen Jugendlicher, die wir heute für
selbstverständlich hielten, wurden bestraft.
–––
Aber was ist mit den Opfern dieser schwarzen Pädagogik?
Das
Seltsame ist, dass bei allen Reformen, die wir inzwischen erfolgreich
eingeleitet und umgesetzt haben, nie die Frage gestellt worden ist,
welche Traumata damals bei den jungen Leuten ausgelöst worden
sind. Es ist das Verdienst des Buches, dass es all die Biografien aus
der Anonymität herausgeholt hat. Ich wünsche mir, dass wir
die Scham überwinden, über die Gewalttraditionen in der
Erziehung zu reden. Dafür brauchen wir die Berichte der Opfer
und Erzieher.
––– Bleiben wir bei den
Opfern. Sie haben häufig auch materielle Einbußen
erlitten. Die Jugendlichen mussten hart arbeiten, bekamen jedoch
keinen oder kaum Lohn dafür. Rentenanwartschaften haben sie auch
nicht erworben. Werden das Diakonische Werk oder die Evangelische
Kirche Entschädigungen zahlen?
Das sind Fragen, die
man ohne eine systematische Aufarbeitung nicht beantworten kann.
Arbeit war ja nicht der Zweck des Aufenthaltes in diesen Heimen. Aber
sie war als Mittel zum Zweck gedacht, die junge Menschen zu einer
persönlichen Stärke führen sollte. Das Gegenteil
geschah. Außerdem: Es gab nicht genügend Ausbildungsplätze
für Jugendliche in den Einrichtungen wie auch außerhalb.
–––
Wollen Sie damit sagen, das war eine verkappte Ausbildung?
Nein,
nein, ganz im Gegenteil. Es sollte eine Hilfe zur Schaffung einer
Tagesstruktur sein – so würden wir das heute nennen. Aber
das war es natürlich nicht. Wenn Arbeit der Zweck für den
Aufenenthalt in einem Heimen [sic] gewesen wäre, dann
müsste man über Entschädigung nachdenken. Das alles
muss jetzt sehr sorgfältig untersucht werden.
–––
Sorgfalt braucht Zeit, aber die Opfer sind nicht mehr die Jüngsten.
Wann wird die Aufarbeitung beginnen?
Wir untersuchen
bereits historisches Material. Die Archive sind lange offen. Wir
bereiten derzeit eine Tagung zu dem Thema vor, auf der alle
Beteiligten zu Wort kommen müssen. Wir bereiten auch eine Studie
vor. Die wird unabhängig sein. Wir haben ja schon Erfahrung in
der Aufarbeitung der Zwangsarbeit oder mit dem Thema der Jugendlichen
bis 1945. Wir wollen nichts beschönigen, verharmlosen oder
ungeschehen machen.
––– Das heißt
konkret?
Wir als Kirche, als Diakonie, können eine
Plattform bilden, wo Opfer den Respekt und die Anerkennung
wiedergewinnen, die man ihnen so lange vorenthalten hat. Sehr lange
wurden ihnen ja ihre Geschichten, die sie erzählen wollten, gar
nicht geglaubt. Das ist eine offene Wunde.
–––
Wie ist sie zu schließen?
Indem wir persönliche
Begegnungen vor Ort möglich machen. In diesem Rahmen sind auch
Entschuldigungen zu sagen und zu hören. Wichtig in diesem
Zusammenhang ist mir allerdings zu betonen: Ich habe momentan keinen
Anhaltspunkt dafür, dass die jungen Menschen systematisch und
auf Weisung der Diakonieleitungen oder der Kirche gequält worden
sind.
––– Warum haben die Diakonie und
die Kirchen das Tabu nicht selbst gebrochen?
Wir
beschäftigen uns schon sehr lange mit den Problemen. Das Thema
taucht seit 1960 regelmäßig intern und extern auf.
Allerdings waren wir alle konzentriert auf die Reform der Strukturen
und Konzepte und offenbar war ja auch das öffentliche Interesse
an einer Aufarbeitung nicht recht vorhanden. Es kommt jetzt aber
darauf an, diese Scham über das eigene Tun zu überwinden
und mit den Opfern und Tätern eine neue Perspektive zu
suchen.
Interview: Katharina Sperber
INTERVIEW
BILD: JACOB
Jürgen Gohde ist evangelischer Theologe und seit
1994 Präsident des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche
in Deutschland (EKD). Gohde wurde 1948 in Rotenburg (Wümme)
geboren. Er studierte Theologie und Erziehungswissenschaften und war
später als Pfarrer tätig. Seit 2000 ist er Präsident
des Europäischen Verbands für Diakonie (Eurodiaconia).
FR
[ Speziell von einem Opfer verfertigte Kopie, damit es besser im Internet auffindbar ist, und auch in Zukunft auffindbar bleibt. ]
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